Into the Woods

Nach „Chicago“ und „Nine“ legt Regisseur Rob Marshall nach und liefert mit INTO THE WOODS die nächste Leinwand-Adaption eines Bühnenmusicals ab. Die gewitzte Märchen-Show präsentiert nicht nur ein hochklassiges Ensemble in tollen Kostümen und vor berauschenden Kulissen, sondern verpasst dem manchmal so verspielt anmutenden Genre des Filmmusicals ein neues, düsteres Gewand. Wer „Sweeney Todd“ mag, wird „Into the Woods“ lieben – meine Kritik zum Film lest Ihr hier.

Into the Woods

Der Plot

Am Anfang waren der Bäcker (James Cordon) und seine Frau (Emily Blunt). Seit Jahren wünscht sich das verliebte Paar nichts sehnlicher als ein Kind, doch das große Glück der eigenen Familie blieb den hart arbeitenden Handwerkern bislang verwehrt. Die Schuld daran trägt die böse Hexe (Meryl Streep), die einst mit einem finsteren Fluch dafür sorgte, dass die Frau keine Kinder bekommen kann. Als sich die Eheleute auf einen Deal mit der bösen Zauberin einlassen, der die Beschaffung von vier verschiedenen Gegenständen beinhaltet, nimmt der Bäcker sein Glück selbst in die Hand und begibt sich in den finsteren Wald, wo sich sein Weg mit denen von Rotkäppchen (Lilla Crawford), dem bösen Wolf (Johnny Depp), Cinderella (Anna Kendrick), ihrem charmanten Prinzen (Chris Pine) und Jack (Daniel Huttleston) kreuzt…

Kritik

Seiner musicalgeprägten Vita fügt Regisseur Rob Marshall dieser Tage ein weiteres Gesangsfilmexperiment hinzu. Nach „Chicago“ und „Nine“ ist auch das Märchenfigur-Crossover „Into the Woods“ eine waschechte Bühnenstück-Adaption, die – ebenso wie Marshalls Vorwerke – direkt vom Broadway stammt. Musicalkomponist Stephen Sondheim, zu dessen größten Erfolgen die Johnny-Depp-Show „Sweeney Todd – Der teuflische Barbier aus der Fleet Street“ gehört, ist der Urheber der extravaganten Grimm-Parade, in welcher die Märchen „Der Bäcker und seine Frau“, „Aschenputtel“, „Rapunzel“, „Jack und die Bohnenranke“ sowie „Rotkäppchen“ miteinander verknüpft und durch unzählige weitere Märchenmotive zu einem eigenständigen Film ausgebaut werden. In Stil, Aufmachung und musikalischer Komposition unterscheidet sich „Into the Woods“ dabei nicht allzu sehr von Tim Burtons Gruselmär um den finsteren Fleet-Street-Mörder, ist jedoch ein wenig deutlicher auf die Familie als Zielgruppe abgestimmt ist von einem wesentlich optimistischeren Tonfall. Gleichsam richtet sich „Into the Woods“ trotz seiner Herkunft aus der Walt-Disney-Filmschmiede nicht zwingend an die ganz jungen Zuschauer, sondern fordert in seiner Düsternis eine gewisse Reife, um als finster-melancholische Hommage an die fantastische Welt des Märchens ganz so verstanden zu werden, wie es sich die Macher wohl wünschen.

Into the Woods

Wenngleich es selbstredend eine Frage des persönlichen Filmgeschmacks ist, ob man dem Genre des Leinwand-Musicals etwas abgewinnen kann, oder ob man sich an der realitätsfernen Filmlogik der gesungenen Geschichten stört, so muss man im Falle von „Into the Woods“ neidlos anerkennen, dass die exzentrische Kostümparade gleich auf mehreren Ebenen funktioniert. Sowohl visuell, als auch auf der Plotebene präsentiert uns Rob Marshall einen Film, dessen Stärken selbst ohne Berücksichtigung der Musical-Nummern überdeutlich zu erkennen sind. Die Macher kreieren ein Setting, das sich auf der einen Seite an der Simplizität der zwangsläufig beschränkten Bühnenvorlage orientiert, auf der anderen Seite jedoch das Optimum an optischer Vielfalt aus dem finsteren Märchen herausholt. Wie Marshall und sein Kameramann Dion Beebe („Edge of Tomorrow“) die unterschiedlichen Schauplätze diverser Einzelgeschichten zu einem Gesamtbild zusammenfassen, ist ob seiner konsequenten Stilverfolgung eine waschechte Meisterleistung. Das sah derweil auch die Academy so und nominierte „Into the Woods“ für zwei Oscars in den Kategorien „Beste Kostüme“ und „Bestes Szenenbild“. Mit seiner Mischung aus philosophisch-nachdenklich inszenierten Szenenbildern, welche diversen Grimm-Klassiker einen erwachsenen Anstrich verpassen, und durchaus auch verspielten Ansätzen behält das Werk ein ernstes Erscheinungsbild, ohne insbesondere das jüngere Publikum zu verschrecken. Das übernimmt lieber die großartig böse agierende Meryl Streep im Alleingang und spielt ihre (guten) Widersacher mit jedem ihrer Auftritte an die Wand.

