Horns

Er war Harry Potter, er war ein vereinsamter Anwalt, er war Alan Ginsberg und ist bald Frankenstein. Doch dazwischen ist Daniel Radcliffe erst einmal der Teufel höchstpersönlich – oder so ähnlich. Horrorikone Alexandre Aja adaptiert mit HORNS einen Roman von Joe Hill für die große Leinwand, niemand Geringerem als dem Sohn von Stephen King. Dabei herausgekommen ist ein kruder Mix aus Gothikgrusel, Fantasyspielerei und schwarzer Komödie – und damit ist der Film auf jeden Fall einen Blick wert! Meine Kritik lest Ihr hier.

Horns

Der Plot

Als Merrin (Juno Temple), die Freundin des sensiblen Eigenbrödlers Ig Perrish (Daniel Radcliffe) brutal vergewaltigt und anschließend ermordet wird, hält ihn die Dorfgemeinde sofort für den Täter. Fortan kann sich Ig kaum noch auf die Straße begeben, ohne dass ihm sogleich der wütende Lynchmob folgt, der seine Verurteilung und im Idealfall direkt seinen Tod fordert. Nur noch Wenige in seinem Bekanntenkreis glauben an Igs Unschuld und halten auch in diesen schwierigen Zeiten zu ihm. Da entdeckt Ig eines Tages Hörner auf seiner Stirn, die mit der Zeit immer größer werden und ihn dazu befähigen, seinen Mitmenschen ihre dunkelsten Geheimnisse zu entlocken. Ig wird zu einer Art Sünden-Magnet und versucht, sich diese plötzliche Fähigkeit zunutze zu machen, um auf eigene Faust nach dem Mörder von Merrin zu suchen. Oder war es Ig am Ende doch selbst?

Kritik

Durch Filme wie „High Tension“, einem gleichnamigen Remake des Siebzigerjahre-Terrorklassikers „The Hills Have Eyes“ und seinem produzierendem Mitwirken an der 2013er-Version des Psychoslashers „Maniac“ gehört Alexandre Aja zu den Mitbegründern der von der Presse schon als „Neue französische Härte“ gefeierten Horrorfilmbewegung, in welche unter anderem auch Alexandre Bustillo und Julien Maury („Inside“), Pascal Laugier („Martyrs“) und Xavier Gens („Frontièrs“) involviert sind. Das europäische Genrekino liefert seit der Jahrtausendwende immer extremer werdende Folterfilme, die sich vom Tonfall her stark an Tobe Hooper („The Texas Chainsaw Massacre“) und Wes Craven („The Last House on the Left“) orientieren, darüber hinaus jedoch auch auf ihre Alleinstellungsmerkmale pochen. Die Themen werden brisanter, die gezeigte Gewalt trotz ihrer Erdung im Hier und Jetzt immer comichafter und die Fangemeinde wächst und wächst. Dass sich Alexandre Aja mit „Horns“ nun von diesem Trend loslöst, tut vielleicht dem Zuschauer nicht unbedingt gut – im Gegensatz zu Ajas sonst präferierten, harten Horror bewegt sich der sympathische Filmemacher in seinem Clash aus schwarzer Komödie, Fantasyfilm und Gothik-Grusel bei weitem nicht so stilsicher – es könnte dem Regisseur allerdings wieder zu dem Anstoß verhelfen, sich stärker ins Horrorfilmgeschehen seiner französischen Kollegen einzubringen. Während „Horns“ hierzulande mit gerade einmal 36 Kopien ausgestattet ist und damit seinen Status unterstreicht, im Grunde lieber direkt ins Heimkino wandern zu wollen, wirkt auch das fertige Produkt mehr wie eine hobbyhafte Spielerei denn ein ernst zu nehmendes Filmprojekt. Doch trotz Balanceschwierigkeiten ist „Horns“ über weite Strecken tatsächlich ein recht charmantes Trash-Vergnügen, das erst kurz vor Schluss an seinen (zu) unterschiedlichen Einflüssen zu scheitern droht.

Horns

Seit sich Daniel Radcliffe mit der Beendigung der „Harry Potter“-Reihe endgültig von seinem Zaubererdasein befreit hat, scheint der britische Nachwuchsmime um jeden Preis Rollenangebote anzunehmen, die ihn von einer möglichst facettenreichen Seite zeigen. In „Die Frau in Schwarz“ spielte er einen verwitweten Anwalt, für „The F-Word – Von wegen nur gute Freunde“ wagte er sich auf das komplett entgegengesetzte Parkett der Romantic Comedy und in „Kill Your Darlings“ gab er die jugendliche Version des melancholischen Dichters Allen Ginsberg zum Besten. Im Grunde ist der auch im Theater ab und an zu sehende Schauspieler also wie gemacht für eine solch ambivalente Rolle des Ig in „Horns“, dessen undurchsichtige Aura perfekt mit dem nicht weniger durchdringbaren Film verschmilzt. Die Story, die auf dem gleichnamigen Roman des Stephen-King-Sprosses Joe Hill basiert, gibt die Richtung zunächst klar vor. Da ist der Mord an der engelsgleichen Merrin, da ist der Verdächtige Ig und es steht die Frage im Raum, wer die junge Frau denn tatsächlich ermordet hat. In der ersten Hälfte reißt „Horns“ Themen wie „Lynchjustiz“, „Vergeltung“ und „Vorurteile“ an, bemüht sich um eine mehrdimensionale Sichtweise des Geschehens und präsentiert Radcliffes Ig als unnahbaren Außenseiter, dem man die Tat zutraut, zeitgleich dann aber auch wieder nicht. Alexandre Aja bemüht sich sichtlich um eine genaue Betrachtung des menschlichen Seelenlebens, kommt jenem aber nie so nah, wie es etwa seinem von ihm beaufsichtigten Kollege Franck Khalfoun in „Maniac“ gelang. Dafür schlägt „Horns“ schon bald eine vollkommen andere Richtung ein, welche die Verwurzelung in der Realität in Gänze aufgibt, um für einen zwiespältigen Fantasy-Plot Platz zu machen.

