Possession – Das Dunkle in Dir

Alle Jubelmonate mal kramen Produzenten, Regisseure und Drehbuchautoren des Horrorgenres das gute alte Exorzismus-Thema hervor. Immer in der Hoffnung, mit dem nächsten Geniestreich endlich an die Qualität des 40 Jahre alten Klassikers und Wegweisers „Der Exorzist“ heranzureichen. Mit nett gemeinten Versuchen wie „Der Exorzismus von Emily Rose“ (der ohne Zweifel noch zu den Besseren seiner Sparte zählt) oder dem erst kürzlich erschienenen „Der letzte Exorzismus“ mochte das den Machern allerdings nicht gelingen. Nett ja – Wiedererkennungswert nein! Nun nahm sich der dänische Suspense-Spezialist Ole Bornedal des Themas an, kommt mit POSSESSION – DAS DUNKLE IN DIR allerdings auch nicht recht vom Fleck. Näheres in meiner heutigen Kritik.

Der Plot

Die kleine Emily (Natasha Calis), von allen nur Em gerufen, hat es nicht leicht. Erst vor vier Monaten haben sich ihre Eltern scheiden lassen, ihr Vater (Jeffrey Dean Morgan) hat für sich, Em und ihre Schwester Hannah (Madison Davenport) ein neues Haus mitten im Nirgendwo gekauft und zu allem Überfluss ist der neue Freund ihrer Mutter (Tyra Sedgwick) ein arroganter Schnösel. Da kommt ein Besuch auf dem Flohmarkt gerade Recht – ihr Dad braucht ohnehin neues Geschirr. Während die beiden Mädchen im Trödel stöbern, entdeckt Em eine alte Truhe mit einer geheimnisvollen Inschrift auf dem Deckel. Fasziniert nimmt sie die Holzschachtel mit nach Hause und beginnt fortan, sich zu verändern. Seltsame Stimmen beginnen, auf sie einzureden. Im ganzen Haus nisten sich Unmengen an unheimlichen Motten ein und die Truhe scheint für Emily zu einer beunruhigen Obsession zu werden. Als sie anfängt, sich brutal gegen ihre Familie zu wenden, beginnt ihr Vater, nachzuforschen und stößt schnell auf das düstere Geheimnis der Truhe: ohne ihr Wissen hat seine Tochter einen abgrundtief bösen Dämon befreit, der in diesem Moment dabei ist, von Emily Besitz zu ergreifen.

Kritik

„Possession“ ist ein klassisches Beispiel dafür, dass eine bereits zigmal durchgekaute Story unterhalten kann, selbst wenn sie filmisch nicht besonders gut umgesetzt wurde. Denn eines ist bereits ab dem Prolog klar: Schon die mehr auf Promotion denn auf Information abzielende Einblendung, die Geschichte basiere auf einer wahren Begebenheit, ist nichts weiter als der gern genommene Schachzug, mit dieser Info  von Anfang an für noch mehr Gänsehaut zu sorgen.  Mit der anschließenden Sequenz, die chronologisch eingeordnet als „angerissener Rückblick“ zu verstehen ist, griffen die Macher erst einmal in die Kiste mit klassischem Exorzismusfilm-Material. Vom sich verbiegenden Körper über grausige Fratzen, bis hin zum willkürlichen Durch-die-Luft-Fliegen ist alles dabei, was den Zuschauer bestens auf die kommenden eineinhalb Stunden einstimmen dürfte. Gewohnte Kost solide dargeboten, doch gesehen hat man das alles irgendwo schon mal – nur besser.

Die kleine Emily (Natasha Calls) beginnt, sich zu verändern.

Nun beginnt die eigentliche Story. Dass innerhalb der Familie wenig Harmonie herrscht, wird auf den ersten Blick ersichtlich. Miese Stimmung, Sticheleien untereinander, die Kids schauen unglücklich drein. Natürlich hat die Mutter, emotionslos verkörpert von einer Kyra Sedgwick („Wiege der Angst“, „Behind the Red Door“), die ihr Programm ohne jedwede Höhen oder Tiefen herunterspult, bereits einen neuen Partner, was jede verbliebene Hoffnung auf eine erneute Familienzusammenkunft zu Nichte macht. Natürlich ist „der Neue“ ein Unsympatling sondergleichen, obwohl der eher als Seriendarsteller bekannte Grant Show („Private Practice“, „Burn Notice“) grundsolide agiert. Zwar hat das für die Handlung so wenig Relevanz wie „The Possession“ für die Academy Awards, doch schlechter macht er den Film nicht. Leider ist nicht ganz ersichtlich, was seine Figur schlussendlich überhaupt im Film zu suchen hat, sodass sein Aufkommen, einhergehend mit der gesamten Ausgangssituation lediglich ein weiteres, erfülltes Klischee ist, das der Horrorfilm zu bedienen weiß. Die zerrüttete, amerikanische Familie, die erst eine Katastrophe braucht, um wieder zusammen zu finden. Wie oft funktionierte ein Film schon nach diesem Schema? Ein erster Minuspunkt für „The Possession“, der aus der im Trailer vermittelten, interessanten Ausgangslage mit der geheimen Kiste, der ein Dämon innewohnt, viel mehr hätte machen können.

