Life

Es wäre ein Leichtes, ein herkömmliches Biopic über die viel zu früh verstorbene Schauspielerlegende James Dean zu drehen. Erst recht für Anton Corbijn, der sich auf sensible Charakterportraits spezialisiert hat. Doch der Regisseur nährt sich dem Akteur auf eine andere Weise. Mittels des Fotografen Dennis Stock dokumentiert er die letzten Monate im Leben Deans, als der Bilderkünstler für das Magazin LIFE das wohl berühmteste Foto seiner Karriere schoss. Doch wie mitreißend gerät dieses Szenario für den Zuschauer? Ich verrate es in meiner Kritik.Life

Der Plot

Los Angeles, 1955. Der 26-jährige Fotograf Dennis Stock (Robert Pattinson) müht sich, frisch getrennt von seiner Frau und seinem kleinen Sohn, durch eine der typischen Partys der Filmstadt. Mit seinen glamourösen Bildern „Made in Hollywood“ ist er ebenso wenig zufrieden wie mit seinem Leben. An diesem Abend begegnet Stock dem jungen James Dean (Dane DeHaan) und ist auf Anhieb von ihm fasziniert. Dean erlebt gerade seinen Durchbruch in Hollywood, eckt jedoch mit seiner rebellischen und eigenen Art überall an. Während er in der Beziehung mit seiner Verlobten – Schauspielerin Pier Angeli (Alessandra Mastronardi) – glücklich ist, kommt er mit seinem wachsenden Ruhm und der Filmbranche nicht wirklich zurecht – und vermisst zunehmend seine Heimat Indiana und seine Familie. Stock sieht in dem kommenden, auffällig unkonventionellen Star James Dean seine Chance auf eine anerkannte Karriere als Fotograf. Es sind zwei Außenseiter, die sich vorsichtig aufeinander zubewegen und sich schließlich auf eine gemeinsame Fotoreise begeben: im Auftrag des LIFE-Magazins, quer durch die USA nach Indiana. Sie sind zu verschieden, um wirklich Freunde zu werden und doch scheint gerade diese Spannung notwendig, um jene herausragenden, weltberühmten Bilder entstehen zu lassen, die über einen geradezu ikonografischen Status verfügen und bis heute berühren.

Kritik

James Dean lebte von 1931 bis 1955 und wurde trotz seiner verhältnismäßig kurzen Karriere als Schauspieler zu einem weltweiten Jugendidol. Sein unkonventioneller Erfolgsweg machte den „Denn sie wissen nicht, was sie tun“-Darsteller zu einem Vorbild: immer wieder wurde der bei Vorsprechen aufgrund seiner angeblich zu geringen Körpergröße von 1,73 Meter als „zu klein“ abgewiesen. So startete er seine Karriere im Rundfunk, zog damit die Aufmerksamkeit mehrerer TV-Regisseure auf sich und ergatterte Nebenrollen in diversen Serien- und Fernsehprojekten, aber auch am Theater. Deans Engagement für das Broadwaystück „The Immoralist“ brachte dem Schauspieler ein solch überschwängliches Kritikerfeedback ein,  dass er dem Theater alsbald den Rücken kehrte und das Angebot von Regisseur Elia Kazan annahm, die Hauptrolle in „Jenseits von Eden“ anzunehmen. Da die Produktionsfirma Warner Bros. das vermarktungsstrategische Potenzial des Schauspielers erkannte, baute die Filmschmiede James Dean zur firmeneigenen Kultfigur auf, doch schon im selben Jahr starb Dean einen tragischen und bis heute nicht restlos aufgeklärten Autounfalltod. Die Faszination für seine Person ist allerdings bis heute ungebrochen. Unter anderem ist der Name „James Dean“ einer der häufigsten, der referenziell in diversen Songtexten erwähnt wird. Darüber hinaus existieren bereits diverse biographische Filme über den verstorbenen Schauspieler. Doch Regielegende Anton Corbijn schafft es mit seinem melancholischen Biopic „Life“ tatsächlich, der Person ganz neue Facetten abzugewinnen, was vor allem daran liegt, dass er Dean selbst gar nicht in den Vordergrund rückt, sondern sich durch den Fotografen Dennis Stock vorsichtig der Gefühlswelt des Akteurs nähert.

Dane DeHaan

Dennis Stock ist Urheber einer der am meisten reproduzierten Fotografien aller Zeiten. Sie zeigt James Dean an einem regenverhangenen Tag durch die Straßen von Manhattan streifen. Gedankenverloren, mit einer Zigarette im Mundwinkel und dem James-Dean-typischen Funkeln in den Augen, das mit dem Schwermut der Szenerie kokettiert und die emotionale Bandbreite James Deans für den Bruchteil einer Sekunde einfangen konnte. Von diesem Bild profitierte nicht nur Dean selbst, sondern insbesondere Dennis Stock, für den diese perfekte Momentaufnahme gleichsam den Durchbruch als Bilderkünstler bedeutete. Um die Entstehung ebenjener Fotografie geht es in „Life“, dessen Filmtitel an das gleichnamige Magazin angelehnt ist, für das Stock zum damaligen Zeitpunkt arbeitete. Damit schafft es das legendäre LIFE-Magazin zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre in Protagonisten-Position auf die große Leinwand; zuletzt spielte es eine wichtige Rolle in der träumerischen Tragikomödie „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“. Corbijn besinnt sich in LIFE ebenso auf die selbstgesetzten, künstlerischen Ansprüche wie schon Ben Stiller im vergangenen Jahr, geht mit jenen allerdings weitaus geschichtsträchtiger ins Gericht und konzipiert ein auf wahren Ereignissen beruhendes Drama, das besonders durch seine verschiedenen Blickwinkel besticht und es schafft, die Atmosphäre der Fotografie 1:1 auf das Filmsetting zu übertragen.

