Promising Young Woman

In ihrem Spielfilmdebüt PROMISING YOUNG WOMAN geht Regisseurin Emerald Fennell dorthin, wo es wehtut und lässt eine selbstbewusste junge Frau Rache an der Männerwelt nehmen. Was wie morbides Exploitationkino klingt, ist gleichermaßen smartes wie provokatives Thrillerkino, über das im Anschluss definitiv gesprochen werden muss. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

OT: Promising Young Woman (UK/USA 2020)

Der Plot

Tagsüber geht Cassie (Carey Mulligan) einem trostlosen Job im örtlichen Café nach. Doch nachts zieht sie in verführerischer Kleidung durch Clubs und Bars, um die Aufmerksamkeit von Männern zu erregen. Denn viele, da ist Cassie sicher, halten sich zwar für anständig, doch unter den entsprechenden Umständen, zögern sie nicht, hilflose Frauen auszunutzen. Zugegeben: Diese Freizeitbeschäftigung ist nicht unbedingt das, was man von einer hochintelligenten jungen Frau erwartet hätte, die einst eine glänzende Zukunft vor sich zu haben schien. Doch für Cassie ist das Ganze Teil einer freiwillig gewählten Mission. Im richtigen Moment dreht sie den Spieß um und lässt die vermeintlichen Kavaliere am eigenen Leib spüren, dass sie Frauen – ganz gleich ob nüchtern oder berauscht – mit Respekt behandeln sollten.

Kritik

Regisseurin und Drehbuchautorin Emerald Fennell macht keinen Hehl aus ihrem Bewusstsein darüber, dass man über ihr Debüt „Promising Young Woman“ sprechen wird. Filme, in denen eine Filmfigur für ihr angetane Pein (blutige) Vergeltung übt, gibt es ja bereits zuhauf und da das Thema Rache eines ist, das bis heute einer hitzigen Moraldebatte unterliegt, landen Popkulturbeiträge darüber oft schneller in den Schlagzeilen als Filme, in denen es einfach nur etwas brutaler zugeht als im Mainstreamkino. Doch Fennell erzählt in ihrem Film nicht einfach nur ein weiteres von zahlreichen Revenge-Schicksalen, sondern holt gemeinsam mit ihrer (Anti-?)Heldin Cassandra zum Schlag gegen die patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft aus. Nicht umsonst leitet sich der Filmtitel „Promising Young Woman“ von einem Zeitungszitat aus dem Jahr 2016 ab, in dem der wegen mehrfacher sexueller Übergriffe auf Frauen verurteilte Student Brock Turner trotz seiner Taten von der Presse als „Promising Young Man“ (übersetzt: vielversprechender junger Mann) bezeichnet wurde. Diese Anekdote fängt den bitter-ironischen Tonfall von Fennells Drehbuch hervorragend ein, ohne den aus einem Film wie „Promising Young Woman“ entweder billiges Exploitationkino oder eine eindimensionale Anklage gegen die Männerwelt an sich geworden wäre. Doch nichts davon ist eingetreten: Carey Mulligans überragender One-Woman-Show ein kühl berechnender Neo-Noir-Thriller, der längst nicht so exzentrisch ist, wie ihn der Trailer vermarktet.

Cassie (Carey Mulligan) konfrontiert die Männerwelt mit ihrem Fehlverhalten.

