Vergiftete Wahrheit

Todd Haynes‘ Gerichtsthriller VERGIFTETE WAHRHEIT ist der mit Abstand wichtigste Film der letzten Jahre und erzählt von einem Chemieskandal, dessen Folgen in dieser Sekunde jeder von uns zu spüren bekommt. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

OT: Dark Waters (USA 2019)

Der Plot

Cincinnati, 1998. Der erfolgreiche Wirtschaftsanwalt Rob Bilott (Mark Ruffalo) gerät in einen Zwiespalt, als ihn zwei Farmer auf merkwürdige Vorgänge in Parkersburg, West Virginia, aufmerksam machen, wo eine große Zahl von Kühen auf rätselhafte Weise verendet ist. Die Farmer vermuten dahinter den Chemiekonzern DuPont, für den Bilott selbst als Anwalt arbeitet. Trotz dieses Interessenskonflikts will der gewissenhafte Jurist den Fall vorbehaltlos aufklären und findet tatsächlich schnell belastende Indizien, die auf einen Umweltskandal von ungeheurem Ausmaß hindeuten. Unterstützt von seinem Boss Tom Terp (Tim Robbins) und seiner Frau Sarah (Anne Hathaway) stürzt sich Bilott aufopferungsvoll in eine langwierige Auseinandersetzung, die ihn seinen Ruf, seine Gesundheit, privates Glück und vielleicht sogar sein Leben kosten könnte…

Kritik

Dass der in den USA bereits vor einem knappen Jahr in den US-Kinos gestartete Justizthriller „Vergiftete Wahrheit“ in der Award-Saison 2020 so gut wie keine Erwähnung fand (lediglich auf drei weitestgehend unbedeutenden Filmfestivals wurde Todd Haynes‘ Regiearbeit unter anderem als bester Film nominiert), wirkt auf den ersten Blick wie eines von vielen Versäumnissen der letzten Jahre. Es kann nun mal nicht jeder richtig gute Film auch noch einen Oscar abstauben. Doch in diesem Fall wiegt diese Auslassung schwerer, wenn man sich nach den zermürbenden 126 Minuten einmal die Dimension der hier porträtierten Chemiekatastrophe vor Augen führt. Auf den ersten Blick geht es „nur“ um verseuchtes Trinkwasser; schlimm genug, wenn man betrachtet, wie viele gesunde Menschenleben allein dieser Super-GAU gefordert hat. Doch die betroffene E. I. du Pont de Nemours and Company – man rafft schnell, dass der Konzern nur stellvertretend für die finsteren Machenschaften diverser großer Chemiefirmen steht – hat Einfluss auf so ziemlich jeden Wirtschaftszweig dieser Welt und ist bestrebt, dass jeder noch so offensichtliche Fehlschlag – egal wie schlimm die Folgen – unter Verschluss bleibt. Zur Not hat er ja die unendlichen (!) finanziellen Mittel, aus denen er schöpfen kann, um Schadenersatzforderungen und Schmerzensgeld in Milliardenhöhe zu begleichen. Dass „Vergiftete Wahrheit“ also weder eine große Werbekampagne erhalten hat noch bei den Filmpreisen und -Festivals für großes Aufsehen sorgte, ist mit großer Gewissheit der Chemielobby selbst zu verdanken; denn mit der kann und will man sich nicht anlegen. Es sei denn, man ist Wirtschaftsanwalt Rob Billot, dessen David-gegen-Goliath-Geschichte Todd Haynes („Carol“) in „Vergiftete Wahrheit“ erzählt.

Wilbur Tennant (Bill Camp) erzählt Rob Bilott (Mark Ruffalo) von seinen verendeten Kühen.

