Berlin, Berlin – Der Film

15 Jahre nachdem die letzte Folge der beliebten Comedyserie BERLIN, BERLIN über die Fernsehschirme geflimmert ist, kehrt Titelheldin Lolle nun noch ein letztes Mal im Rahmen eines Spielfilms zurück. Doch viel mehr als seichten Fanservice bietet der nicht. Warum, das verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

Typisch Sven (Jan Sosniok)! Er platzt mitten in Lolles (Felicitas Woll) Hochzeit mit Hart (Matthias Klimsa) hinein und macht ihr vor versammelter Gästeschar einen Heiratsantrag. Völlig verwirrt flüchtet Lolle in wilder Fahrt quer durch Berlin. Nach einem emotionalen Ausraster landet sie vor Gericht und wird prompt zu Sozialstunden an einer Schule verdonnert. Dort trifft sie Dana (Janina Uhse), mit der sie eines gemeinsam hat: Komplizierte Männergeschichten. Nach einer verrückten Partynacht in den Berliner Clubs wachen die beiden am nächsten Morgen in einem Auto auf, allerdings nicht in Berlin, sondern im Harz! Lolle will unverzüglich zurück. Doch die Fahrt nach Berlin wird zu einem aberwitzigen Roadtrip, der für beide Freundinnen zu einer Reise wird, die ihr Leben für immer verändert…. aber Moment mal! Was ist eigentlich mit Svens Heiratsantrag?

Kritik

Mit Verfilmungen zu TV-Serien ist das ja immer so eine Sache. In der Regel wissen die Macher, dass sie außerhalb der ohnehin aufgebauten Liebhaberschaft kaum Jemanden ansprechen werden und können im Rahmen des Serienkosmos‘ einigermaßen freidrehen. Schließlich muss man keine neuen Figuren etablieren. Stattdessen kann man die Möglichkeiten ausnutzen, die so ein Sprung vom in Sachen finanzielle Mittel und Produktionsmöglichkeiten beschränkten TV auf die Leinwand so mit sich bringt. Bora Dagtekin hat das vor einigen Jahren ein wenig anders und doch identisch gehandhabt. Indem er die aus der Fernsehserie „Türkisch für Anfänger“ bekannten Figuren einfach in ein komplett neues Setting verfrachtet und die Geschichte somit nochmal auf eine ganz neue Art und Weise aufgedröselt hat, bot sich der „Türkisch für Anfänger“-Kinofilm auch für Einsteiger ziemlich gut an, um das erste Mal mit Lena, Cem und Co. in Kontakt zu kommen. An sowas wie dem „Stromberg“-Kinofilm wird man dagegen hauptsächlich Freude gehabt haben, wenn man die Spleens, Eigenheiten und Vernetzungen der bekannten Seriencharaktere über viele Jahre bereits mitverfolgt hat. Der „Berlin, Berlin“-Kinofilm nun findet sich irgendwo zwischen diesen beiden Beispielen, denn die Handlung spielt die meiste Zeit über gar nicht in Berlin, sondern im Harz, eine der wichtigsten Filmfiguren tauchte in der Serie bislang überhaupt nicht auf und es gibt gerade in der ersten halben Stunde derart viele Serienrückblenden, dass man den Ereignissen auch als Greenhorn mühelos folgen kann. Doch es hilft, Fan zu sein, denn sonst findet man wohl kaum irgendwas von den hier geschilderten Ereignissen, spannend, amüsant, geschweige denn richtig lustig.

Wo Lolle (Felicitas Woll) ist, da ist das Chaos meistens nicht allzu fern. Das merkt jetzt auch Dana (Janina Uhse).

Als „Berlin, Berlin“ am 5. März 2002 in der ARD auf Sendung ging, erwies sich die Serie schon kurze Zeit nach Start als echter Quotenbringer im öffentlich-rechtlichen Vorabend. Die Eskapaden des Landeis Lolle, das sich in der feschen Hauptstadt Berlin fortan vor allem mit amourösen Eskapaden auseinandersetzen musste, verfolgten Abend für Abend bis zu 16,6 Prozent der Zielgruppen-Zuschauer. Das Format wurde mit mehreren Branchenawards (unter anderem dem Deutschen Fernsehpreis) ausgezeichnet und in zig Länder verkauft. Ein Quotenbringer made in Germany – da war die künstlerische Entscheidung, die Serie trotzdem nach vier Staffeln zu beenden, gar nicht so selbstverständlich. Weshalb man das Ganze nun satte 15 Jahre nach dem Schlusspfiff noch einmal aufwärmen muss, erschließt sich einem nicht so ganz; 15 Jahre sind ja auch nur bedingt ein Anlass, um von einem Jubiläum zu sprechen, da hätte sich das Jahr 2022 schon viel eher angeboten. Aber sei es drum: „Berlin, Berlin – Der Film“ ist da und dürfte allein aufgrund seiner Existenz für all diejenigen glückselige Kinostunden bedeuten, die mit Lolle und ihren Mitstreitern aufgewachsen sind. Dass sich der Humor und die Art der Figureninteraktion eng an dem orientieren, womit sich die Serie derart viele Fans erarbeitet hat, mag auf der einen Seiten ein Zugeständnis an die Fans sein; Fanservice in Reinkultur also. Doch gerade dadurch merkt man der Vorlage im Umkehrschluss auch ihr Alter an. „Berlin, Berlin“ wäre heute kaum noch zeitgemäß. Der Film ist es dadurch erst recht nicht mehr.

