The Secret Man

Mit seiner Performance im biographischen Politthriller THE SECRET MAN über die Hintergründe der Watergate-Affäre nimmt Hauptdarsteller Liam Neeson Kurs auf seine nächste Oscar-Nominierung. Mehr dazu und zum Film verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

USA im Sommer 1972 – Die Atmosphäre ist durch Vietnam-Krieg und Bürgerrechtsbewegung bereits aufgeheizt, als „Watergate“ wie eine Bombe einschlägt. Nach einem rätselhaften Einbruch in die Zentrale der Demokratischen Partei tappen viele Journalisten im Dunkeln. Ein Mann jedoch weiß mehr: Mark Felt (Liam Neeson), Vize-Chef des FBI, kennt die Ermittlungsergebnisse aus erster Hand und ist bereits früh von der Beteiligung der Nixon-Regierung überzeugt. Weiterer Grund seines Misstrauens ist der neue, von Nixon eingesetzte FBI-Direktor Patrick Gray (Marton Csokas), der die Watergate-Ermittlungen auffällig schnell beenden will. Nach 30 Dienstjahren ist Mark Felt hin- und hergerissen zwischen seiner Loyalität zum FBI und seinem Verständnis von Recht und Moral. Er riskiert schließlich alles und kontaktiert Bob Woodward (Julian Morris), Redakteur der Washington Post, um ihn mit den streng geheimen Informationen zu versorgen. Bald jagt ganz Washington den mysteriösen Whistleblower, besser bekannt als „Deep Throat“.

Kritik

Die Watergate-Affäre ist seit 45 Jahren der Inbegriff eines Politskandals und ein Paradebeispiel für die Macht freier Medien. Mit dem Abhöreklat rund um den republikanischen Präsidenten Richard Nixon befassten sich in den vergangenen Jahrzehnten schon diverse Bücher und Filme, wie etwa der mit vier Academy Awards ausgezeichnete Klassiker „Die Unbestechlichen. Infolge der Ermittlungen trat der dato amtierende Machtinhaber Nixon schließlich als bislang einziger Präsident der Vereinigten Staaten von seinem Amt zurück. Mit dafür verantwortlich war vor allem der aufgrund seiner tiefen Stimme von allen nur „Deep Throat“ genannte Informant und Vize-FBI-Chef Mark Felt (im Film gespielt von Hollywood-Urgestein Liam Neeson), der die Ermittlungsergebnisse damals an die US-amerikanische Presse weiterleitete und damit erstmals aussprach, was keiner für möglich hielt: In diesem Skandal hat der mächtigste Mann der Welt selbst seine Finger im Spiel. Enttarnt wurde die Person Mark Felt erst nach seinem Tod im Jahr 2005 – und je nachdem, mit wem man spricht, bezeichnen ihn die einen als Helden, während ihn die anderen als Vaterlandsverräter beschimpfen. Obwohl die ethische Diskussion um Letzteres sicherlich eine der spannendsten Fragen in Bezug auf seine Position innerhalb der Watergate-Affäre ist, hält sich Regisseur Peter Landesman („Erschütternde Wahrheit“) in „The Secret Man“ mit diesbezüglichen Meinung zurück. Sein biographischer Politthriller schildert die Geschehnisse nüchtern und sachlich – und wäre da nicht dieser seicht-sentimentale Nachklapp rund um die verloren geglaubte Tochter des Felt-Ehepaares, dann sähen wir „The Secret Man“ auch bereits als sicher gesetzten Anwärter auf diverse Filmpreise.

Der Justizminister John Mitchell (Stephen Michael Ayers) mit dem FBI-Chef Patrick Gray (Marton Csokas) und dessen Vize Mark Felt (Liam Neeson).

Für Peter Landesman ist „The Secret Man“ nach „Parkland – Das Attentat auf John F. Kennedy“ und „Erschütternde Wahrheit“ erst die dritte Regiearbeit – doch eine Tendenz nach oben ist deutlich zu erkennen. Fehlte es dem Filmemacher in seinen Vorwerken noch deutlich an Bissigkeit und Stringenz (im Falle seines Football-Dramas mit Will Smith schien es gar so, als wolle er es sich um nichts in der Welt mit der US-amerikanischen Sportlobby verscherzen), sagt sich der ehemalige Investigativjournalist der New-York-Times mit seinem neuesten Projekt, für das er erneut auch die Arbeit am Drehbuch übernahm, fast vollständig von Gefühlsduselei los. Im Hinblick auf die komplexe Welt des US-amerikanischen Polit- und Polizeiwesens ist so eine erzählerische Konzentration auf die  nackten Fakten sinnvoll; selbst wer ein wenig Ahnung von der Materie hat, kommt bei den vielen Namen, Positionen und innerpolitischen Verwicklungen schnell durcheinander und bisweilen auch gar nicht so recht hinterher. Insofern ist der Verzicht auf erzählerische Schnörkel schon hilfreich, um nicht den Anschluss zu verpassen. Verübeln könnte man Letzteres trotzdem Niemandem, denn „The Secret Man“ betrachtet über 107 Minuten lang Männer in schwarzen Anzügen dabei, wie diese sich auf schier endlosen Gängen und Fluren (Kameramann: Adam Kimmel, „Carpote“) über weitestgehend trockene Themen austauschen – und selbst wenn sich die Schlinge um die Beteiligten immer enger zusammenzieht, verzichtet Landesman vollständig auf Effekthascherei und belässt es beim Dialog.

