Alibi.com

Eine Website stellt fremdgehenden Männern das passende Alibi aus. Was passiert, wenn dieses clevere, aber auch ganz schön geschmacklose Konzept fehlschlägt, verrät die französische Komödie ALIBI.COM mithilfe eines heiteren Gag-Reigens ohne allzu viel Sinn und Verstand. Mehr dazu erfahrt ihr in meiner Kritik.

Der Plot

Greg (Philippe Lacheau) ist Geschäftsmann und sein jüngster Coup ist die Gründung des überaus erfolgreichen Unternehmens Alibi.com: Die zumeist männlichen Kunden werden bei Bedarf mit Alibis nach Maß beliefert. Zusammen mit seinem Partner Augustin (Julien Arruti) und dem neuen Mitarbeiter Medhi (Tarek Boudali) wenden sie dabei alle Formen der Kunst an, um ihre Klienten zu decken oder ihnen aus der Patsche zu helfen. Doch dann lernt Greg die schöne Flo (Élodie Fontan) kennen – und wenn diese eins verabscheut, dann sind es lügende Männer. Selbstredend, dass Flo unter keinen Umständen den Hintergrund von Gregs Erfolg erfahren darf. Doch als Greg eines Tages Flos Eltern kennenlernt und ausgerechnet in ihrem Vater einen der treusten Kunden von Alibi.com erkennt, nimmt das Chaos seinen Lauf.

Kritik

Die Studie einer Göttinger Universität hat 2008 zutage gefördert, dass es mit der Treue in Beziehungen nur rund die Hälfte aller Personen genau nimmt – und zwar sowohl unter den Männern (49 Prozent), als auch unter den Frauen (55 Prozent). Für Menschen, die trotzdem noch an die große Liebe glauben, ist diese Statistik natürlich ein Schlag ins Gesicht und die Ausgangslage der französischen Komödie „Alibi.com“ somit ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite ist der Überraschungshit unserer hierzulande nach wie vor extrem erfolgreichen Nachbarn aufgrund seiner sympathischen Figuren und der vielen gelungenen, wenn auch reichlich albernen Gags richtig witzig. Regisseur und Hauptdarsteller Philippe Lacheau geht nach dem Murphys-Gesetz-Prinzip vor, wenn er einfach kontinuierlich jede Extremsituation noch viel schlimmer macht, als sie es ohnehin schon ist. Auf der anderen Seite schwingt aber auch gerade zum Ende hin viel Wehmut in der Erkenntnis mit, dass die Geschichte selbst zwar fiktiv ist, die Prämisse an sich aber auf der Entwicklung dahin beruht, dass es die digitale Vernetzung einem immer einfacher macht, die von einem geliebten Menschen zu hintergehen. Letzteres kommt in „Alibi.com“ leider ein wenig zu kurz, dafür liefert alles davor ziemlich amüsanten Quatsch, sofern man sich an brennenden Hunden, freiliegenden Hoden und wichsenden Muttersöhnchen (im wahrsten Sinne des Wortes!) erfreut.

Mehdi (Tarek Boudali), Augustin (Julien Arruti) und Grégory Van Huffel (Philippe Lacheau) arbeiten bei Alibi.com.

Die drei hier aufgelisteten, am ehesten in den Köpfen der Zuschauer hängen bleibenden Gags verkaufen „Alibi.com“ einerseits genau richtig und andererseits völlig unter Wert. Denn Regisseur und Co-Autor Philippe Lacheau (zusammen mit Julien Arruti und Pierre Dudan, die beide auch die wichtigsten Nebenrollen im Film übernehmen) setzt zwar auf allerlei billige und nicht selten auch ziemlich geschmacklose Gags. Doch zum Einen investiert er in die Geschichte drum herum ähnlich viel Zeit, um Anderen lässt er einen Großteil des fäkallastigen Körperhumors in erster Linie im Off stattfinden. Lacheau („Ab in den Dschungel“) weiß ganz genau, was er seinem Publikum zumuten kann und was nicht. Und wenn er sich einen Spaß daraus macht, dass sich Flos gruseliger Stiefbruder regelmäßig das Bild seiner Mutter von der Wand nimmt, um anschließend genüsslich darauf zu masturbieren, dann ist es viel lustiger, dass Lacheau dabei die Reaktionen der unter dem Bett liegenden Alibi-Agentur-Mitarbeiter einfängt, als den wichsenden Bruder selbst. So ist „Alibi.com“ in seinen albernsten Momenten zwar immer noch so derbe wie die besseren Teile der „American Pie“-Reihe, doch so explizit wie damals geht es hier nicht zu. Nicht zuletzt, weil das Drehbuch von Anfang an keinen Hehl draus macht, dass bei sämtlichen aus dem Ruder laufenden Szenerien immer noch ein Funken Realismus gewahrt werden soll.

