Es war einmal Indianerland

In seiner flirrenden Außenseiterballade ES WAR EINMAL INDIANERLAND ergründet Regisseur Ilker Çatak das Seelenleben eines verliebten Teenagers und schwankt dabei zwischen Kreativität und Langeweile – mehr dazu verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Stell dir vor, du (Leonard Scheicher) bist 17 und lebst in den Hochhäusern am Stadtrand. Die Luft flimmert: Sommer. Dann die Nacht, als Jackie (Emilia Schüle) dir den Kopf verdreht. Im Freibad, Fuchsrotes Haar. Stell dir vor, wie dir die Funken aus den Fingern sprühen vor Glück. Und Peng. Dir fliegt die Welt aus den Angeln: Zöllner (Clemens Schick) erwürgt seine Frau. Edda (Johanna Polley), die 21-jährige aus der Videothek, stellt dir nach. Du steigst mit Kondor (Joel Basman) in den Ring. Immer wieder meinst du, diesen Indianer zu sehen. Und zum Showdown zieht ein geradezu biblisches Gewitter auf. Fühlt es sich so an – das Abenteuer, jung zu sein?

Kritik

Der unstete Hormonhaushalt pubertierender Teenager fasziniert Regisseure rund um den Globus so sehr, dass sie sie in ihren Filmen regelmäßig durch die Hochs und Tiefs des Erwachsenwerdens jagen. Dabei geht es quer durch alle Genres und das manchmal sogar innerhalb eines einzelnen Filmbeitrages. So auch im Falle des zwischen Komödie und Drama changierenden, mit Mystery-Elementen und Thriller-Einschüben versehenen „Es war einmal Indianerland“, dem neuesten Film des gebürtigen Berliners Ilker Çatak, der 2014 für seinen Kurzfilm „Wo wir sind“ für den Studenten-Oscar nominiert war. Sein neuestes Projekt stellt gleichermaßen sein Langfilmdebüt dar und kann, auch dank Çataks prestigeträchtiger Vorarbeit, auf eine beachtliche Menge namhafter deutscher Darsteller blicken: Neben Emilia Schüle („High Society“), Clemens Schick („Stille Reserven“) und Bjarne Mädel („Magical Mystery“) überzeugen aber vor allem jene Schauspieler, von denen man bislang kaum etwas bis gar nichts mitbekommen hat – darunter Leonard Scheicher („Finsterworld“) als das Geschehen zusätzlich aus dem Off kommentierende Hauptfigur Mauser und die schlicht umwerfend-natürliche Johanna Polley, die in ihrem Kinoeinstand mühelos in der Lage ist, nicht bloß Mauser, sondern vor allem dem Publikum den Kopf zu verdrehen.

Mauser (Leonard Scheicher) und Kondor (Joel Basman) kurz vor dem Kampf.

Hauptfigur Mauser spricht den Zuschauer direkt an und fragt ihn, wie er in dieser oder jener Situation reagieren würde. In Wirklichkeit erzählt er jedoch von sich in der zweiten Person und wägt in seinem Handeln Risiken und Gefahren ab. Das Publikum wird direkt in das Geschehen hineingezogen, auch wenn es sich an diesen ungewöhnlichen Voice-Over erst einmal gewöhnen muss. Wenn dieses Erzählmittel anderswo dafür genutzt wird, um den Betrachter an den Gedanken der Figuren teilhaben zu lassen, erfährt der Zuschauer hier eigentlich eher Dinge, die er direkt auf der Leinwand sieht und entsprechend gar nicht zusätzlich erklärt bekommen bräuchte. Doch dann sind die ersten 15 Minuten um und die an „Der Nachtmahr“ erinnernde Szenerie einer riesengroßen, nächtlichen Poolparty bei dröhnendem Sound und flirrenden Stroboskoplichtern wird im nächsten Moment zurückgespult – und wir erfahren, was Mauser zu jenem, alles entscheidenden Moment führte, in dem er sein Herz an die verführerische Jackie verlor. Im Zuge dieser Rückblende erfahren wir vom sozialen Umfeld des sympathischen, wenn auch kantigen Außenseiters; er ist Boxer, hat ein gespaltenes Verhältnis zu seinem Vater und ein noch weitaus schwierigeres zu seiner ihn bevormundenden Stiefmutter, lernt im Kiosk nebenan ein charmantes Mädchen namens Edda kennen und trifft regelmäßig auf die Bullys und Rowdys seines Viertels, mit denen er sich längst arrangiert hat. Doch damit nicht genug: Auch abseits der Figurenkonstellation versieht Drehbuchautor Nils Mohl dieses Kosmos mit diversen Ideen und Details abseits ausgetretener Pfade und Klischees, sodass es trotz der unkonventionellen Erzähl- und Inszenierungsweise zu keinem Zeitpunkt infrage steht, dass Mauser und sein Umfeld hier genau so leben könnten, wie es in der Fiktion erzählt wird.

