Steig. Nicht. Aus!

Genrespezialist Christian Alvart schickt in seinem High-Speed-Thriller STEIG. NICHT. AUS! Schauspieler Wotan Wilke Möhring in das unangenehme Szenario einer perfiden Entführung, die er nur überlebt, wenn er in seinem Auto und am Handy bleibt. Mehr dazu verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Auf dem Weg zur Arbeit bringt der Berliner Bauunternehmer Karl Brendt (Wotan Wilke Möhring) noch schnell seine Kinder Josefine (Emily Kusche) und Marius (Carlo Thoma) zur Schule. Doch bereits kurz nachdem er das Auto startet, erhält er einen Anruf: Der Unbekannte am anderen Ende der Leitung droht damit, eine Bombe, die unter dem Sitz versteckt ist, in die Luft zu sprengen, sollten Karl oder die Kinder versuchen auszusteigen! Vom Auto aus soll Karl in kürzester Zeit eine große Summe Geld beschaffen. Als seine Ehefrau Simone (Christiane Paul) ihn verdächtigt, die gemeinsamen Kinder entführt zu haben, nimmt auch die Polizei die Verfolgung von Karl auf und schaltet Sprengstoffexpertin Pia Zach (Hannah Herzsprung) ein. Es beginnt ein tödlicher Wettlauf gegen die Zeit: Der Bombe ausgeliefert und von der Polizei verfolgt, versucht Karl Brendt verzweifelt, seine Kinder und sich zu retten.

Kritik

Bevor Christian Alvarts Adaption des Sebastian-Fitzek-Romans „Abgeschnitten“ im Herbst dieses Jahres ihren Weg in die Kinos findet, legt der „Tschiller: Off Duty“-Regisseur als Fingerübung noch schnell ein kleines, dreckiges Kammerspiel vor, das sich wie eine Mischung aus „Speed“ und „Nicht auflegen!“ anfühlt. Damit ist nun aber gar nicht unbedingt gemeint, Alvart müsse in Ermangelung eigener, konzeptueller Ideen auf Versatzstücke bekannter Genrevertreter zurückgreifen; vielmehr vereint er in seinem (Fast-)Ein-Mann-Stück die Vorzüge dieser beiden Beispiele und reichert sie mit genügend eigenen Ideen an, um daraus einen strammen Adrenalinpeitscher zu machen, der die Aufmerksamkeit des Publikums über 105 Minuten konsequent oben hält. Dabei ist „Steig. Nicht. Aus!“ – der Name ist Programm! – immer dann besonders stark, wenn sich das von Christian Alvart selbst verfasste Skript genau auf diese Vorzüge konzentriert: auf den einen Mann und das beengte Setting eines einzelnen Autos. Wenn der Film gen Ende hin noch ein, zwei mehr Personen miteinbezieht und die Auflösung überraschend erwartbar ausfällt, sind das nur kleine Schönheitsfehler eines ansonsten sehr sehenswerten Genrefilms aus deutschen Landen, von denen ja so viele behaupten, dass gutes Kino aus diesem Segment gar nicht erst existieren würde.

Karl (Wotan Wilke Möhring) und seine Tochter Josefine (Emily Kusche) befinden sich in der Gewalt eines Wahnsinnigen.

„Steig. Nicht. Aus!“ beginnt mit einer Sequenz im Flugzeug – und so ehrlich müssen wir sein: Ausgerechnet in dieser einen Szene bestätigt sich alles, was Skeptiker dem deutschen Kino gern zur Last legen. In diesen wenigen Minuten ist weder das holprige Spiel der Darsteller besonders überzeugend, noch erwecken die völlig auf ihren inhaltlichen Zweck beschränkten Dialoge den Eindruck, tatsächlich aus dem Leben zu stammen. Es ist, als sähe man Theaterdarstellern beim Textlernen zu; dass sich diese Szene ohnehin als irrelevant für den weiteren Handlungsverlauf erweist, zeigt dafür, dass sie für den Gesamteindruck des Films letztlich wenig entscheidend ist. Denn erst, wenn Karl bei seiner Ehefrau zuhause eintrifft, die unterschwelligen Differenzen in der Beziehung ans Licht treten und der Gemütszustand des alles andere als zufriedenen Protagonisten als emotionale Grundlage für den weiteren Plot dient, beginnt „Steig. Nicht. Aus!“ so richtig. Dass man dabei trotzdem recht wenig über die Figuren erfährt, ist im Anbetracht der minimalistischen Prämisse dann auch gar nicht weiter wichtig – und unterstreicht erst recht die Sinnlosigkeit des Flugzeugprologs. So aber ist die Ausgangslage klar: Ein voller privater (und beruflicher) Sorgen überquellender Protagonist bringt seine Kinder zur Schule und wird in eine Situation gedrängt, die ihm bei aller psychischen Labilität dennoch die volle Aufmerksamkeit und Konzentration abverlangt; dass er durch dieses Ereignis auch wieder enger mit seiner Familie zusammenrückt, ist darüber hinaus zwar wenig originell, funktioniert aber im Hinblick darauf, dass Karl somit ein Ziel hat, für das es sich lohnt, heile aus dieser Tortur herauszukommen.

