Sing Sing

Eine Gruppe Inhaftierter im SING SING-Gefängnis stellt im Rahmen eines Rehabilitierungsprogramms ein Theaterstück auf die Beine. Greg Kwedars oscarnominiertes Drama schreit nach Klischees, fühlt sich aber bis zum Schluss durch und durch authentisch an und überrollt ein immer wieder mit seiner emotionalen Wucht.

OT: Sing Sing (USA 2023)

Darum geht’s

John „Divine G“ Whitfield (Colman Domingo) ist Insasse des Hochsicherheitsgefängnisses Sing Sing. Hier sitzt er wegen Mordes für mindestens 25 Jahre ein. Doch er ist nicht nur Häftling, sondern auch ein Mitglied der RTA. Einem Rehabilitierungsprogramm, das es den Gefangenen ermöglicht, als Schauspieler an Theateraufführungen mitzuwirken. Dieses Häftlingstheater holt John nicht nur aus seinem eintönigen Alltag. Es macht ihn auch mit dem neu zur Gruppe hinzustoßenden Clarence „Divine Eye“ Maclin (Clarence Maclin als er selbst) bekannt. John, der Besonnene und Clarence, der Unberechenbare – eine explosive Mischung, die droht, die gesamte Gruppe aus dem Gleichgewicht zu bringen. Doch die Theaterbühne bringt früher oder später an jedem ungeahnte Seiten hervor…

Kritik

Wer mit dem Filmtitel etwas Musikalisches assoziiert, der liegt nur auf den ersten Blick daneben. „Sing Sing“ ist zwar eigentlich „nur“ Name des Gefängnisses, in dem das lose auf wahren Ereignissen beruhende Drama spielt. Ein klassischer Musikfilm, geschweige denn ein Musical, ist das hier also nicht. Doch es geht sehr wohl um Musisches. Anstatt gesungen, wird Theater gespielt. Daraus entspinnt sich ein Gefängnisfilm der etwas anderen Art, in dem sich die Insassen genregetreu zwar auch manchmal darin zu übertrumpfen versuchen, der größte Macker im Raum zu sein. Doch in erster Linie fängt „Sing Sing“ die Proben für ein anstehendes Theaterstück ein, das die Insassen nach den Proben vor den Mitgefangenen, Mitarbeitenden und auch Gästen von außerhalb aufführen sollen. Der Hintergrund ist das sogenannte RTA-Programm: Rehabilitation Through the Arts. Einer Statistik zufolge liegt die landesweite Rückfallquote inhaftierter Krimineller, die an diesem Programm teilgenommen haben und danach das Gefängnis verlassen durften, bei gerade einmal 3 Prozent. Im Gegensatz zum Durchschnitt, der bei satten 60 Prozent liegt. Die RTA kann also tatsächlich Leben verändern.

John „Divine G.“ Whitfield (Colman Domingo) ist der Anführer der Theatergruppe.

Regisseur Greg Kwedar („Transpecos“) nähert sich den Figuren zunächst mit dokumentarischer Nüchternheit. Er zeigt erst einmal, was innerhalb der am RTA-Programm teilnehmenden Insassen abgeht. Wie in einer Selbsthilfegruppe – und irgendwie ist das hier ja auch eine – sitzen John „Divine G“ Whitfield und seine Mitspieler in einem Kreis und resümieren das gerade beendete Projekt „Ein Sommernachtstraum“. Man merkt zwar sofort, dass auch innerhalb dieser Truppe ein eher rauer Umgangston herrscht. Aber das Gesagte bezieht sich fast vollständig auf das Theater: Was ist gut gelaufen, was weniger gut? Und vor allem: Was kommt jetzt? „Sing Sing“ begleitet den Entstehungsprozess des nächsten Stückes von Beginn an und offenbart gerade in der Anfangsphase viel ungeahnten Humor. Wenn sich die Darstellergruppe beim Brainstorming einmal quer durch die Popkultur zitiert, dann bringen einen sowohl die bisweilen irren Vorschläge, die daraus resultierende Anarchie als auch die losgelösten Insassen zum Grinsen. Denn der Theaterregisseur Brent (Paul Raci) animiert seine Truppe, mit ihm zusammen ein eigenes Stück zu entwerfen. Und weil darin unter anderem auch Zeitreisen vorkommen sollen (oder besser: dürfen), fallen während der gemeinsamen Ideensammlung eben auch Namen wie Freddy Kruger, von dem man im weiteren Filmverlauf leider viel zu wenig mitbekommt.

