Jigsaw

Sieben Jahre, nachdem das „Saw“-Franchise mit „Saw: Vollendung“ eigentlich für abgeschlossen erklärt wurde, wagen sich die beiden Brüder Michael und Peter Spierig mit JIGSAW an das nächste Kapitel und versprechen einen emotionalen Einblick in die Seele des Puzzlemörders. Ob sie damit Recht behalten, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Die Stadt ist übersät von grausam entstellten Leichen, die allesamt Opfer grausamer Folterspiele wurden. Die Ermittlungen führen schnell zu einem alten Bekannten: John Kramer (Tobin Bell). Doch der Mann, der sich als sogenannter Puzzlemörder einen Namen gemacht hat und in den Medien daher nur Jigsaw genannt wird, soll seit mehr als einem Jahrzehnt tot sein. Aber wer steckt dann hinter den Morden? Ist einer seiner Schüler zum Lehrer geworden und führt Jigsaws Erbe fort? Steckt womöglich einer der Ermittler hinter den Morden? Die Spiele haben ein weiteres Mal begonnen…

Kritik

Erst sollte für immer Schluss sein. Dann spielte das Studio mit dem Gedanken eines Reboots und nun, ganze sieben Jahre nach dem letzten Film „Saw 3D: Vollendung“ holen die „Predestination“-Regisseure Michael und Peter Spierig den berühmt-berüchtigten Puzzlemörder Jigsaw wieder aus den Untiefen des Franchise-Friedhofs hervor. Zugegeben: Nach den sieben erfolgreichen Filmen („Saw“ steht nach wie vor als erfolgreichste Horrorreihe aller Zeiten im Guinness-Buch der Rekorde) war jedem mit den Regeln des Filmbusiness halbwegs vertrauten Zuschauer klar: Hier wird noch lange nicht Schluss sein. Und das ist auch kein Wunder, denn bei den geringen Produktionskosten, die so ein „Saw“-Film verschlingt, ist der Gewinn am Ende des Tages umso größer. 2017 scheint mit den Überraschungserfolgen „Get Out“, „Es“ und „Happy Death Day“ ohnehin das perfekte Jahr zu sein, um einen Genrefilm – und noch dazu einen zu einem berühmten Franchise gehörenden – auf die große Leinwand zu bringen. „Jigsaw“ spielt innerhalb des Universums nun zehn Jahre nach Teil drei; damals wurde der Puzzlemörder offiziell für tot erklärt, im vierten Teil sogar vor den Augen des Publikums obduziert. Dass die Macher in Interviews vorab angaben, „Jigsaw“ hieße vor allem deshalb so, weil sich dieser Film primär mit der Figur des JIgsaw auseinandersetzen soll, lässt einen hellhörig werden – es wäre nicht das erste Mal, dass eine eigentlich für tot erklärte (Horror-)Filmfigur wider jedweder Logik wieder zum Leben erweckt wird, weil man sich erst im Nachhinein dessen ikonischem Wert bewusst wurde. Andererseits gab es bereits diverse Zeitgenossen, die das Werk des Puzzlemörders auf ihre Weise weitergeführt haben.

Halloran (Callum Keith Rennie, links) und Detective Keith (Clé Bennett, rechts) jagen einen eiskalten Killer.

Dieses Werk bestand vor allem ab dem zweiten Teil vornehmlich aus möglichst grausamen Folterfallen. Mal mussten sich Menschen mit eigener Kraft die Augen ausstechen, ein anderes Mal möglichst viel Fleisch vom Körper säbeln und im siebten Teil musste sich eines von Jigsaws Opfern zwei Haken in die Brustmuskeln stechen, um sich daran mit eigener Kraft von einem Podest auf das andere zu hieven. Die perverse Fantasie des krebskranken John Kramer, der so den Überlebenswillen seiner Opfer testen wollte, kannte keine Grenzen – nun im ausgerechnet nach ihm selbst benannten, siebten Sequel offenbar schon, denn auch wenn die Macher eine Menge interessanter Ideen auffahren, um die zweit- und drittklassigen (und allesamt nahezu unbekannten) Schauspieler in ihre Einzelteile zu zerlegen, kommt einem als Betrachter doch überraschend häufig der Gedanke, der Jigsaw von vor sieben Jahren hätte sich mit solch harmlosen Spielchen wie hier nicht zufriedengegeben. Ein wenig Blut muss vergossen werden, Gliedmaßen abgetrennt und Sünden gebeichtet; und die Spierig-Brüder gehen dabei – gerade für die „Saw“-Reihe – bemerkenswert handzahm zur Sache, sodass man sich bis zuletzt fragt, weshalb die FSK diesen Film denn überhaupt ab 18 freigegeben hat. Mit Ausnahme einer zugegebenermaßen ziemlich effektvollen Idee, wie sich ein menschlicher Kopf in einzelne Scheiben schneiden und anschließend spektakulär sternförmig ausbreiten lässt, hat „Jigsaw“ nichts mehr mit den Blut- und Splatterorgien der Teile zwei bis sieben gemein. Das hatten Michael und Peter Spierig vorab zwar angekündigt; immerhin wollten sie sich angeblich wieder mehr dem Thriller und vor allem der Persönlichkeit John Kramers widmen (daher auch die späte Umbenennung von „Saw: Legacy“ in „Jigsaw“), doch was ihnen an Derbheit in der Gewaltdarstellung fehlt, können sie nicht bei der Erzählung ausgleichen; im Gegenteil: Auch auf dieser Ebene gerät „Jigsaw“ zäh und zahnlos.

