6 Underground

Vor ziemlich genau einem Jahr gab Netflix einem namhaften Regisseur mit markanter Handschrift ein Mordsbudget, damit er sich künstlerisch austoben kann. Wie gut das Ergebnis ist, verraten wir in unserer Kritik zu 6 UNDERGROUND.

OT: 6 Underground (USA 2019)

Der Plot

Sechs Menschen aus aller Welt beschließen, nachdem sie ihren Tod vorgetäuscht haben, gemeinsame Sache zu machen und ihr Können sowie ihren Durchsetzungswillen für das Gute einzusetzen. Echte Namen sind tabu, stattdessen nennen sie sich einfach One (Ryan Reynolds), Two (Mélanie Laurent), Three (Manuel Garcia-Rulfo), Four (Ben Hardy), Five (Adria Arjona) und Six (Dave Franco). Als eines Tages Seven (Corey Hawkins) neu zum Team dazustößt, hinterfragt er einige der Regeln im Team. Aber ist dafür überhaupt Zeit? Immerhin drängt eine neue Mission: Einem diktatorischen Regime mit Wucht die Beine wegzukicken, auf dass es Platz für eine Demokratie macht.

Kritik

Was macht man als berühmter Hollywood-Regisseur, der für seine unverwechselbare inszenatorische Handschrift bekannt ist und sich mit ihr bereits die Repräsentation in der erlesenen Heimkino-Sammlung Criterion Collection erarbeitet hat, wenn die Art Film, für die man seine ganze Karriere über stand, im Kino immer seltener zur Geltung kommt? Nun, man folgt trotz seinen vergangenen, passionierten Ansprachen über die unverzichtbare, magische Wirkung der großen Leinwand und des kollektiven Kino-Erlebnisses dem Ruf eines Video-on-Demand-Dienstes und löst dessen Scheck über 150 Millionen Dollar ein. Und zwar, um einen Film mit Überlänge zu gestalten, der sich voll und ganz den eigenen künstlerischen Sensibilitäten beugt und somit praktisch als feierliche Auseinandersetzung mit dem eigenen, inszenatorischen Schaffen bezeichnen lässt.  Ein Jahr ist es mittlerweile her, seit dieser markante, wiederholt preisgekrönte Filmschaffende die von ihm geliebte und oft sehr pressewirksam besungene Spielstätte Kino betrogen hat, um zum Ausgleich auf Netflix seine Stilistik und künstlerische Tonalität voll auszukosten. Zur Feier des einjährigen Jubiläums von Michael Bays „6 Underground“ wollen wir an dieser Stelle endlich ein Versäumnis nachholen und dieses Streaming-Mammutwerk ins Auge fassen. Denn der andere in den kalten Monaten des Jahres 2019 veröffentlichte Streaming-Seitensprung eines kinoverliebten, ikonischen Regisseurs, dessen Vorname mit „M“ beginnt, wurde hier ja bereits besprochen…

Adria Arjona, Ryan Reynolds und Corey Hawkins in „6 Underground“.

Das Erste, was an „6 Underground“ ins Auge sticht, sind die tolldreisten Produktplatzierungen. Bay ist spätestens seit „Die Insel“ bekannt dafür, wie unverhohlen und auffällig er die Werbepartner in Szene setzt, die dafür sorgen, dass er mehr Knall für sein Budget in seine Filme packen kann. Aber „6 Underground“ geht selbst für Bay unerprobte Wege in Sachen Offensichtlichkeit. Aus einer Seebestattung macht Bay beispielsweise einen Urlaubsgefühl weckenden Werbespot für eine berühmte Rumspirituose mit Party-Lifestyle-Image. Der Gin des Hauptdarstellers Ryan Reynolds wird während eines Dialogs werbereif in Szene gesetzt. Sogleich zwei Energy Drinks rücken ihre Logos unverhohlen, mächtig und prächtig ins Bild. Bei einer der vielen Verfolgungsjagden in „6 Underground“ nutzt ein Held zeitweise einen Werbetruck einer italienischen Kaffeemarke. Und für die Extraprise komödiantisch aufgetragener Übertreibung rasen die Figuren in einer Passage des Films durch eine Tiefgarage – und nicht nur, dass in dieser Tiefgarage ausschließlich Autos eines einzelnen Herstellers parken, nein, eine der Wände in dieser Tiefgarage ist mit dem Markennamen zugekleistert. Und, die absolute Krönung: In der Luxusküche einer Protzyacht sind die berühmten Pappeimer einer sich auf Hähnchenprodukte spezialisierenden Fast-Food-Kette verteilt.

