Himmelskind

Patricia Riggen erzählt in HIMMELSKIND die Geschichte einer Frau, die von sich selbst behauptet, ein echtes Wunder erlebt zu haben. Ob das tatsächlich stimmt, sei an dieser Stelle gar nicht diskutiert. Viel interessanter ist, weshalb ausgerechnet die Darstellung jenes Wunders den Film radikal von „gut“ in „schlecht“ kippen lässt. Das und mehr verrate ich in meiner Kritik.Himmelskind

Der Plot

Als Christy (Jennifer Garner) erfährt, dass ihre 10-jährige Tochter Anna (Kylie Rogers) an einer seltenen, unheilbaren Krankheit leidet, sucht sie verzweifelt nach einer Therapie. Sie rennt von Doktor zu Doktor, reist quer durch die USA, verschuldet sich und vernachlässigt den Rest ihrer Familie – alles nur, um dem jungen Mädchen zu helfen. Doch die Möglichkeit einer Therapie besteht nicht. Stattdessen muss sich die Familie damit arrangieren, dass Anna bald sterben wird. Auf ihrer Odyssee lernt Christy viele Menschen kennen, die alle auf ihre ganz eigene Art und Weise versuchen, der Familie beizustehen. Obwohl das Schicksal längst besiegelt scheint, geschieht eines Tages etwas Unglaubliches, was sich bis heute Niemand im Ort erklären kann…

Kritik

Was einen guten von einem sehr guten Film, vielleicht sogar einem Jahre bis Jahrzehnte überdauernden Meisterwerk unterscheidet, ist die ausgewogene Qualität. Herausragende Produktionen müssen sich nicht von Höhepunkt zu Höhepunkt hangeln, weil sie für sich genommen bereits ein Highlight sind. Denkt man an Filme wie „Die Verurteilten“ (die aktuelle Nummer eins der IMDb-Hitliste), „Der Pate“ oder „The Dark Knight“, dann fällt auf, dass in derartigen, von der Allgemeinheit als Klassiker akzeptierten Leinwandstücken so etwas wie Leerlauf nicht existiert. Es ist schwer, im Einzelnen festzuhalten, auf welche Szene man sich als Qualitätsspitze einigen kann, weil das qualitative Niveau auf einem solch hohen Level angesiedelt ist, dass das Prädikat „rundum gelungen“ hier getrost verwendet werden darf. Zu Beginn einer Review von Patricia Riggens Glaubensdrama „Himmelskind“ mit Superlativen um sich zu schmeißen, soll keinesfalls darauf hindeuten, dass den Zuschauer in der knapp zweistündigen Story auch solche erwarten mögen. Der im Original noch ein wenig plumper „Miracles from Heaven“ betitelte Film ist alles andere als ein Meisterwerk und fungiert – um an dieser Stelle den Bogen zu schließen – als direktes Gegenteil zu besagten Kinohighlights; Riggen führt dem Zuschauer vor Augen, dass ein Film noch so lang noch so gelungen sein kann, macht er an entscheidender Stelle einen zu eklatanten Fehler, ist alles vorher Gesehene nichtig. Zumindest in diesem Fall, denn wo „Himmelskind“ noch als überraschend subtile, wenn auch hoch dramatische Familientragödie beginnt, macht ein Twist im letzten Drittel nicht bloß das Finale zunichte, sondern zerstört rückblickend mit Anlauf all die gelungenen Aspekte, die uns der Film bis dato präsentierte.

Himmelskind

Seit dem Entdecken eines konservativ-christlichen Kinopublikums hat sich in Hollywood ein riesiger Markt für leinwandtaugliche Kirchenpropaganda entwickelt. Ganz gleich ob Verfilmungen verschiedener Bibelabschnitte („Die Passion Christi“, „Noah“, „Exodus“) oder mal auf Romanen („Den Himmel gibt’s echt“), mal auf wahren Ereignissen („Captive“) basierender Kitsch, an dessen Ende in den meisten Fällen die wenig subtile Message steht, dass Mensch einfach besser fährt, wenn er brav jeden Sonntag die Kirche besucht, eines steht fest: In Übersee zieht das so gut, dass mit „Himmelskind“ auch hierzulande nun die nächste Verfilmung eines solchen „Wunders“ in die Kinos kommt, die in den USA mehr als das Fünffache ihrer Produktionskosten (13 Millionen US-Dollar) wiedereinspielte. Da wundert es auch nicht, dass immer wieder namhafte DarstellerInnen für derartige Projekte gewonnen werden können. Bei ohnehin blockbustertauglichem Stoff der Marke „Noah“ wundert das wenig, doch nachdem in „Captive“ bereits Kate Mara und David Oyelowo vor der Kamera standen, ist es in „Himmelskind“ Jennifer Garner („#Zeitgeist“), die in der Rolle der Protagonistin zu sehen ist. Die sich zuletzt ein wenig rar gemachte Mimin erweist sich als um ihr krankes Kind besorgte Mutter als Idealbesetzung. Im Zusammenspiel mit ihrer Filmtochter Anna, gespielt von Kylie Rogers („Väter und Töchter“), kommen nicht bloß zu jedem Zeitpunkt echte Gefühle zum Vorschein, auch die Selbstverständlichkeit innerhalb der Interaktion gleicht einem intuitiven Spiel, das nie gestellt wirkt und dadurch wirklich zu Herzen geht.