„‚Sing Sing‘ offenbart gerade in der Anfangsphase viel ungeahnten Humor. Wenn sich die Darstellergruppe beim Brainstorming einmal quer durch die Popkultur zitiert, dann bringen einen sowohl die bisweilen irren Vorschläge, die daraus resultierende Anarchie als auch die losgelösten Insassen zum Grinsen.“

Dass „Sing Sing“ zum Großteil mit einer kleinen Handkamera und bei natürlichem Licht gedreht wurde, hält den dokumentarischen Anschein aufrecht. Doch mit der Zeit rückt das von Clint Kwedar und Clint Bentley („Jockey“) verfasste Skript sukzessive die Gefangenen selbst in den Fokus. Allen voran den von Colman Domingo („Candyman“) gespielten Divine G. Der hat als Anführer der Theatergruppe von Anfang an die Sympathien auf seiner Seite. Domìngo strahlt in der Rolle Ruhe und Verlässlichkeit aus, fordert aber auch immer wieder mit Nachdruck Respekt für sich ein. Trotzdem bleibt er bis zuletzt – wie alle – eine eher unberechenbare Figur, was viel zum Authentizitätseindruck des Films beiträgt. In „Sing Sing“ lässt sich niemand auf einen simplen Spleen, eine besondere Eigenheit oder den einen markanten Charakterzug reduzieren. Das macht das Drama vielschichtig, sorgt aber auch für eine gewisse Anspannung. „Sing Sing“ verzichtet zwar bis zum Abspann auf eine dieser typischen „Knast-Eskalationen“, aber trotzdem schwingt während der 107 Filmminuten immer wieder die Sorge mit, dass die Stimmung bei so vielen respekteinflößenden Charakterköpfen auf engstem Raum irgendwann doch einfach überkochen muss. Und gleichzeitig kommt man nicht umher, zu hoffen, dass genau das nicht passiert.

Die Theatergruppe beim Proben.

„Sing Sing“ ist also nicht nur berührend, sondern auch richtig spannend. Den Part der Emotionalität tragen vor allem die Szenen während der Proben. Hier sagen die Rollenwahlen, die Herangehensweise der Insassen an das Spiel und das Selbstbewusstsein in der Darbietung viel über die Menschen dahinter aus. An vorderster Front: der neu zu der Gruppe hinzugestoßene Divine Eye, der sich aufgrund seiner derben Gangster-Vergangenheit sowie der fehlenden Erfahrung einer massiven Skepsis ausgesetzt sieht. Doch es ist nicht nur die sich zum Herzstück des Films entwickelnde Verbindung zwischen Divine G. und Divine Eye, die es dem Publikum ermöglicht, nach und nach hinter die Fassade beider Männer zu blicken. Ganz besonders begeistern jene Szenen, in denen Divine Eye sich sukzessive „freispielt“. Zunächst noch enorm gehemmt, gewinnt der sonst eigentlich so selbstsichere Insasse nach und nach mehr innere Stärke, um dieses Selbstbewusstsein auch auf der Bühne zu zeigen. Eine Ansprache an ihn, die ihn endlich dazu animieren soll, im Spiel über sich hinauszuwachsen und all seinen Frust, seine Wut und restlichen Emotionen auf seine Darbietung zu übertragen, gehört zweifelsohne zu den besten Szenen in „Sing Sing“.

„Zwar begreift man irgendwann, dass in diesem Film vermutlich weder eine Schießerei noch ein Häftlingsaufstand das Geschehen allzu sehr trüben werden. Trotzdem platziert Greg Kwedar genügend szenische Widerhaken in ‚Sing Sing‘, um ihn unberechenbar zu machen.“

Zwar begreift man irgendwann, dass in diesem Film vermutlich weder eine Schießerei noch ein Häftlingsaufstand das Geschehen allzu sehr trüben werden. Trotzdem platziert Greg Kwedar genügend szenische Widerhaken in „Sing Sing“, um ihn unberechenbar zu machen. Ein plötzlicher Todesfall kommt völlig aus dem Nichts. Auch wie Divine Gs Bemühungen um eine erneute Anhörung in seinem Fall am Ende ausfallen, lässt sich kaum abschätzen. Stattdessen steht vor allem die Wichtigkeit des RTA-Programmes im Mittelpunkt. „Sing Sing“ ist durch und durch ein hoffnungsvoller Film, der einem obendrein vor Augen führt, dass für einen inneren Reifeprozess vor allem die Aussicht auf gesellschaftliche Reintegration von enormer Bedeutung ist. Spätestens mit den letzten Szenen – echten Theateraufnahmen aus dem Sing-Sing-Gefängnis – überrollt einen die sich zuvor aufgetürmte emotionale Wucht nochmal mit voller Breitseite. Wenn man plötzlich realisiert, dass sich ein Großteil der Inhaftierten im Film gerade selbst gespielt hat.

Immer wieder wird resümiert: Was lief gut, was lief schlecht?

Fazit: „Sing Sing“ ist ein gleichermaßen berührender als auch spannender Einblick in eine Welt, die filmisch sonst vor allem mit Klischees von sich reden macht. Hier steht eine Gruppe inhaftierter Schauspieler im Zentrum, die einem durch die Proben immer mehr ans Herz wächst. Trotzdem driftet der Film aufgrund seiner markanten Charaktere und der Unberechenbarkeit in der Inszenierung nie ins Rührselige ab. Genau das lässt das oscarnominierte Drama durch und durch authentisch wirken – und berührt einen gerade deshalb so sehr.

„Sing Sing“ ist ab dem 27. Februar 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.

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