Die irre Heldentour des Billy Lynn

Nach seinem vielfach Oscar-nominierten Abenteuerdrama „Life of Pi“ widmet sich der Taiwaner Ang Lee in DIE IRRE HELDENTOUR DES BILLY LYNN nun wieder der US-amerikanischen Realität und zeigt uns dabei auf, wie verzerrt diese von manch einem wahrgenommen wird. Mehr dazu in meiner Kritik.Die irre Heldentour des Billy Lynn

Der Plot

Nach einem schrecklichen Gefecht im Irakkrieg werden der 19-jährige Soldat Billy Lynn (Joe Alwyn) und seine Kameraden als Helden gefeiert und auf eine landesweite Siegestour durch die USA geschickt. Doch nach und nach geraten die wahren Geschehnisse am Golf ans Licht und die Enthüllung findet ihren Höhepunkt während der spektakulären Halbzeit-Show eines Football-Spiels an Thanksgiving. Die amerikanische Feier-Euphorie ist meilenweit von der Realität des Krieges entfernt…

Kritik

In der Vita Ang Lees halten sich realitätsfremde und bodenständige Werke ziemlich konsequent die Waage. Auf die Comicverfilmung „Hulk“ folgt das preisgekrönte Schwulendrama „Brokeback Mountain“, hierauf wiederum das zwar auf wahren Ereignissen basierende, aber doch mit einigen Fantasyelementen angereicherte Survival-Abenteuer „Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger“ und darüber hinaus zeichnete Lee für Filme wie „Tiger and Dragon“, „Ride with the Devil“ aber auch „Sinn und Sinnlichkeit“ verantwortlich. Der Regisseur mit taiwanesischen Wurzeln scheint sich in so ziemlich jeder Filmgattung zuhause zu fühlen, was er in seinem neuesten Projekt „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ einmal mehr unter Beweis stellt. Die Geschichte selbst ist fest in der Realität verankert. Trotzdem zeichnet der Regisseur auf Basis des gleichnamigen Romans von Ben Fountain das Bild eines den schönen Schein nach Außen wahrenden Amerikas, das erst recht nach der Vereidigung eines Donald Trump zum Präsidenten umso zynischer erscheint. Drehbuchautor und Debütant Jean-Christophe Castelli kreiert einen Mikrokosmos aus abnormer Heldenverehrung, den er mit Rückblenden zu den wahren Ereignissen anreichert und so in eine Kerbe der Moderne schlägt: Wir alle feiern, was nach Außen ein gutes Bild abgibt, ganz ohne das Dahinter zu hinterfragen. Letztlich ist Billy Lynn trotz unverkennbarer Heldentaten eben doch nicht mehr als ein in Kauf genommenes Bauernopfer des Krieges.

Test

Billy und seine Kameraden wohnen einer von vielen Siegesparaden bei.

Das Verrückte an „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ ist in erster Linie ein beklemmendes Gefühl der Entrücktheit. Je mehr sich Ang Lee die Mühe macht, zwischen Gegenwart, Flashbacks und gelegentlichen Einblendungen von Visionen zu trennen, desto stärker stellt sich beim Zuschauer der Eindruck ein, dass in der hier dargebotenen Welt ohnehin alles zu einem großen Ganzen verschmilzt. Dazu trägt auch die technische Umsetzung bei: Wenngleich es aufgrund der vermutlich recht übersichtlichen Kopienanzahl hierzulande wohl kaum die Möglichkeit geben wird, „Billy Lynn“ in seiner ganzen Pracht zu bewundern, so hat das Drama zweifelsohne Vorzüge, die an dieser Stelle erwähnt werden müssen: Ang Lee hat seinen Film nicht bloß in 4K und 120 Bildern pro Minute gedreht (was einer fünfmal höheren Ultrahochauflösung entspricht, als es bei Kinofilmen eigentlich üblich ist), sondern auch in 3D. „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ ist also ein Rausch für die Sinne, womit sich zugleich auch die Frage nach dem „Warum?“ beantwortet. Letztlich ist das, was der Titelheld und seine Kameraden auf ihrer Siegestour erleben, nicht mehr und nicht weniger als ein anhaltender Rausch, in dem die Realität keinen Platz hat. Selbst als Zuschauer ertappt man sich irgendwann dabei, den Rückblenden zu Billys Kriegszeiten, seiner Heimkehr nach Hause und den wenigen Dialogen mit seiner besorgten Schwester Kathryn (Kristen Stewart) automatisch weniger Aufmerksamkeit zu schenken, als dem schönen Schein der unzähligen Stationen auf Billys vermeintlichem Siegeszug. Es ist nun mal viel angenehmer, daran teilzuhaben, wie der Ruhm der Jungs gefeiert wird, anstatt zu erkennen, dass der Ruhm eigentlich gar keiner ist.

