Der Himmel wird warten

Das französische Drama DER HIMMEL WIRD WARTEN beleuchtet ein Tabu-Thema, indem es zwei Frauen auf ihrem Weg in den radikalen Islamismus begleitet. Moralischer Tanz auf der Rasierklinge oder einfühlsame Charakterstudie? Das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Sylvie (Clotilde Courau) lebt allein mit ihrer Tochter Mélanie (Naomi Amarger). Sie verbringen viel Zeit miteinander und Sylvie ist stolz auf das enge Verhältnis, das sie zu ihrer Tochter hat. Doch irgendwann begegnet Mélanie im Internet einem Jungen, der ihr regelmäßig zu schreiben beginnt, ihr Komplimente macht und sie schließlich fragt, wie sie es hält mit der Religion. Eines Tages ist Mélanie verschwunden und Sylvie auf halbem Weg nach Syrien, um sie zu suchen. Catherine (Sandrine Bonnaire) und Samir (Zinedine Soualem) sind die stolzen Eltern der 17-jährigen Sonia (Noémie Merlant). Gerade zurück aus den Sommerferien, wird ihr Haus eines Nachts von der Polizei gestürmt und Sonia unter Arrest gestellt. Um ihrer Familie einen Platz im Paradies zu sichern, hat sich Sonia dem Dschihad angeschlossen, bereit für einen Anschlag in ihrem Heimatland. Catherine und Sylvie sind tief erschüttert davon, wie fremd ihre Töchter ihnen so ganz im Stillen geworden sind. Doch sie sind bereit, alles zu tun, um sie wieder zurückzubekommen.

Kritik

Mit ihrem neuen Film „Der Himmel wird warten“ sticht die französische Regisseurin und Drehbuchautorin Marie-Castille Mention-Schaar wohlweislich in ein Wespennest. Die aktuellen, weltpolitischen Verhältnisse machen eine Geschichte über die islamistische Radikalisierung zwei französischer Schülerinnen nicht gerade zu einem einfachen Unterfangen. Doch dass die Filmemacherin gesellschaftsrelevante und mitunter durchaus unbequeme Themen ohne den erhobenen Zeigefinger verpacken und dabei trotzdem eine stimmige Message transportieren kann, hat Mention-Schaar bereits mit ihrem Sozialdrama „Die Schüler der Madame Anne“ hervorragend unter Beweis gestellt. Nun wendet sie sich also einem ohnehin schon die weltweiten Schlagzeilen dominierenden Thema zu und geht dabei – man verzeihe an dieser Stelle die zweideutige Verwendung des Vokabulars – ziemlich radikal vor. Mit ihrem Projekt will die für ihr Drehbuch zu „Der Himmel wird warten“ für einen Lumière Award nominierte Filmemacherin jedoch nicht etwa schockieren, gar provozieren. Stattdessen geht es ihr um Aufklärung und Sensibilisierung für dieses Thema, das sich seinen Weg meist schleichend und somit unbemerkt in den Alltag betroffener Familien bahnt. So zynisch es auch klingen mag, ist Mention-Schaar damit nicht bloß ein starker und wichtiger, sondern auch ein ziemlich spannender Film gelungen, da sie sich Dinge zu zeigen traut, die vornehmlich hinter verschlossenen Türen stattfinden.

„Ich lass dich nicht los.“ – Catherine (Sandrine Bonnaire) kämpft um ihre Tochter Sonia (Noémie Merlant)

Der Himmel wird warten“ nimmt sich mittels zweier fiktiver Schicksale der Problematik an, wie Minderjähriger dazu verführt werden, sich vermeintlich religiös motivierten Extremhaltungen anzuschließen. Da wäre zum einen die hübsche Teenagerin Mélanie, die sich von einem Radikalen mitreißen lässt, und zum anderen Sonia, deren Weg im Film dort beginnt, wo der Handlungsstrang um Mélanie endet. Sonia hat den steinigen Weg vom unschuldigen Schulmädchen, hin zur sich voll und ganz dem heiligen Krieg verschworenen Islamistin längst hinter sich gelassen; stattdessen sehen wir, wie sie eines Abends von einem schwer bewaffneten Einsatzkommando der Polizei überwältigt wird – sie soll einen Anschlag vorbereitet haben. Bevor sich Marie-Castille Mention-Schaar jedoch mehr mit ihren beiden Hauptfiguren befasst, wirft sie einen ausführlichen Blick auf die Eltern der jungen Frauen. Immer wieder schneidet sie fiktionale Aufnahmen aus Beratungsgesprächen zwischen die beiden Haupthandlungsstränge, in denen ratlose Eltern Therapeutinnen und geschultes Personal mit ihrem Anliegen konfrontieren. Es geht um junge Mädchen, die sich von der Familie lossagen, sich plötzlich vollverschleiern oder einen zweideutigen, islamischen Namen annehmen. Szenen wie diese, in welche die Erzählstränge um Sonia und Mélanie elegant eingeflochten werden, dienen auf der einen Seite dazu, der Ratlosigkeit Außenstehender ein Gesicht zu geben. Gleichsam sind sie aber auch dafür da, das Gezeigte mit Fakten anzureichern und so Pauschalisierung und Einzelfall gezielt voneinander zu trennen.

