Salt and Fire

Um das Bedienen gängiger Sehgewohnheiten hat sich Regielegende Werner Herzog noch nie geschert. In seinem neuesten Film SALT AND FIRE ist das bewusste Loslösen von Konventionen aber nicht mehr als künstlerischer Schachzug zu erkennen, sondern einfach nur noch öde, anstrengend und stellenweise regelrecht blamabel. Mehr dazu in meiner Kritik.Salt and Fire

Der Plot

Bolivien, ein menschenleerer Flughafen. Eigentlich hätte die im Auftrag der Vereinten Nationen reisende, von der renommierten Professorin Laura Sommerfeld (Veronica Ferres) geleitete Wissenschaftlerdelegation vom Minister für Kultur und Umwelt empfangen werden sollen – zu wichtig ist ihre Mission, eine drohende Umweltkatastrophe zu analysieren: Im Landesinneren breitet sich der Salzsee „Diablo Blanco“ immer weiter aus. Doch außer ein paar mysteriösen Wachen erscheint Niemand, auch das Gepäck ist nicht angekommen. Bereits auf dem Flug nach Bolivien zeigt Prof. Sommerfeld ihre Besorgnis – verantwortlich für das ökologische Desaster scheinen dunkle Machenschaften eines weltweit operierenden Konzerns zu sein, während ihr lebensfroher, poetisch angehauchter Kollege Dr. Cavani (Gael Garcia Bernal) den Verführer gibt und der eher nüchterne Dr. Meier (Volker Michalowski) sich den Auswertungen seiner bereits vorliegenden Fakten widmet. Nach langer Wartezeit erscheint doch noch ein Abholungskommitee, in Form eines angeblichen „Vertreters“: Doch dieser hat einen ganz anderen Auftrag. Er entführt Laura Sommerfeld sowie ihre Gefolgschaft und bringt sie an einen abgelegenen Ort, wo der unheimliche Matt Riley (Michael Shannon) schon auf sie wartet. Ihre Reise ist hier noch nicht zuende…

Kritik

Wenn Regielegende Werner Herzog („Königin der Wüste“) seinen neuen Film als „Tagtraum“ beschreibt, „der den Regeln des Kinos nicht folgt“, dann weiß man als Herzog-kundiger Zuschauer bereits vorab, dass „Salt and Fire“ vermutlich kein einfach so konsumierbares Vergnügen wird. Der zuletzt immer häufiger im Dokumentarkino anzutreffende Filmemacher hat sich nämlich noch nie um ebenjene Regeln geschert; dass er hier sogar explizit noch einmal darauf hinweist, deutet also darauf hin, dass es diesmal erst so richtig abgedreht werden dürfte. Tatsächlich stellte sich uns schon während der Sichtung des international produzierten und multilingual inszenierten Umweltthrillers die Frage, wer zum Teufel denn so träumen soll? Einen „Tagtraum“ vermögen wir in „Salt and Fire“ nämlich beim besten Willen nicht zu erkennen; wenngleich Herzog zumindest seiner Linie treu bleibt, einen Film vollkommen frei jedweder Konvention zu drehen, der an so simplen Dingen wie einer nachvollziehbaren Dramaturgie, Chronologie, geschweige denn Handlung zu keinem Zeitpunkt interessiert ist. Auf irgendeiner Ebene soll all das vermutlich Kunst sein, doch noch nie in der Herzog’schen Vita hatte man so sehr den Eindruck, der Regisseur wolle sich mit seinem Film ausschließlich an ein verkopft denkendes Intellektuellen-Publikum richten. Kurzum: Als sich auf „Salt and Fire“ wie auf jeden anderen Film einlassender Kinozuschauer setzt sich schon sehr bald der Eindruck fest, Herzog könne sein neuestes Projekt doch nicht wirklich ernst meinen. Leider doch – und vermutlich ist genau das das größte Problem.

Salt and Fire

Am Flughafen angekommen, erkennt das Team aus Wissenschaftlern, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht…

