Mr Long

In seiner kulinarischen Todesballade MR LONG serviert Regisseur SABU ästhetische Brutalität, kühle Romantik und niederschmetternde Schicksale. Mehr zum Berlinale-Wettbewerbsbeitrag verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Ein taiwanesischer Auftragskiller (Chen Chang) strandet in einer japanischen Vorstadt. Seine Mission ist missglückt und ihm bleiben fünf Tage, um Geld für die geplante Rückreise aufzutreiben. Unvermittelt erhält er dabei Hilfe: Der kleine Jun (Runyin Bai) weicht nicht von seiner Seite und ahnungslose Anwohner zeigen sich von seinen Kochkünsten so begeistert, dass sie ihm ein berufliches Standbein schaffen wollen. Eifrig organisieren sie ihrem schweigsamen „Mr. Long“, wie sie den Killer nennen, eine fahrbare Garküche, mit der er, gemeinsam mit Jun, seine chinesischen Spezialitäten unter die Leute bringen kann. Unheil droht, als Juns Mutter (Yiti Yao) von ihrem ehemaligen Dealer aufgesucht wird und dieser Mr. Longs Fährte aufnimmt. Aber auch wenn die Vergangenheit ihn einholt – es wird für Mr. Long nicht leicht zu gehen.

Kritik

Eigentlich ist die Ausgangslage der nunmehr 18. Regiearbeit des japanischen Filmemachers SABU eine altbekannte: Nachdem er es sich aufgrund eines Zwischenfalls mit seinem illegalen Milieu verscherzt hat, muss sich ein in Ungnade gefallener Auftragskiller entscheiden: untertauchen und im besten Fall ein neues Leben anfangen, in der Hoffnung, die mit ihm eine Rechnung offen habenden Verbrecher werden ihn nicht aufspüren können, oder die an ihn gestellten Anforderungen erfüllen, um weiterhin für Geld zu morden? Was als Prämisse eines x-beliebigen Actionfilms beginnt (schon eine frühe Tötungsszene kratzt in ihrer exzessiven Brutalität hart am „Keine Jugendfreigabe“-Siegel), lässt SABU jedoch schon bald in eine ganz andere Richtung abdriften, denn sein Mr Long ist kein „asiatischer John Wick“ – er ist ein Gourmet mit Hang zu Nudelsuppe und einem Herzen, das eigentlich viel zu groß erscheint, um damit Leute niederzumeucheln. Doch selbst dieser Gewissenskonflikt ist SABU nur eine beiläufige Betrachtung wert. Sein bei der Berlinale gezeigter Film über Liebe, Rache und das Recht auf eine zweite Chance ist ein sensibles Porträt über einen Menschen, der versucht, in der Abgeschiedenheit alles besser zu machen, als im ersten Leben. Ob er dazu das Recht hat, darüber urteilt SABU nicht. Gleichzeitig überlässt er es dem Zuschauer, genau das zu tun, während er ihn mit mal virtuosen, mal niederschmetternden Einstellungen und Kamerafahrten konfrontiert.

Chen Chang spielt die Hauptrolle Mr Long, der sich liebevoll um den Straßenjungen Jun (Run-yin Bai) kümmert.

„Mr Long“ geht 129 Minuten – die meiste Zeit davon wendet SABU nicht dafür auf, sich ausgiebigen Gewaltexzessen hinzugeben und trotzdem bilden zwei gezielt platzierte Eskalationsszenen eine Art erzählerische Klammer. Die erste folgt kurz nach Beginn: Wir sehen die Hauptfigur Mr Long ihre Arbeit als Killer verrichten, indem er eine Gruppe ausgewachsener Männer binnen weniger Minuten hinterrücks (und verdammt blutig) niederstreckt. Die zweite beendet das ruhige Leben der titelgebenden Hauptfigur abrupt und setzt eines von vielen Ausrufezeichen hinter die simple aber universelle Botschaft, dass Gewalt niemals eine Lösung sein kann. Es ist schon sehr aussagekräftig, dass die zweite große Killerszene zwar auf der einen Seite durch ihre geradlinige Kompromisslosigkeit verstört, doch dass es an erster Stelle viel mehr darum geht, die schockierten Reaktionen der Umstehenden einzufangen, die vom Gewaltpotenzial ihres liebenswerten Suppenkochs bislang nichts wussten. So vergeltet SABU Gleiches mit Gleichem, ohne dabei die Frage aufzuwerfen, ob wir das auf der Leinwand gezeigte gutheißen. Denn wir gönnen dem offensichtlich hoch emotionalen und liebenswürdigen Ziehvater des kleinen Jungen Jun zwar den heilen Ausstieg aus dem illegalen Milieu, doch seine Zugehörigkeit zur Auftragskillerszene einfach im Sander verlaufen zu lassen, wäre moralisch höchst fragwürdig. „Mr Long“ geht tiefer und lässt seine Zuschauer mit der komplexen Ausgangsfrage allein, was in dieser Situation das Richtige wäre. Muss wirklich jede Schandtat gerächt werden? Muss jedem illegalen Schritt eine Strafe folgen und reicht es aus, auf einer Ebene Gutes zu tun, um die Fehler auf der anderen auszugleichen?

