LenaLove

Florian Gaags erster Film nach seinem Debüt vor zehn Jahren thematisiert den sozialen Trend zum Cybermobbing. Das Psychodrama LENALOVE veranschaulicht diese Problematik nicht nur. Sogartig zieht es den Zuschauer immer weiter hinein in einen Strudel aus Neid, Missgunst und technischer Manipulation. Was die Geschichte so stark macht, verrate ich in meiner Kritik.LenaLove

Der Plot

Lena (Emilia Schüle), 16, kreativ und hochsensibel, fühlt sich in der Vorortsiedlung, in der sie lebt, zunehmend ausgegrenzt und unverstanden. Im begabten Künstler Tim (Jannik Schümann) findet sie einen Seelenverwandten. Ein erster Flirt bahnt sich an, der aber jäh endet, als sich Lenas ehemals beste Freundin Nicole (Kyra Sophia Kahre) an Tim heranmacht. Tief enttäuscht schüttet Lena ihrem neuen Chat-Freund Noah ihr Herz aus. Noch ahnt die Schülerin nicht, wer sich tatsächlich hinter diesem Account verbirgt. Ein hinterhältiges Spiel nimmt seinen Lauf, das die makellose Fassade des Vorstadt-Idylls allmählich zum Einsturz bringt. Bei einem nächtlichen Date mit Noah gerät das „Spiel“ außer Kontrolle. Danach wird für Lena und alle Beteiligten nichts mehr so sein, wie es einmal war.

Kritik

Je länger die tägliche Durchschnittsdauer unser aller Internetaktivitäten, desto intensiver setzt sich auch die Popkultur mit dieser Thematik auseinander. Im Genrekino hat sich mit „Unknown User“, „Unfriend“ und demnächst wohl auch „Rings“ bereits ein Trend in Richtung Cyber-Horror entwickelt. Aktuell schlägt sich die Romanverfilmung „Nerve“ über ein aus dem Ruder laufendes Online-Game ganz hervorragend an den deutschen Kinokassen. Darüber hinaus versuchen Dramen wie „Disconnect“ oder „#Zeitgeist“ auch das anspruchsvollere Kinopublikum für das Thema zu begeistern, doch offenbar scheint man sich außerhalb der Kernzielgruppe zwischen 12 und 30 nicht unbedingt auch noch im Rahmen von Spielfilmen mit dem Internet beschäftigen zu wollen. Regisseur Florian Gaag („Wholetrain“) tut also gut daran, sein hierzulande um über ein halbes Jahr nach hinten verschobenes Teenie-Drama „LenaLove“ ganz gezielt an die Sehgewohnheiten der Unter-Zwanzig-Jährigen anzupassen. Bei diesem Zielpublikum dürfte die Geschichte um ein im Internet zur Schau gestelltes Mädchen ein regelrechter Selbstgänger sein. Doch auch abseits dessen hat Gaags Film Einiges zu bieten. Der Regisseur integriert Social-Media-Aktivitäten und Online-Identitäten wie selbstverständlich in einen Film, der auch ohne diesen Schwerpunkt ganz hervorragend funktionieren würde. In erster Linie ist „LenaLove“ nämlich ein Film über missverstandene Kommunikation, bei der es vollkommen irrelevant ist, ob diese nun online oder im Real Life stattfindet.

LenaLove

Schon die Tatsache, dass die absolut überzeugende Hauptdarstellerin Emilia Schüle („Boy 7“) mit ihren 23 Jahren die Tochter der 35-jährigen Anna Bederke („Soul Kitchen“) spielt, scheint nur auf den ersten Blick befremdlich. Zum einen wirkt die Interaktion zwischen den beiden Frauen sehr wohl wie eine authentische Mutter-Tochter-Beziehung, zum anderen unterstreicht es unterbewusst aber auch, wie Generationen heutzutage ineinander verschwimmen. Möglichst schnell erwachsen werden lautet da die Devise. Gleichermaßen scheuen viele Erwachsene ab einem gewissen Alter den Prozess des Älterwerdens. Online können wir sein, wie und wer wir wollen. Die Grenzen der Realität verschwimmen hier zusehends und wenn sich die in der Schule sukzessive gemiedene Außenseiterin Lena im World Wide Web in die selbstbewusste LenaLove verwandelt, muss eine Person plötzlich zwei Identitäten in sich vereinen. Damit verzichtet Florian Gaag bei der Inszenierung seines Films auf billige Vorschlaghammer-Moralitäten. Mehr noch: Eine ausformulierte Anklage lässt der gebürtige Bamberger direkt ganz außen vor. Stattdessen lässt er den Prozess der Erkenntnis für sich sprechen, indem er die innere Zerreißprobe der Protagonistin in den Fokus rückt.  Dabei ist dieser weit mehr als ein simpler Reifeprozess. Unter dem Verzicht auf abgegriffene „Das Internet ist böse!“-Plattitüden, betrachtet das Skript zu „LenaLove“ (ebenfalls Florian Gaag) gleichsam die nicht zu leugnende Wichtigkeit des World Wide Web und hebt das Internet in seiner Selbstverständlichkeit auf eine Stufe mit dem Real Life. Das ist spannend und richtig, denn nur, wer begriffen hat, dass die Jugend von heute genau diese Ansicht teilt, kann jene auch abholen, wenn er sie in die Kinosäle lockt.

