Schneemann

In den USA ist Tomas Alfredsons Thriller SCHNEEMANN bei Kritikern wie Publikum radikal durchgefallen. Nun startet der auf dem gleichnamigen Roman basierende Krimi zeitgleich auch in den deutschen Kinos. Was wirklich hinter der Ablehnung steckt, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Oslo. Winter. Der erste Schnee fällt. Plötzlich verschwinden junge Mütter spurlos – was bleibt, ist ein Schneemann in ihren Vorgärten, den der mutmaßliche Entführer für sie hinterlässt. Er spielt ein gemeingefährliches Spiel mit seinen Opfern – und mit den auf ihn angesetzten Ermittlern. Kommissar Harry Hole (Michael Fassbender) recherchiert fieberhaft in einem Labyrinth aus Verdächtigungen und falschen Fährten nach dem Killer. Die brutalen Morde müssen enden, noch bevor der nächste Schnee fällt, denn der Mörder geht immer brutaler vor und wird mutig, als er nun schon vorab ankündigt, wen er als nächstes umbringen wird. Zusammen mit der Nachwuchsbeamtin Katrine Bratt (Rebecca Ferguson) vermutet der eigenwillige Einzelgänger einen nie gefassten Serienmörder hinter den Verbrechen. Als seine Freundin Rakel ins Visier des Killers gerät, entwickelt sich ein mörderisches Duell.

Kritik

In den USA geht der Trend momentan dahin, einen Film entweder über den Klee zu loben, oder ins Bodenlose zu verreißen. Das wirkt sich auch auf die Veröffentlichungspolitik der großen Verleiher aus; Walt Disney und Paramount Pictures reagierten nach den harschen Kritiken auf ihre Filme „Pirates of the Caribbean: Salazars Rache“ und „Baywatch“ direkt mit der Drohung, ihre Produktionen fortan nicht mehr der Presse zeigen zu wollen, da sich das US-Publikum heutzutage immer mehr von den Werten auf Bewertungsportalen wie Rotten Tomatoes oder Metascore beeinflussen lässt. Was fehlt, ist schlicht und ergreifend der Mut dazu, etwas auch „einfach mal okay“ zu finden – ein solcher Kandidat ist Tomas Alfredsons Thriller „Schneemann“, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Suspense-Experte Jo Nesbø („Mindhunters“). Der Regisseur von „Dame König As Spion“, der für einen ausführenden Produzentenposten niemand Geringeren als Martin Scorsese („Silence“) gewinnen konnte, hat die Geschichte über eine mörderische Hetzjagd zwischen einem zwielichtigen Ermittler und einem ultrabrutalen Serienkiller als soliden Skandinavienschocker vor beklemmender Kulisse verfilmt. Dabei sind nicht nur innerhalb des Endergebnisses einige indiskutable Schwachstellen auszumachen, genauso sehr kann man dem Verleih Universal Pictures vorwerfen, mithilfe des Trailers – von dem rund die Hälfte der Szenen überhaupt nicht im fertigen Film vorkommt – falsche Erwartungen geschürt zu haben. Doch ein solcher Rohrkrepierer, wie ihn die US-amerikanischen Zuschauer- und Kritikerstimmen suggerieren, ist „Schneemann“ nicht geworden; dafür sind die äußerst namhaften Schauspieler zu stark und der Thrillerplot gefällt nach klassisch-schnörkellosem Whodunit-Prinzip.

Harry (Michael Fassbender) und seine Kollegin Katrine (Rebecca Ferguson) sind dem Täter auf der Spur.

