A Quiet Place

John Krasinskis erstmaliger Ausflug ins Genrekino besitzt ein – im wahrsten Sinne des Wortes – hochspannendes Grundkonzept. Leider trägt das allerdings eher einen Kurzfilm. Was A QUIET PLACE so schwach macht, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Die Welt ist nicht mehr die, die sie einmal war. Menschen gibt es kaum noch. Und die wenigen Überlebenden sind zu ewigem Schweigen verpflichtet. So auch die ganze Familie von Lee (John Krasinski), der mit seiner schwangeren Ehefrau Evelyn (Emily Blunt) und seinen beiden Kindern Marcus (Noah Jupe) und Regan (Millicent Simmonds) in einem großen Farmhaus inmitten von Maisfeldern lebt. Hier kämpfen die vier mit jedem Atemzug erneut ums Überleben, denn sobald sie auch nur einen Laut von sich geben, schweben sie in größter Gefahr. Riesige Monster machen Jagd auf alles, was Geräusche von sich gibt und haben einen Großteil der Menschheit bereits vernichtet. Die Familie hat sich in ihrem Zuhause so gut wie möglich mit der Situation arrangiert und vermeidet konsequent jeden Ton. Doch über 400 Tage nach der Invasion der Monster steht die Geburt von Evelyns Baby kurz bevor…

Kritik

Wer in der Halbzeitpause des Super-Bowl einen Trailer oder Werbeclip schaltet, muss von dem von ihm beworbenen Projekt so richtig viel halten. Insofern spricht es schon für Vertrauen, dass ausgerechnet Paramount Pictures – also jener Verleih, der erst kürzlich Alex Garlands Science-Fiction-Meisterwerk „Auslöschung“ halbherzig zu Netflix abgeschoben hat – für einen unkonventionellen Genrefilm wie „A Quiet Place“ genug Werbebudget in die Hand nimmt, um ihn im Rahmen des Sportevents Seite an Seite mit Großproduktionen wie „Mission Impossible: Fallout“ zu bewerben. Die Grundidee hinter dem etwas anderen „Stumm-Film“ ist aber auch faszinierend: In einer nicht näher erläuterten Zukunft machen blinde Monster gnadenlos Jagd auf alles, was Geräusche macht. Die logische Konsequenz: wer schweigt, überlebt! Was wie die Antithese zum im wahrsten Sinne des Wortes immer lauter werdenden Popcornkino klingt, erweist sich in der ersten Hälfte tatsächlich als hochatmosphärisch inszeniertes Kabinettstückchen von Genre-Newcomer John Krasinski („Die Hollars – Eine Wahnsinnsfamilie“). Doch den starken Eindruck des Auftakts kann „A Quiet Place“ nicht halten. Sobald die Monster in voller Größe in Erscheinung treten, ist die Luft raus.

Millicent Simmonds und Noah Jupe können in „A Quiet Place“ überzeugen.

Eine etwa zehnminütige Sequenz vor der Titeleinblendung gibt unmissverständlich vor, wie in „A Quiet Place“ der Hase läuft: Eine Familie aus Vater, Mutter und drei (!) Kindern deckt sich in einem verlassenen Drug Store mit Lebensmitteln und Medikamenten ein. Dabei verständigen sie sich mit Zeichensprache, geben nicht einmal ein Flüstern von sich. Als sich die Gruppe wenig später in Gang setzt, macht plötzlich das Spielzeugflugzeug des Jüngsten Geräusche – und schon im nächsten Moment naht aus dem Gebüsch ein kaum identifizierbares Wesen und reißt den Kleinen in Stücke. Die Strafe folgt hier also direkt auf dem Fuß und der Zuschauer weiß: Das hier präsentierte Szenario ist todernst. Wenn im Folgenden etabliert wird, wie sich die Familie in dieser so gut wie menschenleeren Welt (im Film kommt außer der Familie nur noch eine weitere Figur in einer kurzen Szene vor) eingerichtet hat, beginnt man nach und nach, ob der Detailverliebtheit zu staunen. Mit Spielsteinen aus Filz, roten Lampen als Ausdruck eines Hilfeschreis, einem raffinierten Kamerasystem, präparierten Fußböden oder dem gezielten Ausnutzen von anderen Geräuschen, um seine eigenen zu überdecken (Stichwort: Wasserfall) oder von sich selbst abzulenken (Stichwort: Rakete), legen die Drehbuchautoren rund um John Krasinski einen fast überbordenden Ideenreichtum an den Tag, um das eigentlich so überhöhte Szenario zu erden und es vollkommen realistisch erscheinen zu lassen.