Zumindest bei dem Wort „Teflon“ dürften bei den meisten Zuschauern die Alarmglocken schrillen: Die Antihaftbeschichtung auf Bratpfannen erhielt vor knapp 80 Jahren Einzug in die Haushalte dieser Welt und wurde von der Industrie (zu Recht) als riesige Innovation präsentiert. Dann der Skandal: Polytetrafluorethylen, ein teilkristallines Polymer aus Fluor und Kohlenstoff, das das Anbrennen von Speisen auf dem Pfannenboden verhindert – also für ebenjenen Tefloneffekt sorgt – ist hochgiftig, da es ab Temperaturen von etwa 202 Grad krebserregende Substanzen freisetzt. Der Hersteller der aller ersten Teflonpfanne: DuPont. Bis heute hat der Konzern viel Arbeit betrieben, um die wissenschaftlich belegte Gefahr zu relativieren; mittlerweile werden etwa noch weitaus höhere Temperaturgrenzwerte kommuniziert. Dass das Augenwischerei ist und sich vermutlich jeder Zuschauer von „Vergiftete Wahrheit“ nach dem Kinobesuch seiner Teflonpfanne entledigen wird, ist allerdings nur eine Randnotiz, denn eigentlich geht es in dem Film um einen ganz anderen, einen noch größeren Skandal. Und spätestens jetzt sollte einem klar sein, in was für kontroversen Sphären wir uns hier bewegen. Nur so viel: Am Ende des Films verrät uns eine Texttafel, dass 99 Prozent aller auf der Erde existierenden Lebewesen Rückstände nicht abbaubarer Chemikalien im Körper haben. Eine Erkenntnis, die man erstmal sacken lassen muss.

„Dass „Vergiftete Wahrheit“ weder eine große Werbekampagne erhalten hat noch bei den Filmpreisen und -Festivals für großes Aufsehen sorgte, ist mit großer Gewissheit der Chemielobby selbst zu verdanken; denn mit der kann und will man sich nicht anlegen.“

Dass „Vergiftete Wahrheit“ bei dieser Prämisse kein angenehmer Film ist, ist selbstverständlich. Doch Todd Haynes, der sich mit „I’m not here“, „Carol“ und „Wonderstruck“ schon in so ziemlich jedem Genre ausgetobt hat, gibt sich dennoch alle Mühe, keine trockene Chemiestunde zu präsentieren, sondern eine Art „Erin Brockovich“ im David-Fincher-Style. Im Zentrum seiner Geschichte steht diesmal keine aufopferungsvolle Umweltaktivistin, sondern ein nicht minder leidenschaftlicher Anwalt, der vor allem deshalb so eine wichtige Figur ist, weil er die Chemielobby aus dem Inneren kennt. Rob Bilott stand als Wirtschaftsanwalt selbst viele Jahre auf der Seite von DuPont und hat dabei geholfen, Fehler zu vertuschen und Opfer zum Schweigen zu bringen. Auf Empfehlung seiner Großmutter lernt er jedoch einen Landwirt (Bill Camp) kennen, dessen knapp 200 Rinder qualvoll verendet sind. Der Grund: Rückstände von Perfluoroctansäure im Trinkwasser, ein Abfallprodukt bei der Herstellung verschiedener chemischer Stoffe und Konzentrate. Wenngleich es auf den ersten Blick ein wenig willkürlich wirken mag, dass sich jemand, der jahrelang für DuPont tätig und damit selbst Nutznießer der Chemielobby war, durch die Begegnung mit einer einzigen Person (die in ihrem harschen Auftreten noch nicht einmal sonderlich Mitleid erregt) auf die Gegenseite ziehen lässt, ergibt sich durch Bilotts Umfeld – etwa durch die bevorstehende Geburt des ersten Kindes – nach und nach das Gesamtbild eines sukzessive Geläuterten. Was wir sehen, ist eine ganz typische Initialzündung, die den Protagonisten zum Umdenken bewegt.

Rob ist sich bewusst, dass er eigentlich gar keine Chance gegen seinen übermächtigen Gegner hat.

