Schlagwort-Archiv: Darren Aronofsky

Das startet am 14. September 2017

Herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von WESSELS‘ WEEKLY, meiner wöchentlichen Vorschau auf die anstehenden Filmstarts. Heute geht’s um den Startdonnerstag des 14. September, der eine überaus große Bandbreite an guten Filmen präsentiert – mit „mother!“ sogar einen der besten des Jahres. Wer von sich glaubt, nicht ganz so hartgesotten zu sein, für den gibt’s den neuesten Film von Ex-Regieaussteiger Steven Soderbergh, der mit „Logan Lucky“ ein nächstes „Ocean’s Eleven“ abliefert. „High Society“ hält indes die Flagge der deutschen Komödie hoch – und macht das gar nicht mal so schlecht. Gourmets gehen unterdessen in die melancholische Liebesgeschichte „Porto“, die in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen sein wird.

Wenn Ihr mehr zu den einzelnen Filmen wissen wollt, klickt einfach auf’s Plakat und entdeckt dort entweder die Kritik oder den dazugehörigen Trailer. Bei Produktionen, die ich vorab nicht sichten konnte, liefere ich Euch auch diesmal wieder eine Zusammenfassung der Handlung. Und wer lieber daheim bleibt, für den habe ich natürlich auch einen hübschen Heimkinotipp parat. Ich wünsche Euch viel Freude mit dieser neuen Ausgabe und natürlich viel Spaß im Kino!

MOTHER!  | Regie: Darren Aronofsky | USA 2017

Sie könnten so glücklich sein – und sind es erst einmal auch: Ein namenloses Pärchen (Jennifer Lawrence und Javier Bardem) hat sich in einem altehrwürdigen Anwesen ein kleines Paradies geschaffen. Lediglich die Schreibblockade des als literarischer Dichter arbeitenden Gatten bringt die Idylle hier immer mal wieder ins Wanken. Unterdessen müht sich seine Frau darin, die einst abgebrannte Villa wieder auf Vordermann zu bringen. Doch mit der Abgeschiedenheit ist es bald vorbei, denn ein Fremder steht vor der Tür: Er (Ed Harris) behauptet von sich, ein großer Fan des Autoren zu sein und bittet unter einem Vorwand um Einlass. Auch seine Ehefrau (Michelle Pfeiffer) kommt bald hinzu. Von der Situation zunächst überfordert, aufgrund seiner Schmeicheleien jedoch angetan, beschließt das Paar, den unerwarteten Gästen einen längeren Aufenthalt zu ermöglichen. Mit fatalen Folgen… 

Darren Aronofskys Terrorfilm „mother!“ ist nicht mehr und nicht weniger als der abgefuckteste Film des Jahres. Jennifer Lawrence dominiert mit ihrer Tour-de-Force-Performance ein Ensemble, das sich leidenschaftlich einem durchgeknallten Erzähl- und Inszenierungsrausch hingibt, mit dem der Ausnahmeregisseur Tabus bricht – das wird (und darf) nicht jedem schmecken. Holy Shit!


PORTO  | Regie: Gabe Klinger | PRT/FR/USA/POL 2016

Porto, die alte portugiesische Hafenstadt mit ihrer mysteriösen, fast morbiden Atmosphäre ist der Ort, an dem der zurückhaltende Jake (Anton Yelchin) und die geheimnisvolle Mati (Lucie Lucas) aufeinandertreffen. Beide sind fremd in der Stadt, beide sind Außenseiter, und beide sind auf der Suche. Als sie sich begegnen, ist es Anziehung, ja, Liebe auf den ersten Blick. Fremd, doch zugleich vertraut, stürzen sie sich Hals über Kopf in eine Affäre. Es ist nur eine einzige Nacht, die sie miteinander verbringen. Aber die Zeit scheint still zu stehen. Mit Blicken, Gesten und Worten schaffen sie eine geheimnisvolle und doch unauflösbare Verbindung. Die Vergangenheit lässt sich nicht zurückholen, aber die glücklichen und leidvollen Erinnerungen hinterlassen bei beiden ihre Spuren. Für immer.