Doch wie groß muss dieses „Gute“ sein, das in der Lage wäre, Morde an Dutzenden von Personen halbwegs ungeschehen zu machen? SABU, der nicht nur Regie führte, sondern auch das Drehbuch schrieb, wendet die meiste Zeit seines Films dafür auf, das neue Leben des schweigsamen Einzelgängers zu inszenieren, indem er ihn erst mit einem einsamen Straßenjungen bekannt macht, ihn später sogar dessen drogenabhängige Mutter zum kalten Entzug zwingen lässt und ihn zu allem Überfluss zum neuen Liebling des Dorfes macht, das ihm aufgrund seiner hohen Kochkünste eine fahrbare Suppenküche organisiert. Das ist schon verdammt viel optimistischer Input auf einmal, doch Schauspieler Chen Chang („The Assassin“) legt seinen nahezu stummen (Anti-)Helden als komplexe, nie ganz durchschaubare Figur an, der die plötzliche Zuwendung der Dorfgemeinschaft unangenehm ist und den doch das schlechte Gewissen plagt, wenn er die Zustände im Haus von Jun und seiner kranken Mutter entdeckt. Damit macht es einem dieser Mr Long zunächst ziemlich schwer, ihm tatsächlich die Daumen zu drücken; stattdessen schaut man ihm fasziniert zu, immer mit dem Hintergrundwissen, dass die Unberechenbarkeit seines Charakters auch schnell umschlagen könnte. Doch SABU lässt all die positiven wie negativen Eigenschaften seiner Figur gleichermaßen zur Geltung kommen und seinen Mr Long eine glaubhafte und jederzeit nachvollziehbare Entwicklung durchlaufen, ohne dabei den Kern der Figur zu verleugnen  – der Mr Long vom Anfang ist auch noch der Mr Long vom Ende – nur eben gereifter und mit vielen neuen Eindrücken versehen.

Gemeinsam mit Jun (Run-Yin Bai) zieht Long los, um sein Essen unter die Leute zu bringen.

Um in diesem Sinneswandel bis zuletzt authentisch zu bleiben, braucht „Mr Long“ in seiner Ausführung Zeit. Der im besten Sinne lethargischen Erzählweise ist gut daran getan, immer wieder von Rückblenden aufgefüllt zu werden, die beispielsweise die Hintergrundgeschichte Juns und seiner Mutter offenbaren. Auch hier geht SABU in die Vollen: Was der Junge und seine ehemals als Prostituierte arbeitende Mutter auf ihrem Weg Richtung Glück alles an Gewalt und Erniedrigung über sich ergehen lassen mussten, fängt der Regisseur derart schonungslos und unverblümt ein, dass schon die kleinste Zuneigung Longs zu Lily und ihrem Sohn ausreicht, um das Gefühl zu vermitteln, beide würden einer besseren Zukunft entgegensteuern. In einer der berührendsten Szenen des Films organisiert Long Jun einen Platz im örtlichen Jugendfußballclub – für den vom Schicksal gebeutelten Jungen und seine Mutter ist dies der zum damaligen Zeitpunkt größte Akt an erlebter Menschlichkeit – und SABU kostet ihn voll aus; nicht zuletzt, weil er ihn braucht, um dem Zuschauer im Finale das Herz zu brechen. Ganz ohne gefühlsduselige Musik oder das Geschehen hochstilisierende Zeitlupen macht sich der Filmemacher das Wissen um die Vergangenheit sämtlicher Figuren zunutze, und lässt es in Zusammenarbeit mit unaufgeregten Bildern und genau ausgewählten Dialogfetzen für sich stehen. Dass es SABU zeitgleich immer mal wieder an Fingerspitzengefühl darin mangelt, Humor in der Geschichte zu platzieren, ist da schon verwunderlich. Aber all das sind Kleinigkeiten; Wenn sich am Ende offenbart, worauf „Mr Long“ – und zwar sowohl der Film, als auch seine Hauptfigur – zusteuern, erkennt man, dass auch kleine erzählerische Unebenheiten dafür sorgen, dass sich das Gesamtbild noch besser beim Zuschauer einprägt – und damit sind nicht bloß die verboten leckeren Aufnahmen diverser japanischer Köstlichkeiten gemeint.

Fazit: Das Ende bricht einem das Herz: SABUs bisweilen äußerst brutale Todesballade „Mr Long“ erzählt unaufgeregt und hochemotional von einem Auftragskiller, der sich nichts sehnlicher wünscht, als eine zweite Chance – und erkennt, dass er diese nie haben kann.

„Mr Long“ ist ab dem 14. September in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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