The Dinner

Ein Film, fast ausschließlich in einem Restaurant spielend, bekommt man mit dem außergewöhnlichen Thrillerdrama THE DINNER geboten. Was den Film neben seines Casts außerdem so stark macht, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Für die Brüder Paul und Stan (Steve Coogan und Richard Gere) und ihre Frauen Claire und Katelyn (Laura Linney und Rebecca Hall) beginnt das Dinner mit unverbindlichem Smalltalk über Filme und Urlaubspläne. Das eigentliche Thema meiden sie geflissentlich: die Zukunft ihrer Söhne Michael und Rick. Die beiden 16-Jährigen haben nämlich ein Gewaltverbrechen begangen, das ihre Zukunftsaussichten und damit ihr Leben für immer ruinieren könnte. Noch aber sind sie nicht als Täter identifiziert worden. Michaels Vater will nur das Beste für seinen Sohn – und ist bereit, dafür weit zu gehen, sehr weit. Doch auch die anderen am Tisch haben ihre eigene, geheime Agenda. Während des Essens brechen die Emotionen auf, schwelende Konflikte zwischen den Brüdern entladen sich, und auf einmal steht eine Entscheidung im Raum, die drei der vier mit aller Macht verhindern wollen…

Kritik

Gewisse Situationen sind wie vorprogrammiert, um ganz langsam aus dem Ruder zu laufen. Entsprechend beliebt ist im Film das (Kammerspiel-)Motiv der gemeinsamen, auf einen einzigen Handlungsort beschränkten Zusammenkunft mehrerer Menschen zwecks Konfliktlösung, das jedoch üblicherweise eher ins Gegenteil mündet. Roman Polanski versuchte in „Der Gott des Gemetzels“, zwei Elternpaare zur versöhnlichen Aussprache über die Schandtaten ihrer Emporkömmlinge zu bringen – und machte alles nur viel schlimmer. Ähnlich erging es den Familien beim Abendessen in der französischen Tragikomödie „Der Vorname“, in welcher eben genau das zum Streitpunkt mutierte: die Frage danach, wie man denn den jüngsten Spross nun nennen solle, ohne mit dem Ergebnis Jemanden vor den Kopf zu stoßen (kleine Info: Adolf ist vielleicht nicht die beste Idee). Jüngst duellierten sich auch Denzel Washington und Viola Davis infolge einer folgenschweren Entscheidung seitens des Mannes im Oscar-prämierten Drama „Fences“ mit Worten; zum Handlungsort wurde dabei lediglich der Hinterhof eines US-amerikanischen Vorortes. Das Kammerspiel: Es ist und bleibt ein faszinierendes Kunstwerk, das mit wenigen visuellen Mitteln, einem begrenzen Szenenspielraum und nur einer Handvoll Darstellern das Optimum an Emotionen aus einer Szenerie heraus kitzeln kann. Regisseur Oren Moverman („The Messenger“) hat für seinen erst vierten Spielfilm nun ebenfalls eine solche Prämisse gewählt, wenn er zwei Familien an den Tisch eines Nobelrestaurants setzt und sie über ein wichtiges Thema debattieren lässt. Der Clou daran: Ist die Ausgangslage normalerweise klar definiert, lässt der auch als Autor tätige Filmemacher das eigentliche Problem hier lange Zeit im Dunkeln und rollt die Ereignisse der Vergangenheit parallel zum Tischgespräch in Rückblenden auf. Ein faszinierendes Erlebnis!

Laura (Rebecca Hall) und Claire (Laura Linney) sind sich nicht ganz grün…

Richard Gere („Best Exotic Marigold Hotel 2“), Laura Linney („Nocturnal Animals“), Steve Coogan („Nachts im Museum – Das geheimnisvolle Grabmal“), Rebecca Hall („The Gift“) – Moverman geizt nicht mit namhaften Darstellern, die „The Dinner“ mit Leben füllen dürfen. Das vornehmlich als Bühnenstück aufgeführte Drama muss aber auch mit starken Darstellern bestückt sein, denn von denen ist in dieser Geschichte am meisten abhängig. Ohne die unter ihnen entstehende Chemie ginge viel des Reizes verloren, denn die Figuren in „The Dinner“ sind zwar im Prinzip alle hassenswert, doch um nicht Gefahr zu laufen, in eine eindimensionale Antipathie abzudriften, benötigt es Schauspieler, die den Spagat zwischen offensiver Abweisung und subtiler Faszination stemmen können. Mit dem Viererensemble aus Gere, Linney, Coogan und Hall ist Ören Moverman absolut auf dem richtigen Weg. Sie alle bringen nicht bloß die notwendige schauspielerische Reife mit, sondern haben auch den genau richtigen Bekanntheitsgrad, um als kantige Persönlichkeiten zu funktionieren. Dass Hollywood-Routinier Richard Gere ausgerechnet die Rolle des Publicity-erfahrenen Politikers spielt, kompensiert da auch den Eindruck, dass der Mime für einen Film wie „The Dinner“ fast schon zu bekannt ist. So aber fügen sich alle vier in dieses darstellerische Konstrukt, das im Inneren mächtig brodelt; aufgeheizt von den Gedanken des Zuschauers, denn so lange nicht klar ist, weshalb die Figuren hier so angeregt diskutieren, bisweilen sogar richtig persönlich werden und die Stimmung mit der Zeit immer mehr ins unangenehm-ekelige zu kippen droht, hat er die Gelegenheit, sich sein eigenes Bild von dem sozialen Gefüge zu machen, das uns „The Dinner“ hier präsentiert.