Hätte Kinopoet Terrence Malick Richard Linklaters „Before“-Reihe inszeniert, wäre dabei vermutlich „Porto“ bei herausgekommen. Die melancholische Geschichte über zwei Menschen, die für eine Nacht die Liebes ihres Lebens erfahren, ist nicht nur dank des pulsierenden Schauplatzes fast zu schön, um wahr zu sein, auch die beiden Hauptdarsteller Lucie Lucas und Anton Yelchin machen sich mit diesem Film – im wahrsten Sinne des Wortes – unsterblich.


MR LONG  | Regie: SABU | JPN/HKG/TWN 2017

Ein taiwanesischer Auftragskiller (Chen Chang) strandet in einer japanischen Vorstadt. Seine Mission ist missglückt und ihm bleiben fünf Tage, um Geld für die geplante Rückreise aufzutreiben. Unvermittelt erhält er dabei Hilfe: Der kleine Jun (Runyin Bai) weicht nicht von seiner Seite und ahnungslose Anwohner zeigen sich von seinen Kochkünsten so begeistert, dass sie ihm ein berufliches Standbein schaffen wollen. Eifrig organisieren sie ihrem schweigsamen „Mr. Long“, wie sie den Killer nennen, eine fahrbare Garküche, mit der er, gemeinsam mit Jun, seine chinesischen Spezialitäten unter die Leute bringen kann. Unheil droht, als Juns Mutter (Yiti Yao) von ihrem ehemaligen Dealer aufgesucht wird und dieser Mr. Longs Fährte aufnimmt. Aber auch wenn die Vergangenheit ihn einholt – es wird für Mr. Long nicht leicht zu gehen.

Das Ende bricht einem das Herz: SABUs bisweilen äußerst brutale Todesballade „Mr Long“ erzählt unaufgeregt und hochemotional von einem Auftragskiller, der sich nichts sehnlicher wünscht, als eine zweite Chance – und erkennt, dass er diese nie haben kann.


LOGAN LUCKY  | Regie: Steven Soderbergh | USA 2017

Die Brüder Jimmy und Clyde Logan werden vom Pech verfolgt. Während der impulsive Jimmy einen Job nach dem nächsten verliert, wird Barkeeper Clyde, der nur einen Arm hat, regelmäßig schikaniert. Und dann wären da noch die Geldsorgen. Aber Jimmy hat eine brillante Idee, die den beiden aus der misslichen Lage helfen soll: Ein Raubüberfall im großen Stil! Das prestigeträchtigste und legendärste NASCAR-Rennen der Welt, der Coca-Cola Cup 600, bietet scheinbar die perfekten Voraussetzungen für einen cleveren, unterirdischen Raubzug! Unterstützung erhoffen sich die Brüder vom berüchtigtsten platinblonden Safeknacker des Landes: Joe Bang – der sitzt allerdings noch im Gefängnis fest. Während der Planung des großen Coups tauchen immer neue Hindernisse auf, doch gemeinsam mit ihrer Schwester Mellie setzen die beiden Brüder alles daran, ihre lebenslange Pechsträhne endlich zu beenden… 

Im Anbetracht dieser liebenswürdigen Schmalspurganoven verzeiht man es „Logan Lucky“ gern, dass man das Konzept hinter dem Film eigentlich von Anfang an durchschaut. Die stark gespielte, rasant inszenierte und urkomische Gangsterposse hat das Herz am rechten Fleck und Feuer unterm Hintern – endlich ist Steven Soderbergh zurück!


HIGH SOCIETY  | Regie: Anika Decker | DE 2017

Anabel von Schlacht ist die wohlstandsverwahrloste Party­tochter einer schwerreichen Industriellenfamilie, die geführt wird von Mutter Trixi von Schlacht. Das dachten zumindest alle, doch ein handfester Skandal in Anabels Geburtsklinik enthüllt die Vertauschung diverser Babys und auch Anabels wahre Herkunft: Ihre leibliche Mutter Carmen Schlonz lebt mit ihren beiden anderen Kindern und einem illegalen Untermieter in einer Plattenbau­WG. Als Anabel in ihrem neuen Zuhause eintrifft, gerät sie sich direkt mit dem attraktiven Polizisten Yann in die Haare. Auch ihr weiterer Weg ist gepflastert mit skurrilen Begegnungen, familiären Konflikten und Liebesverwirrungen, führt sie jedoch zur Besinnung auf die wirklich wichtigen Werte des Lebens sowie zur Suche nach ihrer wahren Identität, dem ersten richtigen Job und zur Frage, was Familie eigentlich bedeutet. 

