Ein Minecraft Film
Ein weiteres Videospielphänomen bekommt seinen eigenen Film: EIN MINECRAFT FILM ist auf der einen Seite eine Ode an die grenzenlose Fantasie, aber gleichzeitig durchzogen von einem Anarcho-Humor, dessen anvisierte Zielgruppe sich nie so richtig erschließt. Das macht das Endergebnis zu gleichen Teilen faszinierend und frustrierend.
Darum geht’s
Neue Stadt, neues Glück: Henry (Sebastian Hansen) und seine Schwester Natalie (Emma Myers) sind nach dem Tod ihrer Mutter auf sich gestellt. Doch die Geschwister haben so ihre Probleme, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden. Da kommt Henry seine Zufallsbegegnung mit dem ehemaligen Videospiele-Champion Garrett „The Garbage Man“ Garrison (Jason Momoa) gerade recht. Dieser rettet Henry nicht nur aus einer misslichen Lage in der Schule, sondern findet sich auch schon bald zusammen mit ihm in einer fremden Welt wieder. Diese wurde einst von Steve (Jack Black) erschaffen, der in der sogenannten Oberwelt sein eigenes Reich errichtet hat, es jetzt allerdings mit gefährlichen Schweinen aufnehmen muss. Durch einen Zufall landen hier nicht nur Henry und Garrett, sondern auch seine Schwester und eine zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort auftauchende Immobilienmaklerin (Danielle Brooks), die fortan gemeinsam mit Steve gegen die bösen Schweine, aber auch Zombies und andere finstere Gestalten kämpfen müssen…
Kritik
„Minecraft“ ist ein Spiel der Superlative. Bis November 2024 konnte das Game mehr als 300 Millionen Verkäufe für sich verbuchen und gilt mit aktuell 176 Millionen aktiven Nutzerinnen und Nutzern als das erfolgreichste Videospiel aller Zeiten. 2019 zählte das Game sogar eine Gesamtspieler:innenzahl von knapp einer Milliarde! Kein Wunder also, dass sich Microsoft die Rechte an „Minecraft“ im Jahr 2014 satte 2,5 Milliarden Dollar kosten ließ. Eine Verfilmung zum weltweiten Phänomen schien da also nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Davon, ob diese ihr Budget von, im Anbetracht dieser Zahlen ja geradezu läppischen 150 Millionen US-Dollar wiedereinspielt, darf da natürlich auf jeden Fall ausgegangen werden. Daher hat „Ein Minecraft Film“ auch gleich zwei Post-Credit-Szenen, von denen die eine sehr klar eine Fortsetzung ankündigt. Wer nun aber glaubt, das Leinwandabenteuer muss für einen Erfolg die gängigen Blockbuster-Konventionen erfüllen, der hat die Rechnung ohne den Regisseur Jared Hess gemacht. Im Indie-Kino ein wenig bewanderte Fans dürften da hellhörig werden: Hess‘ Off-Beat-Anarcho-Humor hat Filmen wie „Napoleon Dynamite“ zum Kultstatus verholfen und prägt nun auch den Witz des „Minecraft“-Films ganz elementar – was durchaus an der eigentlichen Zielgruppe vorbeigeht.

Henry (Sebastian Hansen), seine Schwester Natalie (Emma Myers) und die Maklerin und Zoobesitzerin Dawn (Danielle Brooks).
„Du dürftest mir auch gerne mal den Deckel öffnen und deinen Sack reinstopfen“ – das ist kein Zitat aus einem drittklassigen Pornofilm, sondern ein Satz, der in „Ein Minecraft Film“ in genau dieser Form vorgetragen wird. Und zwar von Jennifer Coolidge, bekannt als Milf aus den „American Pie“-Filmen und in den letzten Jahren vor allem durch ihre Rolle in „The White Lotus“ gefeiert. Es ist ihre direkte Art der Anmache an Garrett „The Garbage Man“ Garrison, den Jason Momoa („Aquaman“) mit Hang zum eskalierenden Wahnsinn verkörpert. Und ganz sicher nicht die letzte sexuelle Anspielung in „Ein Minecraft Film“. Wer Momoas weirde Performance im letzten „Fast & Furious“-Film schon als zu drüber empfunden hat, der wird seinen Augen nicht trauen, dass sich auf diese Form des Gaga-Schauspiels noch drei Schippen drauflegen lassen. Aber es ist eben dieser ganz spezielle Over the Top-Humor jenseits irgendwelcher Geschmäcker oder Konventionen, für den Jares Hess bekannt ist. Und es ist tatsächlich mal ganz erfrischend, zu sehen, dass sich ein Indie-Filmer in seiner Stilistik nicht wirklich einschränken braucht, bloß weil er da gerade an einem Multi-Millionen-Studioprojekt Hand anlegen darf. Davon können Filmemacher:innen wie Chloé Zhao („Eternals“), Sam Raimi („Dr. Strange in the Multiverse of Madness“) oder Marc Webb („Schneewittchen“) ein Lied singen.
