The Midnight Sky

George Clooney zieht es in seiner siebten Spielfilm-Regiearbeit THE MIDNIGHT SKY in die weiten des Weltalls. In seiner Hauptrolle als in der Arktis stationierter Wissenschaftler bleibt der Hollywoodstar allerdings auf dem Boden. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

OT: The Midnight Sky (USA 2020)

Der Plot

Augustine (George Clooney) ist als Wissenschaftler an einer Station in der Arktis stationiert. Drei Wochen sind vergangen, seit ein nicht näher definiertes Ereignis das Ende der Menschheit auf der Erde besiegelt hat. Nun vegetiert Augustine vor sich hin. Sein einziger, letzter Antrieb ist der Versuch, die Astronautin Sully (Felicity Jones) und ein Team aus forschenden Kolleginnen und Kollegen über Funk daran zu hindern, nach einer Weltraummission nach Hause zurückzukehren. Bei dem Versuch, Kontakt herzustellen, wird er plötzlich auf ein kleines Mädchen namens Iris (Caoilinn Springall) aufmerksam, das sich auf der Forschungsstation versteckt hält. Es verhilft Augustine zu neuem Antrieb – vielleicht gibt es ja nicht nur für ihn, sondern auch für Sully und ihre Crew einen Ausweg?

 

Kritik

Vier ganze Jahre hat sich George Clooney als Schauspieler versteckt gehalten. Seit seinem letzten Auftritt in Jodie Fosters „Money Monster“ heimste der Hollywoodstar zunächst mäßiges Feedback für seine Regiearbeit an „Suburbicon“ ein, gab sich dann ganz seiner Aufgabe als Markenbotschafter für die Kaffeekapselfirma Nespresso hin und machte kürzlich Schlagzeilen, weil er seinen 14 engsten Freunden als Dankeschön für viele Jahre Unterstützung jeweils einen Koffer mit einer Million Dollar schenkte. Er hat‘s ja – spätestens, seit er vor drei Jahren seine Tequila-Marke „Casamigos“ für eine Milliarde (!) Dollar verkaufte. Eigentlich müsste Clooney überhaupt nicht mehr arbeiten, weshalb man umso sicherer sein kann, dass sämtliche seiner nun angefassten Projekte Herzensangelegenheiten sind. Konsequenterweise nimmt er in seiner neuesten Regiearbeit „The Midnight Sky“ auch gleich sämtliche wichtigen Positionen selbst in Beschlag. In der Adaption von Lily Brooks-Daltons Debütroman „Good Morning, Midnight“ tritt er als Regisseur, Produzent und Hauptdarsteller auf. Dass Clooney daraus trotzdem keine One-Man-Show macht, ist wohl das Beeindruckendste an der Netflix-Produktion, die im Gegensatz zu so vielen anderen jüngeren Veröffentlichungen auf der Streamingplattform nicht ursprünglich fürs Kino gedacht war.

Caoilinn Springall verkörpert Iris, die Augustine (George Clooney) eines Tages auf der Forschungsstation entdeckt. 

Als Clooney seinen neuesten Film kürzlich als „eine Mischung aus „The Revenant – Der Rückkehrer“ und „Gravity““ bezeichnete, ließ er die Erwartungen seines Publikums unweigerlich in immense Höhen schnellen. Beide Filme wurden für ihre authentischen Katastrophenszenarien – mal minimalistisch-reduziert, mal archaisch-brutal – mit diversen Filmpreisen ausgezeichnet und gehören in ihren Genres zum Besten, was in jüngerer Vergangenheit auf der großen Leinwand zu sehen war. Seine eigene Arbeit mit zwei solch filmischen Urgewalten zu vergleichen, ist selbstbewusst – und im Falle von „The Midnight Sky“ in vielerlei Hinsicht nicht allzu klug. Zwar ähneln sich „The Midnight Sky“ und seine zwei behaupteten Vorbilder in Setting und Aufmachung: die eine Hälfte der Handlung spielt in schneeverwehter Einöde, die andere im Weltall. Doch damit sind die Gemeinsamkeiten der drei Filme auch schon erschöpft. „Gravity“ lebte von seiner aufs Wesentliche reduzierten Prämisse, „The Revenant“ wiederum von seiner naturalistischen, harten Inszenierung. „The Midnight Sky“ ist in jederlei Hinsicht deutlich ambitionierter, was stellenweise ebenfalls seinen Reiz hat. Nur resultiert dieser eben aus gänzlich anderen Motiven heraus.

