Fack ju Göhte 3

Das ist der Final Fuck: In Bora Dagtekins FACK JU GÖHTE 3 wird einmal mehr das deutsche Bildungssystem aufs Korn genommen. Kann der Abschluss der Trilogie den mauen Vorgänger vergessen machen? Mehr dazu verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Homo Faber, Kurvendiskussion, Asbest in den Toiletten. An der Goethe-Gesamtschule herrscht Stress: Zeki Müller (Elyas M’Barek) will Chantal (Jella Haase), Danger (Max von der Groeben), Zeynep (Gizem Emre) und die anderen Schüler zum Abitur peitschen, doch die Chaosklasse ist wenig kooperativ. Denn die nette Dame vom Berufsinformationszentrum (BiZ) hat ihnen die Zukunftsaussichten ordentlich vermiest. Nun erreicht das Frustrationslevel ganz neue Höhen, was sich in maximaler Leistungsverweigerung und Schülereskalation äußert. Kann Herr Müller auch Motivation? Direktorin Gudrun Gerster (Katja Riemann) jedenfalls ist keine große Hilfe, seit sie mit dem Bildungsministerium im Clinch liegt und als letzte Gesamtschule des Bundeslandes mit Imageproblemen zu kämpfen hat, an denen die Problemschüler nicht ganz unschuldig sind. Wenigstens bekommt Zeki Müller Unterstützung von Neuzugang Biggi Enzberger (Sandra Hüller), die ihm b ei einem Anti- Mobbing-Seminar aushilft.

Kritik

Im Jahr 2013 traf „Türkisch für Anfänger“-Regisseur Bora Dagtekin mit seiner derben Pennälerkomödie „Fack ju Göhte“ den Nerv einer ganzen Generation. Sämtliche Zuschauer zwischen zwölf und 18 Jahren tingelten in die Kinos, um sich den zugespitzten Sittenverfall an deutschen Schulen auf der großen Leinwand anzusehen. Und auch für die Eltern und Lehrer bot der bis heute vierterfolgreichste deutsche Film aller Zeiten (nach „Der Schuh des Manitu“, „Fack ju Göhte 2“ und „Honig im Kopf“) bissige Seitenhiebe auf die Missstände des nationalen Lehrsystems. Bei über sieben Millionen Zuschauern – „Fack ju Göhte“ war in seinem Erscheinungsjahr der meistbesuchte Film überhaupt – war eine Fortsetzung ein Selbstgänger, die zwei Jahre später folgte und die Problemschüler der 10b mitsamt Kultlehrer Zeki Müller nach Thailand führte. Die abgefuckteste Klassenreise der Filmgeschichte überbot das Megaergebnis des Vorgängers noch einmal um 300.000 Besucher und wurde in ihrem Jahr nur noch von „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ geschlagen. Kein Wunder also, dass es sich von Seiten der Verantwortlichen Niemand nehmen lässt, das Franchise weiter auszuschlachten. Mit „Fack ju Göhte 3“ soll die Trilogie aber wirklich ihren Abschluss finden, was immer wieder gebetsmühlenartig von den Macher wiederholt wird. Das glauben wir zwar erst, wenn wir es sehen, denn schon die Vorverkaufszahlen deuten darauf hin, dass „Fack ju Göhte 3“ mit den Ergebnissen der ersten beiden Teile locker mithalten dürfte. Aber zumindest thematisch setzt Bora Dagtekin einen Schlussstrich, indem er seine Problemklasse durchs Abitur schickt. Eine in jeder Hinsicht gute Idee, denn die Schule als Kulisse ist dann doch wieder weitaus spannender, als irgendein x-beliebiges Urlaubsparadies.

Sandra Müller, Katja Riemann und Uschi Glas.

