Labor Day

Die Story offenbart bei genauerem Hinsehen einige oberflächliche Lücken. Wenn Kate Winslet ankündigt „stärker zu sein, als man glaube“ und Brolin daraufhin entgegnet, „daran keine Zweifel zu haben“, schrammt „Labor Day“ schon mal ganz knapp am typischen Rosamunde-Pilcher-Schmonzetten-Kitsch vorbei. Erst recht dann, wenn Brolins Charakter sogar ankündigt, „noch einmal 20 Jahre ins Gefängnis zu gehen“, wenn er dafür „nur noch drei Tage mit seiner Angebeteten verbringen“ könne. Doch zum Naserümpfen laden derartige romantische Geständnisse vor allem deshalb nicht ein, weil das Publikum zu keinem Zeitpunkt an den Gefühlen der beiden Protagonisten zweifelt. Josh Brolin und Kate Winslet legen mit ihrer Performance solch eine Tiefe in die Charaktere, dass die auch ab und an ein wenig zu schwülstig ausfallende Liebesschwüre nicht in unfreiwillige Komik abrutschen. Eine anderorts sogar als „Pfirsich-Porno“ bezeichnete, zugegebenermaßen äußerst ausladende Szenerie, in der die nach und nach zur Familie zusammenwachsende Zweckgemeinschaft einen Kuchen backt, steht stellvertretend für die Schwächen, welche die Darsteller mit ihren Stärken auszugleichen wissen.

Frank (Josh Brolin) erweist sich als hilfsbereit und umgänglich.

Während es wohl am ehesten von der persönlichen Kitsch-Schmerzgrenze des Publikums abhängt, welch emotionale Bandbreite besagte Kuchen-Szene entfaltet, offenbart eine andere wiederum die ganz großen Stärken von „Labor Day“. Wenn Josh Brolin den behinderten Nachbarsjungen im Rollstuhl durch den Garten fährt und ihm – augenscheinlich zum allerersten Mal – die Faszination der Natur näherbringt, wird „Labor Day“ für einige Minuten zu „Jason Reitman und wie er die Welt sieht“. Der Regisseur schafft es mithilfe von Kameramann Eric Steelberg („Juno“), das Besondere im Alltäglichen einzufangen. Ob die durch die Baumwipfel lukenden Sonnenstrahlen, das daraus resultierende Schattenspiel oder das Konzentrieren auf die faszinierenden Mimiken der von der Umgebung beeindruckten Charaktere: Derartige Schwelgereien sind von solch einer ehrlichen Intensität, dass es melancholische Musikuntermalung oder dergleichen gar nicht braucht. In diesen Momenten macht Reitman die stellenweise auftretenden, dramaturgischen Schwächen ungeschehen.

Fazit: Während die Inszenierung des Films nicht rundum perfekt ist, gestalten die grandiosen Darsteller ihn beachtlich intim. Vielleicht ist „Labor Day“ gerade dadurch das bislang emotionalste Werk Jason Reitmans.

„Labor Day“ ist ab dem 8. Mai in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

Erschienen bei Quotenmeter.de

Meine TV-Kritik zum Film