Die dramatischen Aspekte in der auf wahren Ereignissen beruhenden Geschichte rund um die Familie Beam inszeniert Regisseurin Riggen auf Basis des Drehbuchs von Randy Brown („Back in the Game“) gefühlvoll, wenngleich einen Tick zu überdramatisch. Zeitlupen und betont sentimentale Musik (Carlo Siliotto) zum Unterstreichen der durch und durch tragischen Prämisse hätte „Himmelskind“ gar nicht gebraucht. Die authentischen Schauspielleistungen und der detaillierte, nichts beschönigende Blick auf die Geschehnisse reichen aus, um die Tragweite der für die Familie niederschmetternden Nachricht zu verdeutlichen. Auch die Tatsache, dass der Film Themen wie die Vernachlässigung der Mutter ihrer anderen Kinder, die wachsenden Geldsorgen sowie die Entfremdung der Erwachsen sind kompakt und schlüssig in die Geschichte eingebunden. Insofern brauchen sich gerade Eltern nicht schämen, sollten sie im Kino die eine oder andere Träne verdrücken; wenn Anna ihrer Mutter offenbart, lieber sterben zu wollen, als weiterhin Schmerzen zu erleiden, ist das nicht nur im Kontext traurig, sondern fühlt sich auch für den Zuschauer echt und bedrückend an. Sogar die von Queen Lativa („Der Knochenjäger“) optimistisch-schwunghaft verkörperte Zufallsbekanntschaft von Christy und Anna, die mit den beiden einen Großstadttrip unternimmt, lockert die Szenerie in genau jenem richtigen Maße auf, dass es sich anfühlt wie ein kurzer Moment benötigter Leichtigkeit; nicht wie abgeschmackte Verklärung.

Himmelskind

Lange Zeit fragt man sich, weshalb „Himmelskind“ überhaupt als Film jenes christlich-dramatischen Genres tituliert wurde, das hier bereits zu Anfang kurz erwähnt wurde. Die Familie Beam ist zwar gläubig, doch mehr als ein herkömmlicher Kirchenbesuch und Stoßgebete im Anbetracht der Katastrophe – die in solchen Situationen sicherlich nicht selten auch von Nichtgläubigen gen Himmel geschickt werden – bekommt man als Zuschauer nicht zu sehen. Das Blatt wendet sich allerdings schneller, als sich das „Vater unser“ aufsagen lässt. Da „Himmelskind“ auf den offenbar tatsächlich erlebten Ereignissen der Familie Beam basiert (Christy Beam schrieb auch die Romanvorlage, die der Drehbuchautor für die Leinwand adaptierte), lässt sich Regisseurin Patricia Riggen schwer vorwerfen, dass sie die im Trailer als zentralen Plotpoint dargestellte Wendung kurz vor Schluss in ihre Story einbaute. Doch nicht nur, dass der Film durch das vorab der Öffentlichkeit zugänglich gemachte Bewegtbildmaterial vollkommen falsch verkauft wird, er schürt beim Zuschauer vor allem falsche Erwartungen. Der Teil, der aus dem Schicksal überhaupt erst ein verfilmenswertes macht, erhält hier eine Laufzeit von gerade einmal zwanzig Minuten und hebt sich in seiner Vorschlaghammermoral, der nahezu unerträglichen Botschaft und der zunichte gemachten Subtilität so negativ von der vorab noch so sympathisch-zurückhaltenden Geschichte ab, dass man fast glauben möchte, ab hier hätte ein anderer Filmemacher das Projekt zu Ende geführt. Gekrönt wird das Ganze nur noch von qualitativ indiskutablen Computer- und Greenscreeneffekten, die das Leinwandgeschehen schließlich vollends der Lächerlichkeit preisgeben.

Fazit: Vollkommen unabhängig davon, ob das, was in „Himmelskind“ erzählt wird, so tatsächlich geschah: Die Regiearbeit von Patricia Riggen überzeugt eineinhalb Stunden lang als äußerst emotionales, dabei aber auch zurückhaltendes Familiendrama, bis ein Twist, der im Trailer als Dreh- und Angelpunkt der Geschichte verkauft wird, den bis dahin so subtilen Eindruck vollends zunichte macht. Eine herbe Enttäuschung!

„Himmelskind“ ist ab dem 9. Juni in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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