Mickey 17
Für Fans von Robert Pattinson ist ein Kinobesuch von MICKEY 17 auf jeden Fall ein Muss. Denn den „The Batman“-Schauspieler gibt es in dem neuen Science-Fiction-Film von Bong Jon-Hoo gleich in achtzehnfacher Ausführung zu sehen. Darüber hinaus bekommt man das geboten, was man von dem koreanischen „Parasite“-Regisseur kennt: eine nachdrückliche Botschaft mit einem zu weiten Teilen unterhaltsamen Film drum herum.
Darum geht’s
Auf der Erde schuldet Mickey Barnes (Robert Pattinson) einigen zwielichtigen Gestalten Geld. Also beschließt er, gemeinsam mit seinem Kumpel Timo (Steven Yeun) an einer Erkundungsmission ins Weltall teilzunehmen. Um bessere Chancen zu haben, auch wirklich genommen zu werden, meldet sich Mickey als sogenannter „Expendable“. Und dieser Name kommt nicht von Ungefähr. Denn die Expendables sind für die Wisschenschaftler:innen an Bord genau das, was ihr Name verspricht: entbehrlich. Immer wieder muss Mickey – natürlich zu Forschungszwecken – grausame Tode über sich ergehen lassen, bevor er direkt im Anschluss geklont und auf die nächste Mission geschickt wird. Doch eines Tages überlebt er einen vermeintlich tödlichen Unfall und steht plötzlich seinem 18. Ich gegenüber. Etwas, was bei den Expendables nicht vorgesehen, ja, sogar strengstens verboten ist…
Kritik
Regisseur Bong Joon-Ho („Okja“) war bis vor wenigen Jahren nur einem kleinen Kreis an Filminteressierten ein Begriff. Der koreanische Filmemacher schrieb und inszenierte Werke für sein Heimatland, bis er 2013 mit „Snowpiercer“ den Sprung nach Hollywood schaffte. Seitdem gilt Joon-Ho als Garant für nicht gerade subtiles, aber trotzdem durch und durch gewaltiges Kino „mit Botschaft“, in dem er primär Gesellschaftszustände anprangert und überhöht. Gekrönt wurde seine Karriere – und sein Bekanntheitsgrad dadurch noch einmal in die Höhe geschraubt – dann aber doch ausgerechnet mit einem Film, der ihn zurück zu seinen Wurzeln führte: „Parasite“ entwickelte sich von ersten Hypes auf Festivals hin zu einem modernen Klassiker unter Cineastinnen und Cineasten, der schließlich sogar mit dem Oscar als „Bester Film“ ausgezeichnet wurde. Kein Wunder also, dass er für die Buchverfilmung von „Mickey 17“ nun einen Freifahrtschein bekam. Für sein Skript passte er den dem Film zugrunde liegenden Roman „Mickey7“ von Edward Ashton an seine eigenen Vorstellungen an. Die wohl größte Änderung: Anstatt „nur“ siebenmal geklont zu werden, muss Robert Pattinson („The Batman“) in seiner titelgebenden Hauptrolle satte 16-mal sterben, bevor sich schließlich Mickey 17 und Mickey 18 gegenüberstehen.

Mickeys Freundin Nasha (Naomi Ackies) liebt ihren Mickey (Robert Pattinson), egal welche Nummer er hat.
Wir alle erinnern uns an M. Night Shyamalans Schizophrenie-Thriller „Split“ für den vorab groß damit geworben wurde, dass Hauptdarsteller James McAvoy in seiner Hauptrolle satte 23 Persönlichkeiten beherbergt. Gesehen hat man davon allerdings nur ein Bruchteil. Und die Ankündigung, eine solche dissoziative Identitätsstörung in „Split“ auf die Spitze zu treiben, entpuppte sich ein Stückweit als Mogelpackung. Von den 18 verschiedenen, bis auf die erste Variante geklonten Mickey Barnes bekommt man in „Mickey 17“ dafür richtig was zu sehen. In der ersten Dreiviertelstunde muss die Hauptfigur so viele, bisweilen skurrile Tode über sich ergehen lassen, dass es auf eine zugegeben leicht pervertierte Weise wahnsinnig unterhaltsam ist. Für Forschungszwecke muss er unter anderem bis dato nicht an Menschen getestete Substanzen schlucken, er verbrennt, erfriert und so weiter und so fort. Die erste Hälfte von „Mickey 17“ ist zweifelsohne die bessere von beiden. Schon allein deshalb, weil Robert Pattinson hier richtig schön freidrehen darf. Allerdings ohne dabei die Charakterentwicklung seiner Figur unberücksichtigt zu lassen. Sein Mickey ist keine „Wegwerf-Figur“, sondern weist genügend Unterbau auf, um von Anfang an mit ihm mitzufiebern. Bong Jon-Hoos Skript ist bis zuletzt voll und ganz bei Mickey – und das nicht nur, weil er mit seinen 18 Identitäten ja automatisch einen Großteil der Laufzeit einnehmen muss.
