Unter deutschen Betten

In der fetzigen Komödie UNTER DEUTSCHEN BETTEN zeigt sich Veronica Ferres von ihrer albernen Seite und mischt das Schlagerbusiness so richtig auf  – und punktet mit so viel Mut zur Uneitelkeit selbst bei Nicht-Fans. Mehr zum Film verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

One-Hit-Wonder Linda Lehmann (Veronica Ferres) träumt vom großen Aufstieg – und fällt tief! Das große Comeback…. geht richtig schief. Ihr Langzeit-Freund und Produzent Friedrich Berger (Heiner Lauterbach) hat sich nämlich nicht nur schon längst ein neues Sternchen geangelt, sondern generell die Nase voll von ihr und will auch ihre Songs nicht mehr produzieren. Kurz: Linda steht vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens. Niemand öffnet ihr mehr die Tür; die Einzige, die sich ihrer annimmt, ist ihre ehemalige Putzfrau, deren Namen Linda nicht mal kennt. Die Frau, die ihre Mitmenschen stets schlecht und von oben herab behandelt hat, muss nun mit Justyna Polanska (Magdalena Boczarska) putzen gehen. Aber nicht nur im Wohnzimmer! Die verwöhnte Linda entpuppt sich jedoch nicht nur als völlig ungeeignete Putzhilfe, sondern bekommt zwischen verschmutzten Toiletten und arroganten Musikproduzenten ordentlich ihr Fett weg und bringt mit ihren Star-Allüren richtig Chaos in Justynas Leben…

Kritik

Früher wurde die Schlagerbranche oft belächelt. So sehr, dass sich nicht wenige Sketchshows, Serien und Filme auf humoristische Weise an ihr abarbeiteten. Qualitative Höhepunkte im Kinosegment bildeten dabei die Heimatfilm-Nachdichtung „Im Weißen Rössl – Wehe du singst!“, die die Prinzipien solcher Produktionen wie „Blau blüht der Enzian“ ad absurdum fühlte, oder der Subplot in den beiden „Männerherzen“-Filmen rund um den abgehalfterten Show-Musiker Bruce Berger, wofür Schauspieler Justus von Dohnányi sogar mit dem deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Doch wer vordergründig über die heile Welt und ganz große Gefühle singt, ergibt sich hinter den Kulissen des hart umkämpften Business eine große Fallhöhe. Und so hört man regelmäßig davon, wie laut es innerhalb des Schlager-Showgeschäfts kracht. Das hat sich in den letzten Jahren zwar nicht geändert, dafür aber der Stellenwert der Musikrichtung, denn dank Interpretinnen wie Helene Fischer oder Andrea Berg, die sich Tickets für ihre (Stadion-)Touren schon mal 150 Euro kosten lassen, ist es mittlerweile en vogue, Schlager zu hören. Insofern ist Jan Fehses Komödie „Unter deutschen Betten“ kaum noch als Parodie auf das Metier zu erkennen und trotz bissiger Seitenhiebe auch gar nicht als solche zu verstehen. Wie jedes andere Business steht die Schlagerbranche hier stellvertretend für jede andere, in der nach Oberflächlichkeiten ausgesiebt wird.

Von ihrem Freund Friedrich (Heiner Lauterbach) erfährt Linda (Veronica Ferres) keinerlei Unterstützung mehr.

Dass der ursprünglich als Kameramann in der Filmbranche tätige Jan Fehse („Heiter bis wolkig“) in seiner Sachbuchverfilmung „Unter deutschen Betten“ der Schlagerbranche ebenso viel Platz einräumt, wie der eigentlich im Mittelpunkt stehenden Geschichte der fiktiven Putzfrau Justyna, wirkt zunächst unentschlossen. Doch mit der Zeit eröffnen sich dem Zuschauer erstaunliche Parallelen zwischen den beiden Leben der auf den ersten Blick schillernden Schlagerprinzessin und der weitaus weniger glamourösen Reinigungskraft. Das liegt in erster Linie an den beiden Hauptdarstellerinnen, die die Performances ihrer Figuren ähnlich anlegen: Hinter beiden Frauen steckt schließlich der Wunsch nach Anerkennung und die Hoffnung darauf, den schönen Schein zu wahren (nur, dass Linda ihren eigenen aufrecht zu erhalten versucht, während Justyna sich darum kümmert, dass ihre Auftraggeber das nicht selbst erledigen müssen). Aus dieser Prämisse heraus werden wir Zeuge, wie sich die beiden unterschiedlichen Frauen langsam annähern, ihre Vorbehalte der anderen Klientel gegenüber abwerfen und plötzlich erkennen, wie ähnlich ihre Probleme wirklich sind. Schließlich strebt jeder nach seinem ganz persönlichen Happy End, das gleichsam für jeden anders aussieht – eine zugegebenermaßen relativ seichte, wenn auch mannigfaltig auslegbare Botschaft, mit der es sich leicht identifizieren lässt.