Der gemeine Thriller ist im modernen Kino ziemlich unterpräsent. In Zeiten, in denen große Franchises das Blockbusterkino dominieren, ist es ohnehin schwer, Stoffe finanziert zu bekommen, die für sich alleine stehen; insofern hatte das Projekt „Schneemann“ wohl ganz einfach Glück, dass ihm ein Bestsellerroman zugrunde liegt, an dem sich Tomas Alfredson gleichermaßen orientiert wie entscheidende Szenen und Wendungen abändert; sein Film kommt im Gewand eines typisch düsteren Schwedenkrimis daher, der es nach Erfolgen wie „Verblendung“ und diversen TV-Filmen und –Serien zugegebenermaßen schwer hat, sich ein Alleinstellungsmerkmal zu erarbeiten. In „Schneemann“ sieht alles so aus, wie man es von „denen da oben im hohen Norden“ nun mal gewöhnt ist – Kameramann Dion Beebe („Into the Woods“) sorgt mit seiner Arbeit aber immerhin dafür, dass der Film optisch Leinwandausmaße erhält. Das verschneite Norwegen – von den hohen Berggipfeln bis in die kleinen, gemütlichen Städtchen – bildet die ideale Kulisse für die kühl-pessimistische Atmosphäre einer Stadt, in der die Morde eines Serienkillers lange nicht das einzige Problem sind. Die Drehbuchautoren Hossein Amini („Verräter wie wir“), Peter Staughan („Die Wahlkämpferin“) und  Søren Sveistrup („The Killing“) reißen im Laufe der zwei Stunden Laufzeit viele verschiedene Thematiken an, die den Eindruck erwecken, hinter den im Mittelpunkt stehenden Morden stecke so etwas wie ein großes Ganzes, das es zu entschlüsseln gilt. Da spielt in einem Nebenplot dann sogar die Ausschreibung für die Olympischen Winderspiele in Oslo eine Rolle, genauso wie Korruption, das Ausnutzen von Machtpositionen und Sexismus. So richtig zu packen kriegt man diese Themen als Zuschauer jedoch nie; dafür wirkt „Schneemann“ trotz seiner ausladenden zwei Stunden bis zuletzt nicht ausgereift – Alfredson gab später selbst zu, dass er aufgrund produktionsinterner Hektik zehn bis fünfzehn Prozent des Skripts nicht mehr drehen konnte.

Viele Nebenhandlungsstränge offenbaren Details, die bis zuletzt nicht aufgeklärt werden, etwa wenn der offenbar korrupte Geschäftsmann Arve Step (J.K. Simmons) heimlich Fotos von fremden Frauen macht, die sich sogar vor ihm entblößen müssen. Die Figur des einflussreichen Unternehmers, der gleichermaßen an der Bewerbung Oslos für die Olympischen Spiele beteiligt ist, ist symptomatisch für die Probleme von „Schneemann“: Sie ist da, doch ihr Zweck bleibt abseits offensichtlicher Irreführung vage. Genauso verhält es sich mit vielen anderen Nebencharakteren und Subplots, die allesamt dazu dienen, dem Publikum ein möglichst großes Repertoire eventueller Theorien an die Hand zu liefern, von denen am Ende nur eine richtig ist. Das Gute daran: Durch die schiere Masse an möglichen Mördern und Motiven ist es bis zu einem bestimmten Moment nahezu unmöglich, tatsächlich hinter die Auflösung von „Schneemann“ zu kommen (als besonderer Clou eröffnet der Film zudem mit einer Rückblende, aus der sich erst im Finale erschließt, um welche Figuren es sich hier handelt). Das weniger Gute: Vieles im Film wirkt konstruiert, die aufgrund der bemühten Unberechenbarkeit in Kauf genommenen Logiklücken drängen sich dem aufmerksamen Zuschauer fast schon unangenehm auf. Trotzdem  macht es „Schneemann“ einem leicht, über derartige Dinge (zu denen aus technischer Sicht leider auch solche banalen Dinge wie Anschlussfehler gehören) hinwegzusehen, denn als über Atmosphäre und Spannung funktionierender Thriller macht der Film dann nämlich doch eine überraschend unterhaltsame Figur.

J.K. Simmons‘ Funktion innerhalb des Films erschließt sich bis zuletzt nicht ganz.