„Bay ist spätestens seit „Die Insel“ bekannt dafür, wie unverhohlen und auffällig er die Werbepartner in Szene setzt, die dafür sorgen, dass er mehr Knall für sein Budget in seine Filme packen kann.“

Bays Werbeexzess in „6 Underground“ ist, das kann man nicht schönreden, völlig frei galoppierender Kommerz und in aller gebotenen Deutlichkeit teils unfreiwillig komisch. Aber: Es lässt sich ebenso wenig verleugnen, dass derart absurde Anblicke wie eine mit Fast-Food-Überresten übersäte Luxusküche oder eine automarkenexklusive Tiefgarage eine bewusste Planung voraussetzen und bei allem werbend gemeinten Charakter auch äußerst pointiert sind. Und wenn ein Film schon Produktplatzierungen beinhaltet, dann sind in einem seichten Spektakel doch unverhohlene (somit erkennbare) und humorvolle Werbebotschaften wesentlich leichter zu verdauen als perfide-subtil den Kaufreiz anregende. Vor allem aber steht dieser Werbeexzess symbolisch dafür, was sich komplett durch „6 Underground“ zieht: Michael Bay wirft hier, noch energischer als schon im 3D-Krachbumm-Spektakel „Transformers: Ära des Untergangs“, den letzten Hauch Zurückhaltung über Bord, den er sonst aufweist. Bay taucht vollkommen ab in einen Inszenierungsstil, der das ausdrückt, wie er sich an die Wirkung des Films erinnert, der ihn in seiner Jugend am stärksten in seinem Blick auf diese Kunstform beeinflusste – „West Side Story“.

In „6 Underground“ knallt es Michael-Bay-typisch mal wieder ordentlich.

Denn obwohl Bay als Eiltempo-Explosions-Orchestrator bekannt ist, so hat er eine große Schwäche für Musicals – und insbesondere für den Klassiker von Robert Wise und Jerome Robbins. Bereits mehrere Michael-Bay-Profile im US-Feuilleton und -Filmjournalismus gingen darauf ein, dass es „West Side Story“ war, der während seines Studiums in Bay die Erkenntnis weckte, was er in Filmen mehr liebt als alles andere. Er verehrt stilisierte Filme, die sich vornehmlich durch ihre Dynamik, ihr Tempo und ihre Farbästhetik ausdrücken. An „West Side Story“ feiert Bay namentlich, dass der Film vordergründig in einer realistischen Welt spielt – dieses Musical setzt unter anderem auf raue Kamerafahrten durch das echte New York und auf charakterstarke, aber glaubwürdige Kostüme, statt auf die fantastische Bühnenhaftigkeit, die beispielsweise MGM-Musicals ausmachte. Doch innerhalb dieser „echten“ Welt kreiert „West Side Story“ eine stark gekünstelte Welt, die nach eigener Logik fungiert. Persönlichkeiten werden primär durch Bewegungen der Figuren sowie den Schwung der Kamera ausgedrückt, und nur sekundär durch (zugespitzte) Dialoge. Und das Farbspektrum sowie die Farbsättigung unterwerfen sich der Emotionalität eines Moments, so dass die vermeintlich realistische ästhetische Struktur des Films vollauf von einer dynamischen, aufgekratzten eigenen Logik übernommen wird.

Erkennt man erst einmal, dass im Playmates datenden, Explosionen abfackelnden, technologievernarrten Popcornkinoregisseur mit 90er-Jahre-MTV-Stilvorlieben jemand schlummert, der „West Side Story“ über alles liebt und stilistisch emulieren will, so eröffnen sich einem völlig neue Perspektiven auf sein Werk generell. Und auf solch einen „Ich habe eben 1,5 Liter Energy Drink getrunken und mehrere Shots Rumspirituose geext, außerdem habe ich eine Packung Böller in der Hosentasche, was machen wir nun?!“-Logik verfolgenden Film wie „6 Underground“ im Speziellen. Denn all diese Logikfehler, Anschlussfehler, Kontinuitätsbrüche und Brüche mit physikalischen Gesetzen, die so manche Kritik einem Michael Bay mit Nachdruck vorwirft (und einem klar als solchen erkennbaren Arthouse-Film als Stilmittel attestiert) … nun ja … sind auch bei Michael Bay oftmals genau das: Stilmittel. Völlig ohne Selbstkontrolle und falsche Bescheidenheit abgefeuerte Stilmittel.