Ein Großteil der Geschichte spielt sich – wie bereits effektiv in „Nicht auflegen!“ umgesetzt – in den vier Wänden eines Autos ab. Verbunden über das Headset, erfährt Karl von seinem Erpresser die Auflagen, die er zu erfüllen hat, um nicht sein eigenes, oder gar das Leben seiner Liebsten durch eine Bombe zu verlieren. Wie ernst die Lage ist, demonstriert Alvart früh, indem er überraschend eine der wichtigeren Nebenfiguren über die Klinge springen lässt und damit betont: In „Steig. Nicht. Aus!“ ist erst einmal alles möglich. Diese fehlende Vorhersehbarkeit trägt einen Großteil zur allgegenwärtigen Spannung bei. Hier meint man nicht, von Anfang an durchschaut zu haben, wie dieses Szenario wohl ausgehen wird. Auch worauf es der (ebenfalls bis zuletzt nicht durchschaubare) Täter abgesehen hat, wird erst in allerletzter Sekunde entlarvt, genauso wie sich seine Beweggründe für die Tat erst in der zweiten Hälfte überhaupt erschließen. Über dem Szenario, das sich lange Zeit selbst genügt, hängt die meiste Zeit über ein großes Fragezeichen, das den Zuschauer nicht zuletzt dazu einlädt, das Szenario, aber auch die Hauptfigur Karl zu hinterfragen. Hat er sich möglicherweise selbst in diese missliche Lage manövriert, Leichen im Keller oder trägt anderweitig eine Mitschuld an seiner Position? All diese Fragen zu beantworten, ist fast noch spannender, als die auf der Leinwand gezeigten Bilder; auch deshalb, weil Wotan Wilke Möhring („Happy Burnout“) stark performt und den Zuschauer bewusst nie zu nah an sich und seine Gefühlswelt herankommen lässt. Als Identifikationsfigur funktioniert er zwar, doch so ganz sicher sein, kann man sich nie, wem man da eigentlich gerade die Daumen drückt.

Omar Cicek (Fahri Yardim) versucht, seinem Freund Karl zu helfen.

Auch die restlichen Ensemble-Mitglieder spielen grundsolide auf und machen die permanente Todesangst greifbar. Vor allem Emily Kusche beweist nach dem misslungenen „Tigermilch“, dass in ihr eine starke Schauspielerin steckt. Noch mehr Platz als seinen Darstellern, räumt Alvart allerdings der sehenswert inszenierten Action ein. Ohne sich an der ewig gleichen Kulisse Berlin zu laben, widmet sich der auch international tätige Filmemacher („Pandorum“, Fall 39“) ausschließlich dem im Mittelpunkt stehenden Auto, inszeniert hier mal ein halsbrecherisches Überholmanöver und dort mal eine spektakuläre Kehrtwende. Das ist alles weit von der Effekthascherei handelsüblicher Actionblockbuster entfernt, entfaltet ob seines Realismus‘ allerdings einen ähnlich durchschlagenden Effekt; tatsächlich kann man sich irgendwann vorstellen, dass so etwas passieren könnte. Raus aus dem Wagen, gibt sich Kameramann Christoph Krauss („Manifesto“) sogar noch einer solch spektakulären Plansequenz hin, dass man sich sogar kurz im internationalen Hochglanzkino wähnt. Ein wenig markiert diese auch den eigentlichen Höhepunkt des Films – „Steig. Nicht. Aus!“ wird schwächer, sobald sich der Fokus vom Auto auch auf die umliegenden Fahrzeuge und von Karl auf andere involvierte Personen verlagert. Packend bleiben die Leinwandereignisse dennoch bis zum Schluss. Und unter diesen Voraussetzungen können wir den Kinostart von „Abgeschnitten“ kaum noch erwarten.

Fazit: „Steig. Nicht. Aus!“ ist ein intensives Thriller-Kammerspiel über einen Mann, dessen Leben von einer funktionierenden Telefonleitung abhängt. Das reduzierte Setting und die simple Grundidee sorgen für Hochspannung, die Action ist stark inszeniert. Lediglich zum Ende hin geht dem Film ein wenig die Puste aus.

„Steig. Nicht. Aus!“ ist ab dem 12. April in den deutschen Kinos zu sehen.

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