Die versunkene Stadt Z

Regisseur James Gray entführt uns in DIE VERSUNKENE STADT Z in eine altmodische Art des Filmemachens, die großes Entdeckertum in klassischen Bildern auf die Leinwand bringt. Ob das noch zeitgemäß ist und wie sich der starbesetzte Abenteuerfilm ansonsten schlägt, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Percy Fawcett (Charlie Hunnam) wird von der Royal Society auf eine Expedition zur Landvermessung in Bolivien gesandt. Im Regenwald des Amazonas finden er und sein Forschertrupp, zu dem unter anderem der Entdecker Henry Costin (Robert Pattinson) gehört, immer wieder Spuren von vergangenen Zivilisationen. Sein Forscherdrang ist erwacht und er ist überzeugt von der Existenz einer versunkenen Stadt, die er Z nennt. Zurück in London will die Royal Society jedoch von dieser Idee nichts wissen. Getrieben von dem Drang, endlich seine mysteriöse Stadt zu finden, begibt Fawcett zusammen mit seinem Sohn (Tom Holland) erneut auf eine letzte gefährliche und verhängnisvolle Reise zum Amazonas…

Kritik

Sich das moderne Blockbusterkino so ganz ohne Computereffekte vorzustellen, ist gar nicht so leicht. Irgendwann muss man immer auf Tricktechnik zurückgreifen. Und es ist in den meisten Fällen ja auch ein Segen, dass dies heutzutage möglich ist. Einst als „unverfilmbar“ geltende Geschichten wie „Life of Pi“ können jetzt möglich gemacht werden. Mittlerweile ist es daher fast schon ein Risiko, fast vollständig auf CGI zu verzichten. Erst recht, wenn der Film ein möglichst breites Publikum ansprechen soll. Martin Scorsese hat das mit „Silence“ kürzlich vorgemacht – sein dreistündiges Monumentalepos wurde hauptsächlich an Originalschauplätzen gedreht, mit Hunderten von Statisten zum Leben erweckt und unter Ausschluss digitaler Effekte realisiert. Regisseur James Gray („The Immigrant“) geht bei der Adaption seines auf dem gleichnamigen Roman von David Grann basierenden Abenteuerdramas „Die versunkene Stadt Z“ nun ganz ähnlich vor. Er und sein Team drehten nicht bloß auf traditionellem 35mm-Film, sondern auch direkt mitten im Regenwald. Eine echte Herausforderung, dessen logistischer Aufwand (das abgedrehte Material musste nach den Arbeiten erst einmal zurück ins Labor geflogen und dort gesichtet werden, sodass zwischen Dreh und Begutachtung schon mal eine ganze Woche liegen konnte) sich in einem maximal authentischen Bild äußert, wodurch die emotional packende Geschichte noch besser zum Tragen kommt.

Mit dem Boot geht es auf den riesigen Wasserläufen des Amazonas immer tiefer in ungekanntes Gebiet

Optisch ist „Die versunkene Stadt Z“ eine echte Augenweide – nur eben keine, wie der Zuschauer von heute sie unbedingt gewohnt ist. Ohne als solche erkennbare, künstliche Lichtquellen, aufwändig konstruierte Settings oder die eingangs erwähnten Computereffekte kann der Film vor allem eine Trumpfkarte ausspielen: das Setting an sich. Denn es ist gerade die fehlende stilistische Überhöhung, durch welche das Publikum erst recht in die Flora und Fauna dieser unerforschten Wildnis eintauchen kann. Gedreht wurde hauptsächlich im kolumbianischen Amazonasgebiet, das anders als viele mittlerweile vom Tourismus eingenommene Urwälder vollkommen naturbelassen und unangetastet anmutet. Gemeinsam mit den Entdeckern auf der Leinwand wird auch der Zuschauer schnell zu einer Art Forscher, ergötzt sich an der schier unermesslichen Menge an Farben, Pflanzen und einheimischen Tierarten. Selbst das mitunter ein wenig zu dunkle Bild schürt den Eindruck der unverfälschten Schönheit zusätzlich. Hinzu kommt, dass die Frage, ob es die versunkene Stadt nun tatsächlich gibt, für Nichtkenner des Stoffes sehr lange unbeantwortet bleibt. All das kann dem Film dann auch darüber hinweg helfen, dass die ausladende Laufzeit von zweieinhalb Stunden durchweg spannend bleibt. Selbst, wenn sich die immerhin rund zwanzig Jahre umspannenden Ereignisse immer mal wieder in die Länge ziehen, gibt es noch genug Details um sie herum zu bestaunen. Wer davon nicht beeindruckt ist, ist selbst Schuld.

