Dann passiert das Leben
Selten war das Scheitern so still und zugleich so bewegend. DANN PASSIERT DAS LEBEN zeigt, dass große Emotionen nicht laut sein müssen, um tief zu treffen. Neele Leana Vollmar gelingt ein feinsinniges Drama über das Verblassen von Nähe, das Altern der Liebe und die kleinen Brüche, die sich unbemerkt zwischen zwei Menschen auftun.
Darum geht’s
Hans (Ulrich Tukur) befindet sich am Ende seiner beruflichen Laufbahn als Schuldirektor und steht kurz vor dem Ruhestand. Seiner in der Pflege arbeitenden Frau Rita (Anke Engelke) wird es in ein paar Jahren genauso ergehen. Die beiden Eheleute haben sich einander längst entfremdet. Insbesondere Rita hat seit Jahren ein streng geregeltes Leben in ihren eigenen vier Wänden etabliert, das von Monotonie und Routinen geprägt ist. Der gemeinsame Sohn Tom (Lukas Rüppel) ist längst aus dem Haus und kommt nur noch zu Besuch, wenn es unbedingt sein muss. Und wenn, dann werden bloß Banalitäten ausgetauscht. Wirkliche Neuigkeiten teilt man sich stattdessen lieber emotionslos per Telefon mit. Nichts in Hans‘ und Ritas Leben deutet darauf hin, dass sich bis an ihr Ende irgendetwas an ihrer Situation ändert. Bis eines Abends etwas Unvorhergesehenes passiert, das die beiden mit ganz neuen Facetten des Lebens konfrontiert…
Kritik
Manche Kreative sind aufgrund ihres Karriereweges dazu verdammt, permanent unterschätzt zu werden. Das gilt insbesondere für solche, die einst mit komödiantischen Werken bekannt geworden sind. Ganz so, als wäre es bei Leuten wie Bjarne Mädel („Was uns nicht umbringt“), Christoph Maria Herbst („Contra“) oder eben auch Anke Engelke („Mein Sohn“) etwas ganz Besonderes, dass sie neben „Stromberg“ und „Ladykracher“ auch noch was Anderes können, als permanent lustig zu sein. Da wird schnell vergessen, wie schwer es ist, Menschen kollektiv zum Lachen zu bringen. Warum also sollte das genaue Gegenteil davon für ein und dieselben Personen so viel komplizierter sein? Letztgenannte, Anke Engelke, erweist sich in ihrer darstellerischen Bandbreite als absoluter Glücksgriff für ihre Hauptrolle in Neele Leana Vollmars „Und dann passiert das Leben“. Die Regisseurin der herzlichen „Rico, Oskar“-Kinderfilme sowie des herausragenden (und viel zu unbekannten) Jugenddramas „Auerhaus“ nutzt Engelkes ausgeprägten Sinn für leisen Humor sowie ihre schauspielerische Bandbreite, um ihrem Drama über ein sich entfremdetes Paar kurz vor der Rente ein größtmögliches Authentizitätsgefühl zu verleihen. An Engelkes Seite glänzt „Tatort“-Star Ulrich Tukur mit denselben Qualitäten. Doch trotz komödiantischer Akzente ist „Dann passiert das Leben“ ein zutiefst tragischer Film. Nicht (nur) aufgrund seiner Geschichte. Vor allem gelingt Vollmer die beeindruckend lebensnahe Beobachtung einer still vor sich dahinsiechenden Ehe. Geführt von einer Frau, die mit ihrem Leben quasi schon abgeschlossen hat. Und von einem Mann, der genau das nicht akzeptieren will, aber an den Mauern, die seine Gattin um sich aufgebaut hat, zu scheitern droht.
