Die Verlegerin

Das Thema seines neuen Films DIE VERLEGERIN brannte Regielegende Steven Spielberg derart unter den Nägeln, dass er ihn noch vor seinem Herzensprojekt „Ready Player One“ und pünktlich zur Awardsaison fertig stellte. Das Ergebnis ist ein typischer Spielberg. Ob das gut oder schlecht ist, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

1971 steht mit Katharine „Kay“ Graham (Meryl Streep) eine Frau an der Spitze des Verlags, der die renommierte „Washington Post“ herausbringt. Als erste weibliche Zeitungsverlegerin der USA hat Kay ohnehin keinen leichten Stand, außerdem steht die Zeitung kurz vor dem Börsengang – brisant wird es, als Chefredakteur Ben Bradlee (Tom Hanks) über einen gigantischen Vertuschungsskandal im Weißen Haus berichten will, in den allein vier US-Präsidenten verwickelt sind. In einem nervenzerreißenden Kampf für die Pressefreiheit riskieren Kay und Ben ihre Karrieren und die Zukunft der Zeitung – ihr mächtigster Gegner ist dabei die US-Regierung…

Kritik

Steven Spielberg ist weiß Gott kein Vielfilmer. Die 1946 in Ohio geborene Regielegende produziert zwar am laufenden Band (und mit Michael Bays Bombastquatsch „Transformers: Ära des Untergangs“, der Fantasy-Serie „Under the Dome“ sowie der seichten Wohlfühl-Tragikomödie „Madame Mallory und der Duft von Curry“ mitunter auch Dinge, die man dem „Bridge of Spies“-Macher nur bedingt zugetraut hätte), doch als Regisseur sucht er sich seine Projekte ganz nach Leidenschaft und Herzblut aus. Entsprechend breit gestreut ist sein Portfolio, wozu neben Familienabenteuern auch Geschichtsaufbereitung und standardsetzende Blockbusterware gehören. Es wundert also nicht, dass es Spielberg möglich war, sein Journalisten- und Politdrama „Die Verlegerin“ sowie die actiongeladene Romanverfilmung „Ready Player One“ zeitweise parallel zu drehen, denn, so gibt er selbst an, das Thema rund um die skandalumwitterten Pentagon-Papiere, war ihm zu wichtig, um erst „Ready Player One“ fertig zu drehen und sich anschließend dem im Original „The Post“ betitelten Film zu widmen. Und weil es nun mal auch eine der Oscar-Jury in die Karten spielende Thematik ist, drehte man „Die Verlegerin“ in noch nicht einmal zwei Monaten ab, um ihn rechtzeitig zur Awardseason fertig zu bekommen. Das Ergebnis ist aus produktionstechnischer Sicht erwartungsgemäß beeindruckend, doch erzählerisch fährt Spielberg zu sehr auf Nummer sicher und macht seinen Film damit zum Inbegriff des Altherrenkinos.

Ben Bradlee (Tom Hanks) Kay Graham (Meryl Streep) diskutieren, wie mit den Pentagon Papers verfahren werden soll.

Was haben „Wonder Woman“, „Valerian“ und „Dunkirk“ gemeinsam? All diese Filme erschienen nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika und ihnen allen ist das überdeutlich anzumerken; enthalten sie doch entweder einen ausführlichen Dialog darüber, dass die Liebe der Schlüssel zu allem Frieden ist, oder versprühen sie ein Gefühl von Hoffnung, selbst in emotional aufwühlenden, gefühlskalten Zeiten zusammenzuhalten. Ein Großteil in den USA erfolgreicher Filme der vergangenen Monate besitzt einen optimistischen, hoffnungsvollen Grundton und etabliert das Kino wieder einmal als Hoffnung spendendes Lagerfeuer. Es wäre nicht das erste Mal in der amerikanischen Geschichte. „Die Verlegerin“ spendet nicht nur Hoffnung, er schaut sich ganz deutlich als Plädoyer für Dinge, die bereits für selbstverständlich empfunden, und plötzlich in Frage gestellt werden. Es ist der Film für die „Ära Donald Trump“ – und wenn man einmal darüber nachdenkt, dass der streitbare Präsident erst kürzlich Meryl Streep als meistüberbewertete Schauspielerin überhaupt bezeichnet hatte (nachdem diese sich in ihrer Rede bei den Golden Globes 2017 offen gegen Trump ausgesprochen hatte), ist auch die Besetzung der titelgebenden Verlegerin der Washington Post nur konsequent; man möchte sich nur einmal ausmalen, wie der Präsident reagiert, sollte Streep ausgerechnet für diese Rolle erneut mit dem Oscar ausgezeichnet werden.