Überhaupt ist das mit der Vermarktung von „Promising Young Woman“ so eine Sache. Nicht umsonst warnt schon das deutsche Presseheft davor, dass die in dem Film thematisierte sexuelle Gewalt auf einige Zuschauer:innen verstörend wirken kann. Die deutsche Plakat-Catchphrase „Rache war nie so süß!“ wiederum erinnert dann allerdings doch eher an solche Rachereißer wie „96 Hours“, „Peppermint“ oder „Death Wish“. Nun muss es sich ja nicht zwingend ausschließen, dass ein etwaiger Racheakt infolge sexueller Gewalt erfolgt – spätestens seit Wes Cravens „Das letzte Haus links“ ist mit „Rape-and-Revenge-Movies“ sogar ein ganzes Horrorfilm-Subgenre aus dieser Prämisse hervorgegangen. Entscheidend ist indes die Tonalität: Und hier wagt sich Emerald Fennell auf mutiges, bisher kaum ergründetes Terrain. Das Thema ihres Films ist die Ignoranz der Gesellschaft gegenüber sexuellem Missbrauch und die damit einhergehende Selbstverständlichkeit, jene zu tolerieren (daher die Warnung aus dem Presseheft). Um ebendiesen Missstand aus der Gesellschaft herauszuarbeiten, greift Fennell derweil zu schillernden Mitteln (unter anderem natürlich zu Carey Mulligan in einer fast karikaturesk angelegten Hauprolle – aber eben nur fast!), die durchaus den Terminus „Rachefilm“ verdienen. Und doch trifft all das den Kern der Sache nicht: „Promising Young Woman“ fehlt es an einem entscheidenden Bestandteil eines solchen Films: der Erlösung.

„Das Thema ihres Films ist die Ignoranz der Gesellschaft gegenüber sexuellem Missbrauch und die damit einhergehende Selbstverständlichkeit, jene zu tolerieren. Um ebendiesen Missstand aus der Gesellschaft herauszuarbeiten, greift Fennell derweil zu schillernden Mitteln.“

Natürlich brüllt einem heutzutage kein/e Filmemacher:in mehr entgegen, dass die Hauptfigur seines/ihres Films durch die vollzogene Rache endlich wieder richtig gut drauf ist. Trotzdem wird die Ursache für einen Vergeltungsschlag zuvor meist so drastisch dargeboten (das gilt gerade für die Rape-and-Revenge-Filme), dass die Qual oder gar der Tod der ins Visier genommenen Feindfigur für das Publikum automatisch einer Art Erlösung gleichkommt. Filme wie etwa Denis Villeneuves meisterhaftes Thrillerdrama „Prisoners“ dagegen machen sich die moralischen Fallstriche direkt zum Hauptanliegen, sind dadurch aber kaum als klassische „Rachefilme“ zu verstehen. In „Promising Young Woman“ kombiniert Emerald Fannell nun eine bitter-lebensechte Rachemotivation wie in „Prisoners“ und eine toughe Protagonistin mit gleichermaßen selbstbewussten wie knallharten Vergeltungsmethoden wie in „Peppermint“ – und erzählt diese Geschichte aus den Augen einer Frau, die mit dieser Korrelation eigentlich unvereinbarer Dinge zu jedem Zeitpunkt hadert. Carey Mulligan („Suffragette“) ist das Herzstück des Films und verleiht der Intention der Filmemacherin mit ihrer moralisch zerrissenen Performance einen ungeheuren Nachdruck. Zwar wollen wir auf die genauen Beweggründe ihres Handelns nicht eingehen, doch es gelingt Mulligan von Anfang an, die Wut ob des Ist-Zustands mit ihrer ganz eigenen Form der Rebellion zu kompensieren – allerdings nicht ohne dabei selbst immer auf den Grenzen der Legalität und moralischen Vertretbarkeit zu balancieren. Mulligans Cassie ist in ihrer unnahbaren, ihrem Lebensumfeld stets überlegenen Attitüde keine klassische Sympathieträgerin; im Gegenteil. Je weiter „Promising Young Woman“ voranschreitet, desto weniger greifbar wird ihre Figur und greift zu Methoden, die den Rahmen des „Gleiches mit Gleichem vergelten“ mit voller Wucht sprengen. Ganz so, als wolle Emerald Fannell eine Grunddistanz zu ihrer Hauptfigur aufrecht erhalten, sodass „Promising Young Woman“ als klassischer Rachefilm (auch dank der ausbleibenden Genugtuung) nicht so Spaß macht, wie vielleicht durch das Poster suggeriert.

