Everybody Wants Some!!

Nach „Boyhood“ widmet sich Ausnahmeregisseur Richard Linklater mit EVERYBODY WANTS SOME!! nun der Faszination der Achtzigerjahre. Das Problem: Ohne einen persönlichen Bezug zu diesem Jahrzehnt ist man hier aufgeschmissen. Mehr dazu in meiner Kritik.Everybody Wants Some!!

Der Plot

Mit einer Kiste voller Schalplatten erreicht College-Neuling Jake Bradford (Blake Jenner) das Studentenwohnhaus, das die Stadt den Mitgliedern des örtlichen Baseball-Teams zur Verfügung gestellt hat. Er lernt zunächst die Hierarchien unter den verschiedenen Spielern kennen – so sehen die Schläger traditionell auf die Werfer herab, und machen sich einen Spaß daraus, dies auch bei jeder Gelegenheit zu betonen. Alle gemeinsam jedoch sind vereint, sobald es Abend wird und die nächste Party oder der nächste Disco-Besuch auf dem Programm steht. Denn ans Lernen oder Trainieren denkt von den Jungs niemand, ganz im Gegenteil geht es rund um die Uhr darum, Mädchen kennenzulernen und möglichst viele Abenteuer zu erleben. Schon kurz nach seiner Ankunft lernt Jake die hübsche Schauspielstudentin Beverly (Zoey Deutch) kennen, doch bevor er ein erstes Date landen kann, bekommt er von seinem Team einen Crash-Kurs als Mitglied des Baseball-Teams. Dazu gehören die verrücktesten Wetten ebenso wie Trinkrituale und gepflegter Marihuana-Konsum.

Kritik

Mit seinem Langzeitprojekt „Boyhood“ gelang Regisseur Richard Linklater einer der faszinierendsten Filme der Zweitausender. Zu Recht wurde das über zwölf Jahre gedrehte Coming-of-Age-Drama mit allen erdenklichen Filmpreisen ausgezeichnet. Und das, obwohl „Boyhood“ doch ähnlich sämtlicher vorheriger Linklater-Filme keine richtige Geschichte erzählt, sondern sich als (in diesem Fall eben sehr ausführliche) Momentaufnahme versteht. Egal ob nun die Beobachtung eines Paares über mehrere Jahrzehnte hinweg (die „Before“-Reihe) oder das fiktive Portrait über einen heranwachsenden, ganz normalen amerikanischen Jungen: Es ist die Detailverliebtheit Linklaters, einhergehend mit der kaum zu bändigenden Lust daran, das Besondere im Alltäglichen zu finden, was die Filme des 55-jährigen Texaners selbst bei emotionaler Distanz zu etwas ganz Besonderem macht. Insofern wundert es auch im Falle der Achtzigerjahre-Hommage „Everybody Wants Some!!“ nicht wirklich, dass so etwas wie eine Dramaturgie hier kaum zu erkennen ist. Die Geschichte um einen Neu-Studenten, dessen letzte Tage vor Semesterbeginn in „Everybody Wants Some!!“ portraitiert werden, versteht sich in typischer Linklater-Manier als optimistisches Abbild damaliger Lebensumstände. Für Zuschauer, die diese selbst erlebt haben, entfaltet sich der Retro-Charme von der Leinwand aus im ganzen Kinosaal. Dass Linklater dafür diesmal aber auf erstaunlich viele Klischees zurückgreift, steht jedoch im starken Kontrast zu seinen bisher stets authentischen Filmprojekten.

Everybody Wants Some!!

Geschmacklose Klamotten, hemmungslose Partys und ein fetziger 80s-Soundtrack: „Everybody Wants Some!!“ ist von vorn bis hinten auf Achtziger eingestellt. Nicht nur das Szenenbild spricht Bände; großmusterige Tapeten oder die Automodelle der damaligen Dekade sind nur zu einem kleinen Teil für das authentische Feeling dieses Jahrzehnts zuständig. Es ist insbesondere die technische Umsetzung, durch die sich Linklaters Komödie wie ein waschechter Eighties-Streifzug anfühlt. Das grobkörnige Bild und der leichte Sepia-Stich teilen auch dem letzten Zuschauer mit, dass wir uns hier nicht in der Gegenwart befinden. Doch so subtil wie Kameramann Shane F. Kelly („Boyhood“) hier vorgeht,  schnelle Kameraschwenks ebenso wenig scheut wie stete Wechsel zwischen Nahaufnahmen und ausgiebige Schwelgereien über die Kulisse, behält „Everybody Wants Some!!“ bei aller Liebe zu den Achtzigerjahren einen modernen Grundton bei. Authentizität büßt Linklaters Film dafür an anderer Stelle ein. Und auch, wenn sich die Filme des besonders unter Liebhabern des Arthousekinos so geschätzten Regisseurs nie über ihre Geschichte definieren, so ruht sich Linklater diesmal ein wenig zu sehr darauf aus, dass das auf der Leinwand entstehende Flair seine Zielgruppe auch dann erreichen wird, wenn er aus erzählerischer Sicht auf Sparflamme fährt.

