Battle of the Sexes

Die Regisseure von „Little Miss Sunshine“ präsentieren mit BATTLE OF THE SEXES die stimmungsvoll-authentische Nacherzählung eines der größten Sportevents aller Zeiten. Ob die ersten Andeutungen möglicher Award-Chancen verdient sind, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Die USA 1973: in einer aufgewühlten Zeit, in der durch die Frauenbewegung und die sexuelle Revolution das traditionelle Geschlechterverhältnis in Frage gestellt wird, entwickelt sich der Schaukampf zwischen der weltweiten Nr. 1 des Damentennis, Billie Jean King (Emma Stone), und dem Ex-Tennischampion und notorischen Zocker Bobby Riggs (Steve Carell) zum meist gesehenen Sportevent der Fernsehgeschichte – zum „Battle of the Sexes“, dem „Kampf der Geschlechter“, bei dem weltweit 90 Millionen Zuschauer mitfieberten. Doch während sich die beiden Rivalen inmitten der medialen Hysterie auf das Match vorbereiten, müssen sie weit komplexere Kämpfe mit sich selbst ausfechten. King, ein äußerst zurückhaltender Mensch, streitet nicht nur für Gleichberechtigung, sondern muss sich über ihre eigene Sexualität klar werden, als sie entdeckt, dass sie für ihre Vertraute Marilyn Barnett (Andrea Riseborough) mehr als nur Freundschaft empfindet. Und Briggs, einer der ersten Selfmade-Promis des Medienzeitalters, kämpft mit dem Dämon der Spielsucht, der sein Familienleben und seine Beziehung zu Ehefrau Priscilla beeinträchtigt.

Kritik

Die Sechziger- und Siebzigerjahre gelten als die Jahrzehnte der Frauenbewegung und sexuellen Befreiung. Das Verständnis davon, dass der Mann arbeitet und die Gattin daheim am Herd die Kinder hütet, wurde langsam aber sicher aufgebrochen, auch wenn Angehörige mancherlei politischer Gesinnung das bis heute nicht so recht wahrhaben wollen. Inmitten diese Zeit platzte eine der prestigeträchtigsten Sportveranstaltungen überhaupt – das „Battle of the Sexes“, der „Kampf der Geschlechter“, für das ein leidenschaftlicher Chauvinist und Tennisprofi eine der weltbesten Tennisspielerinnen zu einem Duell aufforderte, das er, eigenen Angaben zufolge, ohnehin nicht verlieren könne. Interessant: So frauenfeindlich und selbstverliebt sich der Sportler Bobby Riggs in der Öffentlichkeit auch gab, so sehr umwabert ihn bis heute eine Aura des Geheimnisvollen. War Riggs tatsächlich ein solch widerlicher Sexist, oder wusste er einfach nur gekonnt die PR-Maschinerie zum Kochen zu bringen, um dem Frauentennissport endlich jene Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen, die er zum damaligen Zeitpunkt verdiente? Auch nach dem verlorenen Match zeigte sich der Herausforderer als fairer Verlierer, verlor im Nachhinein kein einziges negatives Wort über seine ihm haushoch überlegene Kontrahentin und blieb noch lange nach dem Event in freundschaftlichem Kontakt mit Billie Jean King, die sich ihrerseits nie wieder schlecht über ihren Kontrahenten äußerte. Denn – da waren sich alle einig – zum Gewinner wurde letztlich vor allem das Publikum. Und das wiederum trifft auch auf den Film zu, den die „Little Miss Sunshine“-Regisseure Jonathan Dayton und Valerie Farris als ebenso charmante wie melancholische Tragikomödie im authentischen 70s-Stil aufziehen.

Bobby Riggs (Steve Carell) und Billie Jean King (Emma Stone) werden für eine kurze Zeit zu den größten Rivalen der Welt.

Um die Tragweite der Geschehnisse in „Battle of the Sexes“ zu verstehen, muss man sich gar nicht besonders detailliert mit der Tennisgeschichte auseinandergesetzt haben. Bereits in einer der ersten Szenen lassen uns die Regisseure an einer Diskussion darüber teilhaben, was für eine riesige Lücke zwischen den Gehältern der männlichen Tennisspieler, und jenen der weiblichen klafft. Das ist in diesem Moment zwar nicht sonderlich subtil, denn Drehbuchautor Simon Beaufoy („Everest“) flechtet diese Erkenntnisse nicht beiläufig in den Dialog mit ein, sondern präsentiert sie dem Publikum wie auf dem Silbertablett. Doch sie sind nötig, um die Ausgangslage genau einzuordnen: Tatsächlich bekamen die Männer um ein Vielfaches mehr Preisgeld, als ihre weiblichen Kolleginnen – mit der Begründung, der Reiz, an einem Tennismatch zuzuschauen, wäre bei den Männern nun mal höher, als bei den Frauen und so seien die Preise letztlich auf das Ticketkaufverhalten des Publikums zurückzuführen. Wie sich bereits an dieser Stelle die argumentative Katze in den Schwanz beißt, legt die resolute Billie Jean King kurz darauf unverblümt offen: Wenn man ihr und ihren Geschlechtsgenossinnen nicht die Möglichkeit gibt, in ähnlich großem Umfang und zu ähnlich attraktiven TV-Ausstrahlungszeiten zu spielen, wird man sich nie auf Augenhöhe mit den Männern begeben können. So drängt sich diese Diskussion zu Beginn zwar fast mit dem Vorschlaghammer auf, entwickelt sich gleichermaßen aber auch zu einem Paradebeispiel für die tonale Ausgewogenheit innerhalb der Erzählung, die sich von einer Opfer-Täter-Rollenverteilung vollkommen lossagt. Das Skript nimmt sich die Zustände der damaligen Zeit vor und analysiert sie – sucht Lösungsansätze, ohne mit dem Zeigefinger auf Jemanden zu zeigen. Das mag auf den ersten Blick nahezu weichgespült klingen, doch um die anderorts durch Melodramatik und das Forcieren der Probleme betonte Tragweite der Geschehnisse hervorzukehren, nutzen die Macher hier die Figuren selbst und ihr emotionales Innenleben, wodurch „Battle of the Sexes“ ein Film wird, dessen Aussagekraft sukzessive ansteigt.

