Overdrive

Das „Fast & Furious“-Franchise bietet seit Jahren das Non plus Ultra für Fans rasanter Auto-Action, doch was tun, wenn gerade kein neuer Teil in Planung ist? Dann begnügt man sich eben mit zweitklassiger Ware wie OVERDRIVE, die jedoch nicht zwingend weniger Spaß machen muss, als das große Vorbild. Warum, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Die beiden draufgängerischen, charismatischen Brüder Andrew (Scott Eastwood) und Garrett Foster (Freddie Thorp) sind als Autodiebe Meister ihres Fachs. Dabei haben sie es aber nicht auf irgendwelche Autos abgesehen, sondern lediglich auf die ganz exklusiven und hochpreisigen Sammlerstücke. Als eingespieltes Team kennt ihre Abenteuerlust und Risikobereitschaft keine Grenzen. Auf der Suche nach neuen Herausforderungen an der Französischen Riviera geraten sie jedoch mit dem lokalen Gangster Jacomo Morier (Simon Abkarian) in Konflikt, dessen ebenso rare wie unbezahlbare Autokollektion als Beute lockt. Doch Morier entpuppt sich als unberechenbarer Gegenspieler: Die beiden Brüder sollen ihr begnadetes Talent unter Beweis stellen, indem sie ihm in kürzester Zeit ein besonderes Auto seines Erzfeindes Max Klemp (Clemens Schick) organisieren. Ein Wettlauf gegen die Zeit mit überraschenden Wendungen und viel Adrenalin beginnt.

Kritik

Der ganz große Durchbruch ist Regiseur Antonio Negret bislang noch nicht gelungen. Zu seinen bekanntesten Arbeiten gehören die Inszenierungen einiger „Arrow“- und „Legends of Tomorrow“-Episoden, doch die große Leinwand blieb dem kolumbianischen Filmemacher bislang vorenthalten. Im Falle seines Actionspektakels „Overdrive“ finden sich die großen Namen also eher in zweiter Reihe; als Produzent fungierte mit Pierre Morel nämlich der Inszenator von „96 Hours“, „From Paris With Love“ oder „The Gunman“ – ein paar der erfolgreichsten europäischen Actionfilme jüngerer Geschichte, die den großen Vorbildern aus den USA in nichts nachstehen; weder in der Inszenierung, noch von der Besetzung her. Allein in den oben genannten Beispielen geben sich Liam Neeson, Sean Penn und John Travolta die Klinke in die Hand. „Overdrive“ findet sich am ehesten auf dem Niveau des letztgenannten Genrebeitrages wieder – solide, aber nicht besonderes. Dafür gibt es immerhin vor der Kamera ein wenig was zu gucken. Scott Eastwood („Fast & Furious 8“) scheint sich im Actionfilm wohl zu fühlen, Clemens Schick („Stille Reserven“) gibt wieder einmal den deutschen Vorzeige-Exportschurken und die Damen Ana de Armas („War Dogs“) und Gaia Weiss („The Legend of Hercules“) sehen nicht einfach nur gut aus, sondern erweisen sich auch als absolut fähig im Umgang mit den PS-starken Oldtimern.

Coole Autos, waghalsige Stunts – „Overdrive“ ist ein PS-starkes Spektakel.

„Overdrive“ beginnt mit einem Highlight: Die beiden Hauptfiguren Andrew und Garrett klauen in einem halsbrecherischen Manöver einen sauteuren Oldtimer bei voller Fahrt aus dem Transporter des anvisierten Opfers – und trotz des sich später noch als deutlich schmaler denn bei vergleichbaren US-Produktionen herausstellenden Budgets kommt bei uns der Eindruck auf, dass das selbst ein James Bond nicht besser gemacht hätte. Der Filmauftakt wird zu einer wahren Freude für Liebhaber experimentell inszenierter, cooler und – vor allem – handgemachter Action, an der sich die CGI-Orgien eines „Fast & Furious“ ein Beispiel nehmen können. In „Overdrive“ mögen zwar keine Autos aus Hubschraubern fliegen oder U-Boote durch die Luft, doch wenn man einmal beobachtet, mit was für einem Aufwand hier allein der aller erste Beutezug inszeniert, dann ist das vollkommen egal. Beide Arten der Actionfilminszenierung lassen das Adrenalin des Zuschauers in die Höhe schnellen, und solange die Macher von „Overdrive“ an ihrem handgemachten Look festhalten, ist es lediglich der austauschbare Inhalt, der den Film daran hindert, vollständig an Fahrt aufzunehmen. Doch je näher der Film seinem Ziel kommt, desto häufiger schmuggeln sich kleine Holprigkeiten in die Inszenierung. Dass das Budget nicht dafür ausreichte, wirklich alle Stunts und Explosionen in echt nachzustellen, sieht man gerade dem Finale an. Davon einmal abgesehen, punktet „Overdrive“ jedoch immer wieder auf visueller Ebene, denn indem sich die Diebesbande ausschließlich auf ganz besondere Autos und Oldtimer spezialisiert, bekommt man als Zuschauer auch mal etwas Anderes zu sehen, als die ewig gleichen PS-starken Sportflitzer.

