25 km/h

In der Roadmovie-Komödie 25 KM/H schickt Regisseur Markus Goller ein Duo Infernale auf eine abenteuerliche Reise quer durch Deutschland. Die beiden Hauptdarsteller Lars Eidinger und Bjarne Mädel werden dabei zu einem schauspielerischen Ereignis. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

Nach 30 Jahren treffen sich die beiden Brüder Georg (Bjarne Mädel) und Christian (Lars Eidinger) auf der Beerdigung ihres Vaters wieder. Beide haben sich zunächst wenig zu sagen: Georg, der Tischler geworden ist und seinen Vater bis zuletzt gepflegt hat, und der weitgereiste Top-Manager Christian, der nach Jahrzehnten erstmalig zurück in die Heimat kommt. Doch nach einer durchwachten Nacht mit reichlich Alkohol beginnt die Annäherung: Beide beschließen, endlich die Deutschland-Tour zu machen, von der sie mit 16 immer geträumt haben – und zwar mit dem Mofa. Völlig betrunken brechen sie noch in derselben Nacht auf. Trotz einsetzendem Kater und der Erkenntnis, dass sich eine solche Tour mit über 40 recht unbequem gestaltet, fahren sie unermüdlich weiter. Während sie schräge Bekanntschaften machen und diverse wahnwitzige Situationen er- und überleben, stellen sie nach und nach fest, dass es bei ihrem Trip nicht alleine darum geht, einmal quer durch Deutschland zu fahren, sondern den Weg zurück zueinander zu finden.

Kritik

Wenn Schauspielerinnen und Schauspieler durch eine ganz bestimmte Rolle zu allgemeiner Bekanntheit geraten sind, werden sie meist auch noch viele Jahre später mit ebendieser in Verbindung gebracht. Bjarne Mädel kann davon ein Lied singen; obwohl er sich in Filmen wie „24 Wochen“ oder „1000 Arten den Regen zu beschreiben“ längst auch im ernsten Fach etabliert hat, wird er für viele immer der Ernie aus „Stromberg“ bleiben. Genauso ergeht es Lars Eidinger, der durch seine Engagements am Theater und später durch den Ausnahme-„Tatort“ „Borowski und der stille Gast“ gleichsam als „Irrer“ wie „Intellektueller“ gebrandmarkt wurde, was er allein in diesem Jahr mit seinen Performances in „Brechts Dreigroschenfilm“ (als Bertold Brecht) und Christian Alvarts Fitzek-Verfilmung „Abgeschnitten“ (als psychopathischer Serienkiller) zu unterstreichen wusste. Doch selbstverständlich umfasst das Rollenportfolio der beiden angesagten Darsteller noch viel mehr – dazu muss man sich nur Markus Gollers Roadmovie-Komödie „25 km/h“ anschauen, in der die beiden ein ungleiches Brüderpaar spielen, das nach dem Tod des gemeinsamen Vaters beschließt, einen Jugendtraum wahr werden zu lassen und mit zwei alten Mofas quer durch die Republik zu fahren. Markus Goller hat zuletzt die herzallerliebste Tragikomödie „Simpel“ inszeniert. Drehbuchautor Oliver Ziegenbalg schrieb unter anderem „Mein Blind Date mit dem Leben“ und „Frau Müller muss weg!“. In „25 km/h“ finden die Stärken aller drei Parteien – des Regisseurs, des Autors und der Darsteller – zusammen, aber hin und wieder leider auch die Schwächen des Co-Produzenten Tom Zickler, zu dessen bekanntesten Arbeiten die Kooperationen mit Til Schweiger gehören. Und das ist „25 km/h“ zwischendurch immer mal wieder anzumerken.

Christian (Lars Eidinger) und Georg (Bjarne Mädel) liefern sich eine Partie Tischtennis.

Bei einem Film, der vorzugsweise von zwei Personen handelt, ist es ganz entscheidend, dass man diesen beiden ihre Rollen abkauft. Bei „25 km/h“ kommt zusätzlich noch hinzu, dass man Lars Eidinger und Bjarne Mädel alias Christian und Georg glauben muss, dass die beiden sich ewig nicht gesehen haben und die brüderliche Verbindung die Zeit trotzdem überdauert hat. Es ist fraglich, ob der Film mit zwei anderen Schauspielern funktioniert hätte. Fakt ist aber, dass sich die durch ein ähnlich trockenes Humorverständnis und ein perfektes Gespür für Timing entstehende Chemie zwischen ihnen sehr schnell in Energie umwandelt. Das treibt die Komödie immer wieder an, auch wenn das Skript von Oliver Ziegenbalg ab und zu Längen aufweist und dem Film gerade zwischen den nach und nach abgeklapperten Roadmovie-Stationen immer mal wieder die Puste ausgeht. Normalerweise handelt es sich dabei um ein typisches Episodenfilm-Phänomen, doch auch „25 km/h“ leidet darunter, dass die Qualität der gesamten Geschichte stark schwankt; und zwar immer abhängig davon, wie amüsant und packend ebenjene Stationen geraten. Mal treffen Georg und Lars auf einen irren Fitnessfanatiker (Wotan Wilke Möhring in einer grandiosen Gastrolle), ein anderes Mal bandeln sie auf einem Fest mit zwei Frauen an (Alexandra Maria Lara und Jördis Triebel), was in ein sehr amüsantes Whirlpool-Bad mündet, bei dem alle vier sich endlich einmal ihren Frust ob der Gesamtsituation von der Seele schreien können. Das ist alles sehr pointiert geschrieben, klasse gespielt und strotzt nur so vor Authentizität. Doch dann sind da aber auch Momente, die viel klischeehafter sind, als es sein müsste; und das tut „25 km/h“ nicht gut.