Die thematische Bandbreite ist dann auch direkt ziemlich hoch: Passend zum Beruf des von Richard Gere mit einer unangenehmen Professionalität verkörperten Stan Lohman könnte es sich hier um Politik drehen. Aber auch seine Beziehung zu der wesentlich jüngeren Katelyn scheint Paul und Claire ein Dorn im Auge zu sein. Was für einen Konflikt kämpften die beiden Brüder einst, was sie bis heute so sehr gespalten hat? Und was haben Neid, Missgunst und der immer wieder durchscheinende, latente Rassenhass von Paul mit der undurchsichtigen Szenerie zu tun? Mit „The Dinner“ spielt Oren Moverman die Zuschauer-Erwartungen gegen den Zuschauer selbst aus, indem er ihm lediglich Informationsbröckchen hinwirft, die das Publikum einordnen muss. Dabei ist nicht jedes Detail von derselben Wichtigkeit. Manch erzählerische Kleinigkeit verläuft im Laufe der zwei Stunden Laufzeit auch im Sande, entpuppt sich gar als völlig falsche Fährte. Doch letztlich ist das Entdecken des „Twists“ (also der Auflösung, was die Vier an diesem Ort zusammenführte) ohnehin nur die zweite Priorität. In erster Linie ist „The Dinner“ eine bitterböse Sozialstudie, die das Abbild einer von Materiellem, Prestige und Image getriebenen Gesellschaft nachzeichnet und dabei in Wunden bohrt, die Andere sich gar nicht erst zu öffnen trauen. Insofern ist „The Dinner“ auch gar nicht unbedingt am wenigsten verdaulich, wenn es auf der Leinwand offensiv brutal zugeht (viel mehr wollen wir aus Spoilergründen hier zwar nicht ins Detail gehen, doch uns sei der Kommentar gestattet, dass der Zuschauer hier einen in seiner Beiläufigkeit zelebrierten Nihilismus präsentiert bekommt, der zart besaitete Zuschauer so richtig tief in die Magengegend treffen wird), sondern vor allem dann, wenn die von Kalkül und Erfolg getriebenen Erwachsenen über die Welt philosophieren.

Was ist in der Vergangenheit der beiden Brüder Paul (Steve Coogan) und Stan (Richard Gere) vorgefallen?

Nur zu gern würden wir nun verraten, was es mit „The Dinner“ tatsächlich auf sich hat, doch zum Einen trägt das sukzessive Entdecken der Diskussionsgrundlage ohne Vorwissen dazu bei, dass man das Geschehen auch selbst aus unterschiedlichen Positionen bewerten kann. Zum Anderen macht es tatsächlich richtig Spaß, mitzurätseln und zu erahnen, wie banal (oder eben nicht banal) die ganze Problematik nun wirklich ist. So ist es dann auch durchaus möglich, dass „The Dinner“ beim zweiten Betrachten noch einmal besser funktioniert, denn in seiner betont detaillierten, langsamen Erzählung wirkt manch gesprochener Monolog durchaus überflüssig, sofern einem (noch) die Einordnung fehlt. Trotzdem lässt Moverman sein Publikum nie zu lange auf dem informativen Trockenen sitzen – mit seinem regelmäßigen Wechsel aus Situationsbeobachtung und den fiebrigen Rückblenden bringt er dennoch einen flüssigen Drive in seinen Film. Doch obwohl sich Kameramann Bobby Bukowski gerade zu Beginn noch liebend gern an der berauschenden Künstlichkeit der diverse-Gänge-Menü-Speisen ergötzt (allein das aller erste Bild ist eines für die Götter!), bleibt „The Dinner“ bis zuletzt seinem unspektakulären Theaterstil treu. Das ist gut, denn so konzentriert sich direkt alles auf das Wesentliche, doch es fehlen hier und da die prägenden Einzelmomente, um das Publikum gezielt zur Aufmerksamkeit zu zwingen. Trotzdem bleibt „The Dinner“ bis zuletzt eine einmalige Filmerfahrung, die in ihrer Balance aus garstigem Drama und kühnem Thriller viel zu viel richtig macht, um sie nicht im Kino zu sehen.

Fazit: Das stark gespielte Thriller-Drama „The Dinner“ macht optisch vielleicht nicht allzu viel her, doch mit seiner geschickten Erzählstruktur gelingt es Oren Moverman, eine radikale Tragödie freizulegen, die den Zuschauer dort packt, wo es wehtut: der Frage nach Pietät und Anstand.

„The Dinner“ ist ab dem 8. Juni in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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