Vereinzelt zieht Krasinski die Spannungsschraube bis ins Unerträgliche an: Etwa wenn eine gewohnt stark aufspielende Emily Blunt („Sicario“) nicht nur stumm ein Kind gebären muss, sondern dabei auch noch mit ihrem nackten Fuß in einen rostigen Nagel tritt. Doch so intensiv die erste Hälfte des mit 90 Minuten eigentlich recht übersichtlich gehaltenen Films auch gerät, so rapide rutscht „A Quiet Place“ schließlich in die Beliebigkeit ab. Während der aller erste Auftritt eines der Monster im Prolog noch so rasend schnell vonstattengeht, dass man nur erahnen kann, mit was für Wesen man es hier zu tun hat, zeigt Krasinski nach rund 40 Minuten schließlich alles und entmystifiziert die Gefahr regelrecht. Und dass das Design der am Computer entstandenen Tentakel-Wesen, die so merkwürdig aussehen, dass wir an dieser Stelle noch nicht einmal einen Vergleich parat haben, auch noch ziemlich deutlich als CGI-Effekt zu erkennen ist, macht sie nicht unbedingt bedrohlicher – eher im Gegenteil. Und auch in der Interaktion mit den menschlichen Schauspielern wirken die Viecher alles andere als echt.

Emily Blunt liefert in „A Quiet Place“ eine waschechte Tour-de-Force-Performance ab.

Die Prämisse des völligen „Stumm-Filmes“ hält John Krasinski ebenfalls nicht durch. Es wird nicht nur hin und wieder (und gen Ende hin auch an ziemlich beliebigen Stellen) gesprochen, auch die die völlige Stille immer wieder überlagernde Musik (Marco Beltrami) gibt dem Publikum öfter als nötig die zu empfindende Emotion vor und wird sogar hier und da für plakative Jumpscares missbraucht. Dabei schrecken die Macher auch vor sehr billigen Schocks nicht zurück – etwa wenn vor dem Fenster anstatt der zu erwartenden Gefahr plötzlich zwei harmlose Nagetiere lauern, oder hinter der Tochter wie aus dem Nichts der Vater auftaucht.  All das hätte „A Quiet Place“ überhaupt nicht nötig. Am stärksten ist das Horrordrama nämlich immer dann, wenn es überhaupt nicht um die Auseinandersetzung zwischen Mensch und Monster geht, sondern um so ganz essentielle Fragen wie diese, ob man ein Kind in eine Welt setzen darf, die so gut wie verloren ist. Schade, dass Krasinski derart tiefgründige Gedanken nur anschneidet und die Atmosphäre letztlich dem Effekt opfert.

Fazit: Das Grundkonzept von „A Quiet Place“ könnte einem Kurzfilm zu absolutem Kultstatus verhelfen. Ausgedehnt auf 90 Minuten ist John Krasinskis Creature-Feature allerdings nur eines von vielen.

Hinweis: Bei der Pressevorführung in Hamburg kam der Verleih auf die Idee, den anwesenden Journalisten ausnahmsweise Popcorn zu spendieren. Aus leidgeprüfter Erfahrung empfehlen wir unseren Lesern an dieser Stelle nicht nur, beim Besuch von „A Quiet Place“ selbst auf Knabberkram zu verzichten, sondern auch die Mitstreiter davon zu überzeugen, im Kinosaal wirklich vollkommen leise zu sein!

„A Quiet Place“ ist ab dem 12. April bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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