Die Oscar-Verleihung 2016: Prognose

In der Nacht vom 28. auf den 29. Februar werden im Dolby Theatre in Los Angeles die 88. Academy Awards verliehen. In meiner traditionellen Oscar-Vorschau versuche ich mich an einer Prognose und versuche, die Nominierten in ihren Kategorien einzuordnen. Viel Spaß damit und viel Freude heute Abend mit der Show. Möge der Bessere gewinnen – und Leonardo DiCaprio!

Mad Max: Fury Road

Bester Film

In diesem Jahr ist das Rennen in der Königskategorie so unvorhersehbar wie noch nie. Viele sehen den schmerzhaften Survival-Western „The Revenant“ vorn, doch bei den Buchmachern liefert er sich aktuell einen harten Kampf mit der Wall-Street-Posse „The Big Short“, dem Journalistenthriller „Spotlight“ und dem aufwendigen Actionfilm „Mad Max: Fury Road“. Letzterer weiß sich mittlerweile erstaunlich lange im Gespräch zu halten, überzeugt Blockbusterliebhaber ebenso sehr wie Arthouse-Gourmets. Daher lege ich mich auf MAD MAX auf den Gewinner fest, denn wenn sich eine solch breite Zuschauerschaft von George Millers Arbeit begeistern lässt, dann könnte das auch bei der Academy so sein.

Beste Regie

  • Lenny Abrahamson (Raum)
  • Alejandro González Iñárritu (The Revenant – Der Rückkehrer)
  • Tom McCarthy (Spotlight)
  • Adam McKay (The Big Short)
  • George Miller (Mad Max: Fury Road)
Es wird wohl ein wenig die Frage sein, wie sehr sich die Jury davon einlullen lässt, dass Alejandro González Iñárritu in der PR-Arbeit für seinen Film „The Revenant“ immer wieder seine harte, allerdings auch äußerst passionierte Regiearbeit in den Fokus der Gespräche rückte. Die Passion Leonardo DiCaprios wurde unter unwirtlichen Bedingungen gedreht, das Endergebnis ist berauschend. Doch ich kann mir vorstellen, dass das Durchhaltevermögen von GEORGE MILLER, einhergehend mit dem Film selbst dafür sorgen wird, dass der Goldjunge auch in der Kategorie „Beste Regie“ an den Endzeit-Actioner mit Tom Hardy und Charlize Theron gehen wird.

Der Marsianer

Bester Hauptdarsteller

Bryan Cranston hat sich trotz seiner authentischen Leistung und seiner wichtigen Rolle nie in irgendeine Frontrunner-Position bringen können. Eddie Redmayne wurde anfangs hoch gehandelt, mittlerweile scheint aber auch seine Darbietung eines Transgenders in „The Danish Girl“ raus aus dem Rennen. Glaubt man Insidern, so hat Matt Damon überraschend gute Chancen auf den Oscar (was ich persönlich sehr begrüßen würde), doch seit Wochen schon scheint alles auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Michael Fassbender und Leonardo DiCaprio hinauszulaufen. Natürlich würde ich Leo seinen verdienten Oscar gönnen, aber seine Rolle könnte gerade älteren Academy-Mitgliedern zu simpel sein. Daher lehne ich mich an dieser Stelle nun sehr weit aus dem Fenster und spreche mich tatsächlich für MATT DAMON aus, denn wenn dieser am Ende tatsächlich gewinnt, kann ich mir für diesen Außenseitertipp wirklich auf die Schulter klopfen.

Beste Hauptdarstellerin

Auch wenn viele Cate Blanchetts Leistung in „Carol“ abfeiern, so war diese schlussendlich einfach viel zu theatralisch, um tatsächlich ernsthaft Chancen auf den Oscar zu haben. Das hat offenbar auch die Academy mitbekommen, denn schon seit Wochen findet im Grunde nur ein einziger Name in dieser Kategorie immer wieder Erwähnung und das ist BRIE LARSON für ihre paralysierend-ehrliche Performance in „Raum“, für die sie nach dem Golden Globe mit großer Wahrscheinlichkeit auch den Academy Award erhalten wird.
Spotlight

Bester Nebendarsteller

Nach seinem Gewinn des Golden Globe gilt SYLVESTER STALLONE als Frontrunner in der Kategorie. Bis auf Tom Hardy sehe ich allerdings alle auf Augenhöhe, wobei ich vielleicht sogar Christian Bale mit seiner manischen Performance in „The Big Short“ am beeindruckendsten fand. Aber Sylvester Stallone auszuzeichnen, hätte das größte Prestige und daher schließe ich mich hier der Masse an.