Im Zeitreisethriller „Predestination“ stellten die Spierig-Brüder ihr Fingerspitzengefühl im Spiel mit verschiedenen Erzählebenen noch famos unter Beweis. In „Jigsaw“ versuchen sie nun Ähnliches. Das kennt man aus der „Saw“-Reihe bereits; nicht selten wurden im Verborgenen mehrere Handlungsstränge parallel erzählt, mit Rückblenden gespielt und so erst ganz am Ende zusammengeführt, was zunächst noch auseinanderzulaufen schien (vor allem die Verknüpfung von den Ereignissen aus „Saw“ und „Saw: Vollendung“ funktionierte deshalb so gut, weil bei aller Konzentration auf die Folterfallen auch viel Herzblut in der erzählten Krimihandlung steckte). Soviel sei verraten: Der von den Spierigs am Ende aufgefahrene Twist (zu dem wir an dieser Stelle natürlich nicht zu viel erzählen wollen) funktioniert im Hinblick auf den Überraschungseffekt. Leider hinterlassen die Autoren Pete Goldfinger und Josh Stolberg („Piranha 3D“) damit aber auch solch große Wissens- und Logiklücken, dass einige Handlungsfäden einfach im Nichts enden. Vieles basiert auf Behauptungen und gegebenen Tatsachen. Das geht sogar so weit, dass „Jigsaw“ einen Prequel-Bogen zu „Saw“ schlägt, der die Ereignisse des ersten Teils zeitweise ad absurdum führt und die innere Erzählkonsequenz links liegen lässt. „Jigsaw“ fühlt sich an wie ein bemühtes Anhängsel an die in sich abgeschlossene, Teil eins bis sieben umfassende Reihe; sämtliche Versuche, diesen Film auf inhaltlicher Ebene mit dem Franchise zu verknüpfen, wirken ungenau und schluderig. Viel schlimmer ist allerdings, was die Regisseure mit der ikonischen Horrorfigur Jigsaw selbst anstellen.

Der Ermittlungsdruck auf Detective Keith (Clé Bennett) steigt mit jeder entdeckten Leiche.

Auch wenn sich die „Saw“-Reihe spätestens ab Teil drei zumeist auf ihr Torture-Porn-Dasein reduzieren lassen musste, gelang ihr mit der Schreckensfigur des John Kramer alias Jigsaw sowie ihren Handlangern Amanda, Doctor Gordon und Detective Hoffman doch die Schöpfung eines schier unantastbaren Antagonisten. Das Werk der Irren erschütterte die USA in ihren Grundfesten und stellte die Polizei vor unüberwindbare Hindernisse, was im Rahmen eines durchaus clever über sämtliche Teile fortgeführten Thrillerplots nachvollziehbar erläutert wurde. In „Jigsaw“ sind nun nicht bloß die Fallen überraschend harmlos, auch die Ermittlungen als solches sowie die Darstellung des Bösewichts erscheinen wie jene zu jedem anderen x-beliebigen Kriminalfall. Noch nicht einmal die Entdeckung, dass es sich bei dem Täter tatsächlich um den vor zehn Jahren verstorbenen John Kramer handeln könnte, da dessen Blut an den Opfern gefunden wird, entfaltet eine solche Schockwirkung, wie sie es im Anbetracht einer News dieser Größe eigentlich müsste. Stattdessen streuen die Autoren lieber offensichtlich (!) falsche Fährten und lassen parallel dazu eines der berühmten Überlebensspiele des Puzzlemörders ablaufen, bei dem die gefangenen Figuren alle deutlich dämlicher handeln, als noch die Opfer in den bisherigen „Saw“-Filmen. Dieser lieblose Eindruck spiegelt sich auch in der technischen Aufmachung wider: Obwohl das ganze Franchise mit geringen finanziellen Mitteln auskommen musste, ist „Jigsaw“ nun der erste Teil, dem man das geringe Budget ansieht und der gleichermaßen nichts daraus macht. Die ersten sieben Produktionen machten sich einen dreckig-abgewrackten Look zueigen und prägten so das Erscheinungsbild des Franchises. Der achte Teil wirkt bei dem Versuch, den Bildern Leinwandformat zuzuschreiben, einfach nur billig, während der bekannte „Saw“-Komponist Charlie Clouser das weltberühmte „Hello Zepp“-Theme bis an die Grenzen der Redundanz variiert.

Fazit: „Jigsaw“ fährt gen Ende mit einem netten Twist auf, doch unter dem Versuch, die Ereignisse dieses Teils mit den ersten sieben Filmen zu verbinden leiden Glaubwürdigkeit und Atmosphäre. Die berühmten Folterfallen sind so harmlos, dass auch die Gore-Fans der Reihe nicht auf ihre Kosten kommen. Und das Wiedersehen mit John Kramer fällt so kurz und lieblos aus, dass man sich fragt, weshalb Tobin Bell für diesen Teil überhaupt noch zugesagt hat.

„Jigsaw“ ist ab dem 26. Oktober bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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