Gladiator II
24 Jahre nach dem Erfolg des Historienepos „Gladiator“ tritt Paul Mescal für GLADIATOR II in die Russell Crowes Fußstapfen. Vor beeindruckender Kulisse mimt er die Hauptfigur in einer 250 Millionen US-Dollar teuren Sandalensoap, die sich darüber hinaus nie traut, fern seines Vorgängers eine eigene Identität aufzubauen.
Darum geht’s
Sechzehn Jahre nachdem ihn seine Mutter Lucilla (Connie Nielsen) dazu brachte, aus dem Römischen Reich zu fliehen, findet Maximus‘ Sohn Lucius (Paul Mescal) seinen Weg dorthin zurück. Nach der feindlichen Übernahme seiner Stadt wird Lucius, der sich fortan Hanno nennt, zum Gefangenen. Sein einziger Weg in die Freiheit führt ihn durch die Gladiatorenarena, in der er fortan für den sich gütig gebenden Gladiatorenschulleiter Macrinus (Denzel Washington) kämpft. Tatsächlich kann sich Lucius schon bald einen gewissen Ruf aufbauen und kämpft in der Manege gegen die Stärksten der Starken. Doch tief in ihm brodelt der Hass – und um ihn herum eine Stadt am Siedepunkt, die nur darauf wartet, dass der Hexenkessel aus Machtgier, Ungerechtigkeit und Gewalt überkocht.
Kritik
Ridley Scotts „Gladiator“ hat viele ikonische Szenen. Eine der ikonischsten spielt ironischerweise aber gar nicht in der Manege des Colosseums, sondern zeigt in Großaufnahme eine Hand, die sachte durch ein Kornfeld streift – einer von wenigen friedvollen Momenten in einem ansonsten testosterongeschwängerten, actiongeladenen Historienepos, das eigentlich eher für seine ausufernden Schlachten bekannt ist. In „Gladiator II“ sind es nun keine Weizenähren, sondern direkt das geerntete Korn, in das diesmal nicht die Hände von Russell Crowe, sondern von Hauptdarsteller Paul Mescal („All of us Strangers“) greifen. Symbolik at its Best! Denn nach der Ähre kommt das Korn wie die Fortsetzung nach dem Original. Und vor dem Korn musste jemand eine gewisse Arbeit leisten, um die Ernte (= den Erfolg) einzusammeln, auf dem das Sequel fußt. Dazwischen hat sich – wie der Zustand des Getreides – vieles verändert. Zum Beispiel das Verhältnis zwischen Filmstudio, Regisseur und Budgetverfügbarkeiten. Aber auch die Möglichkeiten tricktechnischer Umsetzung, mit deren Hilfe Scott („House of Gucci“) diesmal mehr denn je in seinem Element schwelgen kann.
Schon Gladiator kam seinerzeit – also vor nunmehr 24 Jahren – nicht vollends ohne Computereffekte aus. Gleichwohl ist und war Ridley Scott immer schon Regie-Handwerker genug, um möglichst vieles an den opulenten Sets auch tatsächlich dort stattfinden zu lassen. „Gladiator II“ kommt nun visuell deutlich digitaler daher, was auch zur Folge hat, dass man die CGI-Nachhilfe bisweilen klar als eine solche erkennt. Gleichzeitig kommt das Sandalen-Sequel, insbesondere für einen Beitrag dieses Genres, ungemein elegant daher. Die haptischen Kulissen und Drehorte machen trotz der unübersehbaren Computereffekte klar den Charme des Films aus. Die immense Arbeit hinter den gewaltigen Setaufbauten merkt man auch „Gladiator II“ zu jeder Sekunde an. CGI-Unterstützung benötigt es darüber hinaus an durchaus nachvollziehbarer Stelle: Etwa, wenn das Colosseum nicht nur geflutet wird (was übrigens historisch verbrieft und keine absurde Filmfantasie ist!), sondern sich in dem Wasserbassin auch noch Haie tummeln. Auch der Einbezug von Wildtieren, wie etwa einer gemeingefährlichen Affenhorde oder einem Nashorn wurde mit CGI-Hilfe bewerkstelligt – wie gut, dass nicht mit echten Tieren gedreht wurde!
„Die haptischen Kulissen und Drehorte machen trotz der unübersehbaren Computereffekte klar den Charme des Films aus. Die immense Arbeit hinter den gewaltigen Setaufbauten merkt man auch ‚Gladiator II‘ zu jeder Sekunde an.“
So besticht „Gladiator II“ wie schon sein Vorgänger vor allem durch seine Bildgewalt, die sich nicht nur bei der Ausstattung in den Vordergrund drängt. Sondern auch bei der Inszenierung der zwischen derb-martialisch und auf ihre ganz eigene Art und Weise elegant hin- und herwechselnden (Nah-)Kampfchoreographien und Actioneinlagen. Es wird sogar in einem Maße blutrünstig, mit dem die Verantwortlichen die Altersfreigabe (hierzulande ist der Film ab 16 freigegeben) bis aufs Äußerste ausgereizt haben dürften. Da werden Gliedmaßen abgehackt, abgeschlagene Köpfe zur Schau gestellt und schon in der aller ersten Szene – einer mit Unmengen an Statisten, viel Knalleffekt und Gravitas inszenierten Stadtübernahme durch das römische Heer – wird in Nahaufnahme ein Soldat gepfählt. Nach seinem tonal ähnlich gelagerten Napoleon-Biopic macht Ridley Scott auch bei „Gladiator II“ keine Gefangenen.