Dies liegt auch am Ensemble: Michael Fassbender („Alien: Covenant“) mimt den stoischen, alkoholsüchtigen Ermittler mit einer zum Ambiente passenden Eiseskälte, zu der man sich zwar nicht unbedingt hingezogen fühlt, die aber gleichermaßen durchscheinen lässt, wie manisch seine Figur hinter dem Killer her ist. Rebecca Ferguson („Mission Impossible – Rogue Nation“) wird nicht bloß zum hübschen Sidekick degradiert; ihre Figur offenbart in der zweiten Hälfte eine ungeahnte Emotionalität mit enger Bindung zu den Morden, die sie glaubhaft an das Publikum heranträgt. Während J.K. Simmons („Whiplash“) nur sein Pflichtprogramm als Philanthrop abspult, erweist sich die in einer kleinen Nebenrolle auftretende Charlotte Gainsbourg („Every Thing Will Be Fine“) als besonders spannende Figur. Als Ex-Freundin von Kommissar Harry verhilft sie diesem zu einem persönlichen Umfeld, das später von entscheidender Wichtigkeit ist und von Anfang an für unberechenbare Akzente sorgt. Genauso unvorhersehbar präsentiert sich auch der Gewaltgrad: Der an sich vielmehr ruhig-besonnen erzählte, auf Effekthascherei und Action verzichtende Film kommt mit einigen harten Gewaltspitzen daher, die man als Zuschauer erst einmal schlucken muss. Mit einer Eisenschlinge hat „Schneemann“ den inoffiziellen Kinokampf um das perfideste Mordwerkzeug 2017 auf jeden Fall gewonnen. Trotzdem könnten sich all jene Zuschauer, die sich nach den Trailern ein dynamisches Katz-und-Maus-Spiel zwischen Kommissar und Mörder erhofft hatten, vom Film schlussendlich enttäuscht sein: Tomas Alfredson ist eben eher ein Freund leiser Töne.

Fazit: „Schneemann“ ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite funktioniert der auf einem Bestseller von Jo Nesbø basierende Serienkillerthriller darüber, den Zuschauer bis zuletzt über den Täter im Unklaren zu lassen und bei der Auflösung schließlich zu überraschen. Auf der anderen Seite lässt Tomas Alfredson zu viele Fragen offen und Handlungsstränge ins Leere laufen, sodass der Eindruck entsteht, der Film sei vorab der Schere zum Opfer gefallen. Die Folge: Vieles wirkt konstruiert und nicht immer logisch. Unterhalten tut es trotzdem – auch Dank des starken Casts!

„Schneemann“ ist ab dem 19. Oktober bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

4 Kommentare

  • Radikal durchgefallen

    „In den USA ist Tomas Alfredsons Thriller SCHNEEMANN bei Kritikern wie Publikum radikal durchgefallen“

    Der Film läuft in den USA am 20. Oktober 2017 an. Wie – außer mit übernatürlichen Kräften – lässt sich erklären, dass eine am 16.10.17 veröffentlichte Kritik zu wissen glaubt, der Film sei beim US-Publikum „radikal durchgefallen“?

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    • Mithilfe der einheitlich negativen Tweets, die direkt nach den ersten Vor- und Pressescreenings von Zuschauern wie Kritikrn abgesetzt wurden. Das Feedback in den sozialen Netzwerken ist einheitlich negativ.

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      • Radikal durchgefallen

        Ein paar Testzuschauer und Screening-Hanseln sind aber nicht „das Publikum“. Normalerweise beschreibt „beim Publikum durchgefallen“ ein schlechtes Einspielergebnis, von dem auf mangelnde Zuschauerresonanz geschlossen wird.

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      • Dass der Terminus „beim Publikum durchgefallen“ ausschließlich in Bezug auf das Einspiel genutzt werden darf, ist mir neu. Sofern sich ein Film als Flop, Kassengift etc. entpuppt, wird das von mir auch in diesem Kontext erwähnt. So aber gab es Vorführungen für Presse und erstes Publikum, in denen sich eine eindeutige (auf die Qualität bezogene) Tendenz abzeichnete. Und um nichts Anderes geht’s. Wenn das missverständlich ausgedrückt ist: geschenkt. Aber zu behaupten, das Einspielergebnis hätte den Ausdruck „durchgefallen“ für sich allein gepachtet, halte ich für Quatsch.

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