Whitney – Can I Be Me

In der ergreifenden Musikdoku WHITNEY – CAN I BE ME über die begnadete Soulsängerin Whitney Houston iefern zwei erfahrene Dokumentarfilmer das leidenschaftliche Porträt einer Ikone ab, irgendwo zwischen Seifenoper, Heroisierung und tragischem Tatsachenbericht. Mehr dazu in meiner Kritik.

Darum geht’s

Whitney Houston war ein Ausnahmetalent mit einer glockenhellen Stimme über drei Oktaven, sie war wunderschön und mit mehr aufeinanderfolgenden Nr.-1-Hits als die Beatles unglaublich erfolgreich – und doch starb sie schon mit 48 Jahren an einer Überdosis. Dokumentarfilmer Nick Broomfield und der Kultmusikvideo-Regisseur Rudi Dolezal versuchen in bislang unveröffentlichten Aufnahmen sorgfältig zu rekapitulieren, welche Kräfte Whitneys Karriere verkürzten und 2012 zu ihrem Tod mit 48 Jahren führten. Seien es Rassismus, Religion, Drogen, Sexualität, Selbstzweifel, die Forderungen ihrer Eltern und der Industrie, eine problematische Ehe, die von den Medien ausgeschlachtet wurde – die beiden Regisseure durchleuchten alles.  Sie liefern das Bild einer bemerkenswerten Frau, die zahlreichen Zwängen ausgesetzt war und mit großer Menschlichkeit versuchte, sich um alle zu kümmern.

Kritik

Das Schicksal der vor fünf Jahren mit gerade einmal 48 an einer Drogen-Überdosis verstorbenen Soulsängerin Whitney Houston („I Wanna Dance With Somebody“, „Unbreak My Heart“) ist eines von vielen tragischen, das die moderne Musikgeschichte in den vergangenen Dekaden hervorgebracht hat. Dem berühmten 27-Club ist sie nicht beigetreten, doch glaubt man der Musikerdoku „Whitney – Can I Be Me“ wäre es kein Wunder gewesen, wäre sie schon in einem solch frühen Alter – im wahrsten Sinne des Wortes – von der Bühne abgetreten. Diversen Nummer-eins-Hits, ausverkauften Konzerten und Millionen von verkauften Schallplatten zum Trotz, hat die zu Lebzeiten auch als Schauspielerin tätige Musikerin nie ein zufriedenes Leben geführt. Auch Houston verfiel früh den strengen Auflagen des Musikbusiness, hatte zunächst mit Rassismus-, später mit Identitätsproblemen und zu guter Letzt mit Rauschmitteln wie Drogen und Alkohol zu kämpfen, denen sie schließlich auch zum Opfer fiel. Wie es jedoch schon Angehörige in „Whitney – Can I Be Me“ mehrfach wiederholen, ist eine Sache fast noch tragischer, als der furchtbare Verlauf von Houstons Karriere- und Lebensweg: nämlich die Tatsache, dass sich heute kaum mehr einer an ihre Erfolge, sondern bevorzugt an die Ereignisse dahinter erinnert. Nick Broomfield (inszenierte auch die Kurt-Cobain-Dokumentation „Kurt & Courtney“) und Rudi Dolezal (drehte zuletzt das Falco-Porträt „Falco – Die ultimative Doku“) wählen in „Can I Be Me“ nun den solide Mittelweg. Ihr Film befasst sich gleichsam mit Whitney Houstons Karriere, als auch ihrem Privatleben und lässt passend dazu diverse Menschen aus ihrem Umfeld zu Wort kommen.

Außenstehende betrachteten Whitney Houstons Beziehung zu Bobby Brown schon früh mit Skepsis.

Natürlich ist es schwer, bei einem solchen Schicksal wie jenem von Whitney Houston all das Verstörende außer Acht zu lassen, das gleichermaßen auch einen großen Einfluss auf das hatte, womit die gebürtige New Jerseyerin Ende der Siebzigerjahre anfing, ihr Geld zu verdienen. Zumal sie eben nicht bloß damit die Schlagzeilen beherrschte. Ausblenden kann man die privaten Eskapaden der Musikerin also schwer, sofern man die ganze Bandbreite ihres Lebenswerkes einfangen möchte. „Whitney – Can I Be Me“ macht es richtig: Die Regisseure betrachten beide Seiten gleichermaßen, begeben sich dabei allerdings nicht auf das widerliche Niveau einer reißerischen Nabelschau, sondern stellen Zusammenhänge her und verknüpfen Houstons Karriere mit den dazugehörigen Umständen. So war etwa Houstons nahestehende Bekannte Robyn Crawford nicht nur in der Position als beste Freundin an Whitneys Seite, sondern auch als wichtigste Assistentin, aus deren Beziehung sich gleichermaßen große Probleme mit Houstons späterem Ehemann Bobby Brown ergaben. Nick Bromfield und Rudi Dolezal entspinnen vor den Augen des Publikums das komplizierte Beziehungsgeflecht der Sängerin und Schauspielerin und legen dabei auch Informationen frei, von denen Nicht-Fans vermutlich noch nie etwas gehört haben. Wie sehr Houston zum Beispiel unter den medialen Vorwürfen zu leiden hatte, feindlich als homosexuell abgestempelt zu werden (was sich im Umkehrschluss wiederum auf ihre Performances und Leidenschaft auf der Bühne auswirkte), gehört zwar zu den unbekanntesten Kapiteln in Whitney Houstons leben, findet hier jedoch ähnlich viel Beachtung wie das weitaus bekanntere Kapitel um ihre ungesunde Beziehung zu Bobby Brown.