Das es auf Storyebene Längen zu verzeichnen gibt, ist leider nicht zu leugnen. Denn mit seiner „Der Weg ist das Ziel“-Prämisse besteht ein Großteil von „Die versunkene Stadt Z“ nun mal daraus, den Entdeckern dabei zuzusehen, wie sie das Dickicht des nahezu undurchdringbaren Dschungels durchkämmen. Nur in prägnanten Einzelszenen stoßen sie auf Eingeborene, machen Bekanntschaft mit der dort ansässigen Fauna oder geraten untereinander in Konflikte. Damit sagt sich Regisseur James Gray klar von den Sehgewohnheiten des 21. Jahrhunderts los. „Die versunkene Stadt Z“ könnte ebenso gut aus den Fünfziger- oder Sechzigerjahren stammen und ist in Stilistik, Erzählton und Aufmachung eigentlich wie gemacht für die kommende Award-Saison. Darüber hinaus schmückt sich der Film mit absolut namhaften Darstellern. Neben Charlie Hunnam (demnächst auch in „King Arthur“ zu sehen) in der Hauptrolle und einem nahezu unkenntlich gemachten Robert Pattinson („Life“) überzeugt vor allem die leider nur wenig Screentime erhaltene Sienna Miller („Live by Night“) in der Rolle von Percy Fawcetts Ehefrau. Auch der „Spider-Man“-Nachfolger Tom Holland beweist sich in „Die versunkene Stadt Z“ in einigen prägnanten Auftritten, wenn dieser in jungen Jahren endlich gemeinsam mit seinem Vater an einer Expedition teilnehmen darf. Gerade die letzte halbe Stunde, die auf ein offenes, mystisches und divers interpretierbares Finale hinausläuft, erweist sich als erzählerisch stärkstes Kapitel innerhalb des Films, der zuvor in erster Linie mit Atmosphäre und weniger mit Inhalt punktet.

Vater und Sohn Fawcett wollen gemeinsam nach der versunkenen Stadt Z suchen: Percy (Charlie Hunnam) und Brian (Tom Holland)

Obwohl die Geschichte in ihrem Mangel an Komplexität hinter den technischen Qualitäten zurück bleibt, gestaltet sich „Die versunkene Stadt Z“ inhaltlich überraschend zeitgeistig. Die Diskussionen der Geographengilde, in denen es um solche banalen Dinge wie die Definition von „Eingeborenen“ geht oder darum, ob „diese Menschen“ denn überhaupt genauso zivilisiert sein können, wie sie, erinnern an das aktuelle Weltgeschehen betreffende Stammtischparolen. Vor allem die Beweggründe für Percys Abenteuerlust genügen hier als Triebfeder für die Geschichte, während die familiären und persönlichen Hintergründe leider nur angerissen werden. Eine Diskussion zwischen ihm und seiner Frau, weshalb sich weibliche Entdecker durch ihr Geschlecht automatisch für eine solche Expedition disqualifizieren, beginnt etwa anregend, wird aber schnell wenig zufriedenstellend fallen gelassen. Der Rest des Casts überzeugt zwar mit starken, körperlich anspruchsvollen Performances, die emotionale Bindung zum Zuschauer gestaltet sich jedoch schwierig. Dafür erfährt man über den Rest der Figuren einfach viel zu wenig. So konzentriert sich das Skript (ebenfalls von James Gray) primär auf Charlie Hunnams Percy und fährt damit dann auch direkt am besten. Sein leidenschaftliches Agieren im Dschungel, gepaart mit den feurigen Reden vor den Kollegen im Heimatland formt ihn zu einem mitreißenden Charakter, dem man die fast schon manische Passion für den Dschungel und die darin möglicherweise verborgene Stadt Z abkauft. Auch wenn das bedeutet, dass er deshalb vielleicht nie wieder in die Zivilisation zurückfindet…

Fazit: „Die versunkene Stadt Z“ ist großes, mächtiges Kino, das definitiv auf die Leinwand gehört. Das gediegene Erzähltempo passt sich der nostalgischen Inszenierung an und fordert vom Zuschauer entsprechend Sitzfleisch. Belohnt wird er dafür mit einer inspirierenden Entdecker-Geschichte und beeindruckenden Bildgewalten, die ganz ohne Computereffekte auskommen.

„Die versunkene Stadt Z“ ist ab dem 30. März in den deutschen Kinos zu sehen.

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