Steve JobsBeste Nebendarstellerin

Auch hier liegen die Nominierten alle auf einer Höhe. Kurzzeitig favorisiert war aufgrund ihres Golden-Globe-Gewinns Kate Winslet, die es als Einzige schafft, ihrem Schauspielkollegen Michael Fassbender in „Steve Jobs“ das Wasser zu reichen. Doch zuletzt hat sich die Academy immer wieder von den extravaganten Performances in Quentin-Tarantino-Filmen beeindrucken lassen, daher tippe ich hier mutig auf JENNIFER JASON LEIGH und würde es im Falle eines falschen Tipps aber allen gönnen.

Bestes adaptiertes Drehbuch

  • Emma Donoghue (Raum)
  • Drew Goddard (Der Marsianer – Rettet Mark Watney)
  • Nick Hornby (Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten)
  • Phyllis Nagy (Carol)
  • Charles Randolph, Adam McKay (The Big Short)
Wie Drew Goddard aus dem technisch versierten Abenteuerroman „Der Marsianer“ eine Weltraumkomödie gezaubert hat, die noch nicht einmal an der deutschen Synchronisation gescheitert ist, gleich schon einem kleinen Geniestreich. Aber auch die Art und Weise wie das Team Randolph-McKay die vielfältigkeit von „The Big Short“ in ein Drehbuch umgewandelt hat, und in Sachen Dynamik und Wahnsinn noch einen obendrauf setzt, ist auszeichnungswürdig. Die schwarzhumorige Wall-Street-Komödie hat in Sachen Image in letzter Zeit ordentlich zugelegt, daher geht mein Tipp in dieser Kategorie an CHARLES RANDOLPH und ADAM MCKAY.

Bestes Originaldrehbuch

In dieser Kategorie gibt es zwei Kandidaten, die sich vermutlich aus Image-Gründen um den Goldjungen streiten werden. Beide hätten es verdient, doch die Qualität dürfte hier eher eine untergeordnete Rolle spielen. Nach der #OscarsSoWhite-Debatte könnten die Academy-Mitglieder mit der Wahl des „Straight Outta Compton“-Drehbuchs versuchen wollen, ihren angeknacksten Ruf aufzupolieren. Gleichzeitig könnte die Wahl von ALLES STEHT KOPF als Reaktion darauf zu verstehen sein, dass der Film entgegen vieler Erwartungen nicht als bester Film nominiert ist. So oder so gehört die atemberaubende Kreativität und der fast schon herzzereißende Detailreichtum des Pixar-Meisterwerkes einfach ausgezeichnet. Ganz egal, aus welchem Grund. Gefährlich werden könnte ihm des Themas werden vermutlich noch „Spotlight“, „Ex_Machina“ fehlt es vermutlich am Standing.

SicarioBeste Kamera

  • Roger Deakins (Sicario)
  • Ed Lachman (Carol)
  • Emmanuel Lubezki (The Revenant – Der Rückkehrer)
  • Robert Richardson (The Hateful 8)
  • John Seale (Mad Max: Fury Road)
Bis auf Ed Lachman, dessen Arbeit in „Carol“ zwar die Dekade der Handlung sehr hübsch hervorzukehren wusste, im Vergleich zu den anderen Nominierten aber ein wenig zu unauffällig blieb, könnte die Kategorie „Beste Kamera“ in diesem Jahr die spannendste sein. Roger Deakins schafft in „Sicario“ Bilder, so schön und schrecklich zugleich, während Emanuel Lubezki die Poesie in der Zerstörung zum Ausdruck bringt. Robert Richardsons 70mm-Arbeit an „The Hateful 8“ könnte gerade den Academy-Mitgliedern gefallen, die den nostalgischen und handwerklichen Wert dieser Arbeit zu schätzen wissen, während John Seacle einen Wahnsinn in „Mad Max: Fury Road“ auf die Leinwand bringt, der noch lange Zeit seinesgleichen suchen wird. Trotzdem steht der Gewinner für mich fest, seit ich die Arbeit von EMMANUEL LUBEZKI erstmals gesehen habe – an ihm führt (hoffentlich) kein Weg vorbei.