Das im Presseheft zu „Salt and Fire“ abgedruckte Interview mit Werner Herzog strotzt nur so vor Selbstbewusstsein. Doch spätestens bei den Aussagen über Hauptdarstellerin Veronica Ferres („Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück“) wird man stutzig, wenn man die eineinhalb Stunden Filmhölle bereits über sich hat ergehen lassen. Dass der Regisseur sie als Deutschlands „einzigen weiblichen Star“ beschreibt, lassen wir an dieser Stelle einfach mal unkommentiert. Regelrecht irritierend wirkt dagegen die im Kontext einfach nur dreist wirkende (Falsch-)Aussage, die blonde Schauspielerin wäre „nie besser gewesen, als in diesem Film“. Eigentlich muss Ferres Niemandem mehr beweisen, dass sie in den richtigen Rollen tatsächlich grandios performen kann, doch ihre Darstellung der Wissenschaftlerin Laura Sommerfeld chargiert konsequent zwischen hanebüchenem Laientheater-Over-, und vollkommen teilnahmslosen Underacting. Nähe zu ihrer durch und durch unnahbaren, stets desinteressiert dreinblickenden Figur aufzubauen, ist schier unmöglich. Dasselbe gilt auch für all die anderen Darsteller. Michael Shannon („Midnight Special“) gefällt noch am ehesten als esoterisch angehauchter, schwer zu durchschauender Beinahe-Schurke, während Volker Michalowski („Grand Budapest Hotel“) und der vorab groß angekündigte, aber in einer Mini-Rolle verschenkte Gael Garcia Bernal („Mozart in the Jungle“) schon aufgrund ihrer Anwesenheit für Verwirrung sorgen (ehe sich das Skript auf skurrilste Weise beider entledigt). Michalowski funktioniert allenfalls als stichwortgebende Staffage, während Garcia Bernal das wohl mieseste Los unter den Darstellern gezogen hat: Ohne einen Zusammenhang zur eigentlichen Handlung herzustellen, macht das Skript (ebenfalls Werner Herzog) aus ihm einen grapschenden Frauenhelden, der in den ersten Filmminuten sämtliche Antipathien auf sich zieht, was jedoch spätestens nach der Landung zu keinem Zeitpunkt mehr thematisiert wird; Und die permanenten Wechsel zwischen Englisch, Deutsch und Spanisch sollen vermutlich für Authentizität sorgen, geschehen allerdings derart willkürlich, dass auch hier der künstlerische Selbstzweck nahe liegt. Die Figuren können darunter nur leiden.

„Salt and Fire“ basiert lose auf der Kurzgeschichte „Aral“ von Autor Tom Bissell. Übrig geblieben ist allerdings nur die Ausgangslage rund um die drei entführten Wissenschaftler. Aus logistischen Gründen wurde die Handlung vom Aralsee in Kasachstan nach Bolivien verlegt – in erster Linie, weil es ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre, tatsächlich an Originalschauplätzen zu drehen. Die von Kameramann Peter Zeitlinger, mit dem Herzog zuletzt auch schon in „Königin der Wüste“ zusammen arbeitete, eingefangenen Bilder der bolivianischen Salzwüste sind dann auch der einzige Grund, weshalb es sich irgendwie rechtfertigen ließe, tatsächlich ein Kinoticket für „Salt and Fire“ zu lösen. Der dokumentarische Stil, den die Macher während der eigentlichen Handlung fahren, lässt den Film über weite Strecken nämlich äußerst billig und dilettantisch aussehen. Herzog scheint seinen in diversen anderen Produktionen bereits bewiesenen Blick für ansprechende Bildaufteilung, die korrekte Ausleuchtung und – ganz wichtig – Stil vollständig verloren zu haben. Visuell lässt sich „Salt and Fire“ im besten Falle dem Sektor „Amateurwerk“ zuordnen und die Grandezza des Herzog’schen Kinos ist einer überheblichen Arroganz gewichen, bei der alles vom Mainstream Abweichende mit Radikalität und Mut gleich gesetzt wird. Dabei ist es jedoch nicht bloß das Entertainment, das gnadenlos auf der Strecke bleibt.

Der Grund für die Entführung ist eine der dümmsten Filmideen der Kinogeschichte...