Die zwischendrin eingeschobenen Backgroundinformationen rund um Mark Felts Privatleben wirken da fast schon wie eine notwendige Pause von der Theorie, doch zur Modellierung eines emotionalen Umfelds der Hauptfigur haben sie in ihrer Oberflächlichkeit kaum etwas beizutragen. Im Gegenteil: Diane Lane („Batman v Superman: Dawn of Justice“) entspricht als Mark Felts Gattin Audrey lediglich dem Stereotyp der leidgeprüften Ehefrau, die trotz schwerer Stunden versucht, ihre eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen und ihrem Mann den Rücken freizuhalten. Der Subplot rund um ihre sich früh von der Familie losgesagten Tochter Joan („It Follows“-Star Maika Monroe in einer kleinen, leider auch recht unscheinbaren Rolle) besitzt sogar noch weniger Aussagekraft, denn Audrey Felt erwähnt den Verlust ihres eigen Fleisch und Blut immer nur dann, wenn es punktuell dazu dient, ihren Mann in dieser ohnehin angespannten Situation noch mehr unter Druck zu setzen. Das langersehnte Wiedersehen, inszeniert als Art soapesk-rührseliger Nachklapp, wirkt im Kontrast zur trockenen Thrilleratmosphäre in den eineinhalb Stunden zuvor dann regelrecht lächerlich.

Die persönliche Komponente von „The Secret Man“ bleibt oberflächlich.

Diese fehlende Balance zwischen nüchterner Observation und bemüht persönlicher Unterfütterung gleicht Peter Landesman mit großer Detailverliebtheit und einer regelrechten Akribie aus, wenn es darum geht, die einzelnen Stationen der Ermittlungen glaubhaft auf die Leinwand zu bringen. Leben aktuelle Politserien der Marke „House of Cards“ in erster Linie von ihrem zelebrierten Zynismus, setzt Landesman auf das Gegenteil: Hier geht es weniger um die Figuren als Person (geschweige denn darum, wer wie viele Leichen im Keller versteckt hat), sondern um ihre Funktion innerhalb des Staatsapparates. Wie sehr diese Reduktion jedoch ins Wanken geraten kann, bringt in erster Linie Hauptdarsteller Liam Neeson hervorragend zum Ausdruck. In seiner vielleicht besten Rolle seit „Schindlers Liste“ – und damit einmal mehr auf Oscarkurs – bringt er den emotionalen wie moralischen Konflikt seiner zwischen Menschlichkeit und beruflichem Pflichtgefühl changierenden Whistleblower-Figur ohne jegliche Sentimentalität auf die Leinwand. Manchmal reichen schon Sekundenbruchteile der stillen Überlegung, um die Unsicherheit seines Charakters spürbar zu machen. Große Gesten braucht sein ohnehin zurückhaltender Mark Felt nicht. Daneben ergänzt der bis in die kleinsten Nebenrollen hochkarätig besetzte Cast aus Ike Barinholtz („Suicide Squad“), Michael C. Hall („Dexter“), Kate Walsh („Tote Mädchen lügen nicht“), Marton Csokas („Der Herr der Ringe“), Julian Morris („Pretty Little Liars“) und Eddie Marsan („Atomic Blonde“) die One-Man-Show des 65-jährigen Schauspielers mit ihren allesamt starken Performances.

Fazit: Regisseur Peter Landesman hat es immer noch nicht ganz raus, ein trockenes Thema emotional glaubhaft zu unterfüttern. Dafür ist „The Secret Man“ aufgrund seiner fokussierten Beobachtung des US-amerikanischen Politzirkus ein hochspannender Thriller, der dem famosen Liam Neeson seine nächste Oscar-Nominierung bescheren könnte.

„The Secret Man“ ist ab dem 2. November in den deutschen Kinos zu sehen.

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