Doch gerade durch sein Wissen um die Macht solcher Großkonzerne wie DuPont ist Rob Bilott längst keine typische Heldenfigur. Während Erin Brockovich ihren Feuereifer und ihre Leidenschaft sehr extrovertiert nach außen trägt und damit auch ihr Umfeld ansteckt, ist Bilott eher der stille Rebell, der um seine David-Position in diesem Machtkampf weiß. Manchmal wirkt es fast schon auf eine morbide Art komisch, wie ein so übermächtiger Gegner mit seinem vermeintlich kleinen Widersacher umgeht – etwa wenn Rob zu Beginn seiner Recherchen Hunderte Kartons unsortierter (!) Akten und Unterlagen von DuPont ausgehändigt bekommt, weil der Konzern darauf setzt, dass der Anwalt daraufhin die Segel streicht – wer hat schon die Zeit und Muße, sich durch so einen Zettelberg durchzukämpfen? Dass Bilott sich davon nicht abschrecken lässt, er Tag und Nacht für seine Mandanten opfert, alle Hebel in Bewegung setzt, um den offensichtlich schuldigen Konzern dranzukriegen und dabei Ehe und Gesundheit aufs Spiel setzt, macht ihn schlussendlich – auch durch einen herausragend intensiv aufspielenden Mark Ruffalo („Foxcatcher“) – dennoch zu einer Heroenfigur, die nie darum bittet, wie eine solche gesehen zu werden und einfach nur unermüdlich für Gerechtigkeit einsteht. Bilott setzt auf Fakten und Wissenschaft – umso zermürbender ist es da, dass einem „Vergiftete Wahrheit“ unmissverständlich klarmacht, dass es darum letztlich aber gar nicht geht. Selbst die ebenfalls via Texttafel eingeblendeten Informationen über Bilotts Erfolge vor Gericht – er erstritt für mehrere Mandanten Schadensersatz-Auszahlungen in Millionenhöhe – verpuffen, wenn im nächsten Moment klar wird, dass ein Konzern wie DuPont eine solche Schadensersatzzahlung bereits innerhalb eines Arbeitstages wieder an Gewinn eingenommen hat. In „Vergiftete Wahrheit“ gewinnen am Ende die Bösen.

„Während Erin Brockovich ihren Feuereifer und ihre Leidenschaft sehr extrovertiert nach außen trägt und damit auch ihr Umfeld ansteckt, ist Bilott eher der stille Rebell, der um seine David-Position in diesem Machtkampf weiß.“

Und trotzdem ist es wichtig, einen Film wie diesen anzusehen, den Todd Haynes gleichermaßen sachlich wie intensiv inszeniert. Sein Stamm-Kameramann Edward Lachman sowie Komponist Marcelo Zarvos („Fences“) hüllen „Vergiftete Wahrheit“ in unheilvolle Bilder und Klänge; der Score wabert subversiv bedrohlich, die betont ruhige Kamera gibt einen tristen Einblick in das Schicksal der DuPont-Opfer und die Skrupellosigkeit des Konzerns (sein Gesicht: „Alias“-Veteran Victor Garber in einer verdammt unangenehmen Rolle). Ein emotionaler Anker ist Anne Hathaway. Die Oscar-Gewinnern (2013 für „Les Misérables“) mimt Rob Bilotts dem langsamen Zerfall ihres Gatten zuschauende Ehefrau mit voller Hingabe und bekommt vom Skript (Mario Correa und Matthew Michael Carnahan, basierend auf einem New-York-Times-Artikel von Nathaniel Reich) einige herausragende Monologe in den Mund gelegt, die einen auch in den finstersten Minuten dieser Geschichte daran erinnern, weshalb man den Bösen niemals kampflos das Feld überlassen sollte – und spricht damit aus, wozu ihr Ehemann körperlich überhaupt nicht mehr in der Lage ist, da sich dieser dato fast zu Tode gearbeitet hat.

Fazit: Mit seinem gleichermaßen hervorragend gespielten und inszenierten Justizthriller „Vergiftete Wahrheit“ ist Regisseur Todd Haynes nicht weniger als der wichtigste Film des Jahres gelungen.

„Vergiftete Wahrheit“ ist ab dem 8. Oktober in den deutschen Kinos zu sehen.

Ein Kommentar

  • Michael Füting

    Ohne dass ich den Film kenne – diese Kritik gefällt mir! Sie ist kompetent, deskriptiv und engagiert. Und nennt wahrscheinlich die Gründe, warum für diesen Film kaum Werbung gemacht wird. Das ist die Welt, in der wir leben. Da sollte sich was ändern…

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