Parallel zu den Vorbereitungen auf das Tennismatch betrachtet „Battle of the Sexes“ auch die Privatleben der beiden Gegenspieler und zeichnet sie so konträr wie möglich. Die zurückhaltende Billie Jean King ist ganz auf ihren Sport konzentriert (in einer sehr berührenden Szene nimmt ihr damaliger Ehemann Larry (Austin Stowell) Kings spätere Ehefrau Marilyn zur Seite und versucht, ihr zu erklären, dass für Billie immer der Sport an erster Stelle stehen wird), während sich Bobby Riggs seit seiner Sportlerkarriere dem Glücksspiel verschrieben hat. Für die beiden ist der Kampf der Geschlechter nicht bloß ein Beweis der eigenen Sportfähigkeiten, sondern auch ein emotionaler Befreiungsschlag und der erste Schritt in Richtung Selbsterkenntnis. Für Billie steht und fällt mit dem Erfolg beim Battle auch das private Glück; denn obwohl sie ausgerechnet mit ihrem Ehemann bereits einen äußerst toleranten, die wahren Umstände ihrer sexuellen Ausrichtung längst erahnten Partner an ihrer Seite hat, traut sie sich erst mit dem Gewinn des Spiels, den Weg in eine homosexuelle Beziehung zu gehen. Dieses erzählerische Wechselspiel aus persönlichem Background und sportlicher Vorbereitung gestaltet sich auf beiden Seiten den Charaktertypen entsprechend: Dem fixierten, konzentriert eingefangenen Training steht der große, öffentlichkeitswirksame und fast schon verspielt inszenierte Auftritt Bobby Riggs gegenüber, der das Spiel mit dem berichterstattenden Feuer hervorragend beherrscht und genau weiß, womit er Aufmerksamkeit auf sich zieht. Gleichermaßen findet „Battle of the Sexes“ so auch zu einer absolut ausgewogenen Mischung aus komischen wie tragischen Momenten; die Szenen mit Riggs sind schon allein aufgrund ihrer Absurdität oft zum Brüllen lustig, während sich in der intensiven Betrachtung von Billie Jean King die Stärke der beeindruckenden Tennisspielerin mit dem moralischen Dilemma im Inneren zu einer komplexen Persönlichkeit vermischt.

Zärtlich entwickelt sich die Liebesgeschichte zwischen Billie Jean King und ihrer Stylistin Marilyn (Andrea Riseborough).

Ein solch personengetriebener Film würde allerdings kaum funktionieren, hätten das Regieduo nicht die richtigen Darsteller auf seiner Seite. Emma Stone („La La Land“) und Steve Carell („Foxcatcher“) sehen ihre realen Vorbildern nicht bloß optisch erstaunlich ähnlich. Sie haben auch die Bewegungen und Gesten (insbesondere im Falle des exzentrischen Bobby Riggs) hervorragend verinnerlicht. Während Stone den emotionalen Zwiespalt ihrer Figur gekonnt auf die Leinwand bringt, schafft es ihr Kollege, ebenjene Faszination für den schnell künstlich überzeichnet wirkenden Riggs aufrecht zu erhalten, indem er in den entscheidenden intimen Momenten gekonnt zurückfährt. Der Bobby Riggs in „Battle of the Sexes“ ist genau der undurchsichtige Zeitgenosse, der er auch in Wirklichkeit war – und Billie Jean King strotzt von der ersten bis zur letzten Sekunde gleichermaßen vor zur Schau gestelltem Selbstbewusstsein und innerer Schüchternheit. Eingebettet ist der Film in einen authentischen Siebzigerjahrelook. Nicht bloß die Inszenierung des schnell einfältig wirkenden Tennisspiels gelingt Kameramann Linus Sandgren („La La Land“) mithilfe punktgenauer Perspektiven und einer präzisen Schnittarbeit famos; vor allem das Design mitsamt Ausstattung, Farbgebung und Kostümen sprüht nur so vor Seventiesflair. Wüsste man es nicht besser, so könnte man „Battle of the Sexes“ glatt für einen Film ebenjener Dekade halten. Dabei auf plumpe Nostalgie zu verzichten und das Gezeigte einfach für sich stehen zu lassen, ist ganz große Kunst, die sicherlich die Chance auf den einen oder anderen Filmpreis der anstehenden Saison haben könnte.

Fazit: „Battle of the Sexes“ fängt das Flair der Siebzigerjahre hervorragend ein und gibt einen ebenso unterhaltsamen wie persönlichen Blick auf eines der spektakulärsten Tennismatches aller Zeiten – und ein Erfolgserlebnis für gelebte Gleichberechtigung.

„Battle of the Sexes“ ist ab dem 23. November in den deutschen Kinos zu sehen.

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