Der Grund, weshalb wir selbst in Absatz zwei noch nicht näher auf die Qualität des Films als solches eingegangen sind, hat den Grund, dass der Film an sich gar nicht so viel hergibt, um sich ausgiebig damit auseinander zu setzen, ob er nun gut, oder eher weniger gut ist. Das ist eindeutig ein Indiz für Letzteres, denn „Die Verlegerin“ mag ein überdeutliches Projekt seiner Zeit sein, das ein Thema anspricht, das in keinem Jahr besser zur Geltung käme; schließlich wird nicht bloß in den USA plötzlich das Recht auf freie Meinungsäußerung, insbesondere aber die Pressefreiheit durch Fake-News-Diskussionen und Co. in Frage gestellt, sondern rund um den Globus. Gleichzeitig lässt sich das Kalkül hinter dem Film so aber ebenso wenig leugnen. Penibel hangelt sich das Skript von Liz Hannah („Guidance“) und Josh Singer („Spotlight“) von einem wichtigen Handlungsschauplatz zum nächsten, rekapituliert die vielen, vielen Dialoge in den Redaktionsräumen der Washington Post und setzt sie in Kontrast zu den sich parallel dazu abspielenden Geschehnissen im Weißen Haus. Hieraus ergeben sich zwar zeitweise ganz ordentliche Dynamiken (was für Auswirkungen die rechtmäßige Berichterstattung über ein bestimmtes Ereignis für die darin involvierten Personen hat, ist einfach ein spannendes Thema), doch man merkt mit der Zeit immer mehr, dass es Steven Spielberg vor allem um die Mitarbeiter der Washington Post ging.

Die Redaktion der Washington Post wartet auf das Gerichtsurteil.

Welche Maßnahmen mit der Veröffentlichung der Pentagon Papiere einhergingen, zeigt Spielberg mit hohem inszenatorischen Aufwand. Doch über die darin involvierten Figuren erfährt man abseits ihres Handlungszweckes kaum etwas. Selbst Tom Hanks (der übrigens auch schon den thematisch ähnlich gelagerten „The Secret Man“ produzierte) sowie Grand Dame Meryl Streep („Florence Foster Jenkins“) spielen zwar gewohnt gut auf, können sich in dem ausstaffierten Setting der Siebzigerjahre-Ausstattungsorgie aber nicht so entfalten, wie man es von ihnen gewohnt ist. In „Die Verlegerin“ hat alles seinen genauen Platz – und das nimmt den Figuren im Film leider Einiges an Leben. Alison Brie („Community“) als Tochter der Washington-Post-Chefin wird ebenso zur Stichwortgeberin degradiert, wie die vielen Kollegen (darunter Michael Stuhlbarg, der mit „Die Verlegerin“, „Shape of Water“ und „Call Me By Your Name“ direkt in drei Oscar-nominierten Spielfilmen vertreten ist), die der Veröffentlichung der brisanten Dokumente vielfältig gegenüberstehen. Damit erlaubt sich Spielberg einen differenzierten Blick auf den Skandal und schafft es darüber hinaus sogar, seine Protagonistin nicht bloß zur Heldenfigur des freien Journalismus, sondern auch zu einer Ikone der Frauenbewegung zu machen (in einigen Schlüsselszenen behauptet sich Katherine Graham im Alleingang in der männerdominierten Welt), doch letztlich bleibt ein Film von Steven Spielberg immer auch ein Film der lauten Töne. Da wird mit den bewährt-theatralischen Streichern von John Williams („Star Wars: Die letzten Jedi“) schon mal der Gang durch eine Menschenmenge so unterlegt, dass die sich nach ihrer Heldin umdrehenden Gesichter der Frauen ihren respektvollen Wert verlieren und in eine falsche Ehrfurcht kippen. So bleibt „Die Verlegerin“ schließlich zwischen einem „zu viel“ und einem „zu wenig“ irgendwo im Durchschnitt hängen.

Fazit: Steven Spielbergs „Die Verlegerin“ ist ein routiniert inszeniertes Journalismusdrama, das wichtige, wahre Ereignisse nacherzählt. Dass die Regielegende dabei aber so gar keine Experimente eingeht, macht den Film zur weitestgehend spannungsarmen „Nummer sicher“ der diesjährigen Awardsaison.

„Die Verlegerin“ ist ab dem 22. Februar in den deutschen Kinos zu sehen.

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