Letzteres gelingt in erster Linie aufgrund der herausragenden Chemie innerhalb des Casts. Den Darstellern ist es zu verdanken, dass selbst die hanebüchensten Momente in einem glaubwürdigen Rahmen bleiben – nicht zuletzt, weil die Figuren die besonders kuriosen Momente immer auch genau so kommentieren, wie es der ungläubige Zuschauer tun würde. Doch nicht nur das Männertrio aus Philippe Lacheau, Julien Arruti und Tarek Boudali, für die „Alibi.com“ nach „Ab in den Dschungel“ nicht die erste Zusammenarbeit ist, agiert so natürlich, dass sich das Freundschaftsgefühl der (trotz deren fragwürdiger Idee mit der Seitensprung-Agentur) absoluten Sympathlinge direkt aufs Publikum überträgt. Auch die Nebenfiguren punkten mit einem sehr authentischen Spiel und viel Enthusiasmus. Élodie Fontan, die man ebenfalls bereits aus „Ab in den Dschungel“ kennt, präsentiert sich hier genauso zuckersüß wie tough – dass sich Greg auf den ersten Blick in die hinreißende Lady verliebt, glaubt man ihm daher sofort. Als besonders charmant erweist sich auf der Zielgeraden dann auch der Subplot um Flos Eltern. Wie die beiden einen zweiten Frühling miteinander erleben, dürfte sogar abgebrühte Zyniker rühren.

Greg mit Schwiegermutter Madame Martin (Nathalie Baye) und Freundin Flo (Élodie Fontan).

Obwohl „Alibi.com“ das Rad und die gen Ende aufgefahrene Moral, die sich natürlich doch voll und ganz für die große Liebe und gegen derartige Fremdgeh-Agenturen ausspricht, natürlich nicht neu erfindet, punkten die Macher immerhin mit einer ziemlich aufwändig erzählten Geschichte. Aus der Idee, dass Hauptfigur Greg auf der einen Seite seinen Kunden (und Schwiegervater) zufriedenstellen, während er seine sich am selben Ort befindliche Freundin möglichst auf Abstand halten muss, damit sein geheim gehaltener Job und sein Privatleben auf keinen Fall kollidieren, bietet nicht nur diverse abgedrehte Situationen, sondern entlarvt das Prinzip hinter der vermeintlich wasserdichten Alibi-Website zudem als gar nicht mal so sicher. Denn wo Menschen arbeiten, passieren Fehler – und wer denkt, dass das ausgerechnet in diesem Business anders ist, der irrt gewaltig. Obwohl die Macher den emotionalen Aspekt der Geschichte zu Gunsten der vielen Pointen arg in den Hintergrund stellen, kann dann doch ausgerechnet das Finale am meisten überzeugen. Als sich nämlich aufklärt, wie viele Beziehungen Greg und sein Team unterschwellig schon zerstört haben, beginnt man unweigerlich, darüber nachzudenken, wo Glück endet und Unglück beginnt. Dass dieser sehr tragische Gedankengang funktioniert, obwohl dem vorher 90 Minuten passionierte Blödelei vorausgingen, spricht vor allem für eines: die Liebe für die Figuren.

Fazit: Die französische Komödie „Alibi.com“ ist derbe aber nicht zu vulgär, albern aber nicht schwachsinnig und trotz der richtigen Portion Realismus auch ein wenig abgehoben. Da die Stimmung innerhalb des Ensembles glaubhaft von Sympathie und Freundschaft geprägt ist, ist es leider ein wenig schade, dass der emotionale Aspekt erst auf der Zielgeraden so richtig zum Tragen kommt.

„Alibi.com“ ist ab dem 3. August in den deutschen Kinos zu sehen.

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