Zwischen Klamauk und Romantik gelingt Anika Decker mit „High Society“ eine niemals urteilende RomCom über Familie und die Unwichtigkeit von Reichtümern. Obwohl kleine Unebenheiten den Erzählrhythmus hier und da ins Stolpern bringen, reichen die vielen amüsanten Momente, treffsichere Pointen und ein leidenschaftlich aufspielender Cast locker aus, um einen Ticketkauf zu rechtfertigen.


WIE DIE MUTTER, SO DIE TOCHTER  | Regie: Noémie Saglio | FR 2017

Avril (Camille Cottin) und ihre Mutter Mado (Juliette Binoche) sind zwar ein Herz und eine Seele, könnten aber unterschiedlicher nicht sein. Avril, 30, ist verheiratet, angestellt und lebt ihr Leben strikt nach Plan, während ihre Mutter seit ihrer Scheidung eine zweite Pubertät durchlebt und ihrer Tochter in jeglicher Hinsicht auf der Tasche liegt. Sie hat sich sogar bei ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn eingenistet und denkt gar nicht daran, ihren Lebensstil aufzugeben. Mutter- und Tochterrolle sind komplett vertauscht und als sich die beiden Frauen dann auch noch zur gleichen Zeit schwanger unter einem Dach wiederfinden, ist der große Eklat unausweichlich. Denn genauso wenig wie Mado inmitten ihres Jugendwahns bereit ist, erneut Mutter oder gar Großmutter zu werden, kann Avril sich ihre eigene Mutter als späte Mutter vorstellen! 

Die zwei grandios aufspielenden Hauptdarstellerinnen Camille Cottin und Juliette Binoche sowie diverse kreative Ideen machen aus dieser kleinen Komödie ein kurzweiliges Vergnügen, das nicht bloß Herz und Seele berührt, sondern auch noch richtig Spaß macht. Eine kleine Überraschung!


DAS LÖWENMÄDCHEN  | Regie: Vibeke Idsøe | NOR 2016

In einer kleinen Provinzstadt in Norwegen kommt im Winter 1912 ein Mädchen (Aurora Lindseth-Løkka) zur Welt, dessen ganzer Körper von feinen blonden Härchen bedeckt ist. Für die damalige Wissenschaft ein kurioser, ein interessanter Fall. Evas Mutter stirbt bei der Geburt und ihr Vater, der Stationsmeister Arctander (Rolf Lassgård), will zunächst von dem „Löwenmädchen“ nichts wissen. Doch die kleine Eva wächst heran (als Jugendliche: Mathilde Thormine Storm). Abgeschottet und versteckt vor der Neugier der Außenwelt, erschafft sie sich ihre eigene Welt, bis sie eines Tages den Mut findet, der Enge ihres Lebens zu entfliehen (als junge Frau: Ida Ursin-Holm). Doch ihr Umfeld steht der Frau und ihrem aufkeimenden Selbstbewusstsein immer wieder im Wege. Wird Eva jemals ein eigenständiges Leben führen können? 

Vibeke Idsøes Familiendrama „Das Löwenmädchen“ hat den puppenhaft-warmherzigen Charme eines Weihnachtsmärchens, doch die Regisseurin holt aus der dramatischen Geschichte um ein von der Gesellschaft ausgestoßenes Mädchen nicht mehr heraus, als von Klischeefiguren vorgetragene Plattitüden. Schade – die fantastischen Hauptdarstellerinnen hätten Besseres verdient.