„Erkennt man erst einmal, dass im Playmates datenden, Explosionen abfackelnden, technologievernarrten Popcornkinoregisseur mit 90er-Jahre-MTV-Stilvorlieben jemand schlummert, der „West Side Story“ über alles liebt und stilistisch emulieren will, so eröffnen sich einem völlig neue Perspektiven auf sein Werk generell.“

Während eines physikalisch vollkommen unmöglichen, jedoch auch mitreißend dynamisch gefilmten Action-Akts verändert sich beispielsweise innerhalb von rund einer halben Stunde Erzählzeit (und sehr wenigen Stunden erzählter Zeit) dreimal die Tageszeit: Wir erleben einen Sonnenuntergang, eine Nacht und einen Sonnenaufgang – und das nach Realweltlogik vollkommen willkürlich. In Bays „Ich will eine im ersten Augenblick realistisch anmutende Filmwelt kreieren und die dann mit einer dynamischen, emotionalisierten, stilisierten Logik infizieren“-Vorliebe jedoch ergeben die Lichtwechsel plötzlich Sinn: Die Sonne geht in Bayhausen nicht dann auf, wenn die Naturgesetze es verlangen, sondern wenn sich mit dem Sonnenaufgang die Taten der Helden dramaturgisch stimmig unterstreichen lassen. Würde sich so etwas auf eine einzelne Filmpassage beschränken, wäre Kritik daran ja nachvollziehbar – doch dem ist nicht so. Bay hämmert dieses Ästhetikempfinden von Anfang bis Ende durch, und frei nach seiner „Es fühlt sich so aber fetziger an!“-Logik wird im turbulenten Auftakt sogar während einer Actionsequenz eine Rückblende auf eine andere Actionsequenz eingebaut. Das Ergebnis ist ein Eiltempo-Achterbahnritt mit wenigen Verschnaufpausen, der durch Bays farblich grelle, knackig ausgeleuchtete Werbeplakat-Welt führt, wo alle stets das tun, was halt einfach besonders aufsehenerregend aussieht. Da macht der Parcours-Experte einen Parcours durch einen stylisch ausgeleuchteten, nächtlichen Baustellen-Parcours – obwohl es deutlich effizientere Wege gäbe. Da werden Mann wie Frau bei Liebesgeständnissen gefilmt, als seien sie Models in einem Dessous-Werbespot – und sie räkeln sich auch so… Die Bilder, die Bay schafft, sind stets zugespitzt und markant – Gore Verbinskis treuer Wegbegleiter, Kameramann Bojan Bazelli, fügt sich in dieser gestochen scharfen Fotoshooting-Ästhetik Bays bestechend gut ein!

Nebendarsteller Sonnenuntergang an der Seite von Adria Arjona.

Das „Deadpool“-Autoren-Duo Paul Wernick & Rhett Reese liefert konsequenterweise ein Drehbuch ab, das sich in diesem Michael-Bay-Modus erzählen lässt: Die eigentliche Prämisse ist simpel („Wir wollen eine Diktatur stürzen!“), lässt aber viel Raum für Nebenmissionen. Es gibt keine die Erzähldynamik aus dem Takt bringenden Komplikationen wie etwa in Bays Tiefpunkt „Transformers – Die Rache“, und auch keine gallig überzeichneten Nebenfiguren, die mit ihren Sketcheinlagen dieser Choreografie aus Zerstörung, Lärm und Farben Ballast aufdrücken. Stattdessen wird diese Bay-feiert-sein-Wunschkino-ab-Party durch gelegentliche Selbstironie und Metareferenzen aufgelockert, die aber genau in diese Popcornparty-Tonalität des Films passen, statt (wie bei Reynolds‘ Actionvehikel „Killer’s Bodyguard“) alle paar Minuten das Geschehen durch eine krampfhafte „Deadpool“-Einlage zu unterbrechen. Der große Wermutstropfen an „6 Underground“ ist indes die Instrumentalmusik: Obwohl Komponist mit „Mission: Impossible – Fallout“ bereits beweisen hat, eine treibende, prägnante Begleitmusik für sensationelle Action abliefern zu können, hat sein „6 Underground“-Score dasselbe Problem wie sein Score für „Gemini Man“ vom Produzenten und langen Bay-Kollaborateur Jerry Bruckheimer. Balfe erschafft zwar eine effiziente Klangtapete, doch sie bleibt nicht im Ohr und lässt die elektrisierende Kernigkeit vermissen, die etwa ein Trevor Rabin („Armageddon“) oder eine Zusammenarbeit zwischen Nick Glennie-Smith & Hans Zimmer („The Rock“) in der Vergangenheit für Bays Rummel kreiert haben.

Fazit: „6 Underground“ ist eine aufgekratzte, hochstilisierte Popcornparty von einer filmischen Achterbahnfahrt, bei der Michael Bay seinen Stil voll auslebt und extrem konsequent durchzieht. Muss man nicht lieben, sollte man aber als knalliges Gesamtkunstwerk anerkennen.

„6 Underground“ ist auf Netflix streambar.

Ein Kommentar

  • Eine relativ neutrale Bewertung für einen semi-guten Film, im Kontext seines Werks aber doch einer der besseren.

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