Geht man einmal davon aus, dass sich durchaus auch Zuschauer in den Film verirren könnten, die mit den Achtzigern nichts zu tun haben respektive nicht so nostalgisch auf dieses Jahrzehnt zurückblicken, wie es Linklater hier tut, wäre es schon nicht schlecht, würde „Everybody Wants Some!!“ wenigstens im Ansatz auch über die Geschichte funktionieren. Bei zeitlosen Themen wie das Erwachsenwerden oder die Liebe ist das weniger relevant. Hier ist man ohne einen direkten Bezug zu den Eighties jedoch ganz schön aufgeschmissen. Eine erzählerische Dynamik stellt sich in „Everybody Wants Some!!“ nie wirklich ein, doch das wesentlich schwerer wiegende Problem ist das Zurückgreifen auf diverse abgestandene Klischees, abseits des Achtzigerjahre-Themas. Dass die Baseball-Truppe hier als kiffende, dauergeile und keine Party auslassende Sippe dargestellt wird: geschenkt. Was in schrägen College-Comedys ohnehin bis zum Anschlag ausgereizt wird, verpackt Linklater hier immerhin noch weitestgehend bodenständig und ohne sich dabei über seine Darsteller lustig zu machen. Doch nicht nur die Charaktere passen in Schablonen (vom Außenseiter über den Macho bis hin zum bei den Mädels beliebten Träumer ist alles dabei), auch die kapitelartigen Szenerien entbehren jedweder Originalität. Relaxen am See, Tumulte auf dem Spielfeld, schräge College-Rituale – neu ist an der Darstellung all dieser Standardmomente nichts.

Everybody Wants Some!!

Ähnlich des ebenfalls dieser Tage in den Kinos startenden Achtzigerfilms „Sing Street“ tut es auch „Everybody Wants Some!!“ gut, fast ausschließlich mit Noname-Darstellern ausgestattet zu sein. Zu Blake Jenners bisher bekanntesten Rollen zählt ein über 39 Episoden andauerndes Engagement bei „Glee“, für Justin Street („My All American“) ist dieser Film erst die fünfte Arbeit als Schauspieler und Ryan Guzman feierte seinen größten Kinoerfolg im Rahmen der „Step Up“-Reihe. Sie alle funktionieren mit ihrer unbedarften Spielweise gut in ihren Rollen, gleichzeitig haben sie aber auch nicht wesentlich mehr zu tun, als sich zwanglosen Gesprächen mit ihren Kollegen hinzugeben. Über solch banale Themen wie die richtige Taktik, eine Frau ins Bett zu bekommen oder Neckereien aufgrund des anstehenden College-Jahres kommt ein Großteil der Szenen nie hinaus. Erst als sich Jake der Konvention mit seiner Traumfrau Beverly hingibt, berührt einen das Geschehen auch emotional. Inwiefern diese Banalität des Alltags schlussendlich dann doch das Lebensgefühl der Achtzigerjahre aufleben lässt, wird wohl von Zuschauer zu Zuschauer unterschiedlich sein – je nachdem, was er persönlich mit diesem Jahrzehnt verbindet. Aus filmischer Sicht war es für Richard Linklater ohnehin schwer, sein Mammutprojekt „Boyhood“ schon mit der nächsten Regiearbeit zu übertreffen.

Fazit: Richard Linklaters „Everybody Wants Some!!“ ist ein filmisches Destillat der Achtzigerjahre, das für Kinder der damaligen Dekade ein Kultjahrzehnt wieder aufleben lässt. Abseits dieses nicht zu leugnenden Vorzugs präsentiert sich die Geschichte hingegen überraschend eintönig, setzt fast ausschließlich auf Klischees und macht dem ansonsten so authentischen Feeling einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Immerhin: Besser auf den Punkt endete in diesem Jahr bisher kein anderer Film.

„Everybody Wants Some!!“ ist ab dem 2. Juni in den deutschen Kinos zu sehen.

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