Mary Poppins‘ Rückkehr

Die weltberühmte Zaubernanny erlebt mit MARY POPPINS‘ RÜCKKEHR ein musikalisches Revival auf der großen Leinwand. Während die US-amerikanischen Kritiker frohlocken, sind wir ernüchtert. Warum, das verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

London in den 1930er Jahren, mitten in der Wirtschaftskrise: Michael Banks (Ben Whishaw) ist inzwischen erwachsen geworden und arbeitet für die Bank, bei der auch schon sein Vater angestellt war. Er lebt noch immer in der Cherry Tree Lane 17 mit seinen mittlerweile drei Kindern – Annabel (Pixie Davies), Georgie (Joel Dawson) und John (Nathanael Saleh) und der Haushälterin Ellen (Julie Walters). Seine Schwester Jane Banks (Emily Mortimer) tritt in die Fußstapfen ihrer Mutter und setzt sich für die Rechte der Arbeiter ein. Zusätzlich hilft sie Michaels Familie wo sie kann. Als sie einen persönlichen Verlust erleiden, tritt Mary Poppins (Emily Blunt) auf magische Weise wieder in das Leben der Familie Banks und mit Hilfe ihres Freundes Jack (Lin-Manuel Miranda) kann sie die Freude und das Staunen zurück in ihr Zuhause bringen.

Kritik

Die zum Teil biographischen Mary-Poppins-Romane der US-amerikanischen Autorin P.L. Travers erhielten 1964 eine beispiellose Verfilmung unter der Marke Walt Disney Pictures. Die ambivalente Entstehungsgeschichte wurde erst vor wenigen Jahren unter dem Titel „Saving Mr. Banks“ filmisch aufbereitet. Darin schildert Regisseur John Lee Hancock vom unerbittlichen Kampf zwischen der resoluten Schriftstellerin und Medienmogul und Produzent Walt Disney, dem kein Aufwand zu groß war, um an die Filmrechte zu gelangen. Über 50 Jahre später ist das schwebende Kindermädchen längst zu internationalem (Pop-)Kulturgut geworden. Und wie es sich für so etwas gehört, erreicht uns dieser Tage ein Sequel, das Marys Geschichten weitererzählt. Das geben die Vermarktung (der Film heißt ja nicht umsonst „Mary Poppins‘ Rückkehr“) und der erzählerische Ansatz vor: Spielte der erste Teil kurz vor dem Ersten Weltkrieg, befinden wir uns im Sequel nun im Jahr 1930. Und aus Michael (Ben Whishaw) und Jane Banks (Emily Mortimer) sind mittlerweile gestandene Erwachsene geworden, die mit der Wirtschaftskrise zu kämpfen und darüber all das vergessen haben, was ihnen Mary im ersten Teil an Lebensweisheiten mit auf den Weg gegeben hat. Doch trotz dieser klaren weitererzählenden Ausrichtung fühlt sich „Mary Poppins‘ Rückkehr“ in erster Linie wie ein Remake an, das vor allem mit jenen Songs gespickt ist, die in Ermangelung an Kreativität aus dem ersten Teil geflogen sind. Und auch sonst ist wenig gelungen an diesem immerhin mit einigen technischen Finessen versehenen Realfilm-Zeichentrick-Märchen.

Jane (Emily Mortimer), Michael (Ben Whishaw), John (Nathanael Saleh) und Georgie (Joel Dawson) heißen Mary Poppins (Emily Blunt) willkommen.

„Mary Poppins‘ Rückkehr“ beginnt mit einer rund zehnminütigen Sequenz, in der Mary Poppins‘ Freund und Lampenanzünder (das Sequel-Pendant zum Schornsteinfeger) durch das verschlafene London in den frühen Morgenstunden radelt und dabei ein verträumtes Liedchen über die britische Hauptstadt singt. Bereits an diesem Song lässt sich eine im Vergleich zum ersten Teil entscheidende Schwäche der Fortsetzung ausmachen: Wie auch alle weiteren Musiknummern geht „(Underneath the) Lovely London Sky“ nicht ins Ohr. Und für ein Musical, das wie in diesem Fall aus 27 besteht (wovon sich einige aufeinander beziehen oder zwischendurch selbst variieren), kommt ein derart schleppendes Opening einem regelrechten Todesurteil gleich. Dass die Hollywood Foreign Press „Mary Poppins‘ Rückkehr“ für vier Golden Globes nominierte, sich darunter allerdings kein einziger Song befindet, spricht genau die vielsagenden Bände, die auch wir füllen möchten. Mit Ausnahme der rührenden Ballade „A Conversation“, in der Ben Whishaws Figur seiner verstorbenen Frau eine emotionale, zu Tränen rührende Liebeserklärung macht, ist der Film musikalisch weitgehend belanglos und wiederholt vorwiegend Erfolgsmodelle aus Teil eins. Stellvertretend dafür steht die von den Lampenanzündern der Stadt gemeinsam vorgetragene Up-Tempo-Nummer „Trip a Little Light Fantastic“ in Anlehnung an die Kaminkehrer-Glücksmelodie „Chim Chim Cheree“ – nur eben ohne die Ohrwurmqualitäten und Kreativität des Originals. Überhaupt offenbart sich musikalisch stark die Orientierung am ersten Teil. Doch anstatt vom nostalgischen Wert der bekannten Melodien zu profitieren, wird einem beim Zuschauen und -Hören nur immer wieder bewusst, dass dieser um Eigenständigkeit bemühte Neuaufguss niemals an das herankommt, womit Robert Stevenson Mitte der Sechzigerjahre Filmgeschichte schrieb.

