The Meyerowitz Stories (New and Selected)

Als inoffizieller Nachfolger von Woody Allen begibt sich Regisseur Noah Baumbach mit seinem Cannes-Beitrag THE MEYEROWITZ STORIES (NEW AND SELECTED) in den Kreis einer nicht ganz so funktionalen Familie und animiert Adam Sandler zur besten Performance seiner Karriere. Mehr zum Film verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Seit Kurzem wohnt Danny (Adam Sandler), der frisch getrennt lebende Dad einer künstlerisch begabten Teenagertochter (Grace Van Patten), wieder bei seinem kratzbürstigen Vater Harold (Dustin Hoffman). Zwischen den beiden kommt es immer wie zu Knatsch, denn der mittelprächtig erfolgreiche Bildhauer hat die Werdegänge seiner Kinder schon immer missmutig beäugt. Das bekam in der Vergangenheit auch Dannys Schwester Jean (Elizabeth Marvel) zu spüren, die seither nur noch unregelmäßig beim Rest ihrer Familie vorbeischaut. Einzig der erfolgreiche Geschäftsmann Matthew (Ben Stiller) konnte sich von seinem Vater Respekt erarbeiten, gerät dafür häufig mit seinen Halbgeschwistern Danny und Jean aneinander, da Matthew sich kaum am Familienleben beteiligt. Nach langer Zeit kommt der Meyerowitz-Clan mal wieder zusammen, was unausgesprochene Konflikte und schwellende Fehden befeuert, bis sich die Kopfschmerzen von Harold plötzlich als gar nicht mehr so harmlos erweisen und die Familie zum Zusammenhalt gezwungen wird.

Kritik

Adam Sandler („Urlaubsreif“) ist als Schauspieler und Regisseur gebrandmarkt – als Hollywood-Blödelbarde und regelmäßiger Garant auf die „Goldene Himbeere“. Dieses Image hat er sich aber leider auch hart erarbeitet. Filme wie „Jack & Jill“, „Der Chaos-Dad“ oder zuletzt „The Ridicoulus Six“ schienen es nahezu unmöglich zu machen, dass der Inhaber der von ihm selbst gegründeten Produktionsfirma Happy Madison Productions jemals wieder einen Fuß an Land des ernst zu nehmenden Schauspielfachs bekommen würde – bis Anfang dieses Jahres bei den Filmfestspielen von Cannes „The Meyerowitz Stories (New and Selected)“ seine Uraufführung feierte und nicht bloß mit Standing Ovations, sondern vor allem mit fantastischen Kritikerstimmen bedacht wurde. In seiner liebevollen Tragikomödie vereint Regisseur Noah Baumbach („Mistress America“) einen kleinen Teil jener Schauspieler, mit denen der bereits als inoffizieller Nachfolger von Woody Allen gehandelte New Yorker schon erfolgreich zusammenarbeitete. Vor allem auf Ben Stiller („Gefühlt Mitte Zwanzig“) greift Baumbach gern zurück, genauso wie er für eine kleine Nebenrolle Adam Driver („Frances Ha“) gewinnen konnte. Ansonsten ist „The Meyerowitz Stories“ Baumbachs Film mit der bislang größten Stardichte, was im Anbetracht des herzerwärmenden, zeitweise sehr bissigen, dabei jedoch immer grundehrlichen Skripts aber auch kein Wunder ist.

Matthew (Ben Stiller), Danny (Adam Sandler) und Jean (Elizabeth Marvel) überlegen, was sie mit ihrem kranken Vater machen sollen.

Im Hintergrund ertönen beschwingt feinste Jazz-Pianoklänge, davor amüsiert sich der Zuschauer mit den gewissenhaft ausformulierten Familienproblemen des Meyerowitz-Clans und umspannt wird das Ganze schließlich auch noch von einer visuellen Hommage an den Big Apple – die Stadt, die niemals schläft. Das klingt sehr nach Woody Allen und so bestätigt sich im Falle von „The Meyerowitz Stories“ nur, was sich mit Noah Baumbachs letzten Filmen bereits ankündigte: Die beiden Regiekollegen scheinen ein ganz ähnliches Verständnis für die Inszenierung von Leinwandgeschichten zu besitzen und so ließe sich auf den ersten Blick nur bedingt sagen, ob wir es hier mit einem Allen-, oder aber mit einem Baumbach-Film zu tun haben. Doch wo wir an anderer Stelle schon oft bemängelten, dass es den letzten Produktionen aus der Allen-Feder immer ein wenig an Leben und Anarchie fehlte, sich das Gezeigte sogar regelrecht ausstaffiert anfühlte, sprüht „The Meyerowitz Stories“ nur so vor Energie und Leidenschaft. Noah Baumbach, der einmal mehr nicht bloß für die Regie, sondern auch für das Skript verantwortlich zeichnete, beobachtet darin wie in einer Momentaufnahme – daher auch der Untertitel „(New and Selected)“ als Verweis darauf, dass dies hier nicht die einzelnen Geschichten sind, die die Familie bereits erlebt hat – wie sich eine sukzessive auseinander lebende Familie mit all ihren Spleens und Eigenheiten immer wieder vor und zurück bewegt. Es geht um gegenseitige Akzeptanz, um Anerkennung und um Respekt – beziehungsweise darum, wie es ist, wenn einem eines der drei Dinge (oder sogar alle drei) konsequent verwehrt bleibt.