Doch „Into the Woods“ auf seine Schauwerte zu reduzieren, täte der durch und durch unterhaltsamen Musical-Geschichte Unrecht. Zwar hat der starbesetzte Streifen seine Stärken allen voran in seinen Extravaganzen, die Kreativität innerhalb der Geschichte ist dennoch nicht minder am gelungenen Erscheinungsbild des Films beteiligt. Drehbuchautor James Lepine, der auch am Bühnenmusical mitschrieb, geht in der Organisation seiner Story sehr genau vor. Während das Musical in seiner Aufteilung auf diverse Schauplätze und ebenso viele Hauptfiguren fast schon an einen Episodenfilm erinnert, ist Lepine in Sachen Storytelling umso genauer, um dem Publikum die notwendige Übersicht zu gewähren. Rob Marshall hält die einzelnen, roten Fäden schließlich wie ein Marionettenspieler in der Hand, verknüpft sie in den entscheidenden Momenten und wirft die Grundidee des Streifens nach rund einer Stunde gar komplett über den Haufen, um mit gängigen Sehgewohnheiten zu brechen und die Realität im Märchen einmal direkt zu hinterfragen. Dabei könnte Lepine die einzelnen Plots durchaus ein wenig gerechter aufteilen – Anna Kendrick („Pitch Perfect“) ist in ihrer ganz und gar bezaubernden Rolle als ver(w)irrtes Aschenputtel leider viel zu wenig Screentime vergönnt. Im Großen und Ganzen verhindert das Skript jedoch den Eindruck des Überladen-seins und erzählt gerade so viel, dass es in der angenehmen Laufzeit von rund zwei Stunden nicht zu viel wird.

Chris Pine

Gerade dem aufgeschlossenen Publikum wird mit der Zeit auch der dritte, essentielle Mehrwert von „Into the Woods“ ins Auge, respektive ins Ohr fallen. Als Musical wird Marshalls Streifen selbstredend von der Musik getragen. Als Nachfolger von „Chicago“ und „Nine“ findet sich „Into the Woods“ dabei in bester Gesellschaft bunter Musikgenre-Sammelsurien wieder, denn ein solches ist auch diese Märchenshow geworden. Die live am Set eingesungenen Songs sind von einer angenehmen Bandbreite und reichen von schmissigen Rock-Songs über Balladen bis hin zu klassischer Retortenpopmusik. Gekonnt verwebt der Regisseur die verschiedenen Musikrichtungen und ummantelt sämtliche Nummern mit einer düster-melancholischen Klangfarbe, die auch den Grundton von „Into the Woods“ ausmacht. Dazu passt es auch, dass sämtliche Songs dankenswerterweise nicht ins Deutsche übersetzt, sondern hierzulande lediglich untertitelt wurden. Und das lohnt sich: Die allesamt perfekt gecasteten Darsteller fühlen sich nicht nur in ihren zugeteilten Hauptrollen sichtlich wohl sondern legen auch eine beachtliche Gesangsleistung an den Tag.

Das Staraufgebot ist derweil enorm. Wenngleich Meryl Streep („Im August in Osage County“) als gemeine Hexe das weibliche, und Chris Pine („Star Trek into Darkness“) als viel zu charmanter Prinz das männliche Highlight darstellt, begeistern auch diverse andere Darsteller. James Corden („Can a Song Save Your Life?“) setzt ein Ausrufezeichen hinter seinen Status als immer bekannter werdender Charaktermime, dessen liebenswerte Ausstrahlung wie eine Schulter zum Anlehnen für den Zuschauer dient. Anna Kendrick gibt eine ebenso herzliche wie freche Cinderella zum Besten, die darüber hinaus ein Statement für den fehlenden Feminismus im Grimm‘schen Märchen setzt, Emily Blunt gefällt als resolute Müllersfrau und „Rotkäppchen“ Lilla Crawford entpuppt sich in ihrer aller ersten Leinwandrolle (!) als echte Entdeckung. Schade ist es um einen verschenkten Cameo-Auftritt von Johnny Depp („Mortdecai – Der Teilzeitgauner“): In der Rolle eines exzentrischen Wolfes mit leicht pädophilen Neigungen hätte sein kurzes Gast-Stelldichein eine echte Überraschung abgegeben. Schade, dass Disney von Anfang an mit seinem Auftritt geworben hat.

Into the Woods

Cinderella (Anna Kendrick) trifft im Wald auf die Frau des Bäckers (Emily Blunt). Ob sich die beiden gegenseitig helfen können?

Fazit: Nach „Sweeney Todd“ kommt mit „Into the Woods“ eine weitere Musical-Adaption von Rob Marshall in die Kinos, die mit ihrer überbordenden Ideenvielfalt, tollen Darstellern und einer pfiffigen Story zu begeistern weiß.

„Into the Woods“ ist ab dem 19. Februar bundesweit in den Kinos zu sehen!

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