Hunted – Waldsterben

Rotkäppchen trifft #MeToo: „Persepolis“-Regisseur Vincent Paronnaud kreiert mit seinem in Deutschland irreführend HUNTED – WALDSTERBEN betitelten Film einen Thriller, der mit Konventionen des Revenge-Genres spielt. Ob das gelungen ist, verraten wir in unserer Kritik.

OT: Hunted (BEL/FR/IE 2020)

Der Plot

Zuerst ist Eve (Lucie Debay) vom fremden Mann (Arieh Worthalter), der sie an der Theke angräbt, genervt. Letztlich lässt sie sich aber doch umgarnen – und kurz darauf knutscht sie mit ihm auf dem Rücksitz seines Autos. Da steigt ein weiterer Kerl ein (Ciaran O’Brien) und fährt kommentarlos hinfort. Zwar versucht Eve, sich aus dieser misslichen Lage zu befreien. Doch weder ist das Glück auf ihrer Seite, noch lassen die zwei sich bereits in Fantasien einer gemeinsamen Vergewaltigung der jungen Frau suhlenden Männer locker. Es muss erst Blut fließen, ehe Eve die Chance erhält, zu fliehen. Oder sich in Vergeltung zu üben…

Kritik

Wohl einzig und allein die Köpfe beim deutschen Verleih hinter dem neuen Film von Regisseur und Autor Vincent Paronnaud („Persepolis“, „Huhn mit Pflaumen“) wissen, weshalb er hierzulande als „Hunted – Waldsterben“ auf den Markt kommt. Denn der dem Originaltitel beigefügte, deutschsprachige Untertitel weckt eher Assoziationen mit mahnenden Öko-Dokumentationen oder (im kreativeren Fall) mit schwarzmalerischen Sci-Fi-Filmen über eine dunkle Zukunft ohne die grüne Lunge der Erde. Dass mit „Waldsterben“ schlicht gemeint ist, dass in diesem Film ein Wald vorkommt und noch im selben Wort die Erwartung auf sterbende Figuren gesetzt werden soll, würden sich wohl die wenigsten zusammenreimen. Nun, wenigstens ein Gutes hat der deutsche Filmtitel dieser belgisch-französisch-irischen Koproduktion: In unserem Kopfkino sind abstruse Szenarien entstanden, wie gesellige Filmabende völlig entgleisen, weil dieser 87-Minüter einzig und allein aufgrund seines Öko-Informationen versprechenden Titels ausgewählt und eingelegt wurde. Aber genug der Ausschweife: Was haben Vincent Paronnaud und Drehbuchautorin Léa Pernollet dem Revenge-Kino hinzuzufügen?

Für beeindruckende Bilder sorgt Kameramann Joachim Philippe („Slow West“).

Zu Filmbeginn lässt Paronnaud seine Vergangenheit im Animationsfilm durchschimmern: Der Film eröffnet mit einer Lagerfeuergeschichte, die das Motiv der Jagd und das zentrale Thema gefährlicher Männer einführt – und zwar in einem an Scherenschnittanimation angelehnten Look. Daraufhin holpert „Hunted – Waldsterben“ unentschlossen zwischen subtil suggeriertem magischem Realismus (Flora und Fauna scheinen sich immer wieder auf Eves Seite zu stellen) und einem im Vergleich zum Rape-and-Revenge-Filmalltag gesteigerten Realismus hin und her. So machen Paronnaud und Pernollet ihre Protagonistin nicht zur kraftvollen, taktisch ausgebufften Rächerin, sondern lassen sie andauernd abmühen: Eve begegnet während ihrer Flucht vor den Entführern immer wieder Männern, die völlig unfähig sind, die Situation zu begreifen. Eine durch und durch verängstigte Eve wird als zickige Geliebte ihres Entführers gedeutet, ein Securitymann schreitet bei einer körperlichen Auseinandersetzung ein und hilft intuitiv seinem Geschlechtsgenossen, und so weiter. Darüber hinaus macht Eve wiederholt kleine strategische Fehler oder zieht voreilige Schlüsse, die sie tiefer in Not bringen, und im direkten physischen Kampf ist sie klar unterlegen. Sie muss geradezu ihre gesamte Kraft aufwenden, um den größeren, schwereren, trainierten Mann in Schach zu halten.

