Lady Bird

Greta Gerwigs Coming-of-Age-Tragikomödie LADY BIRD war nicht bloß für fünf Oscars nominiert, sondern zeitweise auch der bestbewertete Film auf der Kritiker-Plattform Rotten Tomatoes. Was dahinter steckt, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Der Alltag von Christine „Lady Bird“ McPherson (Saoirse Ronan) im kalifornischen Sacramento besteht aus High School-Routine, Familientrouble und ersten ernüchternden Erfahrungen mit Jungs. Kein Wunder also, dass die 17-Jährige davon träumt, flügge zu werden. Im echten Leben rebelliert sie mit Leidenschaft und Dickköpfigkeit gegen die Enge in ihrem Elternhaus. Doch allzu leicht macht ihre Mutter (Laurie Metcalf) dem eigenwillig-aufgeweckten Teenager die Abnabelung natürlich nicht, und so ziehen alle beide zwischen Trotz, Wut und Resignation immer wieder sämtliche Gefühlsregister.

Kritik

Greta Gerwigs „Lady Bird“ konnte sich zeitweise mit dem Prädikat „Bester Film aller Zeiten“ schmücken – zumindest, wenn man von den Bewertungen auf der Kritikerplattform Rotten Tomatoes ausgeht. Dort beerbte die Coming-of-Age-Tragikomödie mit Saoirse Ronan („Loving Vincent“) nämlich „Toy Story 2“ als am positivsten besprochener Film mit den meisten Reviews, eh ein Kritiker der Statistik einen Dämpfer versetzte. Wer weiß, wie Rotten Tomatoes funktioniert und im Idealfall auch noch „Lady Bird“ gesehen hat, der dürfte sich allerdings gar nicht so sehr über dieses überschwängliche Feedback wundern. Das Portal ist in seiner Analyse der Rezensenten nämlich recht oberflächlich und unterscheidet nur grob in positive und negative Stimmen. Selbst neutrale Kritikermeinungen werden da den positiven zugeordnet und da der Film – so viel müssen wir „Lady Bird“ lassen – einer ist, den man schwer hassen kann, lässt sich die Bezeichnung „bester Film aller Zeiten“ eben doch relativ unspektakulär erklären. Indie-Liebling Greta Gerwig („Jahrhundertfrauen“) hat mit ihrem zweiten Spielfilm nach „Nights and Weekends“ eine Arbeit vorgelegt, die sympathisch, rund und lebensecht daherkommt. Ihr gelingt ein authentischer Einblick in das Leben einer Heranwachsenden aus Sacramento, der nur zum Teil biographisch eingefärbt ist. Auf der anderen Seite gibt es von der Art Film wie „Lady Bird“ einer ist, aber auch mehrere pro Jahr; entsprechend sind wir nicht übereuphorisch, wohl aber sehr angetan.

Lady Bird (Saoirse Ronan) und ihre Mutter Marion (Laurie Metcalf) beim gemeinsamen Shopping für den Abschlussball.

„Lady Bird“ ist einer dieser Filme, in denen auf der Leinwand nicht viel passiert, im Inneren der Figuren hingegen eine ganze Menge. Im Mittelpunkt stehen die unangepasste Christine, die sich selbst nur „Lady Bird“ nennt, und ihr Umfeld aus Freunden, Bekannten und Familie. Während ihrer Erzählung, die keiner stringenten Dramaturgie folgt, sondern einfach nur verschiedene Szenarien flüssig und schlüssig aneinanderreiht, greift Gerwig, die auch das Drehbuch schrieb, auf gängige Ereignisse des Erwachsenwerdens zurück. Sie beobachtet Auseinandersetzungen zwischen Lady Bird und ihren sie missverstehenden Eltern, erste Erfahrungen mit Drogen, die Suche nach der richtigen Uni, Partys und die emotionale wie körperliche Annäherung mit dem anderen Geschlecht. Erzählerisch ist nichts davon besonders spannend oder spektakulär; doch inszenatorisch weiß Greta Gerwig ganz genau, wie es ihr gelingt, aus altbekannten, manchmal sogar recht plakativen Momenten das Optimum an Atmosphäre und Authentizität herauszuholen. Das beginnt schon bei Gerwigs Entscheidung, Saoirse Ronan bewusst ungeschminkt zeigen zu wollen und endet bei den verschiedenen Settings, fernab von gängigen Touristenhochburgen in Sacramento, was im Nachhinein dazu führte, dass ein Großteil der Drehorte aus „Lady Bird“ mittlerweile zu solchen wurde.