Durch diese verschachtelte Erzählweise, in der Einzelszenen manchmal nicht länger als wenige Sekunden andauern, verschmelzen die Schicksale der beiden Frauen langsam zu einem einzelnen. Teilweise entsteht sogar der Eindruck, es handele sich bei Mélanie und Sonia tatsächlich um ein und dieselbe Person, deren Gegenwartszustand mit den Ereignissen aus der Vergangenheit erklärt wird. Insofern gleicht es sich aus, dass der Zuschauer insgesamt nur wenig über die beiden Charaktere erfährt. Dass sich Mélanie trotz ihres smarten und selbstsicheren Auftretens relativ zügig von ihrer Chatbekanntschaft abhängig macht, erklärt das Skript vornehmlich mit dem Tod ihrer geliebten Großmutter. Gleichsam bleibt „Der Himmel und warten“ recht oberflächlich darin, die Folgen für Sonia, die nach ihrer Verhaftung abgeschirmt bei ihren Eltern unterkommt und keinen Schritt alleine gehen darf, zu beschreiben. Das Verhalten der von jetzt auf gleich aus ihrem radikalen Umfeld gerissenen Schülerin findet sich irgendwo zwischen kaltem Drogenentzug und dem einer vom Teufel besessenen Person wieder; so wirkt es mitunter ziemlich überzeichnet, wenn Sonias Mutter von ihrer Tochter lediglich arabische Wortfetzen um die Ohren gehauen bekommt. Doch durch den beidseitigen Verzicht auf emotionalen Ballast konzentriert man sich als Betrachter noch mehr auf die direkten Auswirkungen der folgenschweren Fehlentscheidungen. Was passiert ist, ist passiert – und letztlich genügt meist nur eine Sekunde der Unachtsamkeit, um für die Faszination des Heiligen Krieges empfänglich zu sein.

Die 17-jährige Sonia (Noémie Merlant) hat sich dem Dschihad angeschlossen.

In „Der Himmel wird warten“ fühlt sich kaum etwas konstruiert an. Trotz der Schwere des Themas gleitet die Handlung ziemlich leichtfüßig und selbstverständlich von einem wichtigen Handlungspunkt zum nächsten. Das liegt auf der einen Seite an der sprunghaft-kurzweiligen Erzählweise, auf der anderen Seite aber auch an den hervorragenden Darstellerinnen. Noémie Melant („Der Vater meiner besten Freundin“) liefert eine kraftvolle Performance ab. Die Momente, in denen sie vollkommen von der Realität entrückt mit ihrer Familie kommuniziert, macht sie durch ihr absolut authentisches Spiel zu nicht einschätzbaren Risikomomenten. Naomi Amarger („Die Schüler der Madame Anne“) bildet dazu das perfekte Gegenstück, indem sich ihre Figur langsam von einer extrovertierten, beliebten Jugendlichen zu einer in sich gekehrten, ihrem Zukünftigen hörigen Frau entwickelt. Das Hadern mit sich und ihrem Schicksal lässt Amarger in ihrem Spiel wunderbar zur Geltung kommen. Vor allem das Zusammenspiel mit ihrer Filmmutter Clotilde Courau („Im Schatten der Frauen“) gehört durch die immer aggressiver ausgetragenen Differenzen zu den stärksten Momenten im Film. Dagegen fällt die Interaktion zwischen Sonia und ihrer Familie ab. Vor allem die angedeutete, vollständige Entfremdung von Sonia und ihrem Vater wird im Laufe des Films irgendwann fallen gelassen. Der Faszination für diese Abwärtsspirale aus seelischer Ausbeute, Verschwörungen und emotionaler Gewalt stehen diese kleinen Schwächen trotzdem nicht im Weg.

Fazit: „Der Himmel wird warten“ hätte gut und gern zwanzig Minuten länger sein dürfen, denn nicht alle Erzählansätze führt die französische Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar auch zu Ende. Trotzdem ist ihr Drama über die radikale Islamisierung zweier französischer Mädchen ein ebenso mitreißender wie niederschmetternder Film über ein wichtiges, brandaktuelles Thema, das nicht verallgemeinert und einen wichtigen da aufklärerischen Wert leistet.

„Der Himmel wird warten“ ist ab dem 23. März in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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