„Zu Filmbeginn lässt Paronnaud seine Vergangenheit im Animationsfilm durchschimmern: Der Film eröffnet mit einer Lagerfeuergeschichte, die das Motiv der Jagd und das zentrale Thema gefährlicher Männer einführt – und zwar in einem an Scherenschnittanimation angelehnten Look.“

Das sorgt szenenweise betrachtet dank der physisch starken Performance von Lucie Debay und den solide, abwechslungsreich inszenierten Scharmützeln, Handgemengen und Kämpfen zwischen Eve und den Tätern für Anspannung. Und Paronnaud versteht es, diese Anspannung in dramaturgisch effektiv gesetzten Abständen durch kleine Augenblicke gewaltvoller Katharsis amüsant aufzulösen, wenn eine Gewaltspitze aus dem Nichts kommt und den Tätern kräftig, erfreulich Leid zugefügt wird. Aber als Gesamtpaket findet „Hunted – Waldsterben“ deutlich weniger zusammen als etwa Coralie Fargeat „Revenge“ oder der „Junges, rabaukiges Mädchen jagt Neonazis“-Spaß „Becky“ von Cary Murnion und Jonathan Milott. Fargeat vereint in „Revenge“ dank einer klaren inszenatorischen Vision eine stark stilisierte Bildsprache und einzelne, zugespitzte ikonografische Momente, mit einem ebenfalls für’s Rape-and-Revenge-Kino plausiblen Ablauf der Actionphasen – da wird auch mal minutenlang im Kreis umhergeirrt oder eine Verfolgungsjagd wird zum Verfolgungsgeschleiche, weil die Beteiligten erschöpft sind (und nicht auf blutverschmiertem Grund ausrutschen wollen). Murnion sowie Milott wiederum spinnen in „Becky“ gewieft einen erzählerischen Bogen, der es gestattet, von dramatischen Momenten über Suspensephasen, in denen Angst um Becky vorherrscht, und schmerzlichen Gewaltspitzen hin zu Mitternachtskino-Jubelbrutalität zu wechseln. Und hin und wieder zurück.

Im Wald wird gejagt. Nicht nur Tiere…

„Hunted – Waldsterben“ gelingt es dagegen nicht, seine einzelnen Versatzstücke so überzeugend unter einen Hut zu bringen. Das „Mystik light“-Element wirkt lange Zeit völlig vom restlichen Film entrückt, findet kurz durch ein paar Nebenfiguren zurück, und entschwindet dann wieder, ohne dass es das Ganze bereichert hätte. Eves Rotkäppchen-Outfit wirkt leicht aufgesetzt. Die bedrückend realistische Indifferenz, Ignoranz oder teils gar Mittäterschaft von männlichen Nebenfiguren, die „Hunted – Waldsterben“ hinter dem reinen Suspense-Element einen gewissen Grad an Aussagekraft gibt, wird aufgewogen durch den Hauptschurken, der einem karikaturesken Abziehbild aus einem reinen Exploitation-Vertreter des Rape-and-Revenge-Kinos gleicht. Beispiel: Arieh Worthalters Figur ist eine derart zugespitzte Verkörperung toxischer Maskulinität, dass er glaubt, ein Junge sei schwul, weil er auf seinem Handy nur daddelt, statt darauf einen Porno zu gucken. Das ist für sich betrachtet so böshumorig zugespitzt, dass es in einem satirischen Film oder einem siffigeren, schlonzigeren Film funktionieren könnte – in „Hunted – Waldsterben“ reißen die übertriebenen (und oft auch auf Pointe hin inszenierten und gespielten) Sprüche und Taten des Schurken aber immer wieder Löcher in die Suspense-Ernsthaftigkeit des Ganzen reißen. Und auch sonst ist „Hunted – Waldsterben“ etwas unentschlossen: So ist dies kein Rape-and-Revenge-Thriller, sondern ein Attempted-Rape-and-Revenge-Thriller, aber gleichzeitig verlieren die Filmschaffenden ihren Blick für eine progressivere Erzählweise des Stoffes, indem sie mehrmals von der Perspektive ihrer Heldin abgleiten und für längere Zeit zu sehr bei den Tätern verharren. So schwächen sie die erzählerische Gewichtung Eves ab.

„So ist dies kein Rape-and-Revenge-Thriller, sondern ein Attempted-Rape-and-Revenge-Thriller, aber gleichzeitig verlieren die Filmschaffenden ihren Blick für eine progressivere Erzählweise des Stoffes, indem sie mehrmals von der Perspektive ihrer Heldin abgleiten und für längere Zeit zu sehr bei den Tätern verharren.“

Dessen ungeachtet fädelt inszenatorisch wie erzählerisch ein befriedigendes finales Drittel ein, das sich mit seinen Schauplatzwechseln, einer immer furioser werdenden Lucie Debay und guter Verletzungsschminke gekonnt zuspitzt.

Fazit: „Hunted – Waldsterben“ ist ein halbgar konzipierter, dennoch ansehnlicher Vertreter des Revenge-Thrillersubgenres, der trotz seiner Unentschlossenheit Spannung zu gestalten versteht.

„Hunted – Waldsterben“ ist ab dem 21. Mai auf DVD, Blu-ray und als VOD erhältlich.

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