Wenn Du stirbst, zieht Dein ganzes Leben an Dir vorbei, sagen sie

Das Buch war ein Bestseller, nun findet das Teeniedrama mit dem außergewöhnlichen Titel WENN DU STIRBST, ZIEHT DEIN GANZES LEBEN AN DIR VORBEI, SAGEN SIE den Weg auf die Leinwand. Wie der Film zum Roman geworden ist, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Sam (Zoey Deutch) und ihre besten Freundinnen glauben, alles richtig gemacht zu haben: Sie gehören zu den beliebtesten Mädchen der Highschool, haben mit den coolsten Typen rumgeknutscht und die wildesten Partys gefeiert. Die vier Freundinnen haben die Schule fest im Griff und sehen sehr gut dabei aus. Als It-Girl-Clique machen sie aber auch Außenseitern gern mal das Leben zur Hölle. Doch plötzlich wird irgendwo ein Hebel umgelegt und die Regeln der perfekten Highschool-Welt ändern sich. Nach einer ausgelassenen Party stirbt Sam bei einem Autounfall – doch als wäre nichts gewesen, wacht sie am Morgen desselben Tages quicklebendig in ihrem Bett auf. Was wie eine neue Chance wirkt, entwickelt sich schnell zu einem Albtraum: Sam erlebt die letzten 24 Stunden vor dem Unfall immer und immer wieder – und setzt alles daran, diesen Teufelskreis endlich zu durchbrechen.

Kritik

Seit die Jugendbuchverfilmung „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ vor drei Jahren zu einem weltweiten Überraschungserfolg avancierte (1,2 Millionen Besucher allein in Deutschland), liefert die Industrie regelmäßigen Nachschub. Schwer ist das nicht, denn der Markt an Young-Adult-Dramen ist riesig. Und damit leider auch die Spannbreite inszenatorischer Qualität. Chloe Grace Moretz tat sich mit ihrem Mitwirken an der allzu plakativen Schmonzette „Wenn ich bleibe“ keinen Gefallen, während der charmante „Ein ganzes halbes Jahr“ Publikum wie Kritiker verzückte, oder „Margos Spuren“ für Cara Delevingne den schauspielerischen Durchbruch bedeutete. Unter dem Titel „Before I Fall“ wurde die hierzulande mit dem wesentlich einprägsameren Titel „Wenn Du stirbst, zieht Dein ganzes Leben an Dir vorbei, sagen sie“  versehene Zeitschleifen-Geschichte vor sieben Jahren zum großen Erfolg für ihre Autorin Lauren Oliver. Der gleichnamige Film von Ry Russo-Young („Versuchung – Kannst du widerstehen?“) schaffte es in den USA dagegen nur mit Ach und Krach, all seine Kosten wieder einzuspielen. Schade eigentlich, denn hat das Teeniedrama mit Fantasytouch seine Startschwierigkeiten erst einmal hinter sich gelassen, erweist sich „Wenn Du stirbst,…“ als nicht gerade subtile, aber doch äußerst feinfühlig erzählte und konzipierte Geschichte über Außenseiter und Mobbing in einer Welt, in der das eigene Image alles ist.

Sam (Zoey Deutch) in ihre Freundinnen gehören zu den angesagtesten Mädels ihres Jahrgangs.

Da sich die Botschaft bei den meisten Zeitschleife-Filmen wiederholt, kommt es umso stärker darauf an, dieser immerhin neue Sichtweisen und Facetten abzugewinnen. An Aktualität und Amüsement hat das Thema jedenfalls nicht eingebüßt; im Gegenteil. Immer mehr Regisseure verlagern den übernatürlichen Vorgang vom Immer-Wieder-Erleben desselben Tages in neue Genregefilde. Doug Liman etwa, der mit „Edge of Tomorrow“ einen verdammt spaßigen Science-Fiction-Actioner kreierte, oder Pepe Danquart, dessen Romanadaption „Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner“ ins Segment der leichtfüßigen Romantic Comedy einzuordnen ist. „Wenn Du stirbst, zieht Dein ganzes Leben an Dir vorbei, sagen sie“ erscheint nun zu einem Zeitpunkt, der besser kaum gewählt sein könnte; springt er doch auf einen Zug auf, der gerade erst von der viel diskutierten Jugendserie „Tote Mädchen lügen nicht“ angetrieben wurde. „Wenn du stirbst,…“ befasst sich ebenfalls ausgiebig mit den Themen Mobbing und Ausgrenzung und lässt dabei die fatalen Konsequenzen für sich sprechen. Drehbuchautorin Maria Maggenti (schreibt auch das Skript zum angekündigten „Dirty Dancing“-Remake) kreiert ein mannigfaltiges Konstrukt verschiedener Archetypen, die sich an einer US-amerikanischen High School wiederfinden und nimmt dieses zum Anlass, anhand einer Zeitschleife für ein Hinterfragen der Klischees und Rollenbilder zu sorgen. Dies geschieht nicht, ohne dabei selbst in die Klischeefalle zu tappen. Ein Großteil der hier agierenden Charaktere lässt sich ziemlich deutlich in eine Schublade stecken, die schon für viele andere High-School-Filme geöffnet wurde. Von der Diva über das Sport-Ass bis hin zur ungepflegten Außenseiterin findet man hier früher oder später jeden Figurentypus wieder, den man von einem solchen Film erwartet. So kommt es, dass die Stärken von „Wenn Du stirbst,…“ eher an anderer Stelle zu finden sind.