Auch wenn Ang Lee in seiner Inszenierung zu fahrig darin ist, sich für eine ironische, oder aber für eine durchgehend ernste Erzählweise zu entscheiden (Szenen wie jene, als Billy sich während einer Pressekonferenz seine Kameraden in manch einer prekären Situation vorstellt, wirken zu plakativ, um sich vollständig in die Szenerie einzufügen), findet er im Großen und Ganzen gute Kontraste, mit deren Hilfe sich dramatische Fallhöhen entwickeln. Wann immer die erschreckend konsequente Euphorie der den Veranstaltungen beiwohnender US-Amerikaner ihren morbiden Höhepunkt erreicht, springt die Geschichte in die Vergangenheit und zeigt dem Zuschauer auf, wie es damals wirklich war. Bei „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ erweist sich das Medium Film als besonders dankbar. Lee versteht es perfekt, im genau richtigen Moment von einem Schauplatz vom nächsten zu springen, die Erwartungen des Publikums zu erahnen und sie anschließend zu unterwandern. Sein Kriegsdrama wird zum feinen Wechselspiel aus Satire und der Erklärung, weshalb all dieser Zirkus aus einer eigentlich löblichen Idee erst eine solche macht. In der Theorie dessen verweilt „Billy Lynn“ dabei nicht. Ang Lee zeigt nicht mit dem Zeigefinger auf einzelne Konfliktherde, sondern lässt seine Zuschauer die Erkenntnisse selbst gewinnen. Bis auf einige Ausnahmen in den Flashbacks bleiben die Dialoge stets glaubwürdig und erwecken den Eindruck, aus dem Leben gegriffen zu sein. Bei einem Film wie diesem wäre es unter weniger fähiger Regie durchaus möglich gewesen, der Einfachheit halber auch auf den moralischen Holzhammer zurückzugreifen. So aber verurteilt Lee das gelegentliche Staunen ob des Bombasts nicht. Im Gegenteil. Erst durch die leichte Verführbarkeit des Zuschauers sowie die Erkenntnisse, wie es an der Front tatsächlich war, ergibt sich auf lange Sicht die beklemmende Erkenntnis, wie viel Idiotie hinter all dem Pomp steckt.

ZText

In „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ spielt Vin Diesel den Mentor der Hauptfigur – und scheitert.

„Die irre Heldentour des Billy Lynn“ ist ein optisch großer und hin und wieder überladender Film, der inhaltlich trotzdem ganz nah an seiner Hauptfigur bleibt. Newcomer Joe Alwyn, der – man glaubt es kaum – hier sein Debüt auf der großen Leinwand feiert, gibt einen absolut glaubwürdigen, mit der Situation sukzessive immer mehr überforderten Kriegsveteran ab, dem die Unsicherheit ins Gesicht geschrieben steht. Manch einer möchte vielleicht zynisch anführen, dass sich darin nur widerspiegelt, wie überfordert Alwyn mit seinem Job als Protagonist ist. Doch selbst wenn dem so wäre, ist die Performance für diesen Film und diese Rolle ideal. Auch von namhaften Schauspielern wie Steve Martin („Wenn Liebe so einfach wäre“), der hier einmal mehr überzeugenden Kristen Stewart („Personal Shopper“) oder Vin Diesel („xXx: Die Rückkehr des Xander Cage“) lässt sich Alwyn nicht einschüchtern – den letztgenannten Kandidaten überragt er gar um Längen. Die Idee, den sich selbst nur zu gern als Obermacho inszenierenden Actionhelden hier als liebevollen Mentor zu besetzen, erweist sich als nahezu lachhafte Fehlentscheidung. Sein Image des Supermackers abzustreifen, gelingt dem Schauspieler nämlich nicht. Stattdessen wirkt der „Fast & Furious“-Held vollkommen fehl am Platz und scheint in seiner hervorstechenden Attitüde wie in einem anderen Film gefangen. So sind es zwar nur wenige Szenen, denen Diesel mit seiner Performance große Teile an Glaubwürdigkeit raubt, doch da er diese auch noch mit Joe Alwyn bestreitet, ist das gegenüber dem Newcomer ziemlich unfair. Wie gut, dass es Diesels Figur aufgrund der inhaltlichen Verwicklungen ohnehin nicht aus den Flashbacks heraus schafft.

Fazit: „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ punktet mit virtuosen Bildern und einer vielschichten Geschichte über den Sinn und Unsinn von Heroisierung. Abstriche macht er dafür bei manch einem Besetzungscoup und einer recht holprigen Erzählweise, bei der sich Tonfälle beißen und manch ein Handlungsstrang kein zufriedenstellendes Ende findet.

„Die irre Heldentour des Billy Lynn“ ist ab dem 2. Februar in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen – auch in 3D!

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