Licht

In dem biographischen Drama LICHT überzeugt „Tiger Girl“-Star Maria Dragus in der anspruchsvollen Rolle einer blinden Pianistin, die sich im Verlauf des von Barbara Albert inszenierten Films nicht nur ihr Augenlicht wiederfindet, sondern sich zudem von den Zwängen der Gesellschaft löst. Mehr dazu verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Wien 1777. Die früh erblindete 18jährige Maria Theresia „Resi“ Paradis (Maria Dragus) ist als Klavier-Wunderkind in der Wiener Gesellschaft bekannt. Nach zahllosen medizinischen Fehlbehandlungen wird sie von ihren ehrgeizigen Eltern (Lukas Miko, Katja Kolm) dem wegen seiner neuartigen Methoden umstrittenen Arzt Franz Anton Mesmer (Devid Striesow) anvertraut. Langsam beginnt Resi in dem offenen Haus der Mesmers, zwischen Rokoko und Aufklärung, im Kreise wundersamer Patienten und dem Stubenmädchen Agnes, das erste Mal in ihrem Leben Freiheit zu spüren. Als Resi in Folge der Behandlung erste Bilder wahrzunehmen beginnt, bemerkt sie mit Schrecken, dass ihre musikalische Virtuosität verloren geht…

Kritik

Neben Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart und Joseph Hayden gehörte die 1759 in Wien geborene Pianistin Maria Theresia Paradis zu den wichtigsten Vertretern der Wiener Klassik. Trotzdem sind von den Werken der später als Musikpädagogin für Behinderte tätigen Musikerin heute kaum noch welche bekannt; dabei schrieb sie zu Lebzeiten Dutzende von Liedern, Opern und Instrumentalwerken. Bekannt wurde sie allerdings vornehmlich für ihr Spiel fremder Stücke – und durch ihre beeindruckende Vita, denn als Blinde zu solch einem Ruhm zu gelangen, war zum damaligen Zeitpunkt keine Selbstverständlichkeit. Die Regisseurin Barbara Albert („Fallen“) macht sich in ihrem biographischen Drama „Licht“ genau diese Diskrepanz zwischen Bewunderung von Paradis‘ Können und der Abscheu gegenüber ihres mitunter exzentrischen Auftretens zunutze und kreiert daraus eine Geschichte darüber, wie sich eine junge Frau ihres Standes aus den Zwängen der an sie gestellten Anforderungen befreit. Darüber hinaus ist „Licht“ aber auch ein faszinierender Film über Musik und die Leidenschaft für das Piano.

Die feine Gesellschaft blickt gespannt auf die Ergebnisse, die der Arzt Franz Anton Mesmer (Devid Striesow) erreicht hat.

Zeichnet ein typisches Biopic in der Regel das Leben der zu porträtierenden Person von Anfang bis Ende nach, konzentriert sich Barbara Albert in „Licht“ auf sehr wenige, jedoch exemplarisch für das Leben von Resi Paradis stehende Wochen. In diesen befindet sich die Pianistin in Behandlung bei dem umstrittenen Heiler Franz Anton Mesmer, dessen streitbaren Methoden bis heute nicht vollständig auf den Grund gegangen werden konnte. Die einen vermuteten hinter den zweifelhaften Erfolgen des Arztes Gründe wie Autosuggestion; auch davon, dass Maria Theresia Paradis und er eine Art Plan geschmiedet haben sollen, war zeitlebens die Rede. Doch letztlich geht es gar nicht zwingend darum, zu ergründen, ob der von Devid Striesow („Ich bin dann mal weg“) sehr charismatisch und kompetent verkörperte Mesmer nun ein Scharlatan ist, oder tatsächlich Wunder vollbringen konnte. Passend dazu bleibt auch das Skript von Kathrin Resetarits eher auf Abstand zu jedweden Mutmaßungen und blickt eher staunend auf das, was sich auf der Leinwand da gerade für vermeintlich übernatürliche Heilungsprozesse entspinnen. In „Licht“ geht es weniger um eine medizinische Aufbereitung der Ereignisse, als um die Faszination für die Figur der Maria Theresia Paradis sowie das Gesellschaftsgefüge, in dem selbige ihr Leben zu leben versuchte. Letztlich könnte eine Geschichte wie diese auch in der Gegenwart spielen; Themen wie Diskriminierung und Mobbing von andersartigen Menschen verlieren (leider) nie an Relevanz.