Zu Beginn führt der Film sein Publikum noch ziemlich kräftig an der Nase herum. Dann nämlich, wenn Nicht-Kenner der Vorlage das auf Sam und ihre Clique fokussierte Geschehen für selbstverständlich hinzunehmen haben. „Wenn Du stirbst, zieht Dein ganzes Leben an Dir vorbei, sagen sie“ begibt sich an die Seite der vier Protagonistinnen und nimmt deren selbstverliebte, auf Andere herab blickende Sichtweise ein, ohne sie zunächst zu hinterfragen. Wir erleben 24 Stunden im Leben der angesagtesten Mädelsclique der Schule – ihr Außenseitern gegenüber mitunter absolut asoziales Verhalten muss der Zuschauer als gegeben akzeptieren. Erst mit dem tödlichen Unfall und dem Einsetzen der eigentlichen Zeitschleifenthematik wendet sich das Blatt und „Wenn Du stirbst,…“ zeigt auf, wie Sam ihr Verhalten der letzten Jahre zu hinterfragen beginnt. Doch wo die Erleichterung über das Bewusstmachen des moralisch fragwürdigen Verhaltens der Mädchen gerade erst eingetreten ist, offenbart sich direkt die nächste böse Vorahnung. Als Sam in den nächsten Tagen konsequent im Sinne ihres Umfeldes handelt und dabei sich und ihre eigenen Bedürfnisse erst hintenanstellt und dann sogar ganz vernachlässigt, kündigt der Film an, auf die platt-plakative Message hinauszulaufen, man müsse es im Leben einfach nur allen Recht machen, um drohendem Unheil zu entgehen. Doch auch dieser Weg ist für die Macher bloß einer von vielen, ihre Protagonisten zu dem zu führen, worum es eigentlich geht: ein Bewusstmachen für ein friedliches Miteinander. Die zu Beginn noch am Reißbrett entworfenen Nebencharaktere erhalten nach und nach ein angemessenes Profil, verdichten sich so zu einem stimmigen Umfeld und verhelfen „Wenn Du stirbst,…“ dazu, den Mikrokosmos High-School nach und nach zu entschlüsseln. Allzu neue Erkenntnisse findet Ry Russo-Young darin zwar nicht, doch gerade für die anvisierte Zielgruppe zwischen zwölf und sechzehn Jahren hält der Film einige Ansätze bereit, die weiterzudenken sicher nicht verkehrt ist.

Ob es Sam gelingen kann, sich aus der Zeitschleife zu befreien?

Mit dem Verzicht auf eine Begründung für die Zeitschleife sowie der mehrfachen Berücksichtigung des viel zitierten Schmetterlingseffekts, einhergehend mit der sehr düsteren, visuellen Aufmachung (Kameraarbeit: Michael Fimognari, „Before I Wake“),  lässt sich „Wenn Du stirbst, zieht Dein ganzes Leben an Dir vorbei, sagen sie“ als jugendliches Pendant zum Ashton-Kutcher-Hit „Butterfly Effect“ beschreiben. Die Macher dieses Vertreters spielen ebenfalls diverse Szenarien durch, zeigen auf, dass schon kleinste Abweichungen den Lauf der Dinge beeinflussen und betrachten dabei vor allem die Auswirkungen auf die Figuren. Lediglich die Zeit darf in „Wenn Du stirbst,…“ nicht voranschreiten. Trotz der somit beschränkten Umstände holt Russo-Young viel aus den Gegebenheiten heraus und nutzt mal raffe Bildmontagen, ein anderes Mal wiederum die ausgiebige Inszenierung eines ganzen Tages, um Fortschritte ihrer seelisch reifenden Protagonistin zu betonen. Zoey Deutch („Why Him?“) spielt in der Rolle der Sam durch und durch engagiert auf und schafft es, die emotionale Extremsituation glaubhaft an den Zuschauer heranzutragen. Ihr Charakterwandel geschieht subtil und glaubhaft, ihre Kolleginnen Halston Sage („Scouts vs. Zombies“), Cynthy Wu („Kong: Skull island“) und Medalion Rahimi („XOXO“) wirken dagegen weitaus grobmotorischer. Auch Elena Kampouris („My Big Fat Greek Wedding 2“) kann aus ihrer Figur der unbeliebten Außenseiterin Juliet nicht viel mehr herausholen, als den klassischen Opferstatus. Trotzdem gelingt es den Darstellerinnen im Zusammenspiel, einander mitzuziehen und eine glaubwürdige Chemie untereinander zu erzeugen.

Fazit: „Wenn Du stirbst, zieht Dein ganzes Leben an Dir vorbei, sagen sie“ läuft mehrmals Gefahr, erzählerisch in eine vollkommen falsche Richtung abzudriften, doch am Ende erweist sich das Teeniedrama als grundsolides, perfekt auf die Zielgruppe abgestimmtes Plädoyer gegen Mobbing und für mehr Toleranz, das mit einem sehr konsequenten Ende nachhaltig verstört.

„Wenn Du stirbst, zieht Dein ganzes Leben an Dir vorbei, sagen sie“ ist ab dem 1. Juni in den deutschen Kinos zu sehen.

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