Doch Broomfield und Dolezal lassen nicht bloß das zum Teil bislang unveröffentlichte Bildmaterial für sich sprechen, sondern lassen auch nahestehende Menschen aus Whitneys damaligem Umfeld aus heutiger Sicht zu Wort kommen. Damit läuft „Whitney – Can I Be Me“ hier und da doch Gefahr, in eine boulevardeske Berichterstattung abzudriften, denn allzu oft sind die Äußerungen der Interviewpartner reine Spekulation. Ob Manager, Freunde oder Familie: Viele ausgesprochene Worte entbehren jedweder Beweise und funktionieren im Kontext ausschließlich als (zugegebenermaßen naheliegende) Schlussfolgerung. Wenn sich die Doku hier und da in privaten Details verliert, kommt man nicht umher, zu verstehen, weshalb Whitney Houston am Musikgeschäft zugrunde ging; denn während sie sich heute nicht mehr dagegen wehren kann, wie über sie und ihr Schicksal berichtet wird, war es ihr selbst zu Lebzeiten nicht möglich, gegen unangenehme Berichterstattung vorzugehen. Trotzdem halten sich die Betrachter bei ihrer Analyse im Rahmen: Abseits der musikalischen Heroisierung – die, seien wir einmal ehrlich, auch nicht unangebracht ist – bleiben die abseits davon stattfindenden Spekulationen in einem realistischen Rahmen. Objektive Berichterstattung sieht immer noch anders aus, doch „Whitney – Can I Be Me“ ist trotzdem immer noch weit davon entfernt, sich auf Kosten der Protagonistin Skandale und wilde Theorien zusammen zu spinnen.

Bobby Brown und Whitney Houston traten irgendwann auch gemeinsam auf.

Das in „Can I Be Me“ verwendete Material konzentriert sich nach einer kurzen Einführung in den Beginn von Houstons Karriere hauptsächlich auf die Zeit der großen Touren, bei der Whitneys körperliche und seelische Verfassung der Qualität der Bühnenshows gegenüber gestellt wird. Man kann dem Abfallen von Whitney Houstons Leistungsfähigkeit förmlich zusehen; während die Sängerin zu Beginn ihrer Karriere noch vor Euphorie, Enthusiasmus aber auch einem Hauch liebenswerter Naivität strotzt („Wenn ich tot bin, möchte ich einfach nur, dass die Menschen mich als netten Menschen in Erinnerung behalten!“), beginnt der Erfolg nach und nach, die Unbedarftheit der Sängerin zu beeinflussen. Musik und Show rücken in den Hintergrund, private Probleme dominieren ihren Alltag. „Whitney“ verwendet gleichermaßen angenehm wenig Zeit über das wohl bedauerlichste Kapitel in Whitney Houstons Leben; nur kurz werden die Bilder aus ihrer Drogenküche eingeblendet, die nach der Todesmeldung um die Welt gingen. Immer wieder betonen Freunde die Warmherzigkeit ihrer Person, sodass sukzessive der Eindruck entsteht, eine solch zarte Persönlichkeit musste zwangsläufig im knallharten Musikgeschäft zugrunde gehen. Direkt anklagend wird der Film dabei nie, doch der Filmtitel „Can I Be Me“ spricht gleichermaßen Bände – denn hätte man Whitney Houston einfach sie selbst sein lassen, dann wäre sie jetzt vielleicht noch am Leben.

Fazit: Die kurzweilige Dokumentation „Whitney – Can I Be Me“ bleibt in seinem Porträt von Whitney Houston zwar nicht vollständig objektiv, doch trotz der teils spekulativen Betrachtung ihres privaten Schicksals spürt man doch die Ehrfurcht der Regisseure, die sie ihrer legendären Hauptfigur entgegenbringen.

„Whitney – Can I Be Me“ ist seit dem 8. Juni in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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