Auch wenn der grobe Verlauf der von Georg und Christian anvisierten Route natürlich durchaus in der Realität vollzogen werden könnte (Dinge wie „einmal die komplette Karte bei einem Griechen bestellen und anschließend essen“ lassen sich schließlich von jedem tun, der Bock darauf hat), ist eine Geschichte wie diese häufig auf eine gewisse Konstruktion angewiesen. Insofern schauen wir erst einmal großzügig darüber hinweg, dass die beiden Männer eines Abends wie zufällig zwei Frauen kennenlernen, dank deren Hilfe sich der Punkt „Sex haben“ abhaken lässt. Genauso wie es den beiden natürlich sehr gelegen kommt, dass sie am Straßenrand zwei junge Menschen aufgabeln, die auf dem Weg zu einem Festival sind – irgendwas mit Drogen stand schließlich auch auf dem Plan. Je verkrampfter Ziegenbalg dafür sorgt, dass die Brüder all das erreichen, was sie sich vor der Abfahrt vorgenommen haben, desto unglaubwürdiger wird es. Viel spannender ist es eigentlich, den beiden Männern bei ihren vorsichtigen Annäherungsversuchen zuzuschauen, zu hören, wie sie einander in Erinnerungen schwelgen und sich gegenseitig davon erzählen, was sie in den letzten Jahren getrieben haben. Das ist zeitweise wirklich berührend. Etwa wenn Christian seinem Bruder beichtet, dass er einen Sohn im Teenageralter hat, den er nie wirklich kennenlernen konnte. Doch fast scheint es, als würden die Macher den subtilen Tönen ihres Films nicht vertrauen. Und so spitzen sich sämtliche Handlungsstränge bis zum Schluss dramatisch zu, sodass „25 km/h“ sich weitaus durchschnittlicher anfühlt, als es Details wie die authentischen Dialoge, die markante Charakterzeichnung der Protagonisten sowie die allesamt glaubhaft (und nicht etwa überspitzt) spleenigen Nebenfiguren andeuten.

Ingrid (Alexandra Maria Lara) und Ute (Franka Potente) haben sofort Interesse an den beiden Männern.

Dieser zweigeteilte Eindruck, bei dem dank des starken Spiels von Lars Eidinger und Bjarne Mädel (die beiden sollten ab sofort immer Brüder spielen!) der positive überwiegt, spiegelt sich auch in der Inszenierung wider. Kameramann Frank Griebe („Ein Hologramm für den König“) präsentiert zunächst fast zurückhaltende Bilder ohne jedweden Schnickschnack. „25 km/h“ sieht hochwertig aus und rechtfertigt allein aufgrund der Qualität in Ausleuchtung, Bildaufteilung und Schnitt eine Auswertung auf der großen Leinwand. Mehr braucht es da auch im deutschen Kino nicht. Dasselbe gilt für Komponist Andrej Melita („Unter deutschen Betten“), der das Geschehen subtil begleitet, dessen Klänge sich jedoch nie in den Vordergrund drängen. Doch mit fortlaufender Spieldauer mogeln sich immer mal wieder Szenen und Bildmontagen in den Film, die in ihrer Inszenierung regelrecht deplatziert wirken. Da holen die Verantwortlichen dann plötzlich generische Popsongs raus, mit denen sie das plötzlich in aufdringlicher Superzeitlupe eingefangene Geschehen überlagern – und das Ganze im dramatischen Gegenlicht der untergehenden Sonne. Was man normalerweise eher aus den handelsüblichen Schweiger-Komödien kennt (vor allem in den beiden „Kokowääh“-Filmen trieb er diese inszenatorischen Mechanismen bis auf die nahezu lächerliche Spitze), wirkt in der sonst so sympathisch-bodenständigen Komödie wie ein Fremdkörper und gibt lediglich auf billige Weise vor, was der Zuschauer in genau diesem Moment zu fühlen hat. Eine solche Emotionsanleitung hätte dieser Film gar nicht gebraucht. Gerade in den unaufgeregten Momenten ist „25 km/h“ nämlich am stärksten.

Fazit: „25 km/h“ ist ein über weite Strecken sehr sympathisches und amüsantes Roadmovie mit zwei bestens aufgelegten Hauptdarstellern. Zwischendurch mogeln sich allerdings immer mal wieder theatralische Bildmontagen in den Film, die der sonst so authentisch und bodenständig inszenierten Komödie für Minuten den Anstrich eines austauschbaren Schweiger-Blockbusters verleihen. Und das hätte Markus Gollers Regiearbeit echt nicht benötigt.

„25 km/h“ ist ab dem 1. November in den deutschen Kinos zu sehen.

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