RADIANCE  | Regie: Naomi Kawase | FR/JPN 2017

Die schüchterne aber hingebungsvolle Misako (Ayame Misak) schreibt mit großer Leidenschaft Hörfassungen von Kinofilmen für Menschen mit Sehbehinderungen. Bei einer Vorführung begegnet sie dem zynischen Fotografen Nakamori (Masatoshi Nagase), der allmählich sein Augenlicht verliert. In seinen Bildern entdeckt sie eine seltsame Verbindung zu ihrer Vergangenheit – und gemeinsam entdecken die beiden eine strahlende Welt, die für Misakos Augen bislang unsichtbar war…

Die japanische Filmemacherin Naomi Kawase („Kirschblüten und rote Bohnen“, „Still the Water“) präsentiert mit ihrem neuesten Film „Radiance“ eine zärtliche, poetische und dabei überaus bildgewaltige Liebesgeschichte und Hommage an die integrierende Kraft des Kinos, der Anfang des Jahres beim Filmfestival von Cannes gezeigt wurde.


THE END OF MEAT  | Regie: Marc Pierschel | DE 2017
Ein Dokumentarfilm über die Vision einer Welt ohne Fleisch, der Philosoph*innen, Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und Aktivist*innen vorstellt, die sich mit Alternativen des Zusammenlebens von Menschen und Tieren beschäftigen. In „The End of Meat“ wagt Filmemacher Marc Pierschel den Blick in eine Zukunft ohne Fleisch sowie deren Auswirkungen auf Umwelt, Tiere und uns selbst. Dabei begegnet er Esther, einem Hausschwein, welches das Leben von zwei Kanadiern komplett auf den Kopf stellte, spricht mit den Pionieren der veganen Revolution in Deutschland, besucht die erste vegetarische Stadt in Indien, begegnet geretteten „Nutztieren“ in Freiheit, trifft auf Wissenschaftler*innen, die am tierfreien Fleisch forschen, das den 600 Milliarden schweren, globalen Fleischmarkt revolutionieren soll und vieles mehr.

Heimkinotipp: DER HIMMEL WIRD WARTEN  | Regie: Marie-Castille Mention-Schaar | FR 2016

Sylvie lebt allein mit ihrer Tochter Mélanie. Sie verbringen viel Zeit miteinander und Sylvie ist stolz auf das enge Verhältnis, das sie zu ihrer Tochter hat. Doch irgendwann begegnet Mélanie im Internet einem Jungen, der ihr regelmäßig zu schreiben beginnt, ihr Komplimente macht und sie schließlich fragt, wie sie es hält mit der Religion. Eines Tages ist Mélanie verschwunden und Sylvie auf halbem Weg nach Syrien, um sie zu suchen. Catherine und Samir sind die stolzen Eltern der 17-jährigen Sonia. Gerade zurück aus den Sommerferien, wird ihr Haus eines Nachts von der Polizei gestürmt und Sonia unter Arrest gestellt. Um ihrer Familie einen Platz im Paradies zu sichern, hat sich Sonia dem Dschihad angeschlossen. Catherine und Sylvie sind tief erschüttert davon, wie fremd ihre Töchter ihnen so ganz im Stillen geworden sind.

„Der Himmel wird warten“ hätte gut und gern zwanzig Minuten länger sein dürfen, denn nicht alle Erzählansätze führt die französische Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar auch zu Ende. Trotzdem ist ihr Drama über die radikale Islamisierung zweier französischer Mädchen ein ebenso mitreißender wie niederschmetternder Film über ein wichtiges, brandaktuelles Thema, das nicht verallgemeinert und einen wichtigen da aufklärerischen Wert leistet.

mother!

Bis vor wenigen Wochen wussten wir noch nicht einmal von der Existenz von Darren Aronofskys neuestem Werk MOTHER!, nun wurde das Horrorwerk unter Jubel und Buhrufen auf dem Filmfestival von Venedig vorgestellt und ist ab Mitte September bereits regulär in den Kinos zu sehen. Was steckt hinter dem geheimnisumwitterten Psychofilm? Mehr dazu in meiner Kritik. Weiterlesen

Noah

Darren Aronofsky gehört zu den Visionären Hollywoods. Nun hat sich der Macher von Meisterwerken wie „Requiem for a Dream“ und „Black Swan“ an seinen ersten Blockbuster gewagt. In NOAH verarbeitet er die biblische Geschichte um die berühmte Arche Noah und vergisst im Rausch des Bombasts seine Wurzeln. Weshalb der Streifen nicht das erhoffte Großereignis ist, verrate ich in meiner Kritik. Weiterlesen