Das mit der Geheimniskrämerei muss der Verleih Constantin noch einmal üben. Als Ende des vergangenen Jahres bekannt gegeben wurde, dass man sich im Oktober einen Veröffentlichungsslot freihalten, den Filmtitel jedoch nicht verraten wolle, musste man nur eins und eins zusammenzählen, um dahinter zu steigen, dass hier wohl für einen neuen „Fack ju Göhte“ Platz gemacht wird. Entsprechend wenig überrascht dürfte man in der Medienbranche gewesen sein, als Hauptdarsteller Elyas M’Barek („Willkommen bei den Hartmanns“) am 26. Januar im Rahmen der Verleiherpräsentation den Start der Dreharbeiten sowie den Kinostart Ende Oktober bekannt gab. Zuvor waren bereits einige Details an die Öffentlichkeit gelangt. Etwa, dass die in „Fack ju Göhte 1 und 2“ eine der wichtigsten Nebenrollen innehabende Karoline Herfurth nicht mehr mit von der Partie sein würde. Ansonsten ist fast alles beim Alten geblieben: Neben B’Barek vor sowie Autor und Regisseur Bora Dagtekin hinter der Kamera, gibt es ein Wiedersehen mit sämtlichen Problemschülern der mittlerweile elften Klasse der Goethe-Gesamtschule sowie einigen Neueinsteigern. Dazu gehört in erster Linie „Toni Erdmann“-Star Sandra Hüller, die, wie in den ersten beiden Teilen noch Herfurth, hier als eine Art Zekis gutes Gewissen fungiert; nur vielleicht nicht ganz so spießig: Anders als in Teil zwei angekündigt, hat der von den Ereignissen in seiner eigenen, sowie der Vergangenheit seiner Schüler nämlich immer noch absolut nichts gelernt und ist vom Job des Lehrers nach wie vor zu Tode genervt. So viel Inkonsequenz innerhalb der Charakterentwicklung ist natürlich nur im Sinne des Zuschauers; immerhin wäre es nur halb so spannend, würde Zeki nun selbst zum Vorzeigelehrer, doch zum ersten Mal hat man das Gefühl, Bora Dagtekin liege gar nicht mehr so viel an seinen Figuren. Dafür zieht er in Bezug auf die „Gruppe Arschlöcher“ erstmals Konsequenzen: Lässt er doch gerade zum Ende hin immer wieder durchscheinen, dass die ganzen Intelligenz-Allergiker im Leben nicht weit kommen werden, wenn sie sich weiterhin mit Tricksereien durchs Leben schlagen und die Schule nicht ernst nehmen („Influencer ist kein Beruf!“). 

Leider beißt sich dieses per se lobenswerte Vorhaben, all den Schülern eine möglichst ereignisreiche Lektion zu erteilen, mit der Form ebenjener „Lektion“ – Bora Dagtekin setzt in „Fack ju Göhte 3“ nämlich auf altbekannte Muster und zieht den schnellen Hau-Drauf-Gag, der gern auch mal weit unter die Gürtellinie zielen darf, der klug beobachteten Pointe vor; da war vor allem der erste Teil noch weitaus subversiver aufgestellt. Im Abschlussfilm erhält man nun das Gefühl, die Ideen für einen weiteren bissigen Kommentar auf das deutsche Schulwesen gingen den Machern langsam aus. Mit Ausnahme eines überraschend rührigen, stark geschriebenen und sich dadurch authentisch anfühlenden Subplots rund um das Thema Mobbing reiht sich auf dem Weg von der Etablierung des „Konflikts Schulschließung“ hin zum erwartbaren Abitur-Happy-End einmal mehr eine kurze Gag-Episode aneinander, die sich erneut daran ergötzt, dass die Schüler besonders doof und die Methoden von Zeki Müller unkonventionell sind. Das hat in den ersten beiden Teilen auch deshalb noch funktioniert, weil die Performances der (Jung-)Darsteller in ihrer gelebten Idiotie und Prollerei noch subtil waren. In „Fack ju Göhte 3“ chargieren sich Jella Haase, Max von der Groeben und Co. nun bis an die Grenzen des hysterischen Overactings und weit darüber hinaus. Das gipfelt wiederholt in ellenlange Szenen ermüdender Keiferei, sodass der eigentliche Plot ins Hintertreffen gerät. Dass für Zeki, den Elyas M’Barek einmal mehr mit sichtbar viel Spaß verkörpert, nämlich nicht bloß seine ohnehin geringschätzte „Karriere“ als Lehrer auf dem Spiel steht, sondern direkt seine Freiheit und damit sein ganzes Leben (die Direktorin erpresst ihn mit ihrem Wissen um seine Herkunft, sollte es ihm nicht gelingen, die Schule vor der Schließung zu bewahren), entbehrt nämlich eigentlich einer großen emotionalen Fallhöhe, aus der Dagtekin leider nicht viel macht. Für Zeki wird diese Drohung nur kurz zur Antriebsfeder, um seine Schüler zu motivieren, gleichermaßen scheint seine Figur das direkt wieder zu vergessen, wenn sich aus möglichst asozialem Verhalten seinerseits ein schneller Gag zimmern lässt.

