Es

Darauf haben die Fans lange gewartet: Mit ES kommt ein Horror-Remake in die Lichtspielhäuser, das nicht bloß besser ist, als das Original, sondern auch noch sämtliche Erwartungen an den Kinokassen sprengt. Mehr dazu in meiner Kritik.

Der Plot

Im Mittelpunkt stehen sieben junge Außenseiter, die in dem Städtchen Derry in Maine aufwachsen – sie bezeichnen sich als Club der Loser. Aus dem einen oder anderen Grund sind sie alle ausgegrenzt worden, die Rowdys des Ortes haben sie ins Visier genommen … und alle haben erlebt, wie ihre innere Angst plötzlich real wurde als uralter, aggressiver Gestaltwandler, den sie einfach nur „Es“ nennen. Seit es den Ort gibt, ist Derry immer schon das Jagdrevier dieses Monsters gewesen: Alle 27 Jahre steigt es aus der Kanalisation herauf, um sich vom Schrecken seiner bevorzugten Beute zu ernähren: nämlich den Kindern von Derry. Innerhalb eines ebenso grauenhaften wie mitreißenden Sommers tun sich die Loser zusammen und bilden eine unverbrüchliche Gemeinschaft, um so ihre eigene Angst zu überwinden und den mörderischen Amoklauf zu beenden, der an einem Regentag begonnen hat: Ein kleiner Junge rannte seinem Papierschiffchen hinterher, das in einen Gully gespült wurde, … und geriet so in die Fänge des Clowns Pennywise.

Kritik

Dass die neue Leinwandadaption von Stephan Kings Erfolgsroman „Es“ ein Erfolg werden würde, war abzusehen. Obwohl der aus den Neunzigern stammende TV-Zweiteiler zum damaligen Zeitpunkt seine Fans hatte (und diese ganz sicher in abgespeckter Form immer noch hat), ist es unter Liebhabern ein ungeschriebenes Gesetz, dass man sich immer schon eine bessere, eine geradlinigere und vor allem eine dem technischen Zeitgeist angepasste Variante gewünscht hätte. Von der einschüchternden Präsenz Tim Currys als Schreckgestalt Pennywise einmal abgesehen, befindet sich „Es“ von 1990 in etwa auf dem Gruselniveau einer durchschnittlichen Episode von „X-Factor“, auch wenn sich, ungeachtet der Tatsache, dass sich der Fernsehfilm weit vom Inhalt des Buches entfernt, an der ausführlichen und liebenswürdigen Betrachtung der jugendlichen Protagonisten noch heute viele Horrorfilmer ein Beispiel nehmen können. Dass das Remake von Andy Muschietti („Mama“) also zum genau richtigen Zeitpunkt angekündigt wurde, ließ sich schon an den enormen Abrufzahlen des ersten Trailers erkennen, der aus dem Stand sämtliche bisherigen Klickhits (darunter in erster Linie der Disney-Konzern mit „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ und weiteren Blockbustern) übertraf. Trotz dadurch bereits höher geschraubter Erwartungshaltung von Seiten des Studios pulverisierte „Es“ zum Start sogar noch einmal sämtliche Prognosen und holte sich direkt mehrere Rekorde: „Es“ gelang auf Anhieb der beste September-Start, der beste Horror-Start und der zweitbeste Start aller Zeiten für einen Film mit einem R-Rating. Und da angesichts der Qualität nicht von einer negativen Mundpropaganda auszugehen ist, darf man sich noch auf viele weitere Erfolgserlebnisse gefasst machen.

Jaeden Lieberherr und Sophia Lillis spielen Bill und Beverly.