„In der ersten Dreiviertelstunde muss die Hauptfigur so viele, bisweilen skurrile Tode über sich ergehen lassen, dass es auf eine zugegeben leicht pervertierte Weise wahnsinnig unterhaltsam ist.“
Doch „Mickey 17“ ist natürlich keine reine Klon-Show, sondern hat darüber hinaus – wieder einmal – was zu sagen. Diesmal geht es vor allem (und mal wieder) um Kapitalismus, die Entbehrlichkeit des Menschen und um Allmachtsfantasien eines offensichtlich von Donald Trump inspirierten, selbsternannten Herrschers, der über sämtliche Abläufe auf der Erkundungsmission Bescheid weiß und gemeinsam mit seiner Frau Yifa die Oberhand darüber besitzt. Mark Ruffalo („Vergiftete Wahrheit“) genießt sich sichtbar in seiner überzeichneten „Präsidentenrolle“, im direkten Vergleich zu seinem Vorbild wirkt seine Darbietung allerdings fast schon handzahm. Ruffalo könnte glatt noch zwei bis drei Schippen an Wahnwitz drauflegen. So dringt der satirische Aspekt von „Mickey 17“ nicht ganz hervor. Stattdessen wird Kenneth Marshall zu einem klassischen Filmschurken, der gen Ende vor allem schreiend Anweisungen gibt und das Rumpelstilzchen spielt, wenn er seinen Willen nicht bekommt. Deutlich mehr den skurrilen Umständen angepasst, agiert Toni Collette („Hereditary – Das Vermächtnis“) als Marshalls Soßen liebende (!) Gattin, die Ruffalo in den Momenten ihres Auftretens konsequent die Show stiehlt.

Mark Ruffalo hätte als von Donald Trump inspirierter Wächter über die Mission gern noch dicker auftragen können.
Je nach Quelle zwischen 80 und 115 Millionen US-Dollar hat „Mickey 17“ gekostet – und ist damit Bong Jon-Hoos bislang teuerster Film. Dieses Budget wurde optimal eingesetzt. Der Film sieht nicht nur verdammt gut aus, sondern besitzt auch eine Haptik, die man so im CGI-geprägten Kino nur selten sieht. Darüber hinaus erkennt man gewisse Designs wieder. Die Alien-Spezies der Creeper erinnert stark an das Fantasiewesen aus „Okja“. Das Farbschema auf dem Raumschiff hat Ähnlichkeiten zu dem Zug aus „Snowpiercer“. Und in manchen Kamerawinkeln (Kameramann: Darius Khondji, „Die versunkene Stadt Z“) und Setdesigns lassen sich Einflüsse erkennen, die Jon-Hoo auch schon auf „Parasite“ anwendete. Wo im Big-Budget-Hollywoodkino gerne (und nicht zu Unrecht) mokiert wird, dass Regisseur:innen ihre Handschrift, den Studioanforderungen zuliebe, eher zurückfahren müssen, ist „Mickey 17“ durch und durch ein Bong-Jon-Hoo-Film. Das hat auf Drehbuchebene aber auch zur Folge, dass sein neuestes Werk in Sachen Message einmal mehr den Vorschlaghammer rausholt. Insbesondere das über Kolonialisierung philosophierende Ende ist in seiner Botschaft ebenso brachial wie in seiner Inszenierung. Und visuell dominiert plötzlich ein matschiges Grau-in-Grau, in dem die starken Computereffekte gar nicht richtig zur Geltung kommen. Auch die Leichtfüßigkeit aus der ersten Stunde muss weichen. Es wird laut, polternd und die Dramaturgie nimmt schließlich allzu konventionelle Züge an. Schade, dass „Mickey 17“ sein Publikum auf einer eher schwachen Note aus dem Kinosaal entlässt.
„Der Film sieht nicht nur verdammt gut aus, sondern besitzt auch eine Haptik, die man so im CGI-geprägten Kino nur selten sieht. Darüber hinaus erkennt man gewisse Designs wieder.“
Fazit: Vor allem in der ersten Stunde ist „Mickey 17“ ein launiges Science-Fiction-Abenteuer mit einem hervorragenden Robert Pattinson in zahlreicher Ausführung. Doch je weiter die von Bong Jon-Hoo einmal mehr stark politisch aufgeladene Story voranschreitet, desto mehr verliert sie sich in dramaturgisch vorhersehbaren Bahnen. Das Ende enttäuscht. Alles davor macht – auch aufgrund starker Effekte und Setdesigns – richtig Spaß.
„Mickey 17“ ist ab dem 6. März 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.