Doch „The Meyerowitz Stories“ ist keiner dieser Filme, die unterschwellig brodelnde Konflikte zum Anlass nehmen, diese im großen Finale schließlich zum Bersten zu bringen. Entsprechend konsequent schneidet Noah Baumbach bei jeder allzu offensiv aus dem Ruder laufenden Szene sofort zur nächsten und verhindert es so, sich in Klischees zu verlieren. Wenn etwa Vater Harold nach einer Auseinandersetzung mit Matthew ins Auto steigt und seinen Sohn allein auf der Straße stehen lässt, unterbindet Baumbach einen solch theatralischen Moment vom zurückgelassenen Jungen, indem er mitten im Satz abbricht und kommentarlos zur nächsten Szenerie übergeht. Dasselbe geschieht bei sich ankündigenden Diskussionen, von denen jeder, der nicht schon mindestens einen weiteren Film über dysfunktionale Familien gesehen hat, genau weiß, wie sie weitergehen; und auch eine mehr als alberne Prügelei zwischen den beiden Brüdern Matthew und Danny hat es gar nicht nötig, lang und breit ausformuliert zu werden. Umso aufrichtiger erscheint es da nach einem Umschnitt, wenn zwar beide Männer aus der Nase bluten, der eine dem anderen beim nächsten Problem allerdings sofort zur Seite springt. Mit solch kleinen Beobachtungen und aufgrund des präzisen Spiels sämtlicher Beteiligter gelingt es Noah Baumbach, eine ebenso unaufgeregte wie ehrliche Studie über eine Familie zu drehen, die man trotz all ihrer üppigen Probleme direkt in ihr Herz schließt. Dabei betteln weder die Figuren darum, noch konzipiert Baumbach seine Dialoge so, dass sie einem mit ihrer „Liebe deine Familie, denn sie ist das Einzige, was du dir nicht aussuchen kannst!“-Botschaft ins Gesicht springen. Die Probleme der Meyerowitz-Familie nimmt Baumbach ebenso ernst, wie den Wunsch nach Versöhnung – das Ergebnis ist eine melancholische Symbiose aus beißender Situationskomik und nachdenklicher Tragik, ohne dabei auf die Tränendrüse zu drücken.

Die Meyerowitz-Familie wartet im Krankenhaus auf Befunde…

In „The Meyerowitz Stories“ geht Noah Baumbach nie den einfachsten Weg; weder bei den Pointen, noch bei den traurigen Momenten. Da wird das experimentelle Filmprojekt seiner oben ohne vor der Kamera stehenden Tochter Eliza schon mal ganz selbstverständlich und ohne falsche Scham im Kreise der Familie herumgezeigt (und anerkennend gewürdigt!), während eine Diskussion über den kranken Vater, den Verbleib nach seinem Tod und den eventuell bevorstehenden Verkauf des gemeinsamen Hauses genau so verhuscht und ungeordnet verläuft, wie man es in der Überforderung dieser Situation vermutlich wäre. Dazu passen auch die beiläufigen Kurzauftritte verschiedener Hollywoodstars, die als sie selbst auftreten und sich trotz ihres Daseins als Berühmtheit nie vor die eigentlich viel relevantere Thematik drängen. Denn was ist schon das Aufeinandertreffen mit einer echten Schauspielgröße, wenn Hauptfigur Harold die Freude darüber nicht mit anderen teilen kann? Der in dieser Rolle brillierende Dustin Hoffman („The Program“) teilt sich die Bühne mit seinen beiden Filmsöhnen Adam Sandler und Ben Stiller, während sich Elizabeth Marvel („Begabt – Die Gleichung eines Lebens“) als Tochter Jean bis zu einer ebenso umwerfenden wie niederschmetternden Monologszene im letzten Drittel noch weitestgehend im Hintergrund hält, ihre gleichermaßen überforderten wie sich stets um Hilfsbereitschaft bemühenden Figur jedoch ein starkes, anrührendes Profil gibt. Dasselbe gilt für Emma Thompson („Saving Mr. Banks“) als exzentrischste aller Figuren, der es trotzdem gelingt, Bodenhaftung zu wahren. Gemeinsam erwecken diese Schauspielerinnen und Schauspieler eine Familie zum Leben, bei der es ausnahmsweise gar nicht unbedingt darum geht, alle Probleme zu beseitigen, sondern vielmehr, mit Ihnen zu leben.

Fazit: Noah Baumbachs „The Meyerowitz Stories (New and Selected)“ hätte mit einer regulären Kinoauswertung sicher das eine oder andere Wörtchen in der kommenden Awardsaison mitzureden. So bekommen immerhin Netflix-Nutzer eine herausragend geschriebene, klug beobachtete und emotional fordernde Familienstudie zu sehen, in der nicht bloß Adam Sandler eine bravouröse Leistung abliefert.

„The Meyerowitz Stories (New and Selected)“ ist ab sofort bei Netflix streambar.

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