Bei dieser einen Rückblende zu Beginn bleibt es nicht; immer wieder springt „Es war einmal Indianerland“ zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her, fokussiert einerseits das Hier und Jetzt und reichert es andererseits mit Blicken in die Vergangenheit an, sodass manche im Vorbeigehen getätigten Aussagen schließlich ihren notwendigen Handlungsrahmen erhalten – etwa wenn ganz zu Beginn erwähnt wird, dass Mausers Vater gerade seine Ehefrau umgebracht hat und erst in der zweiten Hälfte näher darauf eingegangen wird. Leider wird genau diese dann zum Problem, denn während der Film in der ersten Dreiviertelstunde hervorragend die Wirren von Mausers Gefühlsleben nachzeichnet, seine aufkeimenden Gefühle für die geheimnisvolle Jackie mitreißend ausformuliert und mithilfe der wiederum Interesse an Mauser hegenden Edda ein unkonventionelles Beziehungsdreieck entsteht, verliert sich „Es war einmal Indianerland“ mit der Verlagerung des Fokus auf Edda und Mauser in generischen Bahnen, zumal einige – insbesondere symbolische – Fragmente der Handlung nicht näher erläutert werden. So bleibt etwa der immer wieder plötzlich auftauchende Indianer bis zuletzt ein zwar vielfältig auslegbares, jedoch nie greifbares Puzzleteil in diesem Konstrukt aus diversen Bausteinen, durch die das Geschehen zwar nie langweilig, aber irgendwann sogar verwirrend wird, denn auch worauf all das hinaus läuft, bleibt bis zuletzt nur eine fahrige Andeutung.

Edda (Johanna Polley) moechte das überfahrene Wildschwein bestatten.

Trotzdem ist „Es war einmal Indianerland“ ein (deutscher) Filmbeitrag, auf den man in diesem Jahr unbedingt einen Blick werfen sollte. Wenngleich Ilker Çatak seinem mitunter überladenen Geflecht aus mystisch überhöhter, romantischer Lovestory, spannungsgeladenem Boxerdrama und Crime-Film nicht so recht zu vertrauen scheint – anders ließe es sich nicht erklären, weshalb er in der zweiten Hälfte plötzlich geradeaus und unter Zuhilfenahme konventioneller Mittel erzählt – ist sein „Es war einmal Indianerland“ im Detail so etwas ganz Anderes, als das, wovon das hiesige Kino sonst geprägt ist. Darunter fällt nicht bloß der fast schon futuristische Stilwillen, der vor allem deshalb mutig ist, da Çatak gezielt mit den Sehgewohnheiten bricht. Es ist auch die assoziative Erzählung und die elektrisierende Bildsprache, die seine Geschichte zu einer solchen macht, die sich ganz klar im Jahr 2017 verorten lässt und dabei trotzdem zeitlos ist. Die Besetzung fügt sich dem pulsierenden Beat des Films und stellt sich ganz in seinen Dienst: Emilia Schüle als unnahbare Traumfrau, Clemens Schick als unberechenbare Vaterfigur und Leonard Scheicher, der sich – wie der Zuschauer auch – in diesem Wirrwarr, das er Leben nennt, zurechtzufinden versucht. „Es war einmal Indianerland“ schaut sich wie cineastisches Experiment, das auslotet, wie viele verschiedene Einflüsse sich innerhalb eines einzelnen Films unterbringen lassen. Auf dieser Basis eine Coming-of-Age-Geschichte zu erzählen, ist da eigentlich nur konsequent.

Fazit: Im Rausch des Erwachsenwerdens – „Es war einmal Indianerland“ steckt voller kreativer Einflüsse und Ideen, denen Regisseur Ilker Çatak jedoch nicht immer Herr wird. An seiner Vision, eine unkonventionelle Teenager-Geschichte erzählen zu wollen, ändert das jedoch nichts. Sein Film ist ein Erlebnis, dem man inszenatorische Schwächen verzeiht.

„Es war einmal Indianerland“ ist ab dem 19. Oktober in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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