Der „Es“ von 2017 beginnt mit einer Szene, die bis auf kleine Details nahezu eins zu eins vom Original übernommen wurde: Der kleine Georgie (Jackson Robert Scott) macht sich mit einem selbstgebastelten Papierboot auf in den Regen. Hier landet das kleine Spielzeug schließlich im Gully – und dort wartet bereits der ab sofort von Bill Skarsgård („Atomic Blonde“) verkörperte Clown Pennywise auf ihn. Dass dem Jungen im nächsten Moment in einer brutalen Szene der Arm abgebissen wird, scheint ein erstes Indiz auf einen weitaus höheren Gore-Gehalt – und in Zeiten nach „Saw“ und Co. schien dieser Schritt nur erwartbar, auch wenn Andy Mischietti sich abseits davon eher in den auf Atmosphäre und Spannung setzenden Gefilden eines „Conjuring“ aufhält. „Es“ ist ein astreiner Gruselthriller, der sich heute im Jahr 2017 nur einfach viel mehr trauen kann, als damals – nicht zuletzt, weil dieser Film jetzt seine erste Auswertung in den Kinos erfährt und nicht direkt über den televisionären Weg seine Zuschauer findet. Trotzdem kann „Es“ noch weitaus mehr, als sich lediglich den modernen Sehgewohnheiten anzupassen, denn während man sich bei einigen Dingen ganz am horrenden Zeitgeist orientiert, bleiben die Drehbuchautoren Chase Palmer, Cary Fukunaga („Beasts of No Nation“) und Gary Dauberman („Annabelle 2“) an anderer Stelle betont nah am Original: Der Club der Verlierer von 2017 besitzt in seiner ausgiebigen Betrachtung nämlich einen ähnlichen Stellenwert, der „Es“ wie schon die Variante von 1990 eher zu einem Coming-of-Age-Film macht; nur eben zu einem, mit allerlei Horrorelementen.

Die Stars des ersten „Es“-Films (spätestens durch die Einblendung „Chapter One“ kurz vor dem Abspann weiß jeder, dass der zweite Teil des Buches eine eigene Leinwandauswertung erfahren wird) sind die Kinder: Jaeden Lieberherr („The Book of Henry“), Sophia Lillis („A Midsummer Night’s Dream“), Jeremy Ray Taylor („Alvin und die Chipmunks: Road Chip“), Finn Wolfhard („Stranger Things“) und Jack Dylan Grazer („Tales of Halloween“) bilden eine Gruppe von Außenseitern, durch deren Augen der Zuschauer die sich (nach der dynamischen Auftaktszene) sehr langsam zuspitzenden Ereignisse in dem kleinen Ort Derry beobachtet. Dabei geht es lange nicht um das große Ganze und auch, wenn Pennywise schon früh auftaucht und sich in teils verdammt gruseligen Einzelszenen immer wieder den Weg zu seinen Opfern bahnt, geht es zunächst doch vor allem um die Kinder, deren teils tottraurige Backgroundstories (aus dem Verhältnis zwischen Beverly und ihrem unterschwellig widerwärtigen Vater ließe sich direkt ein ganz eigenes Drama spinnen) und den Versuch, sich sowohl gegen die Schulrowdys zur Wehr zu setzen, als auch seinen Platz im Leben zu finden. Daraus ergibt sich ein mannigfaltiges Konstrukt sämtlicher Jugendängste und pubertärer Wirrungen, die hier und da sogar noch einmal symbolisch unterfüttert werden (Stichwort: Menstruation). Letzteres wäre gar nicht nötig, doch findet Muschietti ohnehin immer einen guten Kontext, um seine Assoziationen im Film unterzubringen; bei der Inszenierung der Jumpscares und Gruselszenen fährt der einst von Guillermo del Toro entdeckte und geförderte Filmemacher nämlich eine immense Vielfalt auf.

Der Club der Verlierer

Neben Pennywise in furchterregender Clownsgestalt (bei der schon bald nicht das Äußerliche an sich das Gruseligste ist, sondern in erster Linie die Art und Weise, wie er sich fortbewegt), gibt es noch einige weitere Figuren zu erleben, die sich aufgrund ihrer bei den Kindern ausgelösten Furcht aufmachen, an den Nerven des Publikums zu zerren. So hat der Eine etwa Angst vor einem gruseligen Gemälde, sodass sich die darauf abgebildete Gestalt schon wenig später in Persona auf die Jagd nach ihrem Opfer begibt (der stark umgesetzte CGI-Effekt steht stellvertretend für die technische Brillanz des gesamten Films), während von allen Seiten zombieähnliche, verkohlte oder auch schon mal kopflose Menschen und Kinder auftauchen, die Pennywise häufig nutzt, um wenig später selbst in Erscheinung zu treten. Die effektiv platzierten Jumpscares sind zwar auf der einen Seite fester Bestandteil dieses zwar durch und durch modernen, jedoch nicht minder nostalgisch anmutenden Films, andererseits verkommen sie nie zum Selbstzweck, sondern dienen vorzugsweise der Entladung der sich ohnehin sukzessive aufstauenden Ängste der fünf Protagonisten. Auf abgedroschene (falsche) Fährten wie die plötzlich irgendwo hervor springende Katze oder Banalitäten wie das sich Erschrecken vor einem plötzlich auftauchenden Freund gibt es in „Es“ nicht. Wenn das Grauen über die Figuren und Zuschauer hereinbricht, hat es dieses in sich und kommt dabei ohne jede Form der Redundanz aus. Das Spektrum an Schockeffekten ist groß genug, um zu jedem Zeitpunkt etwas Neues zu bieten.