„Das Sandbox-Survival-Spiel schöpft seinen Reiz vor allem aus den unbegrenzten (Bau-)Möglichkeiten, in denen man sich als Spieler:in sehr leicht verlieren kann. Alles kann passieren – was letztlich auch ein Stückweit die Devise des Films ist.“
In „Ein Minecraft Film“ dominiert vor allem die Anarchie. Und zwar auf zwei Arten. Die eine Seite der Medaille: Die ungezügelte Attitüde des Films spiegelt letztlich auch das Konzept von „Minecraft“ wider. Denn das Sandbox-Survival-Spiel (das je nach Quelle auch schon mal als Action-Adventure-Game beschrieben wird) schöpft seinen Reiz vor allem aus den unbegrenzten (Bau-)Möglichkeiten, in denen man sich als Spieler:in sehr leicht verlieren kann. Alles kann passieren – was letztlich auch ein Stückweit die Devise des Films ist. Was auch bedeutet, dass ein Teil der Anarcho-Komik über die Köpfe des ganz jungen Publikums hinwegrauschen dürften. Etwa wenn einer von Henrys Klassenkameraden erzählt, sein Vater halte „Mathe für einen Fake“, ein sonst nichts zur Story beitragender Subplot rund um ein Date der von Jennifer Coolidge gespielten Schulleiterin, oder auch eine (viel zu lange) Szene, in der sich Jack Black und Jason Momoa zu einem „Manwich“ (= Männer-Sandwich) zusammenlegen müssen, um gemeinsam einen engen Felsspalt zu durchdringen. Nicht ohne Blacks abschließende Bemerkung, für den Notfall immer einen Gorgonzola in der Hosentasche zu haben… warum auch immer.
Davon abgesehen machen die Kreativen nicht allzu viel aus dem Open-World-Spieleprinzip. Die von Steve geschaffene Welt besteht von Anfang an. Lediglich eine Rückblende lässt die Dimensionen des Spielmodus auch für ein die Vorlage nicht kennendes Publikum erahnen. Was nicht bedeutet, dass nicht trotzdem alles – jedes Utensil, jede Figur, jeder Spielzug – im Film so auch in der Vorlage existiert. Zu entdecken gibt es in „Ein Minecraft Film“ also gerade für die Gamer:innen eine ganze Menge. Doch da ist ja auch noch die andere Seite der Medaille. Denn wo die Anarchie dem Humor in seiner Unberechenbarkeit sehr guttut, wirkt die Story – sofern man sie überhaupt so nennen möchte – äußerst willkürlich. Zwar dominiert auch hier der Gedanke, dass ja eigentlich zu jedem Zeitpunkt alles passieren kann. Das hat auf inhaltlicher Ebene allerdings vor allem damit zu tun, dass die Geschichte als solches vollkommen gleichgültig ist. Die Ausgangslage einer bunt zusammengewürfelten Truppe, die in einer Fantasiewelt von A nach B nach C kommen muss, erinnert stark an „Jumanji“, doch die einzelnen Story-Etappen in „Ein Minecraft Film“ unterliegen keinerlei Dramaturgie. Das geht sogar so weit, dass die Fünfergruppe eine Actionsequenz gemeinsam bestreitet, das Geschehen dabei allerdings so unübersichtlich ist, dass man im Nachhinein gar nicht mehr rekapitulieren kann, weshalb sich die Gruppe in der nächsten Szene eigentlich in zwei Gruppen aufgeteilt hat.
„Die Story – sofern man sie überhaupt so nennen möchte – wirkt äußerst willkürlich. Zwar dominiert auch hier der Gedanke, dass ja eigentlich zu jedem Zeitpunkt alles passieren kann. Das hat auf inhaltlicher Ebene allerdings vor allem damit zu tun, dass die Geschichte als solches vollkommen gleichgültig ist.“
Dass das Fünferensemble aus Jack Black („Gänsehaut“), Jason Momoa, Sebastian Hansen („Just Mercy“), Emma Myers („Wednesday“) und Danielle Brooks („Orange is the New Black“) über einen längeren Zeitraum gar nicht zusammen auf der Leinwand zu sehen ist, ist derweil schade. Denn gerade die Chemie zwischen den Hauptdarsteller:innen ist es, die einen trotz der egalen Story immer noch an den Figuren dranbleiben lässt. Ihre Charakterzeichnungen bleiben dabei äußerst rudimentär. Jede und jeder von ihnen besitzt ein bis zwei Fähigkeiten, die auf der Reise irgendwann noch einmal wichtig werden. Trotzdem drückt man dem Quintett schon allein aufgrund der Sympathie für ihre Figuren die Daumen. Denn natürlich müssen im Laufe der 100 Filmminuten auch noch böse Schweine, Zombies und natürlich der Ender Man bezwungen werden, was oftmals übrigens ziemlich düster ausfällt. Die FSK-Freigabe ab 12 Jahren trägt der Film daher nicht ohne Grund. Wenn niedliche Schweinekinder gegrillt oder den Untoten die Gliedmaßen abgerissen werden, dann sind das durchaus harte Szenen – egal ob nun in der bewährten „Minecraft“-Optik oder nicht. Und apropos Optik: Der zu weiten Teilen in Studiosets (und eben nicht nur vor Greencreen!) gedrehte Film imitiert den hier etwas abgerundeter daherkommenden Look der Vorlage hervorragend und profitiert obendrein von einer stilsicheren Beleuchtung. Also ganz gleich, dass fast nichts von den im Film zu sehenden Setpieces an realen Schauplätzen gedreht wurde: Am Ende finden die echten Schauspieler:innen und die Fantasiewelt sehr gut zusammen.
Fazit: „Ein Minecraft Film“ punktet mit wildem Anarcho-Humor und einem äußerst spielfreudigen Ensemble. Ersteres hat zur Folge, dass bei einem jungen Publikum bei Weitem nicht jeder Gag zünden wird. Ebenjenes dürfte dafür an den vielen Spieledetails und Easter Eggs seine helle Freude haben. Dass eine Story quasi nicht existent ist, stört vermutlich auch nur diejenigen, die einen solchen Film wegen der „guten Geschichte“ gucken.
„Ein Minecraft Film“ ist ab dem 3. April 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.



Das klingt so versöhnlich, dass ich mich nun fast darauf freue, den Film nächstes Wochenende mit dem Sohn und ein paar seiner Freunde zu schauen. 🙂