In dem wochenlang in den Bestsellerlisten rangierenden Buch „Unter deutschen Betten – Eine polnische Putzfrau packt aus“ schildert eine bis heute anonym gebliebene, polnische Reinigungskraft ihre Erfahrungen als Putzfrau der Reichen und Schönen in Deutschland. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich der Sachbuchautor Holger Schlageter; wer hinter der Identität Justynas steckt, weiß niemand. In der Verfilmung erhält ebendiese Justyna nun aber ein Gesicht – mehr noch: in einem erzählerischen Schlenker erfährt der Zuschauer sogar, wie es die Notizen der Frau schließlich an die Öffentlichkeit geschafft haben. Gespielt wird Justyna indes von der gebürtigen Polin Magdalena Boczarska, die in ihrer Heimat ein Serienstar ist und hierzulande bislang noch nicht auf der großen Leinwand zu sehen war. Die unverbrauchte Attitüde der Darstellerin hat eine große Leichtigkeit zur Folge, wodurch sie selbst neben einem entfesselt aufspielenden Großkaliber wie Veronica Ferres („Salt and Fire“) mühelos besteht. Vor allem im Doppel fliegen den Frauen sämtliche Sympathien zu; und während Boczarska die Zurückhaltung ihrer Rolle ebenso glaubhaft rüberbingt, wie das sukzessive Auftauen gegenüber ihrer ehemaligen Chefin Linda, gefällt sich ihre Kollegen sichtbar darin, in „Unter deutschen Betten“ einfach mal so richtig die Sau rauszulassen.

Werden zu Partners in Crime: Linda und Justyna (Magdalena Boczarska).

Mit Ferres‘ Performance steht und fällt der Film, denn die Darstellerin sagt sich in „Unter deutschen Betten“ vollständig von ihrem seriösen Schauspielimage los – und dürfte damit selbst ihre Skeptiker gleichermaßen begeistern wie überraschen. Das bisweilen ein wenig zu überdrehte Skript hat in Kombination mit der enthemmten Mimin zwar manch peinlichen Rohrkrepierer zur Folge, etwa wenn die vollständig in Latex gekleidete Linda so lange in einer Hundeklappe stecken bleibt, bis sich der Gag längst erschöpft hat. Doch ihr Rollenprofil zwischen ungeheuer naiv, treudoof und exzentrisch kann derartige Fehlschläge später mühelos ausgleichen. Hier zeigt sich schließlich einmal mehr die Veronica Ferres‘ darstellerische Spannbreite; findet sie doch zumeist doch noch die Balance zwischen dem großen Lacher und der darunter verborgenen, subtilen Emotion. Damit sind ihre Linda und Justyna aber auch die einzigen Figuren, die in „Unter deutschen Betten“ nicht ausschließlich auf ihr Dasein als gezieltes Klischee reduziert werden. Unter den Randfiguren finden sich in erster Linie Stereotypen wie der schmierige Ex-Freund oder der karrieregeile Produzent. Passen tut das im Kontext trotzdem, um den Kern von „Unter deutschen Betten“ hervorzuheben: Zwischen den vielen Seitenhieben auf das von Neid, Missgunst und Geldfixiertheit zerfressene Schlagerbusiness (die vielen Dialoge zwischen Linda und ihren Bossen sind lediglich Aneinanderreihungen von leeren Worthülsen – hier wird Jemandem eben nur dann Honig ums Maul geschmiert, wenn man was von ihm will) geht es auch um den im System steckenden Zynismus. Schließlich ist man hier nur so lange zu gebrauchen, wie sie ihren Job erfüllen können.

Fazit: Jan Fehses auf dem gleichnamigen Sachbuch basierende Komödie „Unter deutschen Betten“ geht erzählerisch wenig Risiko ein und setzt an manchen Stellen zu sehr auf Klamauk. Trotzdem hat sie das Herz am rechten Fleck und besticht mit zwei Hauptdarstellerinnen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und gerade deshalb als Duo hervorragend funktionieren.

„Unter deutschen Betten“ ist ab dem 5. Oktober bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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