Getragen wird „Life“ von den schauspielerischen Leistungen von Robert Pattinson („Cosmopolis“) als Dennis Stock, sowie Dane DeHaan („The Amazing Spider-Man: Rise of Electro“) in der Rolle von James Dean. Das Skript von Luke Davies („Reclaim“) zeichnet den Weg vom Kennenlernen der beiden Männer über die gemeinsame Reise zu Deans Familie bis hin zu dessen Tod, den Corbijn allerdings nur mittels Texteinblendung thematisiert. Dadurch nimmt er den Fokus von den tragischen Umständen von Deans Figur und rückt die Faszination für die Ambivalenz seines Charakters umso mehr in den Mittelpunkt. „Life“ strotzt vor sensibler Intensität und lässt den Zuschauer in seinen knappen zwei Stunden durch die verträumten Augen James Deans blicken. Dabei ist der inszenatorische Tonfall mal melancholisch, mal aufbegehrend, aber immer dem damaligen Zeitgeist entsprechend. Denn neben dem Charakterportrait über James Dean geht es immer auch um Hollywood und die Mechanismen hinter den Kulissen. Mit „Birdman“, „Maps to the Stars“ und Serienformaten wie „Californication“, „Entourage“ oder sogar „Castle“ hat sich in den vergangenen Jahren ein Trend zur Demaskierung der Traumfabrik etabliert. „Life“ ist in seinem Vorhaben zwar nicht ganz so bissig wie seine thematisch ähnlich gelagerten Kollegen, trifft aber trotzdem den Kern: Insbesondere die Machenschaften von Warner Bros., angeführt von Mitbegründer Jack Warner (Ben Kingsley), treiben nicht nur die Handlung am stärksten voran und ergründen die Mythenbildung um James Dean hervorragend, sondern sind in ihrer authentischen Inszenierung auch besonders bewegend. Sie deuten das Hauen und Stechen um die Ansprüche an James Deans Person nicht nur an, sondern werden in diesem Punkt auch sehr deutlich.

Life

Robert Pattinson erweist sich in „Life“ einmal mehr als längst aus dem Schatten der „Twilight“-Saga herausgetretener Charaktermime. Er verkörpert Dennis Stock als aufstrebenden Fotografen mit einer Vision. Stock erkennt das Potenzial in James Dean früher als all seine Kollegen, schafft es, sich mit seiner Fotostrecke gegen sämtliche Skeptiker zu beweisen und spielt sich trotz der aufbegehrenden Attitüde nie in den Vordergrund. Das Parkett überlässt er in den meisten Momenten nämlich Dane DeHaan, der James Dean so sensibel, authentisch und faszinierend verkörpert, dass eine Oscar-Nominierung als bester Hauptdarsteller nicht allzu abwegig erscheint. Dabei ähnelt DeHaan James Dean optisch gar nicht so sehr. Es ist vielmehr die Mimik und Gestik, das Funkeln in den Augen des jungen Schauspielers, das die Tiefsinnigkeit mit der verspielten Art des originalen Vorbilds verknüpft. Die Interaktion der beiden Schauspieler ist geprägt von intensiven Gesprächen und dem Versuch James Deans, Dennis Stock in seine Welt einzuführen. Hieraus entwickelt sich eine angenehme Freundschaft, durch welche die Entstehung der sehr intimen Fotos aus Stocks Bilderstrecke vollends Sinn ergibt. Das Publikum erlebt, welchen Wert die emotionale Bindung der beiden Männer für Dennis Stocks Arbeit hatte, der in James Dean nicht bloß die aufstrebende Schauspiellegende sah, sondern eine facettenreiche Person mit Charakter und Seele. Und genau jene gelang es Stock dato, mit seiner Kamera einzufangen.

Durch die bisweilen etwas schwerfällige Art der Inszenierung ist „Life“ in manchen Momenten allerdings durchaus einen Tick zu lang geraten. Anton Corbijn („A Most Wanted Man“) schwelgt gern in Stimmungssequenzen und lässt die Bilder auf das Publikum wirken. Diese sind Corbijn-typisch hervorragend. Die Art, wie Kamerafrau Charlotte Bruus Christensen („Die Jagd“) das stilechte Fifties-Flair auf Kamera zu bannen weiß, macht aus LIFE einen authentischen Streifzug durch diese elegante Dekade. Musikalisch rundet ein beschwingter Jazz-Score die technisch einwandfreie Aufbereitung ab. Das berauschend-stimmungsvolle Erscheinungsbild kann auch fast immer darüber hinwegtäuschen, dass LIFE gerade in den Monologen zu einer gewissen Schwerfälligkeit findet. Das ist im Anbetracht der Thematik zwar sinnig, wirkt allerdings auch aufgesetzt und prätentiös. Spannend ist Corbijns Regiearbeit vorzugsweise dann, wenn es dem Filmemacher gelingt, die Ergänzungen unter den Figuren hervorzukehren.

Dennis Stock folgt James Dean auf Schritt und Tritt. So gelingt ihm ein Foto für die Ewigkeit.

Dennis Stock folgt James Dean auf Schritt und Tritt. So gelingt ihm ein Foto für die Ewigkeit.

Fazit: Das James-Dean-Biopic „Life“ gewinnt der viel zu früh verstorbenen Schauspiellegende neue Facetten ab und widmet sich weniger dem schauspielerischen Wert des Mimen denn seiner komplexen Gefühlswelt. Ummantelt von einer wunderschönen, technischen Aufbereitung gelingt Anton Corbijn ein zeitloses Portrait, das die Lebensgeschichten zweier Menschen in sich vereint.

„Life“ ist ab dem 24. September in ausgewählten Kinos Deutschlands zu sehen.

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