Dieses Haus ist eines von vielen fantastischen Setpieces in „Es“.

Mit einem Budget von gerade einmal 35 Millionen US-Dollar war „Es“ vergleichsweise günstig, wenngleich er für eine Horrorfilmproduktion schon mit recht üppigen Mitteln ausgestattet wurde. Dieser finanzielle Aufwand hat sich allerdings nicht bloß angesichts der Einspielergebnisse gelohnt, auch visuell handelt es sich bei „Es“ um einen absolut hochwertigen Genrevertreter, der sich nicht bloß aufgrund seiner absolut kurzweiligen, aber auf dem Papier üppigen Länge von 135 Minuten wie ein „großer Film“ anfühlt, sondern auch durch die aufwendigen Setpieces und die starke Kameraarbeit von Chung-Hoon Chung („Die Taschendiebin“). Seine Bilder stecken voller Eleganz und Detailvielfalt – „Es“ ist vermutlich der erste richtige Horrorblockbuster seit Steven Spielbergs „Der weiße Hai“ und spricht das Publikum auf diversen Ebenen an. Gleichzeitig ist er handgemacht und edgy genug, um nicht in Austauschbarkeit zu verfallen. Die vor der Kamera stehenden Figuren mit all ihren Problemen und Ängsten besitzen Herz und Seele und müssen hier nicht bloß gegen einen fiesen Killerclown ankämpfen, sondern gegen die Dämonen ihrer Kindheit. Das ist ein so universelles Ausgangsszenario, dass es eigentlich schade wäre, wenn sich nur Liebhaber des Horrorkinos in diesen Film verirren. Daher appellieren wir an dieser Stelle von Herzen: traut Euch!

Fazit: Der neuen Verfilmung von Kings Bestseller „Es“ wäre damit Unrecht getan, würde man sie lediglich auf ihr Dasein als Horrorschocker reduzieren. Andy Muschietti gelingt ein feinfühliges Coming-of-Age-Drama über innere Dämonen und die Ängste des Erwachsenwerdens, garniert mit einer ordentlichen Prise Gruselhorror, starken Effekten und einem Club der Verlierer, in den man sich auf Anhieb verliebt.

„Es“ ist ab dem 28. September bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

3 Kommentare

  • Pingback: Movie review: It - Andy Muschietti | Boostyourfilm

  • Test

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  • Es ist interessant, wie unterschiedlich man Filme sehen kann.

    Für mich war der 1. Teil eine lieblose Aneinanderreihung von einzelnen Grusel- und Coming-Of-Age-Szenen, die sich nie zu einem großen Ganzen zusammenfügen wollten.

    Trotz langer Einführung der Charaktere bleiben die Kinder bis zum Schluss dermaßen blass, dass ich nicht einmal im Showdown mit ihnen mitfiebern konnte. Die Chemie in der Gruppe stimmt überhaupt nicht, die gestörten Beziehungen zu den Eltern sind eher unfreiwillig komisch (oder soll Eddies Mutter im Fat-Suit sogar lustig sein und Beverlys Vater absichtlich so künstlich überzogen?).

    Die Horrorszenen mögen am Anfang noch gruseln, nutzen sich aber von Minute zu Minute ab und sind teils auch stark abgekupfert (z.B. „Ring“) oder mit Effekten überladen (allein das „Horrorhaus“ mutet eher wie eine Karikatur an).

    Zu allerletzt stört noch der aufdringliche Soundtrack von Benjamin Wallfisch, dessen Score noch zu den überstylten Bildern von „A Cure for Wellness“ passte, hier aber immer over-the-top ist (und was sollte überhaupt die Mutter in der ersten Szene, ist es normal, dass man sich bei Regenwetter ans Klavier setzt und Horrormusik spielt?)

    Ich war froh, als endlich die Credits liefen. Für mich die größte Film-Enttäuschung 2017!

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