Black Swan

Ballettfilme sind nichts Neues. Grazile Damen, die sich elegant zu klassischer Musik von Tschaikowski bewegen, perfekt geschminkt und einen Hauch von nichts tragend. Nahezu nichts erinnert an die bösen Seiten im Menschen; ein Ballett, ja, es soll den Zuschauer für ein paar Stunden alles vergessen lassen, ihn in eine andere Welt entführen. Darren Aronofsky („Requiem for a Dream“, „The Wrestler“) wirft in seiner sechsten Regiearbeit BLACK SWAN sämtliche Ballett-Assoziationen über Bord und entführt das Publikum  hinter die Kulissen dieses edlen Bühnentanzes in eine Welt, voller Neid, Missgunst und Aufopferung. Wie er das tut, lest Ihr in der ersten Kritik meiner Kategorie „Prädikat: besonders wertvoll“.

Der Plot

Die Ballerina Nina Sayers (Natalie Portman) ist eine der Nachwuchshoffnungen des New Yorker Ballettensembles, das in der kommenden Saison den Klassiker „Schwanensee“ aufführen möchte. Geplant ist eine Doppelrolle, in welcher die Hauptfigur einerseits den zierlichen, reinen, weißen Schwan, andererseits den leidenschaftlichen schwarzen Schwan tanzen muss. Letzteres stellt für Nina ein großes Problem dar. Zwar beherrscht sie die Rolle des weißen Schwans perfekt, für den schwarzen Schwan mangelt es der unter strenger Hand erzogenen Tänzerin allerdings an dem notwendigen Ausdrucksvermögen. Als sie eines Tages ihren Choreographen um die Hauptrolle bittet und ihn bei einem Kuss in die Lippe beißt, sieht dieser etwas Dunkles in Nina aufschimmern, sodass sie die Rolle tatsächlich bekommt. Von nun an trainiert sie wie eine Verbissene und nach und nach kommt ihre dunkle Seite zum Vorschein. Was optimal für ihre Rolle ist, nimmt allerdings auch nach und nach Einzug in Ninas Alltag. Sie beginnt, zu halluzinieren und als die schöne Tänzerin Lily (Mila Kunis) zum Ensemble hinzustößt, findet Nina in ihr eine direkte Konkurrentin. Lily scheint wie das dunkle Gegenstück zu Nina: sie ist leidenschaftlich, losgelöst und frei. Genauso, wie Nina für die Rolle des schwarzen Schwans sein muss. Langsam entwickelt sie Paranoia – will Lily ihr die Rolle ihres Lebens wegnehmen? Ein diffuser Albtraum beginnt.

Kritik

Zunächst einmal gehört „Black Swan“ zu einer bedrohten Art unter den aktuellen Filmtrends. Es handelt sich bei dem dunklen Psychothriller weder um ein Remake, noch um ein Pre- oder Sequel. Die Story ist neu und ohne wirklich jeden erdenklichen Film der Filmgeschichte gesehen zu haben, wage ich zu behaupten: bahnbrechend neu. Allein dieser Umstand ist so erwähnenswert, dass die ersten Zeilen meiner Kritik damit beginnen. Aronowsky hat tatsächlich etwas völlig Neues geschaffen. Bravo!

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Nina (Natalie Portman) weiß nicht, wie ihr geschieht.