Neben der wenig überzeugenden Kyra „Ich habe nur einen Gesichtsausdruck“ Sedgwick, kann Jeffrey Dean Morgan („Supernatural“, „P.S. Ich liebe dich“) allerdings einige Defizite auf der Darstellerebene abfedern. Er sticht zwar nicht sonderlich heraus, befindet sich aber auf einem guten Niveau und gibt unter den erwachsenen Darstellern ganz klar die beste Figur ab. Allerdings fehlt es ihm besonders in den ruhigeren Sequenzen an Ausdrucksstärke, was er aber mit Überzeugungskraft in den hektischeren Parts weitestgehend ausgleichen kann. Der Star des Horrorstreifens ist jedoch zweifelsohne Natasha Calis. Die Newcomerin („Last Impact – Der Einschlag“, „The Firm“) ist für „The Possession“ so etwas wie Linda Blair für „Der Exorzist“ im Jahr 1973 war. Damals spielte Blair die weibliche Hauptrolle. Calis spielt im wahrsten Sinne des Wortes ungeheuer glaubwürdig und verleiht ihrer Figur einen erschreckenden Realismus. Dennoch hat die Darstellerin ein Problem: der Grund für die Popularität Linda Blairs und deren Rolle war ohne Zweifel vor allem die Tatsache, dass derartige Horrorkost dem Kinopublikum nahezu unbekannt war, bevor es „Der Exorzist“ zu sehen bekam. Dementsprechend schockiert zeigten sich Kritiker und Publikum, doch mittlerweile erschreckt ein zum Bösen gewordenes Mädchen kaum noch. Es braucht neue und revolutionäre Ideen. Das schmälert zwar die Leistung nicht, die Natasha Calis hier zeigt, wird wohl aber verhindern, dass der Jungdarstellerin ein ebensolch kometenhafter Aufstieg zur Horrorikone vergönnt sein wird, wie ihrer mittlerweile 53-jährigen Kollegin Blair.

Das kleine Kästchen beherbergt das pure Böse.

Während die Darsteller nur bedingt überzeugen und der Aufzug des Plots nur so vor Klischees strotzt, kann weder auf der Handlungsebene, noch in punkto Umsetzung auf Innovation gehofft werden. Doch obwohl der Ablauf ohne noch so kleine Wendungen oder gar Überraschungen daherkommt und einige Schreckmomente sogar für weniger horrorinteressiertes Publikum meilenweit gegen den Wind zu riechen sind, so ist „The Possession“ trotzdem streckenweise ganz ordentlich unterhaltend, da es zu den großen Stärken von Ole Bornedal („Nightwatch – Nachtwache“, „Bedingungslos“) zählt, mit kleinen Dingen große Spannung zu erzeugen. Diese Stärke zieht sich vollständig durch „The Possession“, da der Regisseur viel Wert auf eine ruhige Erzählweise legt. Gleichzeitig platziert er Schockeffekte punktgenau, wenn auch bisweilen zu vorhersehbar. Trotzdem besticht das neuste Werk des dänischen Regisseurs vor allem dadurch, dass es sich zumindest in Sachen Tempo und Aggressivität von anderen Exorzismusstreifen unterscheidet. Während in vielerlei Filmen der Art viel Zeit für den eigentlichen Exorzismus draufgeht, gesteht Bornedal diesem hier nicht so viel Zeit zu. Dafür geht er wesentlich genauer auf die seelische Veränderungen von Emily ein und beleuchtet detailliert das Umfeld, sowie dessen Reaktion auf Ems Veränderung. Dieser Part überzeugt und stellt „The Possession“ wesentlich einfühlsamer dar, als seine Genrekollegen.

Fazit: „The Possession“ ist vorhersehbare Horrorkost, die zu keinem Zeitpunkt überrascht und durch mangelnde Innovation einige Schockeffekte einbüßen muss. Kommt der Streifen allerdings erst mal in Fahrt und schraubt der Zuschauer seinen Durst nach Veränderung zurück, unterhält der Film auf der klassischen Horrorschiene. Die Darsteller überzeugen nur zum Teil, wenngleich die Protagonistin ganz klar als Siegerin im Kampf um die beste Darstellerleistung hervorgeht. Positiv ist hervorzugeben, dass „Possession“ auf ein ruhigeres Erzähltempo baut, als andere Filme seiner Gattung. Dies gefällt – sofern man mehr Wert auf Suspense, denn auf billig erhaschte Schockeffekte legt. Dadurch gelingt eine bessere Charakterisierung als bei anderen Filmen und das Gesehene berührt den Zuschauer auf mehreren Ebenen. Zudem überzeugt ein Ole Bornedal. Mit netten Anspielungen auf seine früheren Werke und dem gewissen Blick für die Entstehung von Suspense, holt er aus dem streckenweise doch sehr lahmen Drehbuch das Optimum heraus, sodass es vor allem optisch einige Nettigkeiten zu bestaunen gibt. Leider wurde sich gleichzeitig an vielen anderen Filmen bedient, sodass „The Possession“ zeitweise einem Flickenteppich von Elementen aus anderen Genrevertretern gleicht. Insgesamt bietet der Streifen also durchwachsene Gruselkost. Zusammengemischt aus vielen Konserven, zu einer großen. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

„The Possession“ ist ab dem 08. November 2012 in den deutschen Kinos zu sehen.