„‚Gravity‘ lebte von seiner aufs Wesentliche reduzierten Prämisse, ‚The Revenant‘ wiederum von seiner naturalistischen, harten Inszenierung. ‚The Midnight Sky‘ ist in jederlei Hinsicht deutlich ambitionierter, was stellenweise ebenfalls seinen Reiz hat.“

Zum Beispiel aus der Erzählweise, die sich in exakt zwei Hälften teilen lässt: in den Part auf der Erde und in den Part im Weltall. Es dauert über eine Stunde, bis diese beiden Welten über die einzige Verbindung – ein Funkgerät – zueinander finden. Doch auch wenn die zunächst schwerfällige Kommunikation mit der Zeit flüssiger wird, entwickeln sich die beiden Geschichten so unabhängig voneinander, dass es Drehbuchautor Mark L. Smith („The Revenant“) erst ganz zum Schluss und auch nur mithilfe eines rührselig-manipulativen Twists gelingt, den Eindruck zu erwecken, dass der eine Plot nicht ohne den anderen könne respektive dass sich beide gegenseitig bedingen. Bis dahin entwickeln sich die Story rund um den einsamen Wissenschaftler Augustine sowie jene rund um die engagierte Besatzung des Raumschiffes Æther vollkommen unabhängig voneinander. Emotional mitreißend gerät dabei jedoch weder die eine noch die andere. Der aufs Wesentliche reduzierte Handlungsstrang rund um Augustine und seine Versuche, gegen die Einsamkeit und das Wahnsinnigwerden anzukämpfen, gefällt zwar durch seine Schnörkellosigkeit, lässt sich aber früh in die Karten schauen, sodass man alsbald ahnt, was es mit der eines Tages auf der Station auftauchenden Iris auf sich hat. Ein plötzlich auftretender Schneesturm oder der Fund eines tödlich verwundeten Flugzeuginsassen dienen als Spannungsspitzen, wirken aber zu willkürlich ausgewählt und platziert, um wirklich als solche zu funktionieren. Stattdessen ist es vielmehr die beständig von Clooneys Figur heraufbeschworene Routine, die sich in diesem Teil des Films als Faszinosum erweist.

Felicity Jones spielt Sully.

Die hervorragend getricksten Szenen im All wirken fast schon wie ein bemühter Gegenentwurf zum minimalistischen Einsamer-Wolf-Szenario auf der Erde: Sully und ihre Crew haben verschiedene Aufgaben zu erfüllen und haben – anders als Augustine – ein klares Ziel vor Augen. Auch hier scheint das Skript vereinzelte Suspensemomente vom Wegesrand aufzusammeln, diese sind für das große Ganze aber einmal mehr kaum von Bedeutung. Überhaupt ist dieses „große Ganze“ die meiste Zeit über nur schwer greifbar. Das zu Beginn des Films via Texteinblendung beschriebene „Event“, das, so kann man es sich rasch zusammenreimen, zum Weltuntergang geführt hat, findet keinerlei einordnende Erwähnung. Auch Bilder von der zerstörten Erde sind rar gesät. Was genau also überhaupt los ist, damit lässt „The Midnight Sky“ sein Publikum bis zuletzt im Unklaren. Der gleichermaßen heraufbeschworene „Aha-Moment“ findet an anderer Stelle statt, wenn sich aufklärt, was Augustine und die Æther-Besatzung miteinander verbindet. Wirkt „The Midnight Sky“ in den knappen zwei Stunden zuvor aufgrund seines fehlenden Rhythmus mitunter sehr träge (und entsagt sich damit jedweder Erzählkonvention), erscheint der finale Moment der Auflösung wie ein einziges Zugeständnis an die Masse. Der Minimalismus weicht großem Drama und Kitsch. Das ist in seiner Penetranz regelrecht unangenehm.

„Die Szenen im All wirken wie ein bemühter Gegenentwurf zum minimalistischen Einsamer-Wolf-Szenario auf der Erde: Sully und ihre Crew haben verschiedene Aufgaben zu erfüllen und haben – anders als Augustine – ein klares Ziel vor Augen.“

Während George Clooney der mit Vollbart ausgestattete Eigenbrötler – im wahrsten Sinne des Wortes – gut zu Gesicht steht und ihn dank kleiner Gesten und subtilem Mienenspiel schauspielerisch ordentlich fordert, ist Felicity Jones („Rogue One: A Star Wars Story“) als schwangere Astronautin Sully die wohl größte Enttäuschung an „The Midnight Sky“. Ihre Reaktionen auf verschiedene dramatische Ereignisse wirken stets unpassend; fast so, als hätte man ihre reaction shots unabhängig vom Rest der Szene gedreht. Häufig sieht man die Schauspielerin einfach nur geistig abwesend ins Leere starren und ansonsten betont unbeteiligt durch die Szenen schlafwandeln. Im Anbetracht von Jones‘ bisherigen Leistungen lässt einen solch eine Performance mit einem großen Fragezeichen zurück.

Fazit: „The Midnight Sky“ ist ein gut aussehendes Sci-Fi-Drama, das zwei Geschichten auf einmal erzählt. Für sich genommen kann der Teil auf der Erde am ehesten überzeugen. Völlig misslungen ist dagegen das Bestreben, beide Handlungsstränge auf der Zielgeraden zusammenzuführen.

„The Midnight Sky“ ist ab sofort bei Netflix streambar.

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