Das tat er auch mit einer formidablen technischen Umsetzung. „Mary Poppins“ kombinierte als einer der ersten Spielfilme den Realfilm mit Zeichentrickelementen. Da man im Jahr 2018 tricktechnisch schon so gut wie alles gesehen hat, war nicht zu erwarten, dass auch „Mary Poppins‘ Rückkehr“ auf dieser Ebene neue Maßstäbe setzen würde – und es ist gut, dass die Macher das gar nicht erst probiert haben. Ausgerechnet die Szene, in der einmal mehr zweidimensionaler Zeichentrick mit der Realfilmhandlung verwoben wird, erweist sich visuell als besonders berauschend (es wäre ein Leichtes gewesen, hier auf zeitgemäßes CGI zu setzen). Wenn Mary und die Kinder hier in eine zerbrochene Vase springen und anschließend auf dem Rand des Gefäßes spazieren, während die Schritte genauso klirren, als würden die Figuren gerade auf Porzellan herumlaufen, dann entdeckt man die verspielte Detailverliebtheit des Originals wieder, auch wenn der Film an dieser Stelle natürlich ebenfalls nichts Neues, sondern nur eine (wenn auch sehr gelungene) neue Variation bekannter Versatzstücke liefert – und apropos bekannt: Rob Marshalls Mut zum Selbstzitat ist bemerkenswert. Wenn hier eine Tanzszene mit Mary, Jack und einer ganzen Armada an Zeichentricktieren einfach nur eine einzige große Anspielung an Marshalls Musicalklassiker „Chicago“ darstellt, dann wundert es doch, dass der „Into the Woods“-Regisseur diesen inszenatorischen Freibrief vom Disney-Konzern erhalten hat – schließlich hat die Filmproduktionsfirma nichts mit „Chicago“ am Hut.

Die Zeichentrick-Sequenz gehört zu den besten in „Mary Poppins‘ Rückkehr“.

Leider stellt diese Sequenz eine absolute Ausnahmeerscheinung dar. Ansonsten setzen die Macher hier auf einen tricktechnischen Overkill, der so manche Szene ins Hanebüchene abdriften lässt (Stichwort: Tauchen). Dafür übt dich das Skript von David Magee („Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger“) in Zurückhaltung. Das ist zu einem kleinen Teil positiv zu verstehen: „Mary Poppins‘ Rückkehr“ setzt nicht auf den für Hollywood-Sequels typischen „Höher, schneller, weiter“-Gedanken, sondern bleibt der Vorlage treu. Genau das ist neben der Austauschbarkeit der Songs aber das zweite große Problem des Films: In Aufbau, Dramaturgie und Message unterscheidet sich die Geschichte nur marginal von der aus Teil eins. Die angespannte politische Situation kurz vor dem Ersten Weltkrieg weicht der Angst vor der Wirtschaftskrise, doch ansonsten machen ausgerechnet Michael und Jane Banks, die es ja eigentlich besser wissen müssten, exakt die Fehler ihrer Eltern (auch wenn das Skript diesen Umstand immerhin erklärt). So verläuft auch die Reise zur Erkenntnis anhand derselben Stationen – und Mary? Emily Blunt („A Quite Place“) verkörpert die magische Nanny mit ähnlichem Verve wie einst Julie Andrews und erweist sich damit als Idealbesetzung. Vor allem ihre Gesangsperformances sind herausragend, auch wenn ihre Nanny bisweilen ein wenig harscher agiert als jene von 1964. Der vor der Kamera bislang wenig in Erscheinung getretene Lin-Manuel Miranda macht ebenfalls eine gute Figur und trifft den emotionalen Kern des offensichtlichen Vorbilds Dick Van Dyke, der in „Mary Poppins‘ Rückkehr“ übrigens einen kleinen Gastauftritt hat und beweist, dass er über die Jahrzehnte nichts an Energie und Lebenslust eingebüßt hat.

Fazit: „Mary Poppins‘ Rückkehr“ ist weniger Sequel als Neuauflage und schafft es dabei nur sehr vereinzelt, neue Akzente zu setzen. Die Songs gehen nicht ins Ohr und trotz einer tollen Emily Blunt und einer fantastisch designten Zeichentrick-Realfilm-Sequenz in Anlehnung an Teil eins verabschiedet sich die magische Nanny sang- und klanglos in die Bedeutungslosigkeit.

„Mary Poppins‘ Rückkehr“ ist ab dem 20. Dezember bundesweit in den Kinos zu sehen.

Und was sagst Du dazu?