Bestes Szenenbild

  • Bridge of Spies – Der Unterhändler
  • The Danish Girl
  • Mad Max: Fury Road
  • Der Marsianer – Rettet Mark Watney
  • The Revenant – Der Rückkehrer
In sämtlichen Design- und Technikkategorien sehe ich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen „The Revenant“ und „Mad Max: Fury Road“ voraus. Die geballte Macht der unbarmherzigen Natur gegen den exzentrischen Apokalypse-Zirkus der Wahnsinnigen – schwere Frage, worauf sich die Academy da eher einlassen möchte. Wenn man bedenkt, dass  zu MAD MAX: FURY ROAD ja nicht bloß der Drehort, sondern auch die vielen handgemachten Fahrzeuge könnte George Millers Actionkino-Neuerfindung in der Kategorie „Bestes Szenenbild“ die Nase vorn haben. Übrigens: Die authentische Nachbildung des Mauerbaus in Berlin in „Bridge of Spies“ ist auf jeden Fall trotzdem eine Erwähnung wert.

Bridge of Spies

Bestes Kostümdesign

  • The Danish Girl
  • The Revenant – Der Rückkehrer
  • Carol
  • Mad Max: Fury Road
  • Cinderella
Es ist fast schon niedlich, wie auch hier vermutlich alle anderen Kandidaten außer „The Revenant“ und MAD MAX auf verlorenem Posten kämpfen. Trotzdem könnte sich das Disney-Märchen „Cinderella“ durchaus Außenseiterchancen ausrechnen, wenn man die Kombination aus schönen Prinzessinnenkleidern und Designerin Sandy Powell einmal zusammenzählt.

Beste Filmmusik:

Es wird ein Duell der Großmeister, wenn in der Kategorie „Beste Filmmusik“ ENNIO MORRICONE und John Williams gegeneinander antreten. Schade, dass Williams nicht genug neue Akzente in seiner „Star Wars“-Komposition unterbringt, sodass es – wie schon von vielen vorhergesagt, mit Sicherheit Ennio Morricones nostalgische Westernmelodien sind, die sich auf eine Auszeichnung freuen dürfen.

Bester Filmsong

Auch wenn ihn die Allgemeinheit nicht mochte, haben Awardjurys einen Narren an Sam Smith‘ Bond-Song WRITING’S ON THE WALL gefressen. Erst recht, da es dem Rest der Nominierten an Bekanntheit fehlt, dürfte das hier eine sichere Nummer sein.
The Revenant

Bestes Make-Up und beste Frisuren

  • Mad Max: Fury Road
  • Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand
  • The Revenant – Der Rückkehrer
Die Nominierung von „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ ist gerade angesichts der Shortlist, auf der solche Titel wie „Black Mass“ standen, ein Witz. Daher wird es auch hier das übliche Duell und ich spreche mich an dieser Stelle für das naturgetreue, erschreckend realistische Wunden-Make-Up von THE REVENANT aus.

Bester Schnitt:

  • The Revenant – Der Rückkehrer
  • Spotlight
  • Star Wars: Das Erwachen der Macht
  • Mad Max: Fury Road
  • The Big Short
Bewusster Minimalismus in „The Revenant“, Zurückhaltung in „Spotlight“, zielgenaue Akzentuierung in „Star Wars“, pulsierende Kraft in „Mad Max“ und gewitzte Pointe in „The Big Short“: Ein guter Schnitt kann vieles sein. Doch so richtig aus der Reihe tanzt er dann, wenn er den Film positiv unterstreicht und ihm einen Mehrwert gibt, den andere technische Aspekte nicht können. Das tut er vor allem in THE BIG SHORT, mein Favorit.

Bester Ton

  • Bridge of Spies – Der Unterhändler
  • Mad Max: Fury Road
  • Der Marsianer – Rettet Mark Watney
  • The Revenant – Der Rückkehrer
  • Star Wars: Das Erwachen der Macht
Dröhnende Motoren, Waffenkrawall, scheppernde Kostüme: MAD MAX macht das Rennen.

Bester Tonschnitt

  • Mad Max: Fury Road
  • Der Marsianer – Rettet Mark Watney
  • The Revenant – Der Rückkehrer
  • Sicario
  • Star Wars: Das Erwachen der Macht.
Siehe oben.

