Volt

Volt

Stell Dir vor, anstatt Willkommenskultur folgt auf die Flüchtlingskrise das Bilden von Slums, die Polizeigewalt erreicht willkürliche Ausmaße und die Grenzen zwischen Recht und Unrecht verschwimmen. Ein solches Bild zeichnet der Crime-Thriller VOLT von Tarek Ehlail. Mehr dazu in meiner Kritik.Volt

Der Plot

Die Flüchtlingskrise war nur der Anfang. In naher Zukunft hat Deutschland Transitzonen an seinen Grenzen errichtet. Tausende Flüchtlinge warten in großen Lagern. Auf Einbürgerung – oder ihren Rücktransport. Längst wurden die Menschen in den rechtsfreien Slums sich selbst überlassen. Die Situation brodelt, droht ständig zu eskalieren. Brachiale Polizeikorps halten die wütenden Transits auf Abstand. In den Reihen der staatsübergreifenden Einsatzkommandos steht auch Volt (Benno Fürmann), der im nächtlichen Einsatz eine folgenschwere Tat begeht: Volt tötet den Flüchtling Hesham (Tony Harrisson). Das Verbrechen bleibt zeugenlos, doch aufkeimende Schuld beginnt ihn zu zerfressen, treibt Volt zunehmend und immer tiefer in die Welt seines Opfers – bis in die Arme von LaBlanche (Ayo), der Schwester des Toten. Er beginnt ihr zu folgen. Zuerst als Retter, dann als Freund. Doch immer als Lügner. Tagsüber als Polizist an der Frontlinie, nachts auf der anderen Seite. Volt muss sich entscheiden, auf welcher Seite er steht, denn die Unruhen in Folge seiner Tat beginnen zu eskalieren…

Kritik

Eines lässt sich Regisseur und Drehbuchautor Tarek Ehlail („Gegengerade“) gewiss nicht absprechen: Mut. Wo sich seine Landsleute wie Detlev Buck („Bibi und Tina – Tohuwabohu total!“) oder Simon Verhoeven („Willkommen bei den Hartmanns“) darin bemühen, ein möglichst versöhnliches Bild der Flüchtlingskrise zu zeichnen, nutzt der gebürtige Hamburger die Thematik, um auf ihrer Basis eine knallharte Dystopie zu entwickeln. Das Ergebnis ist der französisch-deutsche Crime-Thriller „Volt“, benannt nach seiner Hauptfigur. Der von Benno Fürmann („Nordwand“) gespielte Bulle – um sich direkt am Vokabular des Films zu orientieren – gehört einer Hundertschaft an, die regelmäßig für Zucht und Ordnung in einer sogenannten Transitzone sorgen soll, in der Tausende von Flüchtlingen darauf warten, entweder abgeschoben oder eingebürgert zu werden. Was diesen Volt so besonders macht, ist nur schwer greifbar. In erster Linie ist er nur unweit weniger abgefuckt, als seine polternden, gewissenlosen Kollegen, für die Machtausübung längst wichtiger geworden ist, als eine Beruhigung der brodelnden Situation in den gewaltbereiten Slums. „Volt“ erinnert an eine Mischung aus „District 9“, „Sicario“ und düsteren Fernsehkrimis, doch so richtig zusammen findet all das nicht. Nicht zuletzt, weil bei einer derart düsteren Weltanschauung zwangsläufig ein bitterer Beigeschmack zurück bleibt.

Text

Die Polizisten auf der einen, die Flüchtlinge auf der anderen Seite…

„Volt“ ist in erster Linie eines: dunkel. Als würde die Prämisse an sich die finsteren Zukunftsaussichten nicht schon zur Genüge unterstreichen, etabliert Tarek Ehlail respektive sein Stamm-Kameramann Mathias Prause (arbeitete auch schon in „Gegengerade“ mit dem Regisseur zusammen) einen Stil, wie man ihn sonst eher von einem Nicolas Winding Refn („The Neon Demon“) gewöhnt ist. Ein Großteil der Szenen spielt sich bei Nacht oder in den dunklen Katakomben der Transitzone ab. Selbst bei Tage sind die Jalousien in sämtlichen Gebäuden konsequent heruntergelassen. Künstliches Licht spenden Neon-Röhren, wobei „Neon“ hier Programm ist. Mit seinen grellen Gelbtönen, die „Volt“ konsequent zu einer fiebrigen Atmosphäre verhelfen, erinnert Ehlails Film erst recht an internationale Produktionen wie Denis Villeneuves Drogenthriller „Sicario“; zumal sich diese beiden Werke auch von der depressiven Weltsicht her nur wenig unterscheiden. In „Volt“ gibt es kein Gut und kein Böse mehr. Wenn die Polizisten eine ihrer vielen Razzien in den Transitzonen durchführen, herrschen Zustände, wie man sie mitunter aus den USA kennt; Begriffe wie „Nigger“, „Blacky“ oder „Weißbrot“ fallen hier ganz selbstverständlich und ohne Hemmungen. Und wenn man sich einmal die Bilder aus den Flüchtlingslagern in Griechenland oder dem französischen Calais in Erinnerung ruft, sind ihre fiktiven Pendants hier nur noch minimal von der Realität entfernt.