Wie es der Filmtitel bereits ankündigt, hält sich „Horns“ nur kurz an den gesellschaftspolitischen Themen auf und widmet sich nach rund einer halben Stunde dem Umstand, dass Hauptfigur Ig plötzlich Hörner auf der Stirn wachsen. Dieses Verfahren ist tricktechnisch ordentlich in Szene setzt, droht aufgrund seiner recht absurden Prämisse allerdings rasch, in die Lächerlichkeit abzudriften. Um dem vorzubeugen, unterfüttert Aja das Geschehen mit einer weiteren Besonderheit: Ab sofort eröffnen Igs Außenstehende ihm seine niedersten Instinkte – vom Wunsch, zwölf Donuts auf einmal zu essen über das Verlangen, das schreiende Kind zu verprügeln bis hin zur unterdrückten Homosexualität. Die Szenen der Offenbarung werden in „Horns“ unübersehbar zu den Highlights auserkoren und haben selbst unabhängig von der Filmhandlung einen enormen Unterhaltungswert, wenngleich nicht allen das gleiche Herzblut gewidmet wird. Wenn Ig zwei schwule Polizisten dazu „animiert“, sich ihre gegenseitige Liebe zu gestehen, ist der Moment ungewollt von einem solchen Slapstick geprägt, dass der homophobe Unterton hörbar anklopft. Die Szene, in welcher Igs Arztbesuch in einer Orgie gipfelt, ist hingegen fast schon ein Statement auf die sexualisierte Welt, in der wir leben.

Horns

„Horns“ ist ein ständiges Auf und Ab, was sich nicht nur im Fingerspitzengefühl innerhalb der Beichtszenen offenbart. Solange das Drehbuch den Fokus ob Igs sukzessiver Verwandlung verfolgt, gestaltet Aja seinen Film kurzweilig, spannend und streut genügend Hinweise darauf, welche Umstände mit den Ereignissen tatsächlich verbunden sind. Wann immer sich der Regisseur hingegen zu stark vom Hauptplot abwendet, wird es schwierig; dann verliert Aja nicht nur die stringente Erzählweise aus den Augen, sondern verliert sich obendrein in einer teils haarsträubenden, technischen Ausführung. Insbesondere das Finale sticht mit seiner heroisch-märchenhaften Machart so negativ hervor, dass es sich nicht nur im scharfen Kontrast zur ansonsten so angenehm unverblümten Inszenierung abhebt, sondern anmutet, als stammen die mit Weichzeichner und schmalziger Stimmungsmusik ummantelten Szenen aus einem ganz anderen Film. Dass derlei Probleme nicht auf die gesamte, handwerkliche Ausstattung zurückzuführen sind, beweisen andere Szenen; wenn Ig sich mithilfe einer Halluzination an einem der Mitverantwortlichen des Todesfalls rächt, beweist Aja einmal mehr, was er für ein genaues Auge für bedrohliche Szenerien er hat.

Trotzdem ist „Horns“ durchgehend ein Film, der Spaß macht. Das liegt zum einen an einer sehr dynamischen Inszenierung, bei der sich selbst in den schwächeren Phasen nie ein Gefühl des Zähflusses einstellt, zum anderen aber auch an der sehenswerten Performance von Daniel Radcliffe, der immer mehr dem Wahnsinn verfällt und seiner unheimlichen Rolle durch die korrekten Moralvorstellungen komplexe Züge einverleibt. Das Handeln von Ig, sein Schicksal und die Aufklärung des Mordfalles bleiben durchgehend kompakt verpackt und geraten trotz der Zuhilfenahme von eingebauten Rückblenden nachvollziehbar. Jene Zeitsprünge verhelfen „Horns“ noch einmal zusätzlich zu Substanz, denn durch die Blicke auf Igs Kindheit entfaltet sich sein Charakter um ein vielfaches intensiver, als würde man sich darauf beschränken, seine Figur lediglich anhand eines solchen Ausnahmezustands zu definieren. Gleichsam schaffen es nicht viele Darsteller, neben Radcliffes Performance zu bestehen. Juno Temple („Maleficent – Die dunkle Fee“) steht mit ihrer einseitigen Darbietung des schönen Objekts der Begierde stellvertretend dafür, dass lediglich Radcliffes Charakter mehrere Facetten zustehen. Alle anderen wurden allenfalls mit der Schablone skizziert.

Horns und Merrin waren das perfekte Paar, bis die junge Frau auf tragische Weise aus dem Leben gerissen wird.

Horns und Merrin waren das perfekte Paar, bis die junge Frau auf tragische Weise aus dem Leben gerissen wird.

Fazit: „Horns“ ist ein interessantes Projekt, dem man die Handschrift eines Alexandre Aja zu keinem Zeitpunkt ansieht. Der Film ist Horrorstück, biederes Märchen und Fantasyspielerei in einem, was zwar für zwei kurzweilige Stunden sorgt, auf der Zielgeraden allerdings die Substanz vermissen lässt. Immerhin: konventionell ist das alles nicht – und einen Blick wert damit auf jeden Fall.

„Horns“ ist ab dem 6. August in ausgewählten, deutschen Kinos zu sehen.

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