Der Grund für die Entführung ist eine der dümmsten Filmideen der Kinogeschichte…

Unterschiedliche Genres aufeinander prallen und sie sich untereinander ergänzen zu lassen, ist zwar immer eine Herausforderung, sorgt allerdings auch für das größtmögliche Maß an emotionaler und inszenatorischer Vielfalt. Bei „Salt and Fire“ scheitert Werner Herzog indes grandios daran, einen kühnen Entführungsthriller mit einem Umweltdrama zu kombinieren und dieses obendrein auch noch mit übernatürlich-mystischen Elementen anzureichern. Wenngleich das Tempo des Films fast schon einem Rückwärtsgang gleicht (viel zu oft wird das, was Herzog Handlung nennt, von minutenlangem Geschwafel ausgebremst), gleicht der Inhalt des Films einem undefinierbaren Kuddelmuddel, dem man trotz des hier dargebrachten Schneckentempos kaum folgen kann. Erst geht es um die Entführung an sich, dann um die Zeit in Gefangenschaft, um Isolation, um Umweltschutz und ganz zuletzt passiert dann auch endlich das, womit der Film eigentlich beworben wird. Was dahinter steckt, Laura Sommerfeld mit zwei blinden Kindern (und einem iPad, das eine Akku-Laufzeit für mehr als sieben Tage hat!) in der Salzwüste auszusetzen, wollen wir trotz aller Idiotie an dieser Stelle zwar nicht verraten, doch spätestens, wenn dann irgendwann sogar noch von Aliens die Rede ist, bringt Herzog auch den letzten Geduldsphasen zum Reißen. In einer Szene philosophiert Shannons Matt Riley über ein Kunstwerk, das je nach Standort seine Form verändert. Als plumper Wink mit dem Zaunpfahl, dass das auch bei „Salt and Fire“ der Fall ist, lassen wir das gern durchgehen. Doch letztlich bietet einem der Regisseur derart wenig, dass man seinen Standort gar nicht wirklich ändern will, um zu kapieren, was Herzog eigentlich aussagen möchte. Wenn sich sein Film nur irgendwelchen abgehobenen Kunstfilm-Fetischisten erschließen soll, dann ist es eben so…

Fazit: Jetzt dreht er durch! Wenn Werner Herzog im Presseheft davon spricht, Veronica Ferres sei nie besser gewesen als in „Salt and Fire“, dann genügt diese Aussage, um den dem Film innewohnenden Größenwahn perfekt zu beschreiben. Nur weil „Herzog“ drüber steht, ist all das nämlich nicht plötzlich von Qualität – im Gegenteil. Der sterbenslangweilige, hundsmiserabel inszenierte Thriller ist vor allem in einer Sache grandios: darin, im vollen Umfang auf wirklich jeder Ebene zu scheitern.

„Salt and Fire“ ist ab dem 8. Dezember in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

2 Kommentare

  • Bei den Stellen, wo von einem „verkopft denkenden Intellektuellen-Publikum“ die Rede ist (und ich kurz dachte, ob das in dieser dreifachen Stapelung wohl das Gegenteil von einem „emotionalen Gefühlsmenschen“ sein soll) und von „irgendwelchen abgehobenen Kunstfilm-Fetischisten“, musste ich kurz an eine Stelle denken, die ich mal in einem Text über faire Filmkritik gelesen habe:

    „Wie soll man jedoch Respekt für den Film, die Filmkunst und das Kino selbst aufbringen, wenn schon kleinste Ansprüche an den Kritiker dafür sorgen, dass dieser nicht bloß seine guten Manieren vergisst, sondern sich wie selbstverständlich über die Arbeit solcher Menschen erhebt, die er selbst nicht besser machen könnte? Führen wir uns doch nur einmal vor Augen, was wir als die sogenannten „Experten“ Tag für Tag machen: Wir bewerten etwas, was wir selbst nicht können. Eigentlich ist diese Tatsache eine solche, die uns in jedem anderen Beruf sofort disqualifizieren würde. Trotzdem ist kein anderer Berufsstand so unfähig darin, mit Kritik umzugehen, wie derjenige, der sein Geld damit verdient, andere zu kritisieren.“

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    • Wenn ein Regisseur einen Film inszeniert, der in seiner Gesamtheit zu keinem Moment erkennen lässt, was genau der Gedanke hinter dem Werk ist, dann muss ich als Betrachter, der den Regisseur ernst nimmt (ich gehe schließlich davon aus, dass Werner Herzog sich schon irgendwas dabei gedacht hat, als er den Film inszeniert hat und nicht mit dem Hintergedanken an die Arbeit herangegangen ist, mit Absicht etwas Schlechtes zu drehen), davon ausgehen, dass sich sein Film nur einem winzigen Teil des Publikums erschließen soll. Davon auszugehen, dass das dann wohl in erster Linie jene Zuschauer sind, die A einen besonders starken Zugang zu derart experimenteller Filmkunst besitzen (die sogenannten „Kunstfilm-Fetischisten“) oder B auf irgendeine Art und Weise jenen Intellekt aufbringen können, um das von Herzog inszenierte Wirrwarr zu ENTwirren, würdigt Niemanden herab, sondern versucht in letzter Instanz irgendwie noch zu erkennen, weshalb sich der eine oder andere vielleicht doch in den Film verirren könnte. Im Großen und Ganzen kann ich aber nicht gut reden, was einfach nicht gut ist; „Salt and Fire“ Qualitäten anzudichten, die er nicht hat, liegt mir daher fern.

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