Marlina – Die Mörderin in vier Akten

Das raue Westerndrama MARLINA – DIE MÖRDERIN IN VIER AKTEN war im vergangenen Jahr beim Fantasy Filmfest zu sehen und bekommt nun als einer von nur sehr wenigen Filmen aus Indonesien einen breiten Kinostart in Deutschland. Weshalb das keine schlechte Idee ist, verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

​Indonesien. Ein Mann auf einem Motorrad erreicht eine abgelegene Hütte. Er verkündet der dort lebenden Marlina (Marshy Timothy), dass bald sechs seiner Freunde eintreffen werden, um ihr Geld und all ihr Vieh zu stehlen und – wenn Zeit bleibt – sie im Anschluss zu vergewaltigen. Zunächst einmal hätte er aber gerne Hühnersuppe zum Abendessen. Marlina macht sich auf den Weg in die Küche. Hühnersuppe wird es geben. Und etwas besonders Scharfes zum Nachtisch.

Kritik

Die Frau als gegen das Patriarchat zurückschlagende Kämpferin ist aktuell ein gern gesehenes Thema im Unterhaltungskino. Das geht oft gut, manchmal allerdings auch nicht – Stichwort „Wonder Woman“. Doch im besten Falle versteckt sich hinter der oberflächlichen Botschaft immer auch noch etwas, was länger nachhallt, als nur für zwei Stunden auf der Leinwand. Das beste Beispiel dafür ist aktuell die preisgekrönte Serie „The Handmaids Tale“, die eben nicht nur eine düstere Zukunftsversion entspinnt, in der Frauen konsequent unterdrückt werden, sondern in der sich viele Bezüge zum Zustand im Hier und Heute finden lassen. Die Macher führen uns darin nicht bloß vor Augen, worin unser heutiges Fehlverhalten gipfeln könnte, sondern vor allem, worin sich jetzt schon Missstände ausmachen lassen, die erst auf den zweiten Blick als solche erkennbar sind. Der Fantasy-Filmfest-Beitrag „Marlina – Die Mörderin in vier Akten“ ist daher auch nur augenscheinlich ein brachial-blutiger Befreiungsschlag einer einzelnen, unterdrückten Frau. Angesiedelt in Indonesien, von wo aus zuletzt solche Actionreißer wie „The Raid“ ihren Weg in die deutschen Kinos gefunden haben, spiegelt „Marlina“ vor allem wider, mit welch erbitterter Macho-Hand die Männer hier zum Teil noch über die ihnen untergebenen Frauen herrschen. Insofern liegt der Schwerpunkt der Geschichte auch gar nicht so sehr auf dem Wort „Mörderin“, sondern auf den „vier Akten“, in deren Verlauf sie sich emanzipiert und stellvertretend für ihre Geschlechtsgenossinnen um Freiheit und Selbstbestimmung kämpft – wenn auch mit ziemlich radikalen Mitteln.

Auf der Polizeiwache dauert es ewig, bis Marlina (Marshy Timothy) von Jemandem angehört wird.

Regisseurin und Drehbuchautorin Mouly Surya („Fiksi.“) teilt ihre Geschichte – wie es der Titel schon verrät – in vier verschiedene Akte auf. „The Robbery“, „The Journey“, „The Confession“ und „The Birth“ folgen der Protagonistin Marlina durch eine Tour de Force, angefangen beim Überfall über eine beschwerliche Reise durchs indonesische Hinterland bis hin zur alles entscheidenden Konfrontation. Auf ihrem Weg dorthin, trifft Marlina auf weitere Frauen, die jeweils ähnliche Schicksale teilen und die Ereignisse in Marlinas Haus somit als eine Art Selbstverständlichkeit enttarnen. Die vermeintliche Bestialität hinter dem Überfall erscheint unter den hier dargelegten Umständen fast wie ein Kavaliersdelikt, für das sich nicht einmal die örtliche Polizei so richtig zu interessieren scheint. Während die einen Tischtennis spielen, wird Marlina vom einzigen ansprechbaren Beamten mit Fragen durchlöchert, die sie unbewusst in eine Position der Schuldigen drängen. Das ist nicht bloß ein Problem in Indonesien; auch in anderen Ländern wird Frauen nicht selten eine Art Mitschuld an einem Übergriff vorgeworfen. Mouly Surya bohrt klar in bekannten Wunden, ist aber filigran genug, um sich nicht in Allgemeinplätzen zu verlieren. Stattdessen zeichnet sie ihre Hauptfigur als toughe, ihrem Umfeld intellektuell weitaus überlegenere Kämpferin, die sie nicht umsonst immer wieder verstohlen in Richtung Kamera schauen lässt; ganz so, als wolle sie dem Zuschauer zeigen, dass sie zu Dingen imstande ist, die man ihr (also Frau) nicht zugetraut hätte. Quentin Tarantino, der Mouly sichtbar als Inspiration diente, hätte das wohl kaum besser hinbekommen.