Kommen wir zunächst einmal zur Besetzung von „Black Swan“. Allen voran steht selbstverständlich Natalie Portman, die hier – so hieß es bei vielen Kritikern – vermutlich die Rolle ihres Lebens spielt. Dementsprechend dominant fällt ihr Erscheinen auf dem offiziellen Kinoplakat aus. Ihr edles Antlitz unter einer zentimeterdicken Puderschicht, ihr ernster strenger Blick den Betrachter musternd. Doch ihre Maskerade bröckelt. Genauso, wie es ihre Psyche im Film tut. Verkörpert sie zunächst die Prima-Ballerina in rosa, die tanzt, wohlbehütet bei ihrer Mutter aufwächst und außer des Balletttanzes keiner anderen Freizeitbeschäftigung nachgeht, sowie das Verlangen nach körperlicher Liebe unterdrückt, so beginnt der Charakterwandel ab dem Moment, wo sich bereits paranoische Züge abzeichnen. Das kleine Mädchen in der großen Stadt, für das jeder Schatten eine potentielle Bedrohung ist: es ist so zerbrechlich, dass es gar nicht anders kann, als sich zu fürchten. Je länger diese Furcht anhält, umso ausgemergelter wirkt ihr Erscheinungsbild. Hierzu passt das sich unterbewusste Kratzen an der Schulter. Je größer die anscheinende Bedrohung, desto größer wird die Wunde, welche sich schließlich als erste ansatzweise Verwandlung in den dunklen Schwan entpuppt. Natalie Portman verschmilzt im wahrsten Sinne des Wortes mit ihrer Rolle. Ihren krönenden Abschluss findet diese Schmelze in der furiosen finalen Tanzaufführung, die das optische Highlight des gesamten Filmes bietet, zu welcher ich aber später noch ausführlicher kommen werde.

Neben Natalie Portman spielt Mila Kunis („Ted“) alias Lily die zentrale Rolle neben Portman. Sie ist fulminant besetzt, stellt sie doch in jeder Hinsicht das exakte Gegenteil zu Nina dar. Sie ist kräftiger und stärker, wirkt losgelöster in sämtlicher Hinsicht (und sei es nur die, dass Nina einen streng nach hinten gekämmten Zopf, Lily hingegen die Haare offen trägt) und während Nina wie ein scheues Reh allen Menschen gegenüber steht, empfängt Lily jeden mit offenen Armen.  Ihre Gestiken und Mimiken wirken weniger kontrolliert und allein ihr Lächeln wirkt weniger verkrampft, als das von Nina. Trotz dieser Gegensätze ist die Spannung, allen voran die körperliche zwischen Lily und Nina von der ersten Sekunde an allgegenwärtig. Die Schüchternheit von Nina  wird aufgefangen von Lilys Offenheit. Zusammen ergibt dies eine Beziehung der beiden Frauen zueinander, bei welcher der Zuschauer ein unangenehmes Gefühl verspürt, da eine Einordnung schwerfällt. Natalie Portman und Mila Kunis funktionieren als sich abstoßende Gegenpole hervorragend, dementsprechend löst die Anziehung der beiden Unwohlsein aus. Eine interessante Mischung sowie eine interessante Drehbuchidee.

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Thomas (Vincent Cassel) ermutigt Nina zu Höchstleistungen.

Eine ebenso wichtige, wie im Handlungsverlauf zentrale Rolle spielt Barbara Hershey, alias Erica Sayers, selbst zu Jugendzeiten Ballerina und strenge Mutter der Protagonistin. Ihr Auftreten ist düster, ihre Miene finster. Ihre Art der Interaktion mit Nina macht sofort deutlich: die Positionen sind klar verteilt. Obwohl längst erwachsen hat Erica weiterhin stets die Hand über sämtliche Aktivitäten ihrer Tochter, welche sich ihrer Rolle bewusst ist, allerdings in ihrer anfänglichen Schwäche nicht in der Lage zu sein scheint, an ihrer Position etwas zu ändern. Die Rolle der Nina wirkt dadurch nur noch zerbrechlicher. Selbige Auswirkungen hat die Rolle des Choreographen Thomas Leroy, gespielt von Vincent Cassel. Durch sein markantes Erscheinungsbild und einem Aussehen, eher weniger dem Schönheitsideal entsprechend, lässt er sich durch sein trotzdem starkes, äußerst selbstbewusstes Auftreten schwer einordnen. Er ist ein Mann, dem die Herzen der Tänzerinnen zufliegen – der Grund dafür ist schwer zu erschließen. Als schließlich auch Nina ihm verfällt, setzt sie dieser Tatsache unweigerlich die Krone auf. Alles in allem ist allein das Konstrukt der Darsteller und das jeweilige Verhältnis ihrer Rolle zueinander eine äußerst interessante Ansammlung ebenso interessanter Charaktere, die sich hervorragend in ihrer Rolle entfalten können und von der Charakterfarbe in die Filmstimmung passen