Doch neben der Ausstattung und vielen Detailentscheidungen in der Inszenierung von „Lady Bird“ sind es vor allem die Dialoge, die dazu einladen, sich voll und ganz auf das hier präsentierte Szenario einzulassen. Sämtliche Figuren reden so miteinander, wie man es auch im Alltag täte; nicht ein einziges Mal erweckt das Skript den Eindruck, verschiedene Gespräche würden einzig und allein dem erzählerischen Zweck dienen. Das hat zwar hier und da auch eine gewisse Redundanz zur Folge (gerade für Teenager ist ein gewisses Thema schließlich nicht nach einem klärenden Gespräch abgehakt), doch es trägt nur noch mehr dazu bei, das Innenleben der Figuren nachzuvollziehen und ihre sukzessive Entwicklung erkennen zu können. Darüber hinaus kommt Greta Gerwig in ihrem Film weitestgehend ohne Klischees aus. Ihre Charaktere agieren angenehm unberechenbar – eben genau so, wie man es von psychisch instabilen Pubertierenden gewohnt ist, jedoch nie provokant widersprüchlich und immer sich selbst treu bleibend. Nur selten hat man das Gefühl, in einem Spielfilm echten Menschen zuzusehen, und nicht vorab genau skizzierten Figuren. Dazu passt auch, dass Gerwig ihre Schauspieler dazu anhielt, viele Geheimnisse ihrer Rollen für sich zu behalten, die sie nun im Film – gemeinsam mit dem Zuschauer – nach und nach erst entdeckt.

Danny (Lucas Hedges) macht seiner Freundin ein Geständnis…

Ohne die hervorragend gecasteten Schauspieler wären jedoch auch die besten Dialoge nur halb so viel wert. Mit der für ihre Rolle der Lady Bird zum dritten Mal für den Oscar nominierten Saoirse Ronan hat Greta Gerwig eine Schauspielerin gefunden, die die vielen unterschiedlichen Facetten der gleichermaßen zurückhaltenden, unsicheren, rebellischen und toughen Figur der Christine in sich vereint. Uneitel und natürlich präsentiert sich die gerade einmal 24-jährige Aktrice vor der Kamera und performt gleichermaßen unaufgeregt wie kraftvoll und hinterlässt gerade durch die Widersprüchlichkeit innerhalb ihrer Rolle einen solch bleibenden Eindruck. Um sie herum versammeln die Macher nicht nur eine namhafte Riege an Nachwuchsdarstellern – von Lucas Hedges („Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“) über Timothy Chalamet („Call Me By Your Name“) bis hin zur umwerfenden Beani Feldstein („Bad Neighbors“) –, auch die erwachsenen Schauspieler überzeugen. Laurie Metcalf („The Big Bang Theory“) mimt Lady Birds Mutter mit viel Aufopferungsbereitschaft, die sie besonders eng mit ihrer Filmtochter Christine zusammenführt; nur um sich auf der anderen Seite wieder von ihr abzustoßen. Ganz so, wie Mütter und Töchter es eben tun (der Arbeitstitel von „Lady Bird“ lautete entsprechend „Mothers and Daughters“). Es ist also zweifelsohne ein sehr schöner Film, den Greta Gerwig hier präsentiert.

Fazit: Mit viel Fingerspitzengefühl und einem Gespür für authentische Dialoge gelingt es Greta Gerwig und ihrem überragenden Ensemble auch ganz ohne große Innovationen, „Lady Bird“ zu einem starken Vertreter aus dem Coming-of-Age-Segment zu machen.

„Lady Bird“ ist ab dem 19. April bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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