Während Mouly Surya zwischenzeitige Gewaltspitzen nutzt, um ihr Anliegen blutrot zu unterstreichen, ist „Marlina – Die Mörderin in vier Akten“ über weite Strecken ein ruhiger Film der stillen Beobachtung. Szenen, in denen ein werdendes Elternpaar auf offener Straße einen Konflikt austrägt oder eine Busfahrt zum regelrechten Spießroutenlauf wird, machen den Rachewestern zu einem atmosphärisch dichten Erlebnis, dass daher gut auf Effekthascherei verzichten kann. Trotz der Anleihen an besagten „Kill Bill“-Regisseur behält „Marlina“ auch in den brutalen Momenten eine beklemmende Nüchternheit bei; im Mittelpunkt steht bis zuletzt der Verweis auf aktuelle Missstände, während sich an den Taten der Titelheldin nicht gelabt wird. Es ist ein notwendiger Schritt – ganz so, als würde man die Filmemacherin nicht hören, würde sie das Ganze als nüchternes Drama aufziehen. So folgt sie ihrer beeindruckend zwischen Selbstsicherheit und erstarrter Unsicherheit changierenden Hauptfigur auch entsprechend mit nüchternem Abstand. „Marlina – Die Mörderin in vier Akten“ ist zu keinem Zeitpunkt ein euphorischer Gewaltexzess, sondern ein zwar überhöhtes, aber doch konsequentes politisches Statement.

Auf ihrem Weg zur Vergeltung macht Marlina Bekanntschaft mit Leidensgenossinnen.

Funktionieren kann das aber zwangsweise nur mit der richtigen Hauptdarstellerin. Während Mouly Surya das Umfeld ihrer Marlina zum Teil zu grotesken Karikaturen überhöht, steckt in ihrer Protagonistin viel Fingerspitzengefühl. Die junge Frau wird ungewollt in eine Situation hineingestoßen, in der sie unmöglich Routine besitzen kann; trotzdem gelingt es Marsha Timothy („The Raid 2“) hervorragend, aufzuzeigen, wie selbstsicher sich ihre Figur nach all den Jahren erfahrener Unterdrückung trotzdem in ihrem Umfeld bewegen kann, da sie die Schwachstellen ihrer (männlichen) Mitmenschen kennt. Die morbide Trophäe eines ihrer Opfer trägt sie ganz selbstverständlich triumphal mit sich herum. Auch auf die mitunter unangenehmen Fragen des Polizisten antwortet sie ruhig und gelassen sowie über all die idiotie des Rechtstaates erhaben. Auch ihre mörderischen Entscheidungen, um sich aus der Überfallsituation hinaus zu manövrieren, trifft sie ruhig und besonnen; es fühlt sich wie ein Statement an, dass auf Dauer nicht Körperlichkeit über das Böse triumphiert, sondern Klugheit und Cleverness. Dass sich „Marlina – Die Mörderin in vier Akten“ dennoch nicht viel ein trockenes Lehrstück zum Thema Gleichberechtigung anfühlt, ist allen voran der Regisseurin zu verdanken. Vor allem in den Actionszenen wohnt ihrem Film ein solcher Wahnsinn inne, dass zu den größten Fans dieser Geschichte wohl vor allem die Braut aus „Kill Bill“ gehören dürfte – Marlina ist so etwas wie die kleine, etwas subtiler voranschreitende Schwester der kaltblütigen Kult-Kämpferin.

Fazit: „Marlina – Die Mörder in vier Akten“ ist ein blutiger Western über eine junge Frau, die sich stellvertretend für ihre Geschlechtsgenossinnen von der jahrelangen Unterdrückung freispricht und dabei einen Weg geht, wie ihn zuletzt Quentin Tarantinos Braut in „Kill Bill“ angetreten hat.

„Marlina – Die Mörderin in vier Akten“ ist ab dem 18. Januar in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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