Was genau der Filmtitel mit „Dann“ meint, sei an dieser Stelle nicht verraten. Es ist aber durchaus als falsche Fährte zu verstehen, wenn man sich die erste halbe Stunde so anschaut. Und wenn man sich unter „das Leben“ vorstellt, was im deutschen Film sonst so gern als Synonym für Aufbruch und Tatendrang verstanden wird. Nicht nur beginnt die auch für das Drehbuch verantwortliche Neele Leana Vollmar ihren Film mit einer Szene, die ihren Film zunächst eher in dem Bereich der „Best-Ager-Komödie“ verortet: Hans und Rita fahren gemeinsam in ein Fliesengeschäft, um sich zwecks Badrenovierung neu auszustatten. Die widersprüchlichen Ansprüche der beiden Eheleute an ein hübsches Badezimmer, der hilflos dazwischen hockende Verkäufer und der Miteinbezug kleiner Marotten, die der Szenerie zusätzliche Würze zu verleihen, sind ein Paradebeispiel für subtile Situationskomik. Vollmer provoziert kein lautes Gelächter, sondern arbeitet sich durch das von Spleens geprägte Miteinander ihrer beiden Hauptfiguren, um sie uns genau vorzustellen. Doch all das ist nur auf den ersten Blick amüsant. Etwa da, wo Hans‘ Liebe zu Keksen seine Frau Rita in den Wahnsinn zu treiben droht. Oder wo sich die beiden partout nicht auf eine Farbrichtung einigen können. Im weiteren Verlauf offenbart sich insbesondere hinter Ritas Fassade eine sukzessive emotionale Verhärtung, die die Tonalität von „Dann passiert das Leben“ maßgeblich prägt. Denn ebenjenes „Leben“ gestaltet sich hier alles andere als lebensfroh.
„Dann passiert das Leben‘ ist ganz bewusst kein Film über große Gefühle. Stattdessen exerziert Neele Leana Vollmar ganz genau durch, wie sich viele Menschen mit zunehmendem Alter fühlen. Als Zuschauer:in hat man wahlweise die Möglichkeit, sich selbst oder Menschen des näher stehenden Umfelds wiederzuerkennen.“
Das gilt insbesondere für Rita. Hat diese doch nicht bloß Angst vor ihrem eigenen Ruhestand und davor, sich nicht mehr gebraucht zu fühlen. Sondern da ist auch die Furcht vor der Rente ihres Mannes. Werden die beiden doch fortan viel mehr Zeit miteinander verbringen, als sie es bis dato gewohnt waren. Schon jetzt ist der Alltag der beiden von Monotonie geprägt. Emotionale Höhen und Tiefen sind weitgehend abhandengekommen. Gespräche sind zweckdienlich. „Dann passiert das Leben“ ist ganz bewusst kein Film über große Gefühle. Stattdessen exerziert Neele Leana Vollmar ganz genau durch, wie sich viele Menschen mit zunehmendem Alter fühlen. Als Zuschauer:in hat man wahlweise die Möglichkeit, sich selbst oder Menschen des näher stehenden Umfelds wiederzuerkennen. Doch auch ohne persönlichen Bezug gelingt es der Regisseurin, einem die Gefühlswelt ihrer beiden Protagonist:innen glaubhaft und nachvollziehbar näherzubringen. Dabei geht sie definitiv Risiken ein. Insbesondere Rita ist in ihrer Weltsicht so verhärmt, dass ihr die Sympathien nicht gerade zufliegen. Auch in Hans‘ jüngerer Hintergrundgeschichte existieren Fehltritte, die nicht so leicht zu verzeihen sind. Nicht nur deshalb stoßen sich die beiden Hauptfiguren immer wieder ab. Es ist regelrecht schmerzhaft, zuzuschauen, wie es Rita und Hans einfach nicht hinbekommen, im Alltag konfliktfrei zu kommunizieren. Vor allem Rita scheint geradezu darauf zu lauern, dass Hans – in ihren Augen – wieder einmal einen Fehler begeht. Weshalb diese beiden Personen nach wie vor Tisch und Bett miteinander teilen, scheint einzig und allein der Bequemlichkeit geschuldet zu sein. Oder weil die beiden einer Generation angehören, in der man sich einfach nicht scheiden lässt.