Danger (Max von der Groeben) und Chantal (Jella Haase) lernen in der Bibliothek Bücher kennen…

Die Trefferquote der Gags liegt anders als noch bei den ersten beiden Filmen nur noch im Mittelfeld. Zu oft verlässt sich Dagtekin darauf, dass eine möglichst absurde Grammatik und ein merkwürdiges Verständnis für Verhaltensweisen der Schüler alleine ausreicht. Wenn seine Pointen treffen, dann jedoch richtig – und wieder einmal sind dafür vornehmlich die Erwachsenen verantwortlich. Star von „Fack ju Göhte 3“ ist vor allem Katja Riemann („High Society“) als mehr denn je vom Erfolg ihrer Schule besessene Direktorin Gudrun, während sich Uschi Glas („Zur Sache, Schätzchen“) im Detail kleine Kommentare und Blicke erlaubt, die weitaus besser zünden, als manch brachiale Humorkeule. Bei den kräftemessenden Scharmützel zwischen Gudrun Gerster und dem Schulprüfer (und ihrem Ex-Freund), gespielt von einem herrlich trocken-frivolen Michael Maertens („Bibi & Tina – Tohuwabohu total“) bleibt kein Auge trocken. Genauso wie „Fack ju Göhte 3“ auch abseits davon einige Sprüche zu bieten hat, die gewiss das Zeug dazu haben, einen ähnlichen Kultstatus zu erlangen wie noch im ersten Teil das vielzitierte „Heul leise!“. Zu den Highlights des Films zählt etwa ein aus dem Ruder laufender Besuch beim Berufsinformationszentrum (wenngleich die hier kurz erklärten Berufe allesamt in einem erschreckend abwertenden Licht präsentiert werden), ein ironischer Blick auf die Welt der Kunsthochschulen („Fack ju Göhte 3“ ist quasi die Mainstream-Version von „The Square“) sowie Chantals Versuche, als Journalistin Karriere zu machen. Einer erkennbaren Dramaturgie unterliegt das alles nicht. Stattdessen schustert Dagtekin seinen Schützlingen allesamt ihr ganz persönliches Happy End zu und bleibt hier immerhin so weit bei der Realität, dass er Niemandem aus der 11b einen Abitur-Durchschnitt zugesteht, den er so niemals erreichen könnte. Trotzdem ließe sich aus den vielen Einzelszenen mit Leichtigkeit ein wesentlich runderes Endergebnis machen, wenn sich nicht für jede gute Idee lediglich eine Szene Zeit genommen hätte.

Symptomatisch dafür ist der eigentlich äußerst tragische Handlungsstrang rund um Chantals Herkunft. Als Zeki seine Schülerin eines Tages mit Crack erwischt (natürlich lässt Dagtekin diesen hochdramatischen Moment nicht ungenutzt, um daraus direkt einen der unnötigsten Fäkal-Sketche des Films zu machen), genügt ein klärendes Gespräch zwischen seiner Kollegin Biggi und Chantals Mutter, um das Problem des seit Jahren verschüchterten Mädchens aus dem Weg zu schaffen. Genauso hatte Zeki auch im zweiten Teil bereits mithilfe einer einzigen SMS plötzlich den Familieninstinkt seiner sozial verrohten Schützlinge geweckt. Genauso bettet Dagtekin einen vollkommen oberflächlichen Plot über Suizid und Depressionen in den Film ein, den es weder für die inhaltliche Fortentwicklung gebraucht hätte, noch das Thema auf angemessen seriöse Weise beleuchtet. Vieles in „Fack ju Göhte 3“ wirkt lediglich wie eine Idee von vielen, während der Rote Faden der eigentlichen Geschichte nur noch marginal durchschimmert. Das wird der anvisierten Zielgruppe nicht aufstoßen; vor allem, da „Fack ju Göhte 3“ immer wieder Momente der emotionalen Erdung findet (Stichwort: Sporthalle), genauso wie einige wirklich gute Gags vom Stapel lässt. Doch am Ende wirkt der mit diversen Anschluss- und Logikfehlern versehene, einmal mehr auf penetranten Radiopop setzende und in knallbunte Bilder gekleidete Film vor allem wie ein Schnellschuss; nicht mal für den plötzlichen Wegfall von Lisi Schnabelstedt hat man die Zeit einer plausiblen Erklärung aufbringen können.

Biggi (Sandra Hüller) steht Zeki (Elyas M’Barek) ab sofort zur Seite.

Fazit: „Fack ju Göhte 3“ funktioniert einmal mehr über die lauten, derben Gags, verliert sich allerdings erstmals im Verlauf der Reihe in bemerkbarer Redundanz und nimmt sich nicht die Zeit, die er bräuchte, um Interesse am Verbleib der Figuren zu wecken. Einiges funktioniert, einiges nicht. Doch während das Feuilleton verzweifelt, werden die Zuschauer frohlocken. Es sei ihnen gegönnt – es ist immerhin der Final Fack!

„Fack ju Göhte 3“ ist ab dem 26. Oktober bundesweit in den Kinos zu sehen.

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