Insofern ist es dem authentischen Feeling nur zuträglich, dass Florian Gaag eine allzu stringente Erzählweise vermeidet. Mitunter ließe sich hier durchaus das negativ behaftete Adjektiv „sprunghaft“ verwenden, gleichzeitig entwickelt „LenaLove“ erst durch diese sehr individuelle Art der Inszenierung seinen ganz eigenen Sog. Mal erzählt der Film die Liebelei zwischen Lena und Tim (in seiner Unnahbarkeit stark: Jannik Schümann) auf recht konventionelle Art und Weise, dann wiederum greift Gaag gar auf Klischees zurück, wenn er das Schulbiest Nicole einen fiesen Vergiftungsanschlag auf Lena ausüben lässt, oder ebenjenen Streich in Gang bringt, der die Hauptfigur denken lässt, in Wirklichkeit würde sie mit einem attraktiven jungen Mann chatten, in Wirklichkeit stecken jedoch ihre Schulfeindinnen dahinter. Doch die lebensnahen Dialoge sowie die vielschichtig gezeichneten Figuren lassen selbst die abgegriffensten Ideen so erscheinen, als wäre Gaag der Erste, der sie in einem Film unterbringt. Auch die Entscheidung, den Grund für einige der Taten nur anzureißen, lässt sich auf das echte Leben (gerade auf den Alltag Pubertierender) übertragen – schließlich wissen wir auch nicht immer, wie genau es eigentlich zu einer Auseinandersetzung kam. So entwickelt „LenaLove“ schon bald eine Atmosphäre von nicht greifbarer Spannung, die Teenies und Jugendliche vor allem deshalb ansprechen wird, weil sie ein Gefühlschaos wiederspiegelt, das stellvertretend eine ganze Generation betrifft – wodurch sich der Kreis zu jener Verwirrtheit schließt, die damit verbunden ist, unser Ich mit dem Online-Ich unter einen Hut zu bringen.

LenaLove

So verkopft wie es nun erscheint, schaut sich „LenaLove“ letztendlich aber gar nicht. Rein auf das Seherlebnis bezogen, ist Florian Gaags Film das Porträt einer Teenagerin, die einem bösen Streich auf den Leim geht. Als dieser mit fortschreitender Spieldauer immer mehr aus dem Ruder läuft, entwickelt „LenaLove“ schließlich auch noch thrillerartige Züge (vor allem seine Zeit in der Münchner Graffiti-Szene kann Gaag hier nutzen, um die Gefühlslage seiner Protagonistin zu unterstreichen), wodurch das Leinwandgeschehen nie bewusst pädagogische Züge annimmt. Das Teeniedrama ist erzählerisch wie visuell absolut auf der Höhe der Zeit; ganz so, als wüsste Florian Gaag, dass er sich mit starkem Stoff nicht an das Publikum anbiedern braucht. Temporeich und pulsierend, aber mit ebenso viel Gefühl erhöht der Regisseur zudem die emotionale Fallhöhe seiner Hauptfigur, indem er sie als hochsensibel charakterisiert. Dieses Phänomen bezeichnet die stärkere Wahrnehmung sämtlicher Reize, was gerade in diesen Zeiten dafür sorgen kann, dass sich ein Mensch von der Gesellschaft ausgestoßen fühlt. Ein feiner Kniff, durch welchen sich die Geschichte auch über die Zielgruppe Heranwachsender hinau auf jeden beliebigen Menschen übertragen lässt.

Fazit: Florian Gaags Teenie-Drama „LenaLove“ ist kein platter Rundumschlag gegen unsere online-fixierte Jugend, sondern ein mutiges Filmprojekt auf der Höhe der Zeit, das weit darüber hinaus Themen wie soziale Isolation, missverstandene Kommunikation und den Versuch, sich der Gesellschaft bestmöglich anzupassen, anspricht.

„LenaLove“ ist ab dem 22. September in den deutschen Kinos zu sehen.

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