Anke Engelke und Ulrich Tukur funktionieren im Zusammenspiel hervorragend. Die beiden haben nicht nur die Spleens und Eigenheiten ihrer eigenen Figuren verinnerlich, sondern auch die der jeweils anderen Person. Ihre Reaktionen aufeinander wirken intuitiv, die lebensnahen Dialoge sind auf den Punkt formuliert. In der Dreierkonstellation mit Ritas und Hans‘ gemeinsamen Sohn Tom gewinnt „Dann passiert das Leben“ zudem eine weitere erzählerische Dimension. Auf einmal steht die Frage im Raum, inwieweit die nachfolgende Generation dazu verdammt ist, das Erbe ihrer Eltern weiterzutragen. Gerade Anfang dreißig, hat Tom die Kommunikationsmarotten seiner Eltern bereits weitestgehend übernommen. Vermutlich vor allem, weil es ihm so vorgelebt wurde. Sein Besuch bei Rita und Hans gerät wortkarg, sein Verhältnis zu Mutter und Vater wirkt spröde und emotionslos. Große Neuigkeiten werden lieber später per Telefon übermittelt als im persönlichen Gespräch am Abendbrottisch. Da zeigt er sich dann wieder: der Leise Humor. Wirkt all das doch irgendwie auch ziemlich absurd. Mit der Zeit neigt man dazu, mit all den Menschen auf der Leinwand Mitleid zu entwickeln – und wünscht sich gleichzeitig, niemals so zu werden, wenn man selbst einmal in dieses Alter kommt.
„In der Dreierkonstellation mit Ritas und Hans‘ gemeinsamen Sohn Tom gewinnt ‚Dann passiert das Leben‘ zudem eine weitere erzählerische Dimension. Auf einmal steht die Frage im Raum, inwieweit die nachfolgende Generation dazu verdammt ist, das Erbe ihrer Eltern weiterzutragen.“
Das gilt auch für den titelgebenden Erzählbruch im Film. Quasi für das „Dann“ in „Dann passiert das Leben“. Es konfrontiert nicht bloß die beiden Hauptfiguren mit einer ungeahnten Ausnahmesituation, sondern lädt auch das Publikum dazu ein, die eigene Reaktion auf ein solches Ereignis zu hinterfragen. Doch ganz gleich, wie man selbst in einem solchen Moment reagieren würde: Neele Leana Vollmar zeigt uns in ihrem Film zwei unterschiedliche Charaktertypen, die ihres Naturells entsprechend ganz unterschiedlich mit der Situation umgehen. Fortan wird ihr Film zu einer Geschichte über den Prozess des Verarbeitens, in den sie das Thema der Entfremdung subtil miteinwebt. Ob Rita und Hans nun an der Ausnahmesituation wachsen, oder endgültig zerbrechen, ist auf der Zielgeraden Auslegungssache. Aber immerhin gesteht sie ihren Figuren einen durch und durch berührenden Moment der Innigkeit zu, der sich wie ein Leichtturm aus dem emotionalen Grau-in-Grau der vorausgegangenen eineinhalb Stunden erhebt. Diese Szene ist deshalb so wichtig, weil sie uns die einstige Liebe der beiden vor Augen führt, die fortan nicht mehr nur Behauptung ist. Es ist einer der ganz wenigen Momente, in denen man das Ehepaar gemeinsam lächeln sieht – und in denen man nicht das Gefühl hat, dass jeder von ihnen alleine eigentlich viel glücklicher wäre.

Hans (Ulrich Tukur) und Rita werden eines Abends mit einer unvorhergesehenen Situation konfrontiert, mit der beide komplett unterschiedlich umgehen.
Fazit: „Und dann passiert das Leben“ ist ein leiser, eindringlicher Film, der sich mit der emotionalen Realität des Älterwerdens, der Entfremdung in langjährigen Beziehungen und der Schwierigkeit ehrlicher Kommunikation auseinandersetzt. Regisseurin Neele Leana Vollmar gelingt ein bemerkenswert authentisches Drama, das durch seine unaufgeregte Inszenierung und präzise Alltagsbeobachtungen überzeugt. Kein Film der großen Gesten, sondern der stillen Wahrheiten mit einem herausragenden Hauptdarsteller:innengespann aus Ulrich Tukur und Anke Engelke.
„Und dann passiert das Leben“ ist ab dem 6. November 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.



Ein außergewöhnlicher, bestens austarierter, emotionalisierender Film mit hervorragenden Hauptdarstellern. Unbedingt empfehlenswert.