Bestes visuelle Effekte

  • Ex_Machina
  • Mad Max: Fury Road
  • Der Marsianer – Rettet Mark Watney
  • The Revenant – Der Rückkehrer
  • Star Wars: Das Erwachen der Macht
Der Preis geht entweder an die Hochwertigkeit eines einzelnen Computer-Effekts („Ex_Machina“, „The Revenant“), an den Aufwand handgemachter Effekte („Mad Max“), oder an das blockbustertypische Effektgewitter („Der Marsianer“, „Star Wars“). Ich denke, die Academy dürfte den Aufwand hinter George Millers MAD MAX erkannt haben und damit der Tricktechnik aus dem Computer den Laufpass geben – zumindest dieses eine Mal.
Alles steht Kopf

Bester Animationsfilm:

  • Anomalisa
  • Der Junge und die Welt
  • Alles steht Kopf
  • Shaun das Schaf – Der Film
  • Erinnerungen an Marnie
Viele halten den Gewinn von Pixars ALLES STEHT KOPF für selbstverständlich, dabei sehe ich in Charlie Kaufmans melancholischem Einsamkeitsdrama „Anomalisa“ eine nicht zu unterschätzende Konkurrenz. Trotzdem wird es wohl aller höchstens knapp – der Preis muss einfach an die tiefenpsychologische Abenteuerkomödie um Riley und ihre Emotionen gehen.

Bester fremdsprachiger Film

  • Der Schamane und die Schlange (Kolumbien)
  • Mustang (Frankreich)
  • Son of Saul (Ungarn)
  • Theeb (Jordanien)
  • Krigen (Dänemark)
„Son of Saul“ oder „Mustang“ wurden bis zum Schluss am häufigsten als Favoriten kommuniziert. Ich tippe blind auf SON OF SAUL, auch aufgrund des Golden-Globe-Gewinns.

Bester Dokumentarfilm

  • Amy (Asif Kapadia)
  • Cartel Land (Matthew Heineman, Tom Yellin)
  • The Look of Silence (Joshua Oppenheimer, Signe Byrge Sørensen)
  • What Happened, Miss Simone (Liz Garbus, Amy Hobby, Justin Wilkes)
  • Winter on Fire: Ukraine’s Fight of Freedom (Jewgeni Afinejewski, Den Tolmor)
Aufgrund der weltpolitischen Relevanz könnte „Winter on Fire“ gute Chancen haben. Zuletzt zeigte sich die Academy auch von Musik-Dokumentationen begeistert, wir erinnern uns an „20 Feet from Stardom“, sodass „Amy“ nicht zu unterschätzen ist. Doch die Jury ist nach der fehlenden Berücksichtigung von „The Act of Killing“ in der Pflicht, Joshua Oppenheimer für seine aufwändige Dokumentationen über das Massaker von Indonesien auszuzeichnen: THE LOOK OF FREEDOM dürfte leichtes Spiel haben.

Der Rest:

  • Bester Animierter Kurzfilm: World of Tomorrow
  • Bester Kurzfilm: Alles wird gut
  • Bester Dokumentar-Kurzfilm: Body Team 12
In diesen Kategorien habe ich zugegebenermaßen keine Ahnung, daher gebe ich nur der Vollständigkeit halber diese blinden Tipps ab. Auf eine schöne Oscar-Verleihung!

Ein Kommentar

  • Ich habe wie jedes Jahr eigentlich wieder mal zu wenig gesehen, um das alles richtig beurteilen zu können, aber ich denke mit Mad Max als bester Film lehnst du dich doch recht weit aus dem Fenster. Ich fänd es zwar ziemlich cool – nicht weil ich den Film so überragend fand, fand den eher durchschnittlich – aber für die Arbeit die da drin steckt. Das war zwar voir einigen Jahren nichts wirklich besonderes, aber heutzutage werden Filme so ja einfach nicht mehr gemacht.

    Deshalb habe ich nebenbei auch mal auf Miller als Regisseur getippt. Quasi als Underdog. Wirklich dran glauben tue ich aber nicht. Da ja auch noch der ein oder andere Mad Max Streifen ansteht, könnte ich mir auch vorstellen, dass Miller den Regie-Oscar dann für den nächsten pder übernächsten Teil kriegt. Quasi wie jackson damals bei Herr der Ringe.

    Was Mad Max aber definitiv dominieren muss, sind die „kleinen“ Kategorien. Quasi alles technische und designige sollten mehr oder weniger ihm gehören.

    Nur Kamera geht wohl berechtigterweise an Revenant. Dafür würde mich der beste Film Oscar für den Survival-Western nicht überraschen. Und über Hardy als Nebendarsteller würde ich mich freuen, weil ich den super fand in der Rolle. Aber das wird wohl Wunschdenken bleiben.
    Ach ja, und Leo … von mir aus. Besser hier als für Wolf Of Wall Street.

    Zumindest muss ich sagen, dass ich schon unspannederen Oscars entgegengeblickt habe. Freue mich sogar ein bisschen auf heute Nacht. Das ist nicht immer so.

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