Doch nicht nur die Wahl der Vehikel lässt „Overdrive“ frischer wirken, als er es (vor allem erzählerisch) eigentlich ist. In jüngerer Vergangenheit bewiesen Filme wie das „Transporter“-Reboot oder auch „Collide“, dass es eine echte Abwechslung sein kann, wenn sich Gut und Böse einmal nicht in den Vereinigten Staaten, sondern in ganz anderen Länder duellieren. Im Falle von „The Transporter Refueled“ bildete die französische Riviera die Kulisse für halsbrecherische Manöver, in „Collide“ wählte man ausgerechnet die Köln aus, um sich in vollem Tempo gegenseitig durch die Stadt zu jagen. In „Overdrive“ spielt sich die Handlung nun erneut vor der sonnengetränkten Kulisse Frankreichs ab, doch noch hat sich das Setting nicht überholt. Immer wieder scheint es sogar so, als seien die Hauptdarsteller Scott Eastwood und Freddie Thorp („The Head Hunter“) selbst total angetan von der Szenerie – und das überträgt sich auf den Zuschauer. Von Clemens Schick ganz zu schweigen, der in Schurkenrollen mittlerweile zwar immer die gleiche Performance abzuliefern scheint, das dann aber auch tatsächlich mit ganzem Herzblut ausfüllt. Keiner hat einen solch durchdringenden „Ich kill Dich“-Blick drauf, wie der gebürtige Tübinger.

Andrew (Scott Eastwood) erhält von seinem Erzfeind Max Klemp (Clemens Schick) ein interessantes Angebot.

Doch so ganz außer Acht lassen, kann man die Geschichte (Drehbuch: Michael Brandt und Derek Haas) nun mal nicht. Gemeinsam ballert, cruist und schwadroniert sich die gut aufeinander eingespielte Darstellertruppe durch einen Plot, der nicht der Rede wert ist, wenn man als Zuschauer in den vergangenen Jahren auch nur irgendeinen halbwegs gelungenen Vertreter aus dem Actionkino gesehen hat. Die Ausgangslage um zwei Autodiebe, die an einen Bösewicht geraten, der mit ihnen einen Deal aushandelt, damit diese noch einmal mit dem Leben davonkommen, ist so abgegriffen und ausgelutscht, dass man nicht einmal versucht, die Geschichte mit überraschenden Wendungen zu spicken. Lediglich einem kleineren Twist in Bezug auf die Figurenkonstellation ist es zu verdanken, dass „Overdrive“ auf der Zielgeraden kurz die Dreißigerzone verlässt, um das Finale über die Schnellstraße zu beginnen. Um Euch nicht den letzten Rest an Unvorhersehbarkeit zu rauben, wird Genaueres an dieser Stelle natürlich nicht verraten. Immerhin ist es später schon früh genug die sich ein wenig zu sehr in den Fokus rückende Lovestory zwischen Andrew und Stephanie, die das gerade erst angezogene Tempo direkt wieder drosselt. So ist Antonio Negret mit seinem Leinwanddebüt ein klassischer Style-over-Substance-Vertreter gelungen, doch wir sind uns sicher: Mit einem komplexeren Skript steht dem Neuling eine große Zukunft im Filmgeschäft bevor. Ein gutes Auge hat er ja schon mal.

Fazit: „Overdrive“ ist ein handwerklich gut gemachter Actionreißer, bei dem tatsächlich Dinge explodieren und Autos in die Luft fliegen dürfen – nur eben eine Nummer kleiner als bei „Fast & Furious“ und Co. Entsprechend gestaltet sich der Film dann auch nur leidlich unterhaltsam, denn trotz einer guten Chemie im Cast bleibt die Handlung auf recht austauschbarem Thriller-Niveau.

„Overdrive“ ist ab dem 29. Juni bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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