Barbara Albert geht in ihrer Geschichte absolut wertfrei vor und zeichnet gleichermaßen sehr detailgetreu nach, wie sich eine Frau wie Resi nach und nach durch ihr Können in ihrem Umfeld zu behaupten weiß. Vor allem aus der Interaktionen mit vielen weiteren Patienten ergeben sich wunderschöne Momente gegenseitigen Respekts, in denen Leidensgenossen sukzessive zu Freunden werden, indem sie alle mit denselben Problemen fehlender Anerkennung zu kämpfen haben. Trotzdem hat „Licht“ auch diverse Szenen, in denen mit dieser Subtilität gebrochen wird. Die Elternfiguren von Resi geraten in ihrer schlichten Schwarz-Weiß-Zeichnung fast zu Karikaturen, genauso wie die Oberen Zehntausend ebenso gut aus einer Satire auf ebenjene Gesellschaftsschicht stammen könnten. Devid Striesow und Maria Dragus („Tiger Girl“) können diese vielen, sehr überhöhten Momente zwar immer wieder erden, doch „Licht“ wechselt so ruckartig von sensibler Charakterstudie zur grobmotorischen Nachdichtung, dass sich bis zuletzt nicht ganz ergründen lässt, ob diesem Mix aus verschiedenen Tonfallwechseln ein bestimmter Zweck innewohnt. So ganz ohne Erkenntnisse dessen wirkt „Licht“ im besten Fall mutig, im schlechtesten jedoch arg unausgegoren.

Maria Theresias Eltern Eltern (Lukas Miko, Katja Kolm) stehen der Behandlung kritisch gegenüber, als ihre Tochter ihr musikalisches Gespür zu verlieren scheint.

Letztlich ist es vor allem Maria Dragus zu verdanken, dass „Licht“ trotz inszenatorischer Schwächen bis zuletzt mitreißend bleibt. Sie verkörpert ihr reales Vorbild der Maria Theresia Paradis auf nahezu ekstatische Weise und trägt den Film damit mühelos auf ihren Schultern. Das bekommt man als Zuschauer bereits in der aller ersten Szene zu sehen, als Maria Theresia am Klavier sitzt und dabei ihre Augen so verdreht, dass man kaum wegsehen kann, weil es gleichermaßen faszinierend wie unansehnlich ist und sich dadurch direkt ein moralischer Konflikt in uns ergibt. Gerade durch diesen Auftakt ist es im weiteren Verlauf umso interessanter, die resolute Maria Theresia bei ihrer unterschwelligen Rebellion zu beobachten. Vor allem Devid Striesow, der als Einziger die Bedürfnisse seiner Patientin zu kennen scheint, untermauert diesen Eindruck, indem er sie immer wieder dazu ermutigt, Dinge zu tun, die nur sie tun will. So überzeugen die beiden überzeugen als eingespieltes Duo zwischen einer ganzen Reihe starker Nebendarsteller, die wie unsereins starren und staunen, wenn sich eine vermeintlich hilflose Frau zurück ins Leben kämpft. Denn letztlich ist die Zeit der Behandlung für die junge Frau vielleicht nicht mit dem erhofften Erfolg verbunden, trägt aber einen Großteil dazu bei, dass sie im Anschluss daran nicht mehr unter der Fuchtel ihrer herrischen Eltern steht – ein etwas anderer Coming-of-Age-Film-

Fazit: Mit „Licht“ gelingt Barbara Albert ein gleichermaßen berührender wie kompromissloser Blick auf eine Frau, die nicht bloß auf gesundheitliche Heilung hoffte, sondern auch auf Anerkennung in der Gesellschaft.

„Licht“ ist ab dem 1. Februar in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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