Kommen wir nun zur Story und damit der Basis von „Black Swan“. Von der ersten Minute an ist dem Zuschauer bewusst: der typisch märchenhafte Balletttraum in rosa wird einem mit diesem Psychothriller nicht geboten. Von Anfang an dominiert die Szenerie eine dunkle Farbgebung. Lediglich die Kostüme der Tänzerinnen sowie deren blasse Häute sorgen halbwegs für Farbtupfer, die, obwohl das Bild auflockernd, nahezu fehl am Platz wirken. Die geschmeidigen Bewegungen der Ballerinen stehen im krassen Kontext zur düsteren Atmosphäre des Settings, wodurch auch hier der Effekt der zerbrechlichen Mädchen in einem noch nie in der Form gezeigten knallharten Gewerbes entsteht.  Die Geschichte beginnt langsam in einem relativ gezügelten Erzähltempo. Der Zuschauer beobachtet sämtliche Verhaltensmuster von Nina und schafft es so nach kurzer Zeit, ohne viel von Nina gehört oder kennengelernt zu haben, sich von ihr ein Bild zu machen – eben das von der zerbrechlichen Ballerina. Neben den Szenen im Spiegelsaal, gehören auch die Bereiche ihrer Wohnung und damit das Zusammenspiel mit Ninas Mutter dazu, sowie einige wenige Szenen von Hin- und Rückfahrt zur

Trainingsstunde bzw. nachhause. Durch wenige Ansichten aus der direkten Frontperspektive sondern die Konzentration der Filmemacher auf Sichtweisen aus weiterer Entfernung, über die Schulter und aus Positionen, wie sie auch anwesenden Personen vergönnt sein könnte (Bsp. Balustrade im Spiegelsaal, Sitzplatz hinter Nina im Zug etc.) wird der Zuschauer zum Beobachter und findet sich somit direkt im Film wieder. Zwar ist es ihm nicht vergönnt, ins Handlungsgeschehen einzugreifen, dennoch wird eine Nähe zur Handlung aufgebaut, die man so in der Form nicht unbedingt in anderen Filmen findet. Doch gerade durch diese Position als Beobachter schafft der Zuschauer, eine besondere Position gegenüber Nina zu beziehen. Sei es nun, dass man sich wünscht, Nina helfen zu können oder dass man ihr mehr  Selbstbewusstsein vermitteln möchte. Emotional ungerührt vorbei wird die Rolle der Nina an einemnicht gehen.

Nina ist der schwarze Schwan.

Nach einem eher langsamen Einstieg nimmt die Handlung noch im ersten Drittel von „Black Swan“ merklich an Fahrt auf. Die Schnitte werden schneller, das Tempo der Kamerafahrten zieht an. Auch die von Clint Mansell („Requiem for a Dream“, „Moon“) geschaffene, filmgerecht neu arrangierte Interpretation von Tschaikowskys „Schwanensee“ wirkt je nach aktueller Szenerie zunächst noch elegant untermalend, schließlich aber immer öfter bedrohlich und Böses ankündigend. Die gewaltigen Orchesterklänge wirken teilweise durchaus angsteinflößend, überladen die Bilder jedoch nie und stellen die durchgehend beachtenswerte Bildsprache nie in den Hintergrund und findet ihre Höhepunkte in den perfekt ausgearbeiteten Choreographien des „Schwanensee“-Balletts. Ob nun ein Double von Natalie Portman für die Ausführung selbiger zuständig war, vermag ich nicht zu beurteilen. Letztlich ist es auch Unsinn, dies zu tun. Wer auch immer den Abschluss-Tanz in „Black Swan“ getanzt hat, hat es hervorragend gemacht!

 Abschließend sei zu sagen, dass „Black Swan“ in sämtlicher Hinsicht ein phänomenales Meisterwerk ist, das viel Raum für Interpretationen offen lässt, welchen ich mich jetzt nicht weiter gewidmet habe. Die Machart des Films ist brillant, die Aussage hinter der Story sollte jeder für sich selbst finden.  Auf alle Fälle ist dieser Film ein absolutes Muss für alle Cineasten. Mehrmaliges Anschauen nicht ausgeschlossen!

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