In ihrem Job in einem Café lernt Cassie ihren Kunden Ryan (Bo Burnham) näher kennen und verliebt sich…

Trotzdem bereitet es ein immenses Vergnügen, Cassie bei ihrem Streifzug durch ein stilisiert-verzerrtes Abbild unserer Realität zuzusehen und die Männer (aber auch Frauen!) mit ihrem die patriarchale Ordnung aufrechterhaltenden Fehlverhalten zu konfrontieren. Dass die smarte junge Frau nicht das männliche Geschlecht im Gesamten verteufelt (sie darf sich im Laufe des Films sogar verlieben!) und auch Personen ihres eigenen Geschlechts ihre Missetaten vor Augen führt, schützt „Promising Young Woman“ vor der naheliegenden Gefahr der einseitigen Verunglimpfung; Im Vorfeld musste sich der Film in sozialen Netzwerken den Vorwurf des „Männerhasserfilms“ gefallen lassen. Ganz so einfach ist das aber nicht. Dafür ist Emerald Fennell in ihren Beobachtungen menschlicher (nicht männlicher!) Spleens und Gewohnheiten viel zu genau. So lautete beispielsweise ihre Regieanweisung an sämtliche männliche Darsteller – allesamt hervorragend ihrem öffentlichen Image nach gecastet – ihres Films, dass sie allesamt aufspielen sollen, als seien sie gerade die Helden ihrer eigenen Romantic Comedy. Und tatsächlich: Nimmt man unschöne Clubsituationen, unbeholfene Flirts oder gar Momente ungewollt körperlicher Konfrontation als Einzelsituationen eines (nicht mehr ganz aktuellen) Liebesfilms wahr, hätte sich mit dem richtigen Drehbuch keiner von ihnen etwas zu Schulden kommen lassen. So gilt die Hauptanklage in „Promising Young Woman“ letztlich auch nicht den Männern an sich, sondern der unter anderem von ihnen dahingehend aufgebauten und geordneten Welt, in der sexueller Missbrauch oft nicht so geahndet und verfolgt wird, wie es den Umständen nach angebracht wäre.

„Dass die smarte junge Frau nicht das männliche Geschlecht im Gesamten verteufelt und auch Personen ihres eigenen Geschlechts ihre Missetaten vor Augen führt, schützt „Promising Young Woman“ vor der naheliegenden Gefahr der einseitigen Verunglimpfung.“

Inszenatorisch wird „Promising Young Woman“ von Cassies ambivalenter Lebensrealität geprägt; ist mal ein wahlweise in Neonfarben oder Sonnenlicht getränkter Rausch und wirkt ganz ohne audiovisuelle Sperenzchen an anderen Stellen fast dokumentarisch. Emerald Fennell, die für ihr Projekt Hollywoodstar Margot Robbie („I, Tonya“) als Produzentin gewinnen konnte, sorgt dafür, dass man sich in ihrem Film zu keinem Zeitpunkt dessen sicher sein kann, was man sieht. Auch die Wahrnehmungen von Gut und Böse sind hier grundsätzlich mit einem doppelten Boden ausgestattet, verschwimmen ineinander und sind bisweilen kaum voneinander zu unterscheiden. Selbst das Finale lässt sich vielfältig deuten – und wird, wie hoffentlich der gesamte Film, schon bald Bestandteil leidenschaftlicher Diskussionen werden.

Fazit: Mit ihrem stilsicher inszenierten Thriller „Promising Young Woman“ gibt Regiedebütantin Emerald Fennell dem Genre des Rape-and-Revenge-Films einen völlig neuen Dreh. Einer bitter-realistischen Anklage lässt sie einen exaltierten Racheakt folgen, in dem Hauptdarstellerin Carey Mulligan nicht zur klassischen Heldenfigur mutiert. Die Genugtuung findet nicht im Film selbst statt. Die Genugtuung ist, dass es diesen Film überhaupt gibt.

„Promising Young Woman“ ist voraussichtlich ab dem 18. Februar in den deutschen Kinos zu sehen.

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