Dürfte es Drehbuchautor David Scarpa noch als Bremse empfunden haben, sich bei seinem Skript zu „Napoleon“ irgendwie ja auch an historischen Fakten orientieren zu müssen, scheint es ihm im Falle von „Gladiator II“ regelrecht entgegenzukommen, dass das erzählerische Umfeld zwar eine historische Grundlage hat, er jedoch inhaltlich weitestgehend freidrehen kann. Leider nutzt Scarpa das in erster Linie für reichlich platte Dialoge und eine Handlung, die in ihrer von dramatischen Ausschlägen nach oben und unten geprägten Erzählung am ehesten noch an eine Seifenoper erinnert. Die hierin handelnden Figuren sind in erster Linie zweckdienlicher Natur. Protagonist Lucius aka Hanno handelt rachegetrieben, nachdem in den ersten zehn Filmminuten seine Ehefrau durch den Feind stirbt. Die Motivationen der übrigen Figuren bestehen vor allem aus Macht- und Habgier. Lediglich der von Pedro Pascal („Kingsman: The Golden Circle“) gespielte Feldherr Marcus Acacius zeigt Ansätze von Grautönen, was ihn im Umkehrschluss auch zur interessantesten Figur macht. So gar keine Mühe scheint Scarpa in die Darstellung der beiden Kaiser Geta und Caracalla gesteckt zu haben. Mehr als plattmöglichste Karikaturen geben diese nämlich nicht ab und wirken dadurch auf eine ungewollte, nicht bewusst darauf abzielende Weise lächerlich.
„Je weiter die Story von ‚Gladiator II‘ voranschreitet, desto stärker werden die Bezüge zum ersten Teil und umso mehr hat man das Gefühl, den Kreativen wäre auf der Zielgeraden dann doch der Mut ausgegangen, einen Film wie diesen als alleinstehendes Werk zu betrachten.“
Dass es die meiste Zeit über Laune macht, Paul Mescal als Lucius zu folgen, liegt vor allem an seiner schauspielerischen (insbesondere körperlichen) Präsenz. Wohin sein Weg gehen wird, ist zwar von Anfang an klar, aber vor allem im Zusammenspiel mit einem sich selbst in der Rolle genießenden Denzel Washington („The Equalizer“) ergeben sich äußerst unterhaltsame Dynamiken. Seinen größten Punch entwickelt „Gladiator II“ trotzdem während der pompösen Szenen in den Gladiatorenarena, die Mescals Lucius gleichermaßen mit Muskelkraft sowie Köpfchen dominiert, während er sich zwischen den Showeinlagen durch die Aufrichtigkeit seinen Mitgefangenen gegenüber Freunde macht. Es spricht also eigentlich alles dafür, dass Lucius den Film ganz von selbst hätte tragen können. Doch wie bei so vielen Fortsetzung mehrere Jahrzehnte zurückliegender Blockbuster kann auch Ridley Scott nicht dem Verlangen widerstehen, allzu bemüht auf die Wirkungskraft des Vorgängers zu schielen. Je weiter die Story von „Gladiator II“ voranschreitet, desto stärker werden die Bezüge zum ersten Teil und umso mehr hat man das Gefühl, den Kreativen wäre auf der Zielgeraden dann doch der Mut ausgegangen, einen Film wie diesen als alleinstehendes Werk zu betrachten. Aus vereinzelten, rar gesäten Rückblenden auf „Gladiator I“ wird spätestens dann ein ganz klassisches Legacyquel, wenn Paul Mescal seine eigene Rüstung gegen die von Russell Crowe tauscht und Scott den Pathos-Regler bis zum Anschlag aufdreht.
Fazit: Regie-Handwerker Ridley Scott besinnt sich für „Gladiator II“ in wirklich jeder Hinsicht auf die Stärken seines Vorgängers. Bei den Bildgewalten gelingt ihm dies noch ausgezeichnet, sogar der deutlich digitalere Look passt gut in das visuelle Filmkonzept. Inhaltlich bekommt man hier jedoch vor allem eine platte Sandalen-Soap geboten, die zwar kurzweiligen Spaß bereitet, der Geschichte aber viel ihrer Gravitas nimmt.
„Gladiator II“ ist ab dem 14. November 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.