Einer der humoristischen Grundpfeiler für „Berlin, Berlin“ war immer eine vorwiegend von Chaos-Stifterin Lolle ausgehende Albernheit, die von überzeichneten Figuren und nah am Overacting agierenden Schauspielerinnen und Schauspielern getragen wurde. Die von David Safier geschaffene Serie war keine Charakterstudie, aber ambitioniert inszenierte Zerstreuung ohne allzu viel inhaltlichen Ballast; immer noch tausendmal besser als gängige Seifenopern. Dass Regisseurin Franziska Meyer Price („Männerhort“) für den Film auf einen Großteil des bekannten Seriencasts zurückgreifen konnte – allen voran Felicitas Woll („Kein Sex ist auch keine Lösung“) als noch immer höllisch verplante Lolle – stellt schnell die bekannte Figurendynamik wieder her. Doch viel zu früh wirft der hier ebenfalls für das Skript verantwortliche David Safier diesen Pluspunkt über Bord. Jan Sosniok („Danni Lowinski“) spielt die meiste Zeit über nur eine eher theoretische Nebenrolle. Stattdessen konzentriert sich der Film auf Lolle und die neu eingeführte Figur der Dana, die in der Serie bislang nicht vorkam und hier mit einem dramatischen Background daherkommt, der sich arg mit den albern-anarchischen Comedy-Eskapaden der restlichen Handlung beißt. Für den Rest des Casts bleibt es bei kurzen Auftritten; ganz so, als wollte man dem Zuschauer ins Gedächtnis rufen, man habe das „Berlin, Berlin“-Ensemble von damals zwar nicht vergessen, wüsste nun aber auch nicht mehr so richtig was mit ihm anzufangen.

Einer der Lichtblicke: Detlev Buck in der Rolle des Richters.

Durch die Verlagerung der Handlung von Berlin in den Harz – die Umstände dessen sind derart konstruiert, dass das Genre der ohnehin arg realitätsverzerrten Komödien das einzige ist, in dessen Kontext man dies gerade so durchgehen lassen kann – gewinnt „Berlin, Berlin – Der Film“ an einer typischen Roadmovie-Dramaturgie. Lolle und Dana müssen irgendwie den Weg nach Hause finden und machen auf ihrer Reise Bekanntschaft mit merkwürdigen Kommunen, gefährlichen Tieren oder Armin Rohde („So viel Zeit“) als zwielichtigem Drogenkoch. Dabei wird das eigentlich irrwitzig hohe Tempo allzu häufig von unnötigen inszenatorischen Spielereien unterbrochen. Es ist wirklich fraglich, ob es heute noch Jemanden gibt, der einen in Zeitlupe inszenierten Starr-Wettstreit zu „Spiel mir das Lied vom Tod“-Gedächtnismusik witzig findet, oder darüber lachen kann, wenn zwei Männer einem wilden Bären ein Schlaflied singen, woraufhin der dann auch tatsächlich einschlummert. Doch nicht nur der altbackene Witz bremst „Berlin, Berlin – Der Kinofilm“ immer wieder aus. Auch die in ein wahrlich dramatisches Finale mündende Hintergrundgeschichte von Neuzugang Dana scheitert vollends darin, dem Schabernack auf der Leinwand wenigstens hintenraus ein wenig mehr Substanz zu verleihen. Da war es den Machern aber am Ende offenbar wichtiger, die wiederkehrenden Animationsfiguren (nicht wie in der Serien Zeichentrickfiguren) auch mal ins Realsetting zu übertragen. Hier hätten die Macher die Albernheit zu Gunsten der liebevollen Figureninteraktion gern ein wenig zurückfahren dürfen.

Fazit: „Berlin, Berlin – Der Film“ ist zweifellos Fanservice. Doch selbst eingefleischte Liebhaber des TV-Formats haben eigentlich Besseres verdient als diese weitestgehend ziel- und planlose Lolle-Odyssee, die einem eigentlich nur vor Augen führt, weshalb eine Serie wie diese heute wohl kaum noch funktionieren würde.

„Berlin, Berlin – Der Film“ wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.

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