Another Me – Mein zweites Ich

Seit „The Sixth Sense“ haben es sich viele Fime zu Eigen gemacht, ihrem Publikum Twists als Auflösung zu präsentieren. Filmemacher lieben es, ihr Publikum in die Irre zu führen und die Story ganz anders zu beenden, als man es sich zunächst vorgestellt hat. Blöd wird das nur dann, wenn derartige Vorhaben schlicht nicht funktionieren, weil ebenjener Twist meilenweit gegen den Wind zu riechen ist. So auch bei ANOTHER ME – MEIN ZWEITES ICH, dem ersten Ausflug ins Jugendmystery-Genre seitens der katalanischen Kunstfilmerin Isabel Coixet. Lest in meiner Kritik, warum Ihr Euch den Eintritt für den Film sparen könnt. 

Der Plot

Teenagermädchen Fay (Sophie Turner) hat seit frühsten Kindstagen mit Albträumen zu kämpfen. Doch erst, seit ihr Vater tödlich erkrankt ist, scheinen diese unheimlichen Nachtgespinster Einzug in ihren Alltag zu erhalten. Seit einiger Zeit wird Fay offenkundig von einem bösen Zwilling verfolgt. Da nur sie diesen zu sehen scheint, muss sich Fay allein der Frage stellen, ob ihr ihr eigener Verstand einen Streich spielt, oder von der geheimnisvollen Unbekannten eine reelle Gefahr ausgeht. Je näher das Mädchen dem Geheimnis auf die Schliche kommt, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen den zwei jungen Frauen…

Kritik

Ein jeder Horrorfan erinnert sich wohl noch zu gut an seine ersten Berührungen mit dem Genre. Sei es die verbotene Videokassette des großen Bruders, die berüchtigte FSK-18-Abteilung im Elektrofachhandel oder die bedrohliche Off-Stimme, die den minderjährigen Zuschauer vor dem nachfolgenden Fernsehprogramm warnt; all diese Ereignisse können auf genau zwei Arten enden: Entweder, man fühlt sich von der dunklen Materie angezogen, oder sucht alsbald das Weite. Gerade jüngere Zuschauer, die sich erst langsam an die horrende Filmsparte herantaseten möchten, lassen ihre wachsende Leidenschaft gern in weniger harten Genreproduktionen aufkeimen und verlassen sich auf Filmstoff, der einen sukzessive mit den Horrormechanismen vertraut macht. Klassiker wie „Blair Witch Project“, „Poltergeist“ oder „Rosemaries Baby“ entwickeln ihren Schrecken schleichend aber stetig, ohne sich extremer Schocks zu bedienen oder gar besonders blutig zu sein. Auch Filme wie der von Kritikern umjubelte Mysterythriller „The Sixth Sense“ spielen vorsichtig mit dem Unbehagen des Zuschauers und eignen sich somit vortrefflich als Einstiegsmaterial für Horror-Anfänger. Vermutlich ließe sich das neueste Werk der katalanischen Indie-Regisseurin Isabel Coixet („Das geheime Leben der Worte“) auf diese Weise noch am wohlwollendsten betrachten. Ihr um Doppelbödigkeit bemühter Teenie-Thriller „Another Me – Mein zweites Ich“ folgt so strikt den gängigen Schemata konventioneller Mysterystreifen, das ein Blick auf den Trailer genügt, um sich Handlung, Verlauf und Schlussakt korrekt vorzustellen. Das gewöhnt die Neulinge zwar ideal an das Schaudern auf Knopfdruck, Kreativität sieht  allerdings anders aus.

Isabell Coixet kramt für ihre Inszenierung von „Another Me“ all das hervor, was man als Filmemacher vermutlich dann lernt, wenn man sich einmal intensiv damit beschäftigt, über welche Faktoren und Reize die Entstehung von Grusel funktioniert. Schemenhafte Gestalten im Spiegel, unheilvolle Nachrichten an der Hauswand oder plötzlich ausgehendes Licht auf schier endlosen Korridoren: All das, was man in diversen Horrorproduktionen nicht schon vielfach (besser) gesehen hat, packt die Filmemacherin aus und flechtet es in eine Story ein, die in ihrer stoisch geradeaus erzählten Weise banaler kaum sein könnte. Wenngleich der Zuschauer ohne Kenntnis des Trailers noch nicht zwingend weiß, worauf genau „Another Me“ zu Beginn eigentlich hinaus will, nimmt Coixet dem Seherlebnis zunächst damit die Spannung, indem sie ihre Charaktere gefühlt im Minutentakt den Verlauf des Geschehens herunterbeten lässt, um offenkundig zu verhindern, dass dem Publikum auch nur das kleinste Detail der Geschichte entgeht. Doch spätestens, wenn einer der Protagonisten den vermeintlich unvorhersehbaren Plottwist nach etwa der Hälfte der Laufzeit verrät, verliert sich „Another Me – Mein zweites Ich“ in unfreiwilliger Komik und der Zuschauer darin, über solch einen lieblosen Umgang mit dem Spannungsaufbau den Kopf zu schütteln. Ist es zu Anfang immerhin amüsant, der überraschungsarmen Story dabei zuzusehen, wie diese tatsächlich jeden noch so kleinen Punkt auf der „Dadurch-wird-mein-Film-gruselig“-Skala abhakt, interessieren die Umstände des Plots in Ermangelung sympathischer Charaktere kaum.