Sich unter diesen Voraussetzungen auf die Hauptfigur Volt einzulassen, ist nicht einfach. Benno Fürmann spielt seinen Volt mit viel Inbrunst und Aufopferungsbereitschaft, doch Sympathien für ihn aufzubringen, fällt schwer. Der Grund: Kaum eine der hier dargestellten Figuren – weder auf Seiten der Polizisten, noch auf der Seite der Flüchtlinge – scheint so etwas wie ein Verständnis für Moral und Anstand zu besitzen. Die Fronten sind verhärtet und wenn in der zweiten Hälfte des Films gar auf Folter zurückgegriffen wird, um die Machtverhältnisse der Polizei wieder ins rechte Licht zu rücken, ist man als Zuschauer davon kaum mehr schockiert. In „Volt“ scheint nahezu Niemand mehr irgendein Gewissen zu haben. Wenn der Protagonist beschließt, an den grenzwertigen Machenschaften der Polizei nicht mehr mitwirken zu wollen, scheint diese Entscheidung ohnehin nur ein Tropfen auf den heißen Stein zu sein. Genauso auf der anderen Seite des Zaunes: Die Geflüchteten bleiben bis auf eine Ausnahme eine gesichtslose, pöbelnde und sich selbst verteidigende Masse, was angesichts der hier dargelegten Zustände verständlich ist, aber nicht dazu beiträgt, dass neben Verständnis auch noch Sympathien für sie aufgebracht werden könnten. Das Skript suhlt sich in seiner Ausweglosigkeit. Gleichzeitig besitzt Tarek Ehlail ein gutes Auge dafür, genau diese Ausweglosigkeit an den Zuschauer heranzutragen. Visuell, akustisch und mit den richtigen erzählerischen Wendungen versehen, ist „Volt“ zwar ungemütlich aber definitiv atmosphärisch – ob der Zuschauer sich darauf einlassen möchte, bleibt jedoch allein ihm überlassen.

Text

Optisch kann „Volt“ durchweg überzeugen…

Zu Beginn von „Volt“ entnehmen wir einer Einblendung, dass die folgenden Ereignisse „in naher Zukunft“ stattfinden. Genauer lässt sich das Geschehen in Ort und Zeit dann auch nicht verorten. Wir erfahren weder, wo genau sich in Deutschland diese Transitzonen befinden, noch, wie weit das Geschehen von der heutigen Zeit entfernt ist. Entsprechend wenig greifbar gestaltet sich die Geschichte, zumal „Volt“ abseits der gleichnamigen Hauptfigur mit wenigen Charakteren bestückt ist, mit denen man sich näher auseinandersetzen möchte und kann. Anna Bederke („LenaLove“), die hier ein wenig klischeehaft als einzige Frau in der Hundertschaft agiert, versieht ihre Bea noch am ehesten mit dem Wunsch nach Frieden und Sicherheit, steht ihren toughen Kollegen aber in nichts nach, wenn es darum geht, ordentlich auszuteilen. Ansonsten kann sich der Cast zwar sehen lassen (neben Bederke sind auch Schauspieler wie Stipe Erceg, André Hennicke sowie Kida Khodr Ramadan dabei), doch leider bekommen die Darsteller kaum die Gelegenheit, sich durch besondere Taten hervor zu spielen. Erst, als sich Volt auf der Zielgeraden mit seiner das Geschehen in Gang bringenden Tat auseinandersetzt und sogar versucht, Buße zu tun, erhält der Film ein Stückweit Herz und Emotionalität. Doch vermutlich ist das dann schon wieder zu viel des Guten – immerhin soll die Welt in „Volt“ ja eine solche sein, in der genau das nicht mehr existiert.

Fazit: An „Volt“ überzeugt in erster Linie die technische Aufmachung. Der düstere Crime-Thriller strahlt eine fiebrige Atmosphäre aus, mit der sich Regisseur Tarek Ehlail auch vor internationaler Konkurrenz nicht zu verstecken braucht. Ob man sich hingegen auf ein Filmerlebnis einlassen möchte, das so vollkommen ohne Hoffnung oder sympathische Figuren auskommt, steht auf einem anderen Blatt.

„Volt“ ist ab dem 2. Februar in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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