Zugegeben: Vor allem die mittlerweile durch „Game of Thrones“ bekannt gewordene Sophie Turner, die in „Another Me“ ihr Schauspieldebüt gab, passt optisch hervorragend in die Rolle der verängstigten Außenseiterin Fay. Dies hängt nicht damit zusammen, dass Turner in diesem Film besonders unattraktiv daherkäme. Vielmehr ist ihr verführerisch-toughes Antlitz wie gemacht für jugendaffine Mysteryproduktionen dieses Schlages. Somit reiht sich das aufstrebende Hollywood-Beauty in eine Reihe starker Frauenfiguren der Marke Jennifer Lawrence und Sheilene Woodley ein; dass sie dadurch wiederum eher wenig in das Profil der ihr zugeteilten Rolle passt, steht auf einem anderen Blatt. Auch ein Love Interest für Fay darf genrekonform nicht fehlen. Im Falle von „Another Me – Mein zweites Ich“ schlüpft Disney-Channel-Star Gregg Sulkin („Die Zauberer von Waverly Place“) in diese dankenswerte Rolle. Tatsächlich entwickelt sich zwischen den beiden Teenies eine zarte Romanze, deren recht unkomplizierter Verlauf durchaus zur Identifikation für das Zielpublikum einlädt. Wenn sich Fay und Drew in die Augen schauen, sprüht es wahre Funken. Als dritte, wichtige Figur erweist sich Jonathan Rhys Meyers‘ Verkörperung des Schauspiellehrers John, dessen Sympathien man sich weder auf, als auch vor der Leinwand entziehen kann. Obgleich seine Figur immer wieder droht, zu sehr in Richtung Charmebolzen abzudriften, findet Meyers ein feines Gespür für Balance und gestaltet seinen John äußerst menschlich.

Diese kleinen Hoffnungsschimmer in der Besetzung können allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Another Me – Mein zweites Ich“ in jeder Hinsicht leere Luft ist. Zwar könnte man meinen, dass der Regisseurin zwar ein wenig inspirierter, dafür aber wenigstens gruseliger Genrebeitrag gelungen ist, doch trotz des vermehrten Zurückgreifens auf vermeintliche Schock-Provokateure will ihr erster Ausflug ins Mainstream-Kino zu keiner Sekunde zünden. Zwar gelingt Kameramann Jean-Claude Larrieu („Molière auf dem Fahrrad“) durchaus ein visuell ansehnliches Schauerstück, das mit all seinen Schattenspielen und Spiegelsequenzen („Black Swan“ lässt grüßen!) das Potenzial hat, weniger horrorerfahrenes Publikum ansatzweise zu verstören. Doch ohne jeden ersichtlichen Grund, vermutlich aber deshalb, um es sich mit der anvisierten Zielgruppe nicht zu verscherzen, schraubt die Regisseurin den Suspensegehalt ihrer Verfilmung so drastisch herunter, dass so etwas wie eine horrende Atmosphäre schlicht nicht entstehen kann. Unter seiner sterilen HD-Fassade von „Another Me – Mein zweites ich“ wird jede Emotion im Keim erstickt. Was bleibt, sind Darsteller, die trotz ihres sichtbaren Engagements nicht dagegen anspielen können, dass Isabel Coixet im düsteren Genrekino nicht gut aufgehoben ist.

Fazit: „Another Me – Mein zweites Ich“ schaut sich wie die weichgespülte Demo einer Horror-Seifenoper und verkauft dem erfahrenen Publikum einen schon vielfach da gewesenen Twist wie eine überraschende Neuentdeckung. Gänsehautfaktor ungenügend!

„Another Me – Mein zweites